{"id":26437,"date":"2026-06-25T08:07:00","date_gmt":"2026-06-25T06:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26437"},"modified":"2026-06-25T08:07:00","modified_gmt":"2026-06-25T06:07:00","slug":"roemer-1217-21-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-1217-21-2\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 12,17-21"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\"><strong>Es ist einfacher ein Aquarium in eine Fischsuppe zu verwandeln\u2026<\/strong> | 4. So. n. Trinitatis |\u00a028.06.2026 |\u00a0Predigt zu R\u00f6m 12,17\u201321| verfasst von\u00a0Udo Schmitt\u00a0|<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt nichts Gutes, au\u00dfer man tut es. Das B\u00f6se hingegen sollte man lassen. Und insbesondere auf Rache verzichten. Das ist in etwa das, was Paulus den R\u00f6mern r\u00e4t. Obwohl er die noch gar nicht kennt. Seine Ratschl\u00e4ge sind also allgemein, nicht konkret. \u00dcberwindet das B\u00f6se, besiegt das B\u00f6se mit Gutem. Man k\u00f6nnte jetzt fragen: Geht das denn? Und wenn ja: Wie? Aber ich m\u00f6chte eure Gedanken zun\u00e4chst auf etwas viel Grunds\u00e4tzlicheres lenken: Gibt es das \u00fcberhaupt? Das B\u00f6se? Und wo ist es?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M\u00f6glichkeit 1: Das B\u00f6se ist eine Gruppe von Menschen, die im Geheimen Pl\u00e4ne schmiedet, Kontrolle aus\u00fcbt, die Weltherrschaft anstrebt. Verschw\u00f6rungsfantasien dieser Art kursieren zu allen Zeiten. Mal wurde es den Jesuiten unterstellt, mal den Juden, dann dem KGB und der CIA. Heute fantasieren in den USA einige vom \u201edeep state\u201c, von einem \u201eStaat im Staate\u201c, einer Schattenregierung aus nicht gew\u00e4hlten und nicht kontrollierten Beamten, die die Entscheidungen aus dem Verborgenen lenken. Zugegeben: zu allen Zeiten gab es und gibt es Einflussnehmer und Strippenzieher. Aber dass es ein \u201emastermind\u201c mit einem geheimen \u201emasterplan\u201c dahinter gibt, ist doch eher eine romantische Vorstellung. Und fast schon tr\u00f6stlich: All das Schlimme, was passiert, ist nicht einfach das Ergebnis von Chaos, Zufall und Dummheit, sondern wird von einer Macht gelenkt, die sich etwas dabei denkt. Wenn auch etwas B\u00f6ses. So wie man fr\u00fcher gerne sagte: Da steckt der Teufel dahinter! Und damit w\u00e4ren wir bei:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M\u00f6glichkeit 2: Die Welt, wie wir sie erleben, ist nicht friedlich sondern Austragungsort eines kosmischen Kampfes zwischen dem Guten und dem B\u00f6sen. Die M\u00e4chte des Lichts und die M\u00e4chte der Finsternis stehen in einem dauerhaften Ringen miteinander. Wie auf einem Schachbrett: schwarz gegen wei\u00df. Das Welterkl\u00e4rungsmodell stammt genauso wie das Brettspiel aus dem alten Persien. Und bis heute nennt man da die politischen Gegner den gro\u00dfen Satan (USA) und den kleinen Satan (Israel). Was nicht gerade hilfreich ist, da man bekannterma\u00dfen mit dem Teufel keinen Frieden schlie\u00dfen und auch keine Kompromisse machen kann, sondern nur kurzen Prozess. Oder anders gesagt: Die D\u00e4monisierung des Gegners f\u00fchrt nicht zu einer Beendigung von Konflikten, sondern dr\u00e4ngt in letzter Konsequenz auf v\u00f6llige Vernichtung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr die ersten Christinnen und Christen war das 2-M\u00e4chte-Modell dennoch attraktiv, um das, was sie als Unterdr\u00fcckte und Verfolgte an Leiden aushalten mussten, zu erkl\u00e4ren und dadurch ertr\u00e4glich zu machen, denn: \u201eWir wissen, dass wir von Gott stammen, wissen aber auch, dass sich die ganze Welt in der Gewalt des B\u00f6sen befindet\u201c, so der erste Johannesbrief (5,19). Die verfolgten Mitglieder der ersten Gemeinden sahen sich als kleine Figuren in dem kosmischen Konflikt. Sie definierten sich als Menschen, die <em>in<\/em> dieser Welt sind, aber nicht <em>von<\/em> dieser Welt. Schon Paulus macht diese Unterscheidung, er sagt: Wir leben zwar hier, aber \u201eunser B\u00fcrgerrecht ist im Himmel\u201c (Philipper 3,20). Der Kirchenvater Augustinus hat dies ausgebaut zu einem Modell der zwei Staaten: Es gibt hier auf Erden den einen Staat, das ist die gottlose Gesellschaft, dem gegen\u00fcber steht der andere Staat, das himmlische Reich Gottes: Civitas Dei vs. Civitas Diaboli. Wir als Christinnen und Christen sind B\u00fcrger zweier Welten, sind nicht ganz von dieser Welt, stehen mit mindestens einem Bein schon