{"id":26417,"date":"2026-06-20T12:13:45","date_gmt":"2026-06-20T10:13:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26417"},"modified":"2026-06-20T12:13:45","modified_gmt":"2026-06-20T10:13:45","slug":"lukas-1511-32-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1511-32-7\/","title":{"rendered":"Lukas 15,11\u201332"},"content":{"rendered":"<h3>Das grosse Willkommen | 3. So. n. Trinitatis | 21. juni 2026 | Lk\u00a015,11\u201332 | Tine Illum<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das gro\u00dfe Willkommen<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor etwa einem Monat hatten wir Konfirmationen. Die Handwerkslehrlinge schlie\u00dfen ihre Ausbildung ab. In diesen Tagen bestehen die Abiturienten ihre Pr\u00fcfungen. Wir halten Reden und w\u00fcnschen den jungen Leuten alles Gute.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Noch bis vor wenigen Jahren \u2013 und vielleicht h\u00f6rt man es hier und da noch immer \u2013 hie\u00df es: jetzt steht dir die Welt offen. Alle M\u00f6glichkeiten. Du musst nur deinen eigenen Weg w\u00e4hlen \u2013 das ist der Weg zum Gl\u00fcck. Du sollst der Star in deinem eigenen Leben sein. Steht dir irgendjemand oder irgendetwas im Weg zu deiner ultimativen Selbstverwirklichung, so mach dich frei davon. Es geht um dich! Das ist keine originelle Aussage \u2013 vielleicht hat man das auch zu dir gesagt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und das klingt ganz genau wie eine Rede an den jungen Mann, der in die Fremde zog. Nur dass man damals so etwas einfach NICHT sagte. Es war eher so etwas wie: \u201eBleib bei deinem Leisten\u201c \u2026 \u201eFlieg nicht h\u00f6her, als deine Fl\u00fcgel tragen&#8220; \u2026 \u201eTu, was dein Vater sagt \u2013 und tu, was dein Vater tut\u201c \u2026 \u2013 vielleicht hat man das auch zu dir gesagt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Keine der beiden Reden w\u00fcrden wir wohl heute halten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie dem auch sei<sup>:<\/sup> Wir denken uns den jungen Mann leicht als einen Teenager auf Bildungsreise. H\u00e4tte es Handys gegeben, h\u00e4tte er jeden zweiten Tag zuhause angerufen und um Geld gebettelt. Und h\u00e4tte es Internet gegeben, k\u00f6nnten wir ihn auf Instagram in den unm\u00f6glichsten Situationen bewundern \u2013 damit die Daheimgebliebenen sehen k\u00f6nnten, dass er sein Potenzial wirklich voll aussch\u00f6pft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zur\u00fcck zu dem Gleichnis, das wir gerade von Jesus geh\u00f6rt haben. Wir verfehlen den Kern der Geschichte, wenn wir meinen, er sei wohl einfach ein charmant-wilder Kerl gewesen. In dieser Erz\u00e4hlung ist er ein v\u00f6lliger Egoist. Er hat nur sich selbst gewollt \u2013 das Leben anderer war ihm gleichg\u00fcltig. Er kannte die Geschichte vom Paradies, vom S\u00fcndenfall, vom Weg-ohne-Umkehr und von den Cherubim mit den Flammenschwertern. Jetzt sp\u00fcrte er die Flammenschwerter in seinem R\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und er steht da \u2013 so, wie auch wir an dem einen oder anderen Punkt gestanden haben. Dort, wo es kein Zur\u00fcck gibt \u2013 und keinen Weg nach vorn. Man ist wirklich verloren. Das ist die Nacht oder der Tag, an dem es dir vollkommen klar wurde: Es ist meine eigene Schuld! Und noch schlimmer: Die Entscheidung, von der du geglaubt hattest, sie betreffe nur dich \u2013 den eigenen Weg zu gehen \u2013, und die sich nun als vollst\u00e4ndig verfehlt erwiesen hat \u2013 die hatte auch mit anderen zu tun. Sie hatte ihren Weg versperrt und sie gezwungen, stillzustehen