{"id":26395,"date":"2026-06-11T11:43:55","date_gmt":"2026-06-11T09:43:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26395"},"modified":"2026-06-11T11:43:55","modified_gmt":"2026-06-11T09:43:55","slug":"matthaeus-1125-30-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1125-30-6\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 11,25-30"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Wenn <em>der<\/em> Keks spricht, singen die Kr\u00fcmel | 2. So. n. Trinitatis |\u00a014.06.2026|\u00a0Predigt zu Mt 11,25\u201330 | verfasst von\u00a0Udo Schmitt\u00a0|<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn der Keks spricht, schweigen die Kr\u00fcmel. Und die Unm\u00fcndigen halten den Mund. Unm\u00fcndig sind die, die ohne Vormund sind. Niemand vertritt sie in der \u00d6ffentlichkeit, tritt f\u00fcr sie auf, tritt f\u00fcr sie ein bei Gericht. Unm\u00fcndig sind die, die sich kein Geh\u00f6r verschaffen k\u00f6nnen. Es sind die, auf die man nicht h\u00f6rt. Es sind die, die nichts zu sagen haben. Noch nichts zu sagen haben: die Kinder. Und es sind auch die, die nichts mehr zu sagen haben, weil sie alt sind oder arm sind &#8211; ohne Arbeit und ohne Ansehen. Witwen, Auss\u00e4tzige, Asylanten, Fremde. Es sind die, die am Rand der Gesellschaft sind. Niemand h\u00f6rt auf sie &#8211; sie sind unm\u00fcndig \u2013 sie sind ohne Mund.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und ausgerechnet denen wird das Wort Gottes gesagt, ausgerechnet denen wird das Evangelium Jesu Christi verk\u00fcndigt &#8211; ausgerechnet die, auf die keiner h\u00f6rt, ausgerechnet die h\u00f6ren die frohe Nachricht von der Liebe des Vaters zu uns Menschen, wie sie im Sohn offenbart wurde. Selig sind die Unm\u00fcndigen! Selig sind die kleinen Leute, auf die keiner achtet. Selig sind die, auf die keiner mehr h\u00f6ren will, denn ihnen gilt die befreiende Botschaft der Erl\u00f6sung und der Auferstehung &#8211; Halleluja! Lobet Gott und preist seinen Namen! Du meine Seele singe!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was mich sprachlos macht: Gott erweckt sich ein Lob aus den Verstummten. Gibt denen eine Stimme zur\u00fcck, die man zum Schweigen gebracht hat. Denen man den Mund verbietet. Denen man kein Geh\u00f6r schenkt. Und kein Wort glaubt. Gerade die will er singen lassen. Und das gibt auch mir Hoffnung. Und die brauche ich auch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als Pfarrer werde ich zu den Kindern und Jugendlichen in den Schulen geschickt und auch zu den Alten und Einsamen in den Heimen. Ich werde zu ihnen geschickt, um ihnen das Wort Gottes auszulegen, um mit ihnen zu beten und zu singen. Einen Satz h\u00f6re ich dabei immer wieder &#8211; es ist immer der gleiche Satz, egal ob im Munde der Alten oder im Munde der Jungen &#8211; und es ist ein Satz, der mich allemal und jedes Mal sehr schmerzt: \u201cIch kann nicht singen\u201d.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich kann nicht singen. Das hat etwas sehr Bedr\u00fcckendes und Einengendes. Denn diesen Menschen fehlt etwas. Es fehlt nicht nur eine, sagen wir, technische oder mechanische F\u00e4higkeit, wie etwa das Radfahren oder das Beherrschen eines Instruments. Etwas, das man lernen k\u00f6nnte. Nein, diesen Menschen fehlt etwas wirklich Wichtiges. Menschen, die nicht singen k\u00f6nnen, leiden. Sie leiden einen echten Mangel. Es kommt mir vor, als w\u00fcrde ihnen eine \u00d6ffnung fehlen &#8211; ein Ventil, durch das sie herauslassen k\u00f6nnten, was ihnen auf der Seele liegt. Sie haben einen Mund, ja, und doch k\u00f6nnen sie nicht das ausdr\u00fccken, wovon ihr Herz voll ist. Ihre Seele sitzt gleichsam gefangen in ihrer Brust wie ein Vogel in einem K\u00e4fig ohne T\u00fcr.