{"id":26409,"date":"2026-06-17T07:45:27","date_gmt":"2026-06-17T05:45:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26409"},"modified":"2026-06-16T10:51:37","modified_gmt":"2026-06-16T08:51:37","slug":"micha-718-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/micha-718-20\/","title":{"rendered":"Micha 7,18\u201320"},"content":{"rendered":"<h3>Im Meer versenkt | 3. So. n. Trinitatis | 21. Juni 2026 | Mi 7,18\u201320 | Barbara Signer |<\/h3>\n<blockquote><p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em>Wer w\u00e4re ein Gott wie du, der Schuld vergibt und hinwegschreitet \u00fcber Vergehen f\u00fcr den Rest seines Erbbesitzes? Nicht f\u00fcr immer h\u00e4lt er fest an seinem Zorn, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich wieder \u00fcber uns erbarmen, unsere<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em>Schuld wird er niedertreten. Und in die Tiefen des Meeres wirst du all ihre S\u00fcnden werfen. Jakob erweist du Treue, Abraham G\u00fcte, wie du es unseren Vorfahren geschworen hast seit den Tagen der Vorzeit.<\/em> (Mi 7,18-20; ZB 2017)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Im Meer versenkt<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Schwestern, liebe Br\u00fcder<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dies sind die letzten und abschliessenden Worte des Buches Micha. Zuvor schildert der Prophet in sieben Kapiteln, wie vor allem die M\u00e4chtigen in Israel Schuld \u00fcber das ganze Volk brachten durch wirtschaftliche Ausbeutung, politische Unterdr\u00fcckung, Korruption und Betrug. Nicht nur das: Diese M\u00e4chtigen verleiteten das Volk, dessen Wohlergehen ihnen anvertraut war, dazu, fremden G\u00f6ttern nachzulaufen. Man k\u00f6nnte nun meinen, dass daf\u00fcr nur die M\u00e4chtigen zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Vielleicht kennen Sie das aus ihrer Kindheit. Wenn man da bei Unfug erwischt wurde, hat man schnell mit dem Finger auf andere gezeigt und sich mit den Worten verteidigt: <em>Er<\/em> hat gesagt, ich soll. Aber damals wie heute funktioniert diese Art der Rechtfertigung nicht. Micha stellt ganz klar fest, dass auch das Volk selbst sich schuldig macht und kritisiert beispielsweise die Zerr\u00fcttung der menschlichen Beziehungen, besonders in der Familie. So klagt Micha beispielsweise in Kapitel 7: <em>\u2026 der Sohn h\u00e4lt nichts vom Vater, die Tochter erhebt sich gegen ihre Mutter, die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter, des Menschen Feinde sind die Menschen im eigenen Haus<\/em>. (Mi 7,6) Ob T\u00e4ter oder Verleitete, alle tragen Schuld. Zwar wird in der Hebr\u00e4ischen Bibel in unterschiedliche Formen der S\u00fcnde unterschieden. Es gibt deshalb verschiedene Worte f\u00fcr S\u00fcnde: <em>Frevel<\/em> wird die Rebellion, der Aufstand gegen Gott genannt, <em>Vergehen<\/em> ist die bewusste \u00dcbertretung und <em>S\u00fcnde<\/em> ist die unbeabsichtigte S\u00fcnde.<a href=\"applewebdata:\/\/B3383E05-A45B-41B7-B0A1-66AEEA606522#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Dennoch, ob bewusst oder unbeabsichtigt, beides richtet sich gegen Gottes Weisung und muss Folgen nach sich ziehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Trotzdem h\u00f6ren wir nun nach sieben Kapiteln voller Anklagen und dem Aufdecken von schuldhaftem Verhalten diese vers\u00f6hnlichen drei Schlussverse. Sie sind wie ein Hymnus oder eine Liturgie gestaltet. Das merkt man insbesondere daran, dass die Verse aus dem Mund verschiedener Sprechenden zu kommen scheinen. Dieser Hymnus beginnt mit der Frage nach der Identit\u00e4t Gottes: <em>Wer ist ein Gott wie Du? <\/em>Diese Frage ist auf dem Hintergrund der Tatsache zu verstehen, dass damals im ganzen Alten Orient eine Vielzahl von G\u00f6ttern verehrt wurde, jedes Volk, jeder Staat oder jede Stadt hatten quasi ihren lokalen G\u00f6tterolymp. Doch bei all der Vielfalt gab es doch auch \u00dcbereinstimmungen. Die G\u00f6tter unterschiedlicher Staaten trugen zwar andere Namen, betreuten aber \u00e4hnliche \u201eRessorts\u201c. Das kann man heute noch sehr sch\u00f6n nachvollziehen, wenn man Staatsvertr\u00e4ge liest, in denen der Gott der einen Vertragspartei sozusagen in den Gott der anderen \u00fcbersetzt wurde. In dieser