{"id":26389,"date":"2026-06-11T11:34:45","date_gmt":"2026-06-11T09:34:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26389"},"modified":"2026-06-11T11:34:45","modified_gmt":"2026-06-11T09:34:45","slug":"der-tag-mein-gott-ist-nun-vergangen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/der-tag-mein-gott-ist-nun-vergangen\/","title":{"rendered":"Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Abendlied mit weltweitem Horizont | Predigt am Vorabend des 3. Sonntags nach Trinitatis 13. Juni 2026, in der Klauskapelle Goslar \u00fcber das Lied \u00a0\u201eDer Tag, mein Gott, ist nun vergangen\u201c (EG 266) |<\/h3>\n<p><strong>\u201eDer Tag, mein Gott, ist nun vergangen\u201c (EG 266)<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">von Gerhard Valentin (1994) nach dem Gedicht \u201eThe day thou gavest, Lord, is ended\u201d (1870)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">von John F. Ellerton mit Melodie und Satz von Clement Cotterill Scholefield (1874)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zu meinem 75. Geburtstag, vor knapp 10 Jahren, bekam ich ein besonderes Geschenk: \u201eLieder sind Lebensbegleiter\u201c hei\u00dft das Buch, das meine Kollegen vom Lehrstuhl Religionsp\u00e4dagogik in N\u00fcrnberg, Manfred Pirner und Werner Hau\u00dfmann, mir zugeeignet haben. Ankn\u00fcpfend an meine B\u00fccher mit Liedpredigten haben sie 60 Freundinnen und Freunde gebeten, Besinnungen zu einem ihrer Lieblingslieder zu schreiben. Ein wunderbarer Schatz.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eLieder sind Lebensbegleiter\u201c: Das Lied, das wir eben gesungen haben, ist solch ein Lebensbegleiter. Meine Tochter Charlotte schildert, wie ich mich manchmal nach dem Abendessen in unserer Familie, bei dem es munter, manchmal auch nicht ohne Disput, zugegangen war, ans Klavier setzte, dieses Lied anstimmte \u2013 und sich Ruhe ausbreitete.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie bringt man einen Tag gut zu Ende? Ich denke, dieses Lied kann dazu beitragen. Da ist schon diese besondere Melodie. Der Rhythmus, ein 6\/4 Takt, hat etwas von einem Wiegenlied oder auch etwas von Wellen, die sich langsam ausbreiten. W\u00fcrde man die Melodie in einer Linie nachzeichnen, erg\u00e4be sich auch hier das Bild von Wellen. Die Melodie von Clement Cotterill Scholefield ist fast so alt wie der Text des Liedes, der 1870 von John Ellerton gedichet wurde. \u201eThe day thou gavest, Lord, is ended\u201c, das klingt in der Melodie nach. Ins Deutsche \u00fcbersetzt hat ihn Gerhard Valentin. Er war Lehrer, Schauspieler und ab 1967 Musikreferent im Landesjugendpfarramt der\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Evangelische_Kirche_im_Rheinland\">Evangelischen Kirche im Rheinland<\/a>. Er hat den englischen Originaltext wunderbar erfasst.<\/p>\n<ol>\n<li style=\"font-weight: 400;\"><em>Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen<br \/>\nund wird vom Dunkel \u00fcberweht.<br \/>\nAm Morgen hast du Lob empfangen,<br \/>\nzu dir steigt unser Nachtgebet.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Vers l\u00e4sst uns zur\u00fcckschauen, wie die Helligkeit schwindet, wenn das Dunkel den Tag ausklingen l\u00e4sst. Wie haben wir diesen Tag verbracht? Was haben wir erlebt? Ist der Tag\u00a0 gut gewesen? Ist er schmerzfrei gewesen? Haben wir unsere Aufgaben bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen? Haben wir gute Nachrichten erhalten? Haben wir schlimme Nachrichten erhalten?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Lied l\u00e4dt ein, dem Tag einen Rahmen zu geben, einen Rahmen, mit dem wir \u00fcber unseren Horizont hinausschauen, n\u00e4mlich Gott zu loben am Morgen wie am Abend. Das hei\u00dft nicht, dass die Sorgen und die Anstrengungen des Tages gleichg\u00fcltig w\u00fcrden. Aber es hei\u00dft, dass es Momente der Besinnung geben kann, in denen wir aus dem Kreisen um uns selbst heraustreten, in denen wir wahrnehmen, dass wir auf jeden Tag, den wir erleben k\u00f6nnen, als auf eine Gabe, ein Geschenk blicken k\u00f6nnen und dass wir ihn in den Horizont der liebenden Kraft, wie sie uns in Gott und Jesus begegnet, hineinstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Lied \u00f6ffnet dazu einen weiten, ja einen weltweiten Horizont, der sich von Strophe zu Strophe erschlie\u00dft mit Bildern, die wir so in keinem anderen Abendlied finden.