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Menschen, die nicht singen k\u00f6nnen, sind nicht frei. Selbst wenn sie die Freiheit haben, sich hierhin oder dorthin zu bewegen. Egal, wohin sie auch gingen, es g\u00e4be keinen Ort, an dem sie Freiheit h\u00e4tten. Die Freiheit auszudr\u00fccken, was sie bewegt. Und also sind sie auch dort nicht frei. Sie schleppen ihre eingeengte und eingezw\u00e4ngte Seele mit an jeden Ort &#8211; und sei es auch der sch\u00f6nste und hellste Ort auf Gottes Erden. Denn sie haben kein Lied, um ihre Freude und Dankbarkeit auszudr\u00fccken. Und dies gilt erst recht f\u00fcr die weniger sch\u00f6nen Orte, die Dunkelheit und Einsamkeit. Denn auch dort haben sie kein Lied, um ihre Trauer und ihren Schmerz auszudr\u00fccken; kein Lied, das Mut macht und auch kein Lied, das tr\u00f6stet, in den Arm nimmt und die Seele bes\u00e4nftigt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Menschen sind also, wenn sie arm sind, doppelt arm: Es sind die, die nichts zu sagen haben. Niemand h\u00f6rt auf sie &#8211; das ist das Eine. Und sie k\u00f6nnen nicht singen &#8211; das ist das Andere. Selbst wenn, k\u00f6nnten sie nicht zu Geh\u00f6r bringen, was sie im Innersten bewegt. Doppelt arm sind sie: Mundtot im \u00c4u\u00dferen und mundtot im Inneren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was mir Hoffnung gibt: Da ist Einer, der sie nicht \u00fcbersieht, der sie nicht \u00fcbergeht und ihr Schweigen nicht \u00fcberh\u00f6rt. Gerade ihnen, diesen Mundtoten und Unm\u00fcndigen gilt seine Botschaft. Er spricht sie an und er ruft sie: \u201eKommt her zu mir!\u201c Kommt her zu mir, alle, die ihr m\u00fchselig und beladen seid; ich will euch erquicken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich will euch erquicken, erfrischen, neu beleben, wieder lebendig machen, den Staub von der Seele blasen, den eingerosteten Gedanken Beine machen, Fl\u00fcgel verleihen und befreien, euch alle zum Leben befreien, zu einem Leben in Freiheit und Gemeinschaft. Ich will euch herausf\u00fchren aus dem Abseits, aus der gesellschaftlichen Ecke, der Isolation, und eure Seele herausl\u00f6sen aus der Enge, dem Schweigen, der Lautlosigkeit, spricht Jesus, der Heiland, der Befreier und Erl\u00f6ser. Damit auch ihr singen k\u00f6nnt. Singen vor Freude. Und freien Herzens rufen k\u00f6nnt: Halleluja! Gepriesen sei der Herr!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kommt her zu mir, alle, die ihr m\u00fchselig und beladen seid. Wir kennen diese Worte und haben sie schon oft geh\u00f6rt. Wir kennen auch den, der dies Wort gesprochen hat. Unverwechselbar klingt seine Stimme in unseren Ohren. Denn er kennt uns und wir kennen ihn, es ist der gute Hirte, der hier ruft, es ist Jesus, den man Christus nennt, und wir Christen bekennen ihn als unseren Herrn.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er sagt: Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Aber dies ist keine Drohung mit neuer Arbeit sondern eine Einladung und Entlastung. Sein Joch &#8211; und das ist das Merkw\u00fcrdige &#8211; bedeutet gerade nicht Versklavung sondern Befreiung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht kennen sie ja auch den Komponisten Georg Friedrich H\u00e4ndel und sein wohl ber\u00fchmtestes Werk: \u201cder Messias\u201d &#8211; ich hab ihnen hier mal die Partitur mitgebracht, ich besitze sie, da ich \u201cden Messias\u201d schon einmal vor Urzeiten im Kirchenchor gesungen habe &#8211; ein tolles Werk und sie alle kennen wahrscheinlich das \u201cHalleluja\u201d daraus. Beim \u201cMessias\u201d handelt es sich um ein \u201cOratorium\u201d &#8211; das Leben Jesu und seine wichtigsten Worte in gesungener Form. Auch unsere heutige Bibelstelle findet sich da: \u201cSein Joch ist sanft, die Last ist leicht\u201d. Und auch H\u00e4ndel erinnern diese Worte an den guten Hirten, im Duett singen Alt und Sopran:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eEr weidet seine Herde, dem Hirten gleich,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 und heget seine L\u00e4mmer so sanft in seinem Arm.