{"id":26440,"date":"2026-06-27T16:43:13","date_gmt":"2026-06-27T14:43:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26440"},"modified":"2026-06-27T16:43:13","modified_gmt":"2026-06-27T14:43:13","slug":"roemer-1217-21-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-1217-21-3\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 12,17\u201321"},"content":{"rendered":"<h3>4. Sonntag nach Trinitatis | 28.06.2026 | R\u00f6m 12,17\u201321 | Andreas Schwarz |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em>17 Vergeltet niemandem B\u00f6ses mit B\u00f6sem. Seid auf Gutes bedacht gegen\u00fcber jedermann.\u200218 Ist\u2019s m\u00f6glich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.\u200219 R\u00e4cht euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: \u00bbDie Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.\u00ab\u200220 Vielmehr, \u00bbwenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; d\u00fcrstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln\u00ab\u200221 Lass dich nicht vom B\u00f6sen \u00fcberwinden, sondern \u00fcberwinde das B\u00f6se mit Gutem.\u2002<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mitten hinein in unser menschliches Miteinander schreibt Paulus an die christliche Gemeinde in Rom. Die kennt er nicht pers\u00f6nlich. Hinter seinen Hinweisen stehen also keine konkreten Beobachtungen. Es sind allgemeine Empfehlungen, praktisch f\u00fcr alle Menschen, die mit anderen zusammenleben. Also alle Menschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber er spricht Christen an.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Menschen, die in einer pers\u00f6nlichen Verbindung mit Jesus Christus leben, die an ihn glauben, die ihm vertrauen, dessen Worte und Handlungen f\u00fcr ihr Leben eine entscheidende Bedeutung haben. Und zwar besonders dann, wenn das Leben nicht locker und leicht von der Hand geht. Es wird bedeutsam, wenn es schwierig wird, wenn Menschen schlecht behandelt werden, wenn sie verletzt und entt\u00e4uscht werden. Es geht um die Gef\u00fchle, die dann entstehen. \u00c4rger, Wut, Wunsch nach Rache und Vergeltung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das lasse ich mir nicht gefallen.<br \/>\nDas wirst du noch bereuen.<br \/>\nDas wirst du mir b\u00fc\u00dfen.<br \/>\nDas zahl ich dir heim.<br \/>\nWie du mir, so ich dir.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da, wo wir uns am n\u00e4chsten sind, ist es am Sch\u00f6nsten, aber dort tut es auch am meisten weh. Da entstehen die deutlichsten Gef\u00fchle.<br \/>\nLiebe und Entt\u00e4uschung.<br \/>\nDie Sehnsucht nach N\u00e4he und der Wunsch nach Rache.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine solche Familiengeschichte wurde uns in ihrem Ende vorhin erz\u00e4hlt. Es ist eine Geschichte, in der erz\u00e4hlt wird, wie Geschwisterkinder von den Eltern unterschiedlich behandelt werden. Einer wird bevorzugt, andere eben nicht. Darum ist es eine Geschichte von Eifersucht und Mobbing.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist die Geschichte von Jakob und seinen zw\u00f6lf S\u00f6hnen. Die Br\u00fcder hatten eine spannungsreiche Beziehung. Josef, der zweitj\u00fcngste, wurde offenbar vom Vater bevorzugt. Er musste nicht mit auf dem Feld arbeiten, brachte aber immer Essen und Trinken. Dabei erz\u00e4hlte er von merkw\u00fcrdigen Tr\u00e4umen, die seine besondere Stellung zum Ausdruck brachten. Als w\u00e4re er einmal ihr Herr und sie alle seine Untergebenen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Irgendwann war es denen damit genug und sie planten, ihn zu t\u00f6ten. Nur der Widerspruch des \u00c4ltesten verhinderte die Tat, stattdessen verkauften sie ihn an eine vorbeiziehende Karawane nach \u00c4gypten. Am dortigen K\u00f6nigshof machte Josef mit Gottes Hilfe Karriere und spielte eine entscheidende Rolle bei der Nahrungsverteilung, als eine gro\u00dfe Hungersnot ausbrach. Da begegneten sich die Br\u00fcder nun wieder. Er der Herr, sie die Bittseller, die Untergebenen. Da war sie also gekommen, nach vielen Jahren: die Chance auf Vergeltung. Jetzt sind sie in seiner Hand, er hat die Macht und kann sich r\u00e4chen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und sie haben das geahnt, hatten Angst, dass der Fluch ihrer b\u00f6sen Tat auf sie zur\u00fcckkommt. Sie berufen sich auf ihren gemeinsamen Vater und bitten in seinem Auftrag um Vergebung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Damit die Rache ausbleibt.