oder Wege zu gehen, die sie nicht tragen konnten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pl\u00f6tzlich wird es klar: Es gibt keinen Weg nach vorn, alles ist zum Erliegen gekommen. Du bist vollkommen verloren. Du hast dich selbst verloren und du hast die anderen verloren. Er sp\u00fcrt das Elend: Erst als er sein Leben zu retten sucht, d\u00e4mmert ihm, wie sehr er anderen Schmerz zugef\u00fcgt hat. Warum hat er es nicht fr\u00fcher gesehen? Und da man nie mit anderen zu tun hat, ohne mit Gott zu tun zu haben, wei\u00df er genau, wie die Dinge stehen, und was er sagen wird, wenn er nach Hause kommt: \u201eVater, ich habe ges\u00fcndigt gegen den Himmel und vor dir\u201c (Lk\u00a015,21). Nach Hause gehen \u2026 ja, das ist ja nicht mehr wirklich \u201enach Hause\u201c \u2026 und auch nicht mehr wirklich \u201eVater\u201c \u2013 denn er hat seinen Vater totgesprochen, um das Erbe zu bekommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber er hat nur die eine M\u00f6glichkeit \u2013 die vielleicht sogar nur eine schwache M\u00f6glichkeit ist: nach Hause zu fahren. Zu seinem Vater. Also tut er es.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er geht und \u00fcberlegt, was er sagen will. Er kann nicht um Heilung des Zerbrochenen bitten, darum, dass die Flammenschwerter gesenkt werden \u2026 nein, das Paradies liegt f\u00fcr immer hinter ihm \u2026 er kann nur darum bitten, Arbeit zu bekommen wie die anderen. Vielleicht erinnert er sich daran: Bevor Eva und Adam aus dem Paradies vertrieben werden, n\u00e4ht Gott ihnen Kleidung aus Fellen<sup>[<\/sup>, damit sie wenigstens eine Chance haben, in der Welt zu \u00fcberleben. Vielleicht w\u00fcrde sein Vater dasselbe tun. Vielleicht w\u00fcrde er ihm wenigstens die Chance geben zu \u00fcberleben und ihm Arbeit geben. Denn zur Familie zu geh\u00f6ren \u2013 diese M\u00f6glichkeit hat er sich selbst verbaut. Selbstwertgef\u00fchl und Anerkennung liegen weit hinter ihm \u2026 Es ist nichts mehr \u00fcbrig. Er geht und \u00fcberlegt, was er wohl sagen soll.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kennt Ihr das nicht? Ich schon.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist ein weiter Weg nach Hause. Zum Freund, zum Kind, zu den Eltern, zu jenen Menschen, denen er Schmerz zugef\u00fcgt hatte. Es ist ein weiter Weg \u2026 dort, wo man so verloren und pl\u00f6tzlich so klar sehend ist \u2026 wo man bereut und Angst hat \u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht werde ich auf eine verschlossene T\u00fcr treffen. Vielleicht wird er mich nicht einmal ansehen wollen. Vielleicht wird er mit verschr\u00e4nkten Armen dastehen und mich wieder gehen lassen. Verloren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im besten Fall wird er jemanden bitten, mir Arbeitskleidung zu geben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir k\u00f6nnen beinahe mitf\u00fchlen mit ihm und ihn auf dem Weg nach Hause begleiten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann \u2026 Er trifft nicht auf verschr\u00e4nkte Arme, sondern auf offene Arme. Er bekommt nicht Arbeitskleidung \u2013 er bekommt Festkleidung. Er kommt gar nicht dazu, die Entschuldigung vorzubringen, die er sich zurechtgelegt hat. Alles am Vater \u2013 Mund und K\u00f6rper und Leben \u2013 sagt und strahlt aus: willkommen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist bedingungslose, einseitige Vers\u00f6hnung. Das ist Heilung alles Zerbrochenen. Das ist Gnade. So unverdient und begl\u00fcckend und lebenserneuend. Der Verlorene ist gefunden, der Tote ist lebendig geworden. Da ist Auferstehung in allem eingegangen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir h\u00f6ren oft, dass Anerkennung wichtig ist. Und das ist sie. Aber hier ist die Geschichte von den Tagen, an denen ich wei\u00df, dass es \u00fcberhaupt nichts zu anerkennen gibt. Wo alles verloren und zerbrochen ist. Es ist nichts mehr \u00fcbrig. Nichts zu geben. Kein einziges anerkennendes Wort, das wahr w\u00e4re. Denn ich wei\u00df ja selbst, wenn ich weit jenseits der Grenze zur Anerkennung bin. Wie der Sohn.