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li style=\"font-weight: 400;\"><em>Die Erde rollt dem Tag entgegen;<br \/>\nwir ruhen aus in dieser Nacht<br \/>\nund danken dir, wenn wir uns legen,<br \/>\ndass deine Kirche immer wacht.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ist Ihnen dieser Gedanke schon einmal gekommen? W\u00e4hrend wir schlafen, dreht sich die Erde, der ganze Erdball! Er ist immer in Bewegung und schenkt uns damit Tag und Nacht. In diesem Rhythmus, in dieser Ordnung k\u00f6nnen wir, d\u00fcrfen wir leben, d\u00fcrfen wir uns legen, d\u00fcrfen wir ausruhen, w\u00e4hrend sich die Erde weiter dreht. Und wir d\u00fcrfen uns vorstellen, dass immer irgendwo auf der Welt glaubende Menschen da sind, die nicht schlafen, sondern wach sind, die Verantwortung \u00fcbernehmen, um f\u00fcr Andere da zu sein, um das Gute zu st\u00e4rken und sich dem B\u00f6sen entgegenzustellen \u2013 in dem Sinn, wie Dietrich Bonhoeffer es als Aufgabe f\u00fcr Christen hingestellt hat, n\u00e4mlich beides zusammen zu sehen, das Beten und das Tun des Gerechten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei der dritten Strophe k\u00f6nnen wir uns in ein besonders sch\u00f6nes Bild hinein versetzen:<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li style=\"font-weight: 400;\"><em>Denn unerm\u00fcdlich, wie der Schimmer<br \/>\ndes Morgens um die Erde geht,<br \/>\nist immer ein Gebet und immer<br \/>\nein Loblied wach, das vor dir steht.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">K\u00f6nnen wir uns das vorstellen, wie \u00fcberall um den Erdball herum das Licht wandert, das Ende der Nacht ank\u00fcndigt und den neuen Morgen begr\u00fc\u00dft? Von Osten nach Westen \u2013 von Deutschland \u00fcber Gro\u00dfbritannien, \u00fcber Nordamerika und den unendlichen Pazifik mit seinen Inseln, \u00fcber Japan, Korea, China, die Mongolei, Russland, Polen, ja auch die Ukraine. Und \u00fcberall werden Menschen sein, die Gott ein Loblied bringen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vertieft wird dieser Gedanke in der vierten Strophe unseres Liedes.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li style=\"font-weight: 400;\"><em>Die Sonne, die uns sinkt, bringt dr\u00fcben<br \/>\nden Menschen \u00fcberm Meer das Licht:<br \/>\nund immer wird ein Mund sich \u00fcben,<br \/>\nder Dank f\u00fcr deine Taten spricht.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Am intensivsten habe ich die gro\u00dfe \u00d6kumene der betenden Menschen erfahren, als ich 1989 zum ersten Mal an einer Weltversammlung der Weltkonferenz der Religionen f\u00fcr den Frieden in Melbourne\/Australien teilnehmen konnte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Fr\u00fch am Sonntagmorgen, dem 28. Januar 1989 \u2013 hier in Deutschland war es noch tiefste Nacht \u2013 versammelten sich die 600 Teilnehmenden der Konferenz \u2013 aus insgesamt 17 Religionen und allen Erdteilen \u2013 am Strand des s\u00fcdlichen Ozeans in Mornington. Alle verrichteten die Morgenandacht in ihrer besonderen Tradition: Buddhistische Nonnen waren still in Meditation versunken, neben ihnen Hindus. Juden rezitierten leise in Hebr\u00e4isch aus den Psalmen, Christen hatten in Andacht die H\u00e4nde zum Gebet gefaltet. Als die Morgensonne langsam den Weg \u00fcber das Wasser fand, stiegen zwei Angeh\u00f6rige der Jain-Religion, dieser Religion der Gewaltlosigkeit aus Indien, in ihren wei\u00dfen Gew\u00e4ndern in die Fluten und verrichteten im Angesicht der Sonne ihr Morgengebet. \u2013 Ich selbst nahm mein kleines Horn und blies im Hintergrund zwischen den B\u00e4umen den Choral &#8222;Morgenglanz der Ewigkeit&#8220; von Christian Knorr von Rosenroth, der mit seinen von Strophe zu Strophe wechselnden Bildern\u00a0 die Gr\u00f6\u00dfe Gottes\u00a0 preist\u00a0 und gleichsam ein interreligi\u00f6ser Choral ist. Pastor Johannes Achilles, damals lutherischer Geistlicher der deutschsprachigen Gemeinde in Melbourne, schrieb sp\u00e4ter in einem Bericht \u00fcber die Konferenz: &#8222;Es lag ein Hauch von Ewigkeit \u00fcber dieser Morgenstunde.&#8220;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nun folgt die letzte, die abschlie\u00dfende Strophe, die nochmal einen neuen, universalen Blickwinkel er\u00f6ffnet.<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li style=\"font-weight: 400;\"><em>So sei es, Herr: die Reiche fallen,<br \/>\ndein Thron allein wird nicht zerst\u00f6rt;<br \/>\ndein Reich besteht und w\u00e4chst, bis allen<br \/>\ndein gro\u00dfer, neuer Tag geh\u00f6rt.