<br \/>\nDamit sie vor der Vergeltung verschont bleiben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es war ja schon in der Generation davor zu Spannung und Streit gekommen, zwischen Jakob und seinem \u00e4lteren Zwillingsbruder Esau. Da ging es um das Erstgeburtsrecht und den Segen des Vaters, der genau daran hing. V\u00f6llig ausgehungert von der Arbeit hatte Esau dieses Recht f\u00fcr eine Mahlzeit verscherbelt und wollte es sp\u00e4ter doch wieder zur\u00fcck. Es fehlte nicht viel und es w\u00e4re zu einem Mord gekommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So wie bei den ersten Br\u00fcdern, von denen die Bibel erz\u00e4hlt: Kain und Abel. Eifersucht, das Gef\u00fchl, schlecht behandelt zu werden, weckt \u00fcble Gef\u00fchle. \u00c4rger und Wut zuerst, der Wunsch nach Rache und Vergeltung danach und dann entsteht der Plan einer Gewalttat. Schlie\u00dflich die Tat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Menschen haben sich wohl von Anfang an bis heute nicht ge\u00e4ndert. Darum ist die Welt so, wie sie ist. Im Kleinen von Ehe und Familie, \u00fcber Schulklassen, Arbeitskollegen bis zu Volksgruppen und Nationen. Rache und Vergeltung \u2013 in einer Spirale, die kaum noch Grenzen kennt und jedes Opfer als Kollateralschaden in Kauf nimmt. Das ist die Welt, in der wir leben. Da spielen Gef\u00fchle eine Rolle, die wir kennen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paulus wei\u00df Bescheid. Er beobachtet und kennt den Menschen, ob in Rom oder in Jerusalem. Das ist kein Unterschied. Die Gefahr, dass aus einer pers\u00f6nlichen Verletzung ein Drama gr\u00f6\u00dferen Ausma\u00dfes entsteht, lauert dort wie hier. Zwar gibt es aktuell ernst zu nehmende Psychologen, die es durchaus hilfreich finden, sich nach erlittener Verletzung zu r\u00e4chen. Als Ventil f\u00fcr angestaute Wut \u2013 ohne Verletzung und Unbeteiligte zu treffen. Aber das System, dass auf jede Aktion wieder eine Reaktion folgt, wird so jedenfalls nicht aufgel\u00f6st. Das w\u00e4re f\u00fcr die Chance auf Frieden aber n\u00f6tig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Empfehlungen des Apostels Paulus weisen darum in eine ganz andere Richtung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Vergeltet nicht B\u00f6ses mit B\u00f6sem.<br \/>\nR\u00e4cht euch nicht selbst.<br \/>\nLass dich nicht vom B\u00f6sen \u00fcberwinden, sondern \u00fcberwinde das B\u00f6se mit Gutem.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das sind nicht die Spielregeln, die wir kennen und erleben. Das entspricht auch nicht unserem Naturell. Darum kostet es \u00dcberwindung. Nicht nur das B\u00f6se zu \u00fcberwinden. Sondern mich selbst. Oder das B\u00f6se in mir. Die Lust auf Rache. Den Drang nach Vergeltung. Der Blick, zu dem Paulus uns einl\u00e4dt, geht in zwei Richtungen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wo kommt die Kraft daf\u00fcr her?<br \/>\nUnd wohin wird uns das f\u00fchren?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer den Glauben an Jesus Christus f\u00fcr sich entdeckt hat, wer sich nach ihm ausrichtet und ihm vertraut, der hat eine grundlegende Orientierung bekommen. Eine, die nicht nach dem Recht des St\u00e4rkeren fragt, nicht danach, wer sich mit Gewalt durchsetzt, wer die letzte Patrone oder das letzte Wort f\u00fcr sich beansprucht. In seinem Umgang mit den Menschen hat Jesus Christus gezeigt, was ihm wichtig ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als sie ihn angeklagt haben, hat er sich nicht verteidigt. Als sie ihn mit falschen Vorw\u00fcrfen belastet