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich habe nur eine einzige M\u00f6glichkeit: umzukehren \u2026 zur\u00fcckzugehen \u2026 und zu hoffen, dass ein &#8222;Willkommen&#8220; in Vers\u00f6hnungsfarben \u00fcber die ganze Welt geschrieben steht. Das ist das Einzige, worauf zu hoffen bleibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hannah Arendt, eine deutsche Philosophin, hat sehr klug geschrieben: \u201eWenn es gut ist, anerkannt zu werden, ist es besser, willkommen gehei\u00dfen zu werden.\u201c Wir wiederholen das: \u201eWenn es gut ist, anerkannt zu werden, ist es besser, willkommen gehei\u00dfen zu werden.\u201c Und warum das? Nun, das Willkommen-Hei\u00dfen, sagt sie, \u201eist weder etwas, das wir ansparen noch womit wir uns verdient machen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir einander willkommen hei\u00dfen, treten wir aus der Sph\u00e4re der Anerkennung heraus, nehmen den anderen an, bekennen uns zu ihm als Teil einer Gemeinschaft, die nicht auf Anerkennung beruht, sondern schlicht darauf, dass wir hier und jetzt ins Leben des anderen eintreten. Du bist mir nicht gestorben. Wir sind lebendig \u2013 miteinander.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was tut der Vater? Er hei\u00dft willkommen. Er l\u00e4uft seinem Sohn entgegen. Willkommen zuhause, sagt er. Und er geht zum \u00e4ltesten Bruder hinaus und l\u00e4dt ihn ein zum Fest. Er setzt sich \u00fcber ihr Bed\u00fcrfnis nach Anerkennung hinweg und schenkt ihnen die Gemeinschaft mit sich, die beide suchen \u2013 ohne dass sie sich darum verdient machen m\u00fcssen. Dass sie miteinander lebendig sind. Das ist eine sehr sch\u00f6ne Geste: willkommen zu hei\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieses Gleichnis geh\u00f6rt zu den bekanntesten im Neuen Testament. Und dennoch k\u00f6nnen wir jedes Mal, wenn wir es h\u00f6ren, etwas Neues h\u00f6ren. Vielleicht nur in wenigen schlichten Worten:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eAls er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater \u2026\u201c. Warum m\u00fcssen wir das wissen? Weil es uns mehr als so vieles andere erz\u00e4hlt, wie der Vater ist, von dem Jesus in diesem Gleichnis ein Bild Gottes zeichnet. Er ist derjenige, der niemals aufgibt. Er hat das Getuschel der Nachbarn geh\u00f6rt und ihre mitleidsvollen oder schadenfrohen Blicke gesehen. Aber er gibt niemals auf. Jeden Tag schaut er zum Horizont hin\u00fcber \u2026 ob wohl \u2026 Und als er dann \u2013 endlich, endlich \u2013 eine Gestalt in der Ferne erblickt und seinen geliebten Sohn erkennt, von weitem, obwohl der sich mit schleppenden Schritten n\u00e4hert statt mit dem ehemals so selbstsicheren Gang \u2013 mitten in allem Schmutz und Gestank \u2013 da hat der alte Mann nur einen einzigen Gedanken: bei dem Sohn zu sein, den er f\u00fcr tot gehalten hatte. Je eher desto besser.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eUnd er wurde von Mitleid bewegt, lief hin und fiel ihm um den Hals und k\u00fcsste ihn\u201c (Lk\u00a015,20). Er ist \u00fcberschwenglich froh. \u201eFreut euch mit mir\u201c, sagt er (Lk\u00a015,6).