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Er nimmt sie mit Erbarmen auf in seinen Scho\u00df und leitet, die in N\u00f6ten sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Kommt her zu ihm, die ihr m\u00fchselig seid,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 kommt her zu ihm, mit Traurigkeit Beladene, er spendet s\u00fc\u00dfen Trost.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Nehmt sein Joch auf euch und lernet von ihm, denn er ist sanft und demutvoll,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 so findet ihr Ruh und Seelenheil. \u201e<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann setzt der Chor ein: \u201eSein Joch ist sanft, die Last ist leicht.\u201c Hier sp\u00fcrt man etwas von der Einladung, das Belastende und Bedr\u00fcckende abzuladen. Hier sp\u00fcrt man etwas von der Entlastung; es ist als wenn einem ein Rucksack voll schwerer Steine vom R\u00fccken genommen wird und man zum ersten Mal aufrecht stehen kann und zum ersten Mal im Leben frei und tief durchatmen kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist der Anfang des Christentums &#8211; diese Erfahrung der Befreiung \u2013 Erl\u00f6sung. Es ist gerade nicht so wie Goethe den Engelchor im Faust sagen l\u00e4sst: \u201eWer immer strebend sich bem\u00fcht, den k\u00f6nnen wir erl\u00f6sen.\u201c Nein, sein Joch ist sanft, die Last ist leicht. Es ist keine M\u00fche. Kein Muss und immer. Und immer wieder aufstehen. Immer wieder sagen, es geht doch. Das ist der Sisyphos, der den Stein immer wieder den Berg heraufrollt. Der Hamster, der sich im Laufrad dreht, und doch nicht von der Stelle kommt. So ist es nicht. Und so f\u00fchlt es sich nicht an ein, Christ zu sein. Im Gegenteil.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Den Weg Jesu gehen, in seinen Dienst treten, sein Joch nehmen, das hei\u00dft viel mehr: Durch eine offene T\u00fcr gehen, das Loch in der Mauer sehen, und das Land dahinter, hell und weit, mit Blumen und mit V\u00f6geln, sorgenfrei und in Freiheit erleben. Aufatmen, zur Ruhe kommen, Frieden finden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In Jesus. Er sagt: Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; so werdet ihr Ruhe finden f\u00fcr eure Seelen. Die Freiheit finden zu handeln, die Kraft zu lieben und den Menschen zu dienen. Gutes zu tun, aber ohne Zwang und Muss, sie sind nicht erst die Bedingung \u2013 und: Wehe, wehe wenn nicht! \u2013 sie sind vielmehr Ausdruck eures Christseins, eurer Befreiung und Freude. Wenn <em>der<\/em> Keks spricht, singen die Kr\u00fcmel. Welch\u2018 eine Freude! Etwas, das mich danken l\u00e4sst jeden Tag. Diese Gnade! Etwas, das mich sprachlos macht und mich zugleich singen l\u00e4sst: Du meine Seele singe!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Liedvorschl\u00e4ge<\/strong>:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 EG 302\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Du meine Seele singe<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 EG 673\/HuE 35\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 HuE 141\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Lobe den Herrn, meine Seele, und seinen heiligen Namen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 HuE 1 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ich sing dir mein Lied<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Dorfstr. 19 \u2013 42489 W\u00fclfrath (D\u00fcssel)<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>udo.schmitt@ekir.de<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn der Keks spricht, singen die Kr\u00fcmel | 2. 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