{"id":26427,"date":"2026-06-25T07:47:59","date_gmt":"2026-06-25T05:47:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26427"},"modified":"2026-06-25T07:48:15","modified_gmt":"2026-06-25T05:48:15","slug":"matthaeus-543-48-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-543-48-5\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 5,43-48"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis | 28. Juni 2026 | Matth\u00e4us 5,43-48 | von Rasmus H.C. Dreyer<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Es ist sehr menschlich, Feinde zu haben<\/strong><\/p>\n<p>Vor fast 170 Jahren wurde ein Patient in das Frederiks Hospital in Kopenhagen eingeliefert. Er erhielt die Nummer 2067 und blieb \u00fcber einen Monat lang dort, bevor er am 11. November 1855 starb. Sein Name war S\u00f8ren Kierkegaard, der gro\u00dfe Theologe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In den letzten Wochen vor seiner Einlieferung hatte S\u00f8ren Kierkegaard unerm\u00fcdlich gegen die damalige d\u00e4nische Staatskirche gewettert \u2013 gegen ihre Pfarrer, ihre Bisch\u00f6fe und die Erwecktungsbewegungen, besonders gegen die Grundtvigianer. Keiner von ihnen sei ein rechter Christ, meinte er.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kierkegaard hasste seinen Bruder, den Theologen und Bischof Peter Christian Kierkegaard. Er hasste die Grundtvigianer. Peter Christian war Grundtvigianer. Er hasste die Staatskirchenthelogen. Peter Christian war im Dienst der Staatskirche. In einer heidnischen Gesellschaft \u2013 und so sah der todgezeichnete und todesverbitterte S\u00f8ren Kierkegaard das D\u00e4nische Gesellschaft \u2013 m\u00fcsse der Christ dem Unglauben und den Feinden des Glaubens mit Hass, Hohn und Spott begegnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Peter Christian, Kierkegaards Bruder, wollte sich wirklich gerne mit seinem Bruder vers\u00f6hnen. Darauf wollte S\u00f8ren nicht h\u00f6ren. Ja, man ist versucht zu sagen, dass der sterbende S\u00f8ren Kierkegaard, der so lautstark gegen den fehlenden Christusgeist der Kirche wetterte, ein Heuchler war \u2013 einer, der den Splitter im Auge seines Bruders sah, aber den Balken im eigenen verga\u00df. Doch wie Paulus hellsichtig in der heutigen Epistel fragt: &#8222;Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen&#8220; (R\u00f6m 14,10).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch andere versuchten es, sich mit dem sterbenden S\u00f8ren Kierkegaard zu vers\u00f6hnen. Ein grundtvigianischer Pfarrer schickte ihm eine Predigt. Der sonst so geschw\u00e4chte S\u00f8ren Kierkegaard geriet in helle Emp\u00f6rung: &#8222;Schickt sie ihm zur\u00fcck! Ich nehme sie nicht an.&#8220; Und S\u00f8ren fuhr fort: Diese Menschen denken nur an das Irdische, sie haben \u00fcberhaupt keinen Sinn f\u00fcr das, was droben ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">S\u00f8ren Kierkegaard sprach viel \u00fcber Bruder- und Feindesliebe. Selber fiel sie ihm freilich schwer. Ich m\u00f6chte sagen: Auch das macht S\u00f8ren Kierkegaard zu einem ganz gew\u00f6hnlichen Menschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das heutige Evangelium ist dabei unmissverst\u00e4ndlich klar, wenn Jesus sagt: &#8222;Liebt eure Feinde und betet f\u00fcr die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel seid.&#8220; (Matth 5,44\u201345)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">L\u00f8gstrup, einer der gro\u00dfen d\u00e4nischen Denker des 20. Jahrhunderts, war selbstverst\u00e4ndlich stark von Kierkegaard gepr\u00e4gt. Seine Lekt\u00fcre Kierkegaards fand jedoch nie breite Anerkennung. L\u00f8gstrup behauptete n\u00e4mlich, der Hass sei ein Ideal f\u00fcr Kierkegaard.