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist ein Blick in die Weltgeschichte. Wie viele Gro\u00dfm\u00e4chte sind es, die im Laufe der Geschichte gefallen sind: vom babylonischen Reich \u00fcber das r\u00f6mische Weltreich, das osmanische Reich bis hin zum vermeintlich 1000-j\u00e4hrigen Reich, das die Nationalsozialisten begr\u00fcnden wollten. Das sollten sich die Potentaten vor Augen halten, die gegenw\u00e4rtig ihre Macht mit allen Mitteln, Tricks und Kriegsaktionen ohne R\u00fccksicht auf Menschen und Menschenw\u00fcrde aufrecht erhalten. Keine weltliche Macht ist ewig. Sie sollten sich die K\u00f6nigin Victoria als Vorbild nehmen, die sich dieses Lied zu ihrem diamantenen Thronjubil\u00e4um im Jahr 1897 gew\u00fcnscht hat. Da war sie nach au\u00dfen hin die m\u00e4chtigste Frau der Welt: K\u00f6nigin von Gro\u00dfbritannien und Irland, Kaiserin von Indien und Oberhaupt des weltweiten Commonwealth, in dem die Sonne nie unterging. Sie wusste, dass es nur einen Thron gibt, der nicht zerst\u00f6rt wird, und ein Reich, Gottes Reich, das besteht und w\u00e4chst. Aber was ist das f\u00fcr ein Reich? Wenn meine Tochter Charlotte im Religionsunterricht davon spricht, dann spricht sie von Gottes guter neuer Welt und erz\u00e4hlt die Jesusgeschichten, in denen diese neue Welt mitten in allen umgebenden N\u00f6ten aufbricht: Heilung, Frieden, Barmherzigkeit. Es gibt Menschen, die mit dieser Vision gelebt und f\u00fcr sie gelebt haben \u2013 wie Mahatma Gandhi, der die Bergpredigt w\u00f6rtlich genommen und Gewaltlosigkeit praktiziert hat, oder Martin Luther King, der von Gandhi f\u00fcr seine B\u00fcrgerrechtsbewegung gelernt hat. Er hatte den gro\u00dfen neuen Tag vor Augen, von dem unser Lied spricht, und von daher Kraft f\u00fcr seinen Weg gewonnen. Er hat das so ausgedr\u00fcckt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Komme, was mag. Gott ist m\u00e4chtig!<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Wenn unsere Tage verdunkelt sind <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>und unsere N\u00e4chte finsterer als tausend Mittern\u00e4chte,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>so wollen wir stets daran denken,\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>dass es in der Welt eine gro\u00dfe, segnende Kraft gibt,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>die Gott hei\u00dft.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lasst uns mit allem, was uns gegenw\u00e4rtig bedr\u00e4ngen kann, von dieser Hoffnung leiten lassen. Lasst uns in der Gemeinschaft derer, die aus dieser Hoffnung leben, daran mitwirken, Dunkles in Helles zu verwandeln \u2013 in unserer Familie, in unserem Freundeskreis, in unserer Gemeinde, in unserem Land und im Einsatz weltweit f\u00fcr alle, die im Dunkeln leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0&#8212;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. em. Dr. Johannes L\u00e4hnemann, Goslar, <a href=\"mailto:johannes.laehnemann@\">johannes.laehnemann@<\/a>gmail.com<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Johannes L\u00e4hnemann (geb. 1941) hatte von 1981-2007 den Lehrstuhl f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des Ev. Religionsunterrichts an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg inne. Er lebt im Ruhestand in Goslar. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Interreligi\u00f6ser Dialog, Interreligi\u00f6ses Lernen, Religionen und Friedenserziehung. Er ist Mitglied der internationalen Kommission <em>Interreligious Education <\/em>der Bewegung <em>Religions for Peace <\/em>(RfP) und Leiter der Arbeitsgruppe Interreligi\u00f6se Bildung-Friedensp\u00e4dagogik bei <em>Religionen f\u00fcr den Frieden Deutschland.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seine Autobiografie ist erschienen unter dem Titel \u201eLernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosit\u00e4t.\u201c G\u00f6ttingen (Vandenhoeck &amp; Ruprecht) 2017. Die Predigt wird in der Klauskapelle, der alten Bergmannskapelle, mit Liedbegleitung durch den Frankenberger Posaunenchor, \u00a0gehalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liedempfehlungen: EG 487: Abend ward, bald kommt die Nacht; EG 488: Bleib bei mir, Herr, der Abend bricht herein; EG 266: Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen; EG 489: Gehe ein in deinen Frieden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abendlied mit weltweitem Horizont | Predigt am Vorabend des 3. 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