G\u00f6ttervielfalt musste Israel begr\u00fcnden, weshalb sein Gott ein ganz spezieller mit einer einzigartigen Identit\u00e4t war. Verschiedene Schriften der Hebr\u00e4ischen Bibel geben hierzu unterschiedliche Antworten. Neben den Machttaten f\u00fcr Israel und seiner Bundestreue hebt sich Gott vor allem durch seinen Einsatz f\u00fcr soziale Gerechtigkeit, seine Bereitschaft zur Vergebung und seine Barmherzigkeit ab. Davon h\u00f6ren wir beispielsweise in Psalm 103: <em>Barmherzig und gn\u00e4dig ist der Herr, geduldig und von gro\u00dfer G\u00fcte. Er wird nicht f\u00fcr immer hadern noch ewig zornig bleiben. Er handelt nicht mit uns nach unsern S\u00fcnden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat<\/em>. (Ps 103,8-10) Das ist es, was den Gott Israels ausmacht. Was wir hier h\u00f6ren, nennen die Gelehrten die Gnadenformel, wie sie in abgewandelter Form auch an anderen Stellen in der Hebr\u00e4ischen Bibel vorkommt. Bei Micha finden wir eine dieser abge\u00e4nderten Formen. Hier wird Gott die Schuld <em>niedertreten<\/em>, wobei mit dem hebr\u00e4ischen Wort, das hier im Original verwendet wird, ein gewaltsames Unterwerfen gemeint ist. Gott wird die Schuld in die Tiefe des Meeres werfen, also an einen Ort, von dem es nach menschlichem Ermessen keine Wiederkehr mehr gibt. Schliesslich landet heutzutage ein grosser Teil unseres Abfalls, besonders der problematische ebenso im Meer. Aus den Augen, aus dem Sinn.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei Micha geht es aber nicht um Umwelts\u00fcnden, sondern darum, Trost und Hoffnung zu spenden. In seiner Formulierung wird die Erinnerung an den Propheten Jona wach. Dieser hat keine Lust, den Menschen von Ninive Gottes Gerichtsspruch auszurichten. Deshalb besteigt er ein Schiff und macht sich in die entgegengesetzte Richtung davon. W\u00e4hrend eines f\u00fcrchterlichen Sturms erfahren die Seeleute von seinem Ungehorsam und werfen ihn \u00fcber Bord ins Meer, wo er von einem Fisch verschluckt wird. Als er schliesslich nach drei Tagen wieder ausgespuckt wird, f\u00fchrt er seinen Auftrag aus, mehr oder weniger gel\u00e4utert. Aus eigener Erfahrung ist mir bewusst, dass wir uns selbst auch manchmal in die Tiefe unserer Seele begeben m\u00fcssen, um unbequeme Wahrheiten \u00fcber uns selbst zu entdecken und unsere Schuld zu erkennen. Die Erfahrung Jonas wird in einer Tradition am j\u00fcdischen Neujahrsfest aufgenommen: Die Gl\u00e4ubigen gehen zu einem fliessenden Gew\u00e4sser und werfen symbolisch ihre S\u00fcnden ins Wasser, indem sie ihre Taschen ausleeren und s\u00e4ubern. So k\u00f6nnen ihre S\u00fcnde in die Tiefe des Meeres hinausgetragen werden.<a href=\"applewebdata:\/\/B3383E05-A45B-41B7-B0A1-66AEEA606522#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Vergebung der S\u00fcnden gilt streng genommen nur f\u00fcr Israel, dem Rest des Volkes, das nach der grossen Katastrophe \u00fcbriggeblieben ist. Die Verheissung Michas ist ganz eindeutig an die Nachfahren Jakobs und Abrahams gerichtet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie kommen wir als Christ:innen da ins Spiel? Interessant ist, dass Abraham hier erw\u00e4hnt wird. Das ist eher selten, von Jakob als Synonym f\u00fcr Israel h\u00f6ren wir hingegen oft. Es muss also eine Bedeutung haben, dass Abraham hier erw\u00e4hnt ist. Deshalb erinnern wir uns daran, dass Abraham in der Hebr\u00e4ischen Bibel als Segen f\u00fcr die V\u00f6lker bezeichnet wird. Durch ihn k\u00f6nnen alle V\u00f6lker ebenso Zugang zu Gott erhalten wie das erw\u00e4hlte Gottesvolk. Darauf bezieht sich ja auch Paulus im R\u00f6merbrief (R\u00f6m. 4).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im engeren Kontext wird aber auch bei Micha klar, dass die V\u00f6lker von Gottes Vergebung profitieren k\u00f6nnen, aber nur, wenn sie von ihrer Gewalt gegen Israel ablassen. Der Prophet fasst das in wenig schmeichelhafte Worte:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00abNationen werden es sehen und zuschanden werden, werden all ihre Macht verlieren; sie werden die Hand auf den Mund legen, ihre Ohren werden taub. Wie die Schlange lecken sie Staub, wie jene, die auf der Erde kriechen. Zitternd kommen sie aus ihren Gef\u00e4ngnissen, \u00e4ngstlich n\u00e4hern sie sich dem HERRN, unserem Gott, und sie f\u00fcrchten sich vor dir<\/em>.