{"id":26451,"date":"2026-07-01T15:15:41","date_gmt":"2026-07-01T13:15:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26451"},"modified":"2026-07-01T15:15:41","modified_gmt":"2026-07-01T13:15:41","slug":"matthaeus-1613-26-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1613-26-3\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 16,13\u201326"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Weiche von mir, Satan! <\/strong><strong>Du bist mir ein \u00c4rgernis.<\/strong> | <span lang=\"DA\">5.\u00a0<\/span><span lang=\"EN-US\">So. n. Trinitatis\u00a0<\/span>| 05.07.2026 | Mt 16,13\u201326 | Rasmus N\u00f8jgaard |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Weiche von mir, Satan! <\/strong><strong>Du bist mir ein \u00c4rgernis.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich glaube, wir alle wissen, was es hei\u00dft, Macht \u00fcber einen anderen Menschen zu haben. Wir wissen, dass unser Rat und unsere F\u00fchrung entscheidend sein kann f\u00fcr einen anderen Menschen. Dass wir die M\u00f6glichkeit haben, einen anderen zu l\u00f6sen oder zu binden. Dass wir ein Kind freisetzen k\u00f6nnen oder ihm Schuldgef\u00fchle einpflanzen. Dass wir Furcht zu wecken oder Seelenfrieden zu schenken verm\u00f6gen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das mag wie gro\u00dfe, m\u00e4chtige Worte klingen \u2013 dass wir st\u00e4ndig das Schicksal eines anderen Menschen in unseren H\u00e4nden halten \u2013, aber genau das tun wir, wenn wir uns aneinander binden, Leben und Schicksal teilen, uns verletzlich und abh\u00e4ngig machen, im Privaten wie im \u00f6ffentlichen Leben. In gr\u00f6\u00dferem oder geringerem Ma\u00dfe sind wir voneinander abh\u00e4ngig, ob wir wollen oder nicht. Das ist im Grunde gut und positiv. Selten wird man gl\u00fccklich durch ein isoliertes, monotones, kontrolliertes Leben. Viel gl\u00fccklicher wird es, wenn man Mut, Vertrauen, Hingabe, Demut, Aufmerksamkeit und Liebe zeigt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich denke, Liebe versteht sich am besten als lebendiges Engagement im Leben. Deshalb, so meine ich, verwirft Jesus Simon Petrus. Er verwirft, was der Entfaltung der Liebe Grenzen setzt, das B\u00f6se. Er verwirft den B\u00f6sen selbst, der durch Petrus spricht. Paradoxerweise \u2013 denn Simon Petrus m\u00f6chte doch nichts lieber, als dass Jesus am Leben bleibt und sich nicht in Gefahr begibt, indem er nach Jerusalem hinaufzieht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Simon Petrus ruft Gott an, weil er nicht will, dass es so schlimm kommt, wie Jesus es voraussagt. Simon Petrus meint es gut mit Jesus, und er hat gerade erst bekannt, dass Jesus der Sohn des lebendigen Gottes ist. Der lebendige Gott \u2013 und nicht ein verfolgter, gequ\u00e4lter, gekreuzigter und toter Sohn. Simon Petrus kann unm\u00f6glich wissen, was wir wissen: Jesus sagt voraus, was geschehen wird, und dass sein Tod und seine Auferstehung das Verh\u00e4ltnis zwischen Gott und den Menschen vers\u00f6hnen wird, um die Liebe unter den Menschen zu wecken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Simon Petrus begreift nicht Gottes Plan, dass Jesus sterben und am dritten Tag auferstehen soll. H\u00e4tte Simon Petrus das gewusst und verstanden, w\u00e4ren seine Worte gewiss anders gefallen. Aber er versteht es nicht, er denkt und spricht mit der Vernunft der