im Himmel, auch wenn wir zur Zeit noch auf Erden weilen. Martin Luther, der ja Augustiner-Eremit war, konnte mit dieser Lehre etwas anfangen. In dem ber\u00fchmten Lied \u201eEin feste Burg\u201c wird dieser Kampf zwischen Gut und B\u00f6se eindringlich beschrieben. Da ist vom \u201eF\u00fcrst dieser Welt\u201c die Rede\u2026 Was meint ihr? Wer ist das? Richtig, der Teufel. Diese Welt hier wird von ihm beherrscht. Er ist mit viel Macht und Klugheit ausgestattet, und diesmal meint er es ernst. Aber egal, wie sehr er sich auch bem\u00fcht, \u201ewie sauer er sich stellt\u201c, am Ende wird er von dem rechten Mann geschlagen, Jesus Christus, \u201edas Feld muss er behalten\u201c, ein milit\u00e4rischer Ausdruck f\u00fcr: den Sieg davontragen. Er f\u00fcr uns. Und wir mit ihm. Tr\u00f6stlich trotzig k\u00f6nnen wir singen: \u201eUnd wenn die Welt voll Teufel w\u00e4r und wollt uns gar verschlingen, so f\u00fcrchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nach diesem Modell ist es also gar nicht mehr n\u00f6tig, was Paulus von den R\u00f6mern verlangt: \u201e\u00dcberwindet das B\u00f6se, besiegt das B\u00f6se\u201c \u2013 das ist ja schon geschehen. Wir k\u00f6nnen die M\u00e4chtigen dieser Welt sehen, wie sie aufsteigen \u2013 und wie sie wieder fallen. Wie neue M\u00e4chte entstehen und wieder zerbr\u00f6seln. Wie Gewinne gemacht und wieder verspielt werden. Stars bejubelt und bald schon vergessen werden. Es ist alles nicht so wichtig und nicht so schlimm, nichts wird so hei\u00df gegessen, wie es gekocht wird. Bleibt cool, ihr Christinnen und Christen! Auch wenn die Hitze steigt. Die letzte Schlacht ist schon entschieden. Auch euch gelten die Abschiedsworte Jesu an seine J\u00fcnger: \u201eEuer Herz soll ich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen\u201c (Johannes 16,22).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ende gut, alles gut? Nicht ganz. Oder: Sowohl, als auch. An die \u00c4ngstlichen unter uns hei\u00dft es sehr wohl und weiterhin: F\u00fcrchtet euch nicht! Die Sache wird gut ausgehen. Also macht euch locker! Aber an die Faulen unter uns sei gesagt: Das hei\u00dft noch lange nicht, dass ihr euch jetzt einen schlanken Fu\u00df machen d\u00fcrft und bei jeder sich bietenden Gelegenheit die H\u00e4nde in den Scho\u00df legen. So nach dem Motto: Wir die Guten hier und die b\u00f6se Welt da drau\u00dfen. T\u00fcr zu! Es zieht. Lass mich klein und fein hier stille sein und die Welt da drau\u00dfen toben und zugrunde gehen. Aber das ist zu wenig. So leicht k\u00f6nnen wir es uns nicht machen. Dass wir gar nichts tun k\u00f6nnen, stimmt ja auch nicht. \u201eMama sagt, dumm ist der, der Dummes tut\u201c hei\u00dft es bei Forrest Gump. Und gut ist der, der Gutes tut. Und nicht l\u00e4sst. \u2013 Es gibt nichts Gutes, au\u00dfer man tut es. Wie schon Paulus an die R\u00f6mer schreibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und damit komme ich zu Modell 3: Gutes und B\u00f6ses als M\u00f6glichkeiten in uns. Der kosmische Kampf Gut gegen B\u00f6se \u2013 wenn wir denn das \u00fcberhaupt als Gedankenmodell akzeptieren \u2013 findet ja nicht da drau\u00dfen statt, sondern zun\u00e4chst und zumeist hier drin, in unsrer Brust, in unserm Herzen. Es geht auch nicht so sehr um die gro\u00dfen Entscheidungen gro\u00dfer Staatenlenker, sondern um die kleinen Dinge kleiner Leute. Nachbarschaft, Freundschaft, Freundlichkeit, R\u00fccksichtnahme und Respekt voreinander, was sich ausdr\u00fcckt in Umgangsformen, H\u00f6flichkeit. Dass man seinen M\u00fcll nicht einfach aus dem Fenster schmei\u00dft und seinen Frust nicht einfach rausschreit und anderen vor die F\u00fc\u00dfe kotzt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt ja eine wachsende Anzahl von Mitb\u00fcrgern, die sagen: Wir kleinen Leute hier unten werden schlecht behandelt und nicht geh\u00f6rt, die da oben sollten mal was tun. Die Populisten h\u00fcben wie dr\u00fcben best\u00e4tigen sie in ihrer Annahme, dass das Volk unschuldig sei, die da oben aber b\u00f6se. Doch das stimmt nicht. Der kleine Mann und die kleine Frau sind nicht besser. Wir sind alle Menschen. W\u00e4ren wir an der Macht und m\u00fcssten wir entscheiden, was da Beste ist\u2026 Was dann? Dann w\u00e4ren auch wir wohl \u00fcberfordert, wenn wir es allen recht machen wollten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mir fehlt in diesen angeheizten Debatten ein bisschen die Demut &#8211; und die Einsicht, dass