haben, wurde er nicht zornig. Als sie ihn geschlagen haben, hat er sich nicht gewehrt. Er hat seine M\u00f6glichkeiten nicht eingesetzt, um seinen Leben, seinen Ruf, sein Recht zu sichern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wenn es um andere Menschen ging, hat er sich f\u00fcr sie eingesetzt, auch wenn Tradition und Gepflogenheiten anderes erwartet h\u00e4tten. Er hat die Ehebrecherin in Schutz genommen, er hat der offenkundigen S\u00fcnderin verziehen, er hat sich von dem Betr\u00fcger zum Essen einladen lassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Immer ging es um Zuwendung zu den Menschen. Immer ging es darum, Menschen in schwierigen, wenn nicht aussichtslosen Lagen einen Weg zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und immer war die Motivation die Liebe. Er lebte und lebt Gottes Liebe, die darauf aus ist, Menschen f\u00fcr das Leben zu gewinnen. Nie ging es darum, einen Streit zu gewinnen oder das letzte Wort zu haben oder sogar Menschen die Botschaft mitzuteilen: Jeder kriegt, was er verdient.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir leben von seiner Liebe. Die Taufe ist heute wieder ein wundersch\u00f6nes Bild daf\u00fcr. Gott verschenkt seine Liebe und fragt nicht danach, ob es jemand verdient \u2013 bei einem S\u00e4ugling ist das ja ohnehin nicht m\u00f6glich. Aber auch Eltern werden nicht nach gelingender Fr\u00f6mmigkeit gefragt. Wer um die Taufe bittet, gesteht ja schon ein, die Zuwendung und den Segen Gottes n\u00f6tig zu haben. Denn diese Gaben verschafft sich kein Mensch selbst. Die gibt es nur geschenkt \u2013 oder es gibt sie gar nicht. Woher also kommt die Kraft f\u00fcr den Verzicht auf Rache und Vergeltung? Von dem Glauben an Christus und seine Liebe zu jedem von uns.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wohin es f\u00fchrt, ist bei Jesus selbst offensichtlich. Sein Weg der Liebe und Zuwendung hat ihn ans Kreuz gebracht. Nach den Regeln dieser Welt ist er gescheitert. Aber im weiten Blick hat er die Spirale von Gewalt und Tod durchbrochen. Am Ende setzt sich nicht durch, wer die meiste Macht, das meiste Geld, das h\u00f6chste Ansehen hat. Sondern die Zukunft gilt dem, der auf Christus vertraut.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wer wei\u00df, was es mit Menschen macht, wenn wir uns diesem Weg in all den Herausforderungen unseres Lebens anschlie\u00dfen? Wenn wir darauf verzichten, uns zu r\u00e4chen, Vergeltung zu \u00fcben und damit ja dazu beitragen, dass es immer gewaltt\u00e4tiger wird. Vielleicht merken Menschen auf, staunen und fragen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Martin Luther King hat mit seinem gewaltfreien Weg viele Menschen erreicht und eine Bewegung gegr\u00fcndet, die das Leben vieler Menschen zum Guten ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir werden die Gewalt auf dieser Erde nicht beenden, auch keinen Krieg. Aber in unserem Leben, f\u00fcr das wir Verantwortung tragen, entscheiden wir. Richten wir uns nach der Liebe, mit der Gott uns in Christus beschenkt? Dann ist Rache keine Option. Dann sehen wir den Menschen, der leidet und helfen nach unseren M\u00f6glichkeiten. Dann verzeihen wir Fehler und er\u00f6ffnen Wege, in Frieden miteinander umzugehen. Weil wir zu Christus geh\u00f6ren, sind wir tats\u00e4chlich befreit, auf das B\u00f6se zu verzichten und das Gute zu tun.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dass wir mit diesem Weg unseren Frieden schlie\u00dfen und daf\u00fcr gest\u00e4rkt werden in all unseren mitmenschlichen Begegnungen, dazu schenke Gott uns seine Liebe immer wieder neu. Durch Christus, unseren Herrn. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Verfasst von:<\/strong><br \/>\nAndreas Schwarz, Karlsruhe<br \/>\np.andreas.schwarz@mail.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. Sonntag nach Trinitatis | 28.06.2026 | R\u00f6m 12,17\u201321 | Andreas Schwarz | &nbsp; 17 Vergeltet niemandem B\u00f6ses mit B\u00f6sem. 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