Welt. Zugleich aber ist es eine Vernunft, die der Vers\u00f6hnung und der Liebe durchkreuzt \u2013 er steht, ohne es zu wissen, im Dienst des B\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der Geschichte der Predigt ist Simon Petrus ein leichtes Mobbingopfer \u2013 derjenige, um den herum alles aufgebaut wird, der nichts richtig macht und d\u00fcmmer erscheint als die meisten. Aber ich glaube nicht, dass es Matth\u00e4us\u2019 Absicht war, ihn so herablassend darzustellen. Da muss etwas anderes dahinterstecken. Ich selbst habe Simon Petrus immer gemocht. Er ist gewiss menschlich, und er ist derjenige, der sp\u00e4ter, um seine eigene Haut zu retten, Jesus verleugnet \u2013 aber gerade hier ist er mutig. Er wagt es, Jesus den Sohn des lebendigen Gottes zu nennen, und als Erster unter den J\u00fcngern spricht er offen aus, dass Jesus der Messias, der Sohn Gottes, ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Simon Petrus ist mutig und selbstlos, als er nach dem Fischfang am See Genezareth alles, was er in den H\u00e4nden h\u00e4lt, fallen l\u00e4sst, um Jesus als sein J\u00fcnger zu folgen. Stellen Sie sich vor: das bisherige Leben einfach \u00fcber Bord zu werfen, Arbeit und Familie zu verlassen und blind einem Fremden zu folgen. Weil man glaubt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich denke, deshalb ehrt Jesus Simon mit dem Namen Petrus, dem aram\u00e4ischen \u201eKephas\u201c, der als Name bis dahin g\u00e4nzlich unbekannt war und der eigentlich schlicht \u201eFels\u201c bedeutet. Petrus ist der Fels, auf den Jesus seine Gemeinschaft bauen will. In der \u00dcbersetzung steht zwar \u201eKirche\u201c, doch das griechische Wort bedeutet eher \u201eGemeinschaft\u201c oder \u201eGemeinde\u201c, und an der einzigen anderen Stelle, an der dieses Wort \u201eekklesia\u201c bei Matth\u00e4us vorkommt, wird es ebenfalls mit \u201eGemeinschaft\u201c oder \u201eGemeinde\u201c \u00fcbersetzt (Mt 18,17).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Simon ist der Fels, um den herum Jesus seine Gemeinschaft aufbauen will \u2013 weil er sich zu Jesus als dem Sohn des lebendigen Gottes bekennt. Hier schafft Jesus die bekennende Gemeinschaft, die wir sp\u00e4ter Kirche nennen. Eine Kirche ist eine bekennende Gemeinde. Deshalb brauchen wir es, uns in unseren Gemeinschaften zu versammeln, um zu singen, zu beten, zu lesen und zu predigen \u2013 all das als Bekenntnis zu Christus als dem Sohn des lebendigen Gottes. \u00dcberall, wo man sich allein oder gemeinsam mit anderen zum Sohn des lebendigen Gottes bekennt, dort geh\u00f6rt man zur Gemeinschaft Jesu Christi. Auf dieselbe Weise bedeutet das d\u00e4nische Wort \u201emenighed\u201c schlicht Gemeinschaft, und auch das ist eine \u00dcbersetzung des griechischen \u201eekklesia\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr eine lutherische Kirche, die sich auf zwei Sakramente, Taufe und Abendmahl begr\u00fcndet, ist diese Bibelstelle ein Stolperstein. Denn hier ist es nicht die Taufe oder das Abendmahl als Sakrament f\u00fcr die Gemeinschaft entscheidend, sondern das Bekenntnis. Mit einigem Recht l\u00e4sst sich daher sagen: Wenn wir uns zum Gottesdienst versammeln, tun wir das, um uns wie Simon Petrus zum lebendigen Gott zu bekennen. Es ist kein Zufall, dass die Taufe vom apostolischen Bekenntnis getragen wird und dass wir auf dessen dreigliedriges, trinitarisches