{"id":26462,"date":"2026-07-07T10:54:06","date_gmt":"2026-07-07T08:54:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26462"},"modified":"2026-07-07T10:54:06","modified_gmt":"2026-07-07T08:54:06","slug":"ansprache-bei-der-bestattung-von-prof-dr-dr-ulrich-nembach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/ansprache-bei-der-bestattung-von-prof-dr-dr-ulrich-nembach\/","title":{"rendered":"Ansprache bei der Bestattung von Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach"},"content":{"rendered":"<h3>Ansprache bei der Bestattung von Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach | 9. M\u00e4rz 2026 | Psalm 90,2; Jesaja 43,1 | Jochen <span data-olk-copy-source=\"MessageBody\">Cornelius-Bundschuh <\/span>|<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ansprache zu Psalm 90, 2 und Jesaja 43, 1 bei der Bestattung von Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach\u00a0am 9. M\u00e4rz 2026 auf dem Friedhof in G\u00f6ttingen-Geismar<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Familie Nembach, liebe Familie H., liebe Trauergemeinde,<\/p>\n<p>ein langes, erf\u00fclltes Leben ist zu Ende gegangen. Im Dezember ist Ulrich Nembach 90 Jahre alt geworden und hat dankbar auf sein Leben zur\u00fcckgeblickt. \u201eGott, du bist unsere Zuflucht f\u00fcr und f\u00fcr\u201c. So beginnt der 90. Psalm, aus dem auch der Vers stammt, den Ihr Vater vor sechs Jahren \u00fcber die Traueranzeige f\u00fcr seine Frau, Ihre Mutter gestellt hat und den Sie nun auch der Traueranzeige f\u00fcr Ihren Vater vorangestellt haben. Es ist dieses Vertrauen, das Ulrich Nembach durch sein Leben getragen hat: \u201eGott, du bist unsere Zuflucht f\u00fcr und f\u00fcr!\u201c \u201eDu l\u00e4sst die Menschen sterben und sprichst zu Ihnen: Kommt wieder, Menschenkinder!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>Ulrich Nembachs Kinderjahre waren schwer. Sie, lieber Herr Nembach, haben mir die Szene beschrieben, wie der 9j\u00e4hrige in der N\u00e4he von Sontra in Nordhessen am Kriegsende im Mai 1945 vor einem amerikanischen Soldaten die H\u00e4nde in die H\u00f6he strecken musste. Ihr Vater und Gro\u00dfvater war von Breslau hierher geflohen; er sah St\u00e4dte brennen und musste sich vor Bomben in Sicherheit bringen: ein halbverhungertes Fl\u00fcchtlingskind, arm und traumatisiert \u2013 mitten in einer Tr\u00fcmmerw\u00fcste. Zerst\u00f6rt waren nicht nur Geb\u00e4ude, sondern auch die Moral und das Recht lagen in Tr\u00fcmmern. Viele Deutsche realisierten erst jetzt, welche Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den Jahren des Naziregimes geschehen waren; viele hatten sie nicht sehen wollen und erkannten erst jetzt, wie sie daran beteiligt waren. Auf einmal erschienen \u201edie unerkannten Missetaten\u201c, von denen der Psalm 90 spricht, im hellen Licht deutlich vor aller Welt, nicht nur vor Gott.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Wie fasst ein Kind wieder Vertrauen, das die Schrecken von Krieg und Flucht erlebt und mit \u201eH\u00e4nde hoch\u201c vor einem bewaffneten Soldaten gestanden hat? Ulrich Nembach fand im Recht und im Glauben neue Orientierung. Deshalb wollte er nach der Schule in Goslar und dem Abitur in D\u00fcsseldorf Theologie studieren; um besser zu verstehen, was diese alten Worte bedeuten: \u201eGott, du bist unsere Zuflucht f\u00fcr und f\u00fcr. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.\u201c Und da seine Eltern fanden, es w\u00e4re gut, wenn er auch noch etwas \u201eRichtiges\u201c machte, studierte er gerne auch noch Jura. Er hat dann in beiden F\u00e4chern promoviert; sein Hauptfach aber blieb die Theologie. Kirchenlehrer wollte er sein, also in der und f\u00fcr die Kirche wirken. Deshalb habilitierte er sich in M\u00fcnster in Praktischer Theologie.<\/p>\n<p>Pfarrdienst in Goslar, Studienleitung an der Evangelischen Akademie in Hofgeismar und schlie\u00dflich Professur in G\u00f6ttingen: das waren seine Stationen. An allen ging es ihm darum, so vom Evangelium zu reden, dass es heute geh\u00f6rt werden kann. Deshalb interessierte er sich f\u00fcr Publizistik und neue Medien; deshalb gr\u00fcndete er die G\u00f6ttinger Predigten im Internet \u2013 und \u00fcberlegte noch in den letzten Jahren, wie KI f\u00fcr die Predigt hilfreich sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Er war innovativ, fand das Glaube und Fortschritt kein Gegensatz sein d\u00fcrfen, interessierte sich f\u00fcr die Ver\u00e4nderungen der Kommunikationsformen; wenn er einmal ohne Telefon und mediale Kommunikation war, fehlte ihm etwas. Offen und neugierig fragte er nach: Was erwarten die Menschen von Kirche im Privatfunk? Welche M\u00f6glichkeiten hat Seelsorge in der Klinik? Welchen Beitrag leistet Diakonie f\u00fcr die Gesellschaft? Seine Studierende ermunterte er, ihre Fragen zu stellen. Er war im engen Austausch mit denen, die bei ihm promovierten und engagierte sich f\u00fcr sie, aber er lie\u00df ihnen auch Freiheit, ihren Weg zu finden. Er suchte das Gespr\u00e4ch mit anderen Fachrichtungen und auch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus anderen L\u00e4ndern, nahm gerne an internationalen Konferenzen teil und \u00fcbernahm Gastprofessuren u.a. in Skandinavien und Osteuropa, in Polen oder der Slowakei.<\/p>\n<p>Aber er zweifelte manchmal auch an seinem Tun, etwa angesichts der gro\u00dfen Unsicherheit in den Kirchen angesichts der Corona-Krise. Hatte er, hatten die Fakult\u00e4ten die Kolleginnen und Kollegen im Pfarrdienst gut genug ausgebildet, damit sie mit einer solchen Krise zurechtkommen konnten? Als frommem, lutherisch gepr\u00e4gten Theologen war ihm klar, dass der Erfolg nicht in seinen H\u00e4nden liegt, sondern an Gottes Segen; deshalb beten wir mit dem letzten Vers von Psalm 90: \u201eGott, sei uns freundlich und f\u00f6rdere das Werk unsrer H\u00e4nde bei uns. Ja, das Werk unsrer H\u00e4nde wollest du f\u00f6rdern!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>So schwer die Kindheit war, so dankbar war Ulrich Nembach f\u00fcr die vielen guten Jahre, die folgten: f\u00fcr seine beruflichen M\u00f6glichkeiten, f