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir k\u00f6nnen uns vielleicht kaum vorstellen, wie provozierend dieses Gleichnis war, als Jesus es zum ersten Mal erz\u00e4hlte. Um die Sch\u00e4rfe herauszuarbeite, versucht man es best\u00e4ndig in die Gegenwart zu \u00fcbertragen, damit wir verstehen, dass es um uns geht: \u201eDie Pharis\u00e4er und die Schriftgelehrten murrten und sagten: \u2019Dieser nimmt die S\u00fcnder an und isst mit ihnen\u2019\u201c \u2013 also all die Au\u00dfenseiter, die sich zu Jesus gesellten, um ihn zu h\u00f6ren. Und weiter \u00fcber Jesus: \u201eDieser Mensch nimmt S\u00fcnder an und isst mit ihnen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als k\u00f6nnten wir das nicht heute: alle, von denen wir meinen, sie bedrohten unsere scheinbar gesicherte Existenz. Sie sollen keinen Anteil haben an der Freude, an der Gemeinschaft, am Reich Gottes. Der alte P.\u2009G. Lindhardt {d\u00e4n.Theologe, 1910-1988, A.d.\u00dc.}, der so zu Unrecht daf\u00fcr in Anspruch genommen wurde, er glaube nicht ans ewige Leben \u2013 von ihm wird erz\u00e4hlt, er sei einmal gefragt worden, ob er denn nicht glaube, dass wir eines Tages unsere Lieben im Reich Gottes wiedersehen w\u00fcrden. Worauf er antwortete: \u201eJa gewiss \u2013 und auch alle, die wir nicht lieben!\u201c Und das, sehen Sie, das kann uns provozieren: Wer nicht mit all den anderen zusammen sein will, wer Gott f\u00fcr sich allein haben will \u2013 so wie der \u00e4lteste Sohn den Vater f\u00fcr sich allein haben will \u2013, der schlie\u00dft sich selbst aus der Freude des Himmelreichs aus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir emp\u00f6ren uns \u00fcber Gottes alles-umfangende Annahme \u2013 bis zu dem Tag, an dem uns aufgeht, dass eben diese Annahme unsere Rettung ist: Wenn er nur die S\u00fcndlosen und Makellosen aufn\u00e4hme, k\u00e4men wir niemals hinein. Dass Jesus bei \u201enotorischen S\u00fcndern und kompromittierten Personen\u201c ist, dass der Vater den heimgekehrten Sohn empf\u00e4ngt \u2013 das ist genau die Freude; die Befreiung, das Heil auch f\u00fcr uns.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Gleichnis wird zur Geschichte meines Lebens an dem Tag, wo ich sehe, dass ich Gott gegen\u00fcber keine Forderungen habe \u2026 keinen Anspruch geltend zu machen; es ist nichts, das sich einfach von selbst versteht \u2013 ich kann nur hoffen, das Leben geschenkt zu bekommen \u2013 andere M\u00f6glichkeiten haben wir nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann geschieht es \u2013 da leuchtet Gottes WILLKOMMEN \u00fcber alles \u2026 es klingt vom Himmel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sie werden es gleich h\u00f6ren \u2013 dieses Brot ist f\u00fcr Sie gebrochen \u2026 dieser Wein \u2013 er ist f\u00fcr Sie \u2013 er ist Leben, Vergebung, Befreiung, Hoffnung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Tine Illum<br \/>\nPastorin in Sdr. Bjert<br \/>\nti@km.dk<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Diese Fassung kann Spuren von k\u00fcnstlicher Intelligenz enthalten, A.d.\u00dc.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das grosse Willkommen | 3. So. n. Trinitatis | 21. juni 2026 | Lk\u00a015,11\u201332 | Tine Illum &nbsp; Das gro\u00dfe Willkommen Vor etwa einem Monat hatten wir Konfirmationen. Die Handwerkslehrlinge schlie\u00dfen ihre Ausbildung ab. In diesen Tagen bestehen die Abiturienten ihre Pr\u00fcfungen. Wir halten Reden und w\u00fcnschen den jungen Leuten alles Gute. 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