Bekenntnis taufen. Wir bekennen unseren Glauben, dass Jesus Christus der Sohn des lebendigen Gottes ist. Er ist es, der in Taufe und Abendmahl handelt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nach seinem Bekenntnis erh\u00e4lt Simon den ehrenvollen Beinamen \u201eDer Fels\u201c, und ihm werden, bildlich gesprochen, die Schl\u00fcssel des Himmelreichs \u00fcberreicht. Denn das Himmelreich muss bildlich verstanden werden. Vielleicht ist es ein Bild f\u00fcr die Gemeinschaft mit dem Sohn des lebendigen Gottes, Christus, vielleicht ist es das ewige Leben. Das Einzige, was nicht dasteht, ist, dass es ein Leben nach dem Tode sei \u2013 auch wenn es oft so gedeutet wird. Ich denke, es soll als die Gemeinschaft mit dem Sohn des lebendigen Gottes verstanden werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Simon Petrus hat die Macht erhalten zu l\u00f6sen und zu binden: Alles, was er auf Erden bindet, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was er auf Erden l\u00f6st, soll auch im Himmel gel\u00f6st sein \u2013 das hei\u00dft, bei Gott. Endete das Evangelium hier, blieben wir mit der Vorstellung zur\u00fcck, Simon habe damit Gottes Autorit\u00e4t \u00fcbertragen bekommen, \u00fcber Leben und Tod wie ein Gott zu verf\u00fcgen. Doch Jesus verweist nicht auf Simon Petrus\u2019 Autorit\u00e4t, sondern auf sich selbst: \u201eWill mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach\u201c (Mt 16,24). Der wahre Nachfolger Simon Petri ist somit machtlos und auf seinen N\u00e4chsten verwiesen. Auf das Bekenntnis folgt die Verpflichtung \u2013 pers\u00f6nlich gefordert, doch getragen von der Gemeinschaft mit Jesus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zwischen Bekenntnis und Forderung steht die Verwerfung. Sie ist los ein Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis dessen, was Bekenntnis wie Forderung bedeuten. In dem Augenblick, da Simon Petrus Gott anruft, es m\u00f6ge Jesus nicht so furchtbar ergehen, wie vorausgesagt, wendet sich Jesus zu Petrus und spricht: \u201eWeiche von mir, Satan! Du bist mir ein \u00c4rgernis; denn du meinst nicht, was g\u00f6ttlich, sondern was menschlich ist\u201c (Mt 16,23). Es sind Simon Petrus\u2019 eigene Worte, die Jesus verwirft \u2013 das, was er gerade gesagt hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er verleugnet, was den Glauben an Jesus als den auferstandenen Retter zu Fall bringt. Er sieht voraus, dass Menschen immer das Eigene unter dem Deckmantel des Glaubens verbergen und die Autorit\u00e4t der Gemeinschaft nutzen werden, um eigene Ziele zu verfolgen. Jesus nimmt die Ehrerbietung, die er Simon, dem Fels, eben erwiesen hat, nicht zur\u00fcck, aber er sieht, dass immer noch eine andere Macht mitspricht. Unter dem Deckmantel sch\u00f6ner Rhetorik und guter Absichten verbirgt sich der B\u00f6se.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jenes B\u00f6se, das versucht, uns zu \u00fcberzeugen, wir h\u00e4tten ein Recht auf die Macht, die Reicht\u00fcmer und die Privilegien der Welt, dass uns Macht und Autorit\u00e4t \u00fcbertragen worden seien, dass wir sie verdient h\u00e4tten und zu ihr verpflichtet seien, dass sie bei uns in den besten H\u00e4nden sei. Der Fels Simon hat die Schl\u00fcsselgewalt kaum erst \u00fcbertragen bekommen, da schon wird das rechte Eigentum und die wahre Autorit\u00e4t zurechtger\u00fcckt. Die