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist ein Missverst\u00e4ndnis. Kierkegaard meinte vielmehr, man m\u00fcsse zun\u00e4chst den eigenen Hass erkennen und wissen, dass man Feinde hat, bevor \u00fcberhaupt von Vergebung die Rede sein kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der heutige Abschnitt aus den Evangelien entstammt der Bergpredigt Jesu. Und gerade diesen radikalsten und anspruchsvollsten Teil der Lehre Jesu kannte und verwendete S\u00f8ren Kierkegaard eifrig. Sein gesamtes Schrifttum und sein Kampf gegen das etablierte Kirchenwesen beruhten genau auf einem ernsthaften Verst\u00e4ndnis der Radikalit\u00e4t Jesu \u2013 mit anderen Worten: dass Jesus meinte, was er sagte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kierkegaard wies damit auf die Schwierigkeit hin, Christus zu 100 Prozent gleich zu werden. Die Bergpredigt ist oft als reine Utopie ausgelegt worden; das hei\u00dft, als Schilderung des Reiches Gottes, die zeigt, wozu wir eben nicht f\u00e4hig sind. So f\u00e4llt Jesus gleichsam ein Urteil \u00fcber uns und zeigt, wie jeder von uns s\u00fcndigt und warum wir die alles Weitere brauchen: das Evangelium von Jesus, seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Etwas vereinfacht gesagt: Jesus beginnt damit, uns f\u00fcr das zu tadeln, was wir falsch machen, um uns sp\u00e4ter in den Evangelien zu offenbaren, wie alles zusammenh\u00e4ngt \u2013 dass wir auf Gott hoffen und von seiner Liebe und Gnade getragen werden m\u00fcssen, weil wir uns so oft als unzul\u00e4nglich erwiesen haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In eben diesem Zusammenhang sind auch Jesu Worte \u00fcber die Feindesliebe zu verstehen. Sie sind merkw\u00fcrdigerweise in einer missverstandenen Form sehr popul\u00e4r geworden: &#8222;Ja, wenn alle nun einfach so lebten, wie es in der Bergpredigt steht, und einander liebten, dann w\u00e4re die Welt ein Ort voller Frieden und Liebe.&#8220;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesu Worte werden hier mit Humanit\u00e4t und Idealismus verwechselt. Dabei entgleitet den Worten ihre pers\u00f6nliche Zumutung. Wenn wir Jesu Anrede an mich, seine Forderung an mich, ins Allgemeine oder Idealistische erheben, machen wir sie zugleich unpers\u00f6nlich \u2013 und handeln deshalb ebenso unverantwortlich. Mit anderen Worten: Was mich pers\u00f6nlich nichts angeht, dar\u00fcber l\u00e4sst es sich leicht vers\u00f6hnlich, vergebungsbereit und offen sein, und man verspricht sich selbst, niemals ein hasserf\u00fclltes Wort \u00fcber irgendjemanden zu sagen. Doch sobald wir selbst pers\u00f6nlich betroffen, getroffen, herausgefordert, gekr\u00e4nkt werden \u2013 dann zeigt sich nat\u00fcrlich, dass wir Menschen sind: unvers\u00f6hnlich und hasserf\u00fcllt, ja, selbst jemandes Feind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir auf Widerstand oder Bosheit sto\u00dfen, erfahren wir auch, dass wir eigene Feinde haben. Deshalb ist es allzu einfach, nicht zu hassen und Vergebung und Nachsicht zu verteilen, wenn man selbst gar nicht in Gefahr ist. Wer auf Kosten anderer vergibt oder liebt, begeht damit fast eine Anma\u00dfung gegen\u00fcber denen, die wirklicher Feindschaft und Bosheit erleben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Echte Feindesliebe ist daher die des Stephanus. Stephanus war der erste christliche M\u00e4rtyrer. Er wurde von Juden wegen seines Glaubens an Christus gesteinigt. Stephanus betete f\u00fcr seine Feinde, w\u00e4hrend sie ihn t\u00f6teten. Doch es ist ein Unterschied, ob man wie Stephanus f\u00fcr die betet, die einen selbst t\u00f6ten \u2013 oder ob man daneben steht und dem vergibt, der andere verfolgt, qu\u00e4lt und t\u00f6tet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Letzteres ist Heuchelei. Dann stellen wir uns auf Kosten anderer als vorbildlich hin, wenn wir uns damit br\u00fcsten, unsere Feinde zu lieben und Toleranz und Offenheit zu beweisen. Freiheit bedeutet nicht, dass wir Feindschaft im Namen der Freiheit dulden und hinnehmen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was also ist mit Jesu Worten? Ich glaube, sie sind im selben Atemzug zu verstehen. Wir sollen unsere Feinde lieben \u2013 wobei das wohlgemerkt nicht bedeutet, ihre Handlungen Handeln gutzuhei\u00dfen. Oder zu glauben, das B\u00f6se sei nicht wirklich b\u00f6se. Oder zu meinen, es gehe vielleicht nur darum, sich in den anderen hineinzuversetzen und Nachsicht zu \u00fcben, sobald wir sie verstehen, die wir f\u00fcr unseren Feind halten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als Christen wissen wir, dass mit der Liebe Verantwortung einhergeht. Liebe ist nicht dasselbe wie Verst\u00e4ndnis oder Nachgiebigkeit. Liebe kann auch darin