\u00bb (Mi 7,16-17)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00dcber Jahrhunderte, ja Jahrtausende hinweg hat sich die christliche Kirche immer wieder als neues Israel, als das eigentliche Gottesvolk gesehen, aber wir m\u00fcssen uns bewusst machen, dass wir eigentlich nur Trittbettfahrer sind, die auch noch von der Erw\u00e4hlung Israels und der S\u00fcndenvergebung profitieren d\u00fcrfen. Aber auch das Gottes Volk bekommt diese Vergebung nicht so ohne Weiteres, lesen wir doch in Vers 9: <em>Ich werde die Wut des HERRN ertragen, denn ich habe ges\u00fcndigt gegen ihn<\/em>. Ein S\u00fcndenbekenntnis ist auf jeden Fall die Vorleistung, die es f\u00fcr Vergebung braucht, sei es nun f\u00fcr Israel, f\u00fcr die V\u00f6lker oder f\u00fcr Einzelne.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nat\u00fcrlich bedingt das, dass man sich auch der Schuld bewusst ist, und manch einer hat wohl das Gef\u00fchl, dass er oder sie sich doch ganz redlich durchs Leben bringt. Dass dies nicht wirklich der Fall ist, hat schon Zwingli in einer sehr ausf\u00fchrlichen Predigt \u00fcber g\u00f6ttliche und menschliche Gerechtigkeit angesprochen.<a href=\"applewebdata:\/\/B3383E05-A45B-41B7-B0A1-66AEEA606522#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> Anhand der Bergpredigt zeigt Zwingli auf, was Gott eigentlich vom Menschen erwartet. Zum Beispiel, dass man nicht Dinge begehrt, die einem anderen geh\u00f6ren, nicht einmal in Gedanken. Da Gott nun aber die menschliche Natur kennt, schuf er \u2013 immer nach Zwingli \u2013 die Zehn Gebote, eben die menschliche Gerechtigkeit, um Schlimmeres zu verhindern. Mit dem Gebot <em>Du sollst nicht stehlen <\/em>wird sozusagen eine Mindestanforderung aufgestellt, die gerade noch von einem Menschen mit viel gutem Willen erf\u00fcllt werden kann, zumindest rein \u00e4usserlich. Was aber im Menschen innen drin vor sich geht, was nun die Forderung der g\u00f6ttlichen Gerechtigkeit anbelangt, das kann nur Gott selbst beurteilen. Zwingli folgert daraus, dass ein Mensch deshalb nicht als s\u00fcndlos gelten kann, nur weil er oder sie es schafft, diese \u00e4usserliche menschliche Gerechtigkeit zu erf\u00fcllen, wie sie uns die Zehn Gebote vorgeben. Der innere Mensch wird immer gegen die g\u00f6ttliche Gerechigkeit, wie sie in der Bergpredigt formuliert ist, verstossen. Und deshalb ist es auch gut zu wissen, dass wir uns miteingeschlossen f\u00fchlen d\u00fcrfen, wenn wir bei unserer Bibellekt\u00fcre der Gnadenformel begegnen: <em>Barmherzig und gn\u00e4dig ist der Herr, geduldig und von grosser G\u00fcte. <\/em>(Ps 103,8-10) Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Barbara Signer<br \/>\nSt. Gallen<br \/>\nE-Mail: <u>barbara.m.signer@gmx.ch<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">geb. 1963, Pfarrerin zu je 50% in der Kirchgemeinde Walzenhausen, Kanton Appenzell Ausserrhoden, und der Kirchgemeinde Unteres Rheintal, Standort Rheineck, Kanton St. Gallen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Fussnoten<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/B3383E05-A45B-41B7-B0A1-66AEEA606522#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Gabriele Zander, Von der Langsamkeit der Vergebung, in: Predigtmeditationen, Reihe 2 (2025) S. 248.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/B3383E05-A45B-41B7-B0A1-66AEEA606522#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Gabriele Zander, Von der Langsamkeit der Vergebung, in: Predigtmeditationen, Reihe 2 (2025) S. 252.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/B3383E05-A45B-41B7-B0A1-66AEEA606522#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Von g\u00f6ttlicher und menschlicher Gerechtigkeit, 30. Juli 1523. Huldreich Zwinglis s\u00e4mtliche Werke, vol. 2 (Leipzig: Heinsius, 1908) (Corpus Reformatorum 89)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Meer versenkt | 3. So. n. Trinitatis | 21. Juni 2026 | Mi 7,18\u201320 | Barbara Signer | &nbsp; Wer w\u00e4re ein Gott wie du, der Schuld vergibt und hinwegschreitet \u00fcber Vergehen f\u00fcr den Rest seines Erbbesitzes? Nicht f\u00fcr immer h\u00e4lt er fest an seinem Zorn, denn er hat Gefallen an Gnade! 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