Ehre, die er empf\u00e4ngt, muss getragen werden durch Selbstverleugnung und dadurch, dass er das Kreuz Jesu auf sich nimmt. Das Kreuz l\u00e4sst sich nicht anders verstehen, als die Macht und den Status, die zur Welt geh\u00f6ren, aufzugeben und sich der Nachfolge Jesu Christi hinzugeben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Verleugnung ist mit anderen Worten eine st\u00e4ndige Erinnerung daran, dass das B\u00f6se unabl\u00e4ssig am Werk ist und sein Haupt erhebt, um Gottes Willen entgegenzuarbeiten. Gott wurde Mensch, um sich mit dem Menschen zu vers\u00f6hnen und um uns Vertrauen und Mut einzufl\u00f6\u00dfen, f\u00fcr die Gemeinschaft zu wirken. Der lebendige Gott nimmt teil an unserem Leben und hat sich mit unserer Unzul\u00e4nglichkeit vers\u00f6hnt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch Jesu Tod und Auferstehung sind keine Hinnahme des Bestehenden, sondern im Gegenteil ein Beharren darauf, sich zum Guten zu bekennen und das B\u00f6se in Zaum zu halten. Es ist unbestreitbar ein Eingest\u00e4ndnis, dass wir im Bem\u00fchen, das Gute zu wollen, wie Simon Petrus, dazu kommen, das B\u00f6se zu tun. Aber jeder, der sein Kreuz mit Demut und Selbstpr\u00fcfung auf sich nimmt, jeder, der seine Fehlbarkeit annimmt und sich in Aufmerksamkeit \u00fcbt, begegnet Christus mit Vergebung und dem Willen zur Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bekenntnis und Verleugnung sind eng miteinander verkn\u00fcpft. Vielleicht aber am besten in dieser Reihenfolge: zuerst ein Bekenntnis, zu Christus zu geh\u00f6ren, und erst dann, unter dem Vorzeichen der Gnade Gottes, eine Verleugnung all dessen Unordentlichen, das in uns \u2013 und in der Welt \u2013 herrscht. Zuerst der Felsengrund des Glaubens, dann die Forderung: die Verleugnung des B\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus nimmt kein Blatt vor den Mund. Zuerst h\u00f6rt er Simons Bekenntnis und lobt es, doch dann verwirft er das B\u00f6se, das in Simon Petrus wirkt. Nicht Simon Petrus werwirft das B\u00f6se \u2013 Jesus selbst tut es. Denn wir verm\u00f6gen es nicht allein, es braucht, dass wir uns an einen Ort stellen, von dem her uns Vertrauen, Kraft und Gemeinschaft zuwachsen. Das ruft zum Glauben daran auf, dass Jesus das B\u00f6se in uns bereits verworfen hat, wenn es sein Haupt erhebt. Das ist der Spiegel, in dem wir uns selbst sehen sollen. Vielleicht ist es das Kreuz, das ein jeder von uns auf sich nehmen muss: dass wir Jesus unsere Herzen ergr\u00fcnden lassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Welche eine Befreiung es ist doch, dass wir uns zum Sohn des lebendigen Gottes bekennen d\u00fcrfen und mit seiner Verwerfung des B\u00f6sen und seiner Vergebung rechnen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Rasmus N\u00f8jgaard<br \/>\nPastor in Kopenhagen<br \/>\nrn@km.dk<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>A.d.\u00dc.: Diese Fassung kann Spuren von k\u00fcnstlicher Intelligenz enthalten.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiche von mir, Satan! Du bist mir ein \u00c4rgernis. | 5.\u00a0So. n. Trinitatis\u00a0| 05.07.2026 | Mt 16,13\u201326 | Rasmus N\u00f8jgaard | &nbsp; Weiche von mir, Satan! Du bist mir ein \u00c4rgernis. Ich glaube, wir alle wissen, was es hei\u00dft, Macht \u00fcber einen anderen Menschen zu haben. 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