wir alle fehlbar sind und verf\u00fchrbar, S\u00fcnderinnen und S\u00fcnder allzumal. Wir die Guten und die da die B\u00f6sen? Ist es wirklich so simpel? Und ist es nicht auch so: Wenn ich zu den Guten geh\u00f6ren will, muss ich auch f\u00fcr das Gute eintreten. Und nicht nur \u00fcber das Schlechte jammern und das B\u00f6se meckern. Wenn ich will, dass etwas besser wird, muss ich damit anfangen, etwas zu tun. Hier, bei mir. Ich darf mich nicht raushalten, sondern muss mich einmischen, mich einbringen. Und so das B\u00f6se mit Gutem \u00fcberwinden. Vom Minus zum Plus kommen. Nach vorne schauen, nicht nach hinten treten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wenn mir dabei etwas Schlechtes widerf\u00e4hrt? Wenn man mich beleidigt, anspuckt, verh\u00f6hnt, mir mit Gewalt begegnet, B\u00f6ses androht, antut? Was soll ich dann: Mich nicht r\u00e4chen wollen? \u201eWer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt\u201c, sagt ein alter Spontispruch. Und wahr daran ist, dass man nicht immer alles schlucken kann. Das schl\u00e4gt einem auf Dauer auch nur auf die Gesundheit. Aber manchmal ist es besser, seine spontane Wut doch erst einmal herunterzuschlucken oder jedenfalls nicht gleich hinauszuschreien.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manchmal ist es besser, erst noch einmal aus der Situation herauszugehen, vielleicht noch einmal eine Nacht dr\u00fcber zu schlafen. Wom\u00f6glich mit jemandem dar\u00fcber zu reden, der einem Rat geben kann. In jedem Fall ist es kl\u00fcger, behutsam, sich h\u00fctend, deeskalativ an die Sache heranzugehen. Ein unbedacht hervorgegiftetes Wort ist schwer wieder einzufangen. Zerdeppertes Porzellan hat, selbst wenn man es einigerma\u00dfen geklebt bekommt, anschlie\u00dfend einen komischen Klang.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine gute Beziehung &#8211; ob in der Familie, in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz &#8211; ist ein bisschen wie ein Aquarium. Die einen schwimmen nur mit, die anderen halten sich im Hintergrund, einige dr\u00e4ngeln sich gerne nach vorn, prahlen mit ihren bunten Schuppen, einige schwimmen die ganze Zeit gesch\u00e4ftig und hektisch herum, haben immer etwas Wichtiges zu tun, andere lassen sich tr\u00e4ge treiben, mal sehen, was so kommt. Soweit so sch\u00f6n. Wenn man das Ganze nun aber hochkochen l\u00e4sst, geht vieles kaputt. Es ist einfacher ein Aquarium in eine Fischsuppe zu verwandeln &#8211; als umgekehrt. Was ich damit sagen will: Wenn man erstmal auf dem Weg der Rache ist, kommt man meistens nicht mehr runter. Gewalt macht ohnm\u00e4chtig. Ohnmacht macht w\u00fctend. Wut macht neue Gewalt. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Und so weiter. \u201eDas eben ist der Fluch der b\u00f6sen Tat, dass sie fortzeugend immer B\u00f6ses muss geb\u00e4ren\u201c (Friedrich Schiller). Also bevor man auf die Palme geht, sollte man sich \u00fcberlegen, wie man wieder herunterkommt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00dcberwindet das B\u00f6se und besiegt es, indem ihr Gutes tut. \u201eWir m\u00fcssen lernen, das B\u00f6se zu bek\u00e4mpfen, ohne jemandem B\u00f6ses zu tun\u201c (Phil Bosmans). Das B\u00f6se ist eben nicht irgendeine fremde Macht, sondern schlicht das Gute, das man l\u00e4sst. Und entsteht vor allem durch die Abwesenheit von Empathie. Das Gegenmittel ist Mitgef\u00fchl. Und das nicht nur im Gedanken, sondern auch in Worten und Werken. Es gibt nichts Gutes\u2026 ihr wisst schon.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Liedvorschl\u00e4ge<\/strong>:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 EG 412\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 So jemand spricht: \u00bbIch liebe Gott\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 EG 665\/HuE 264\u00a0\u00a0\u00a0 Liebe ist nicht nur ein Wort<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 HuE 313\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wir wollen aufstehn<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 EG 658\/HuE 316 \u00a0\u00a0 Lass uns in deinem Namen, Herr<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Dorfstr. 19 \u2013 42489 W\u00fclfrath (D\u00fcssel)<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>udo.schmitt@ekir.de<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist einfacher ein Aquarium in eine Fischsuppe zu verwandeln\u2026 | 4. 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