bestehen, Grenzen zu ziehen, die zum Besten meines N\u00e4chsten sind \u2013 Grenzen, die er selbst nicht kannte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber Jesus sagt uns doch, dass unser Feind ein Mensch ist, der uns tats\u00e4chlich angeht. Feindesliebe bedeutet, dass ich meinen Feind lieben soll \u2013 nicht um meines Gewissens willen, damit ich selbst Frieden finden oder mich gut dabei f\u00fchlen kann. Nein, ich soll meinen Feind in der Verantwortung lieben, dass er mein Mitmensch ist. So wie auch ich jemandes Feind sein kann \u2013 und dennoch ein Mensch. Ein Mensch, der am Ende nur auf Gottes Barmherzigkeit hoffen kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der gro\u00dfe russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski erlebte zu seiner Zeit, wie das russische Rechtssystem reformiert wurde. Man f\u00fchrte das Schwurgericht ein, also dass ganz gew\u00f6hnliche B\u00fcrger an der Urteilsfindung beteiligt waren. Und Dostojewski beobachtete, dass die Angeklagten nun freigesprochen wurden. Das war gut f\u00fcr die tats\u00e4chlich Unschuldigen. Es schuf juristische Gerechtigkeit. Doch Dostojewski war aufgew\u00fchlt dar\u00fcber, dass die Geschworenen aus Mitgef\u00fchl und Gutm\u00fctigkeit nachweislich schuldige Menschen freisprachen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dostojewski meinte, die Geschworenen spr\u00e4chen die Schuldigen frei, weil sie selbst Angst hatten, verurteilt zu werden. Wie Jesus es sagt: &#8222;Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.&#8220; (Matth 7,1)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das w\u00e4re jedoch ein furchtbares Missverst\u00e4ndnis. Wie Dostojewski schreibt: &#8222;Dem Urteil aus lauter Mitleid zu entfliehen, das ist dasselbe wie den N\u00e4chsten zu verraten.&#8220;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das kennen wir gut. Wenn Feindesliebe zur Nachsicht mit dem B\u00f6sen wird, haben wir unsere Verantwortung und die Liebe zum N\u00e4chsten missverstanden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So k\u00f6nnen wir diese Lektion aus dem heutigen Evangelium mitnehmen: Wir haben Feinde. Ja, oder: Auch wir selbst k\u00f6nnen jemandes Feind sein. Das wei\u00df Jesus. Er kennt uns Menschen. Und wenn wir das wissen, wissen wir auch, dass wir immer darauf angewiesen sind, Gott um Vergebung zu bitten. Ja, Gott darum zu bitten, was zum Besten jedes Menschen ist: dass er sich Gott zuwendet und seine eigenen Grenzen erkennt. Dass wir nicht dazu in der Welt sind, uns gegenseitig zu bekriegen, sondern um dieses schwere Leben miteinander zu leben. Oder wie Jesus uns auch in seinem Gebet in der Bergpredigt lehrt: &#8222;Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.&#8220; (Matth 6,12)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber was h\u00e4tte S\u00f8ren Kierkegaard, mit dem ich begann, zu all dem gesagt? Ging er im bitteren Hass auf alle seine theologischen Widersacher und kirchlichen Feinde in den Tod? Als Kierkegaard ganz am Ende gefragt wurde, ob es noch etwas g\u00e4be, das er noch nicht gesagt habe:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8222;Nein&#8220;, sagte er \u2013 und: &#8222;Ja, gr\u00fc\u00dft alle Menschen, ich habe sie alle sehr geliebt \u2026 Alles sah aus wie Stolz und Eitelkeit, aber das war es nicht. Ich war nicht besser als die anderen.&#8220; Kurz darauf starb er.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja \u2013 alles, was so b\u00f6se klang, war zum Besten seines N\u00e4chsten gemeint. M\u00f6gen auch wir das eines Tages von uns selbst erkennen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Rasmus H.C. Dreyer<br \/>\nPastor<br \/>\nrhcdreyer@gmail.com<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Fassung kann Spuren von k\u00fcnstlicher Intelligenz enthalten, A.d.\u00dc.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis | 28. Juni 2026 | Matth\u00e4us 5,43-48 | von Rasmus H.C. Dreyer Es ist sehr menschlich, Feinde zu haben Vor fast 170 Jahren wurde ein Patient in das Frederiks Hospital in Kopenhagen eingeliefert. Er erhielt die Nummer 2067 und blieb \u00fcber einen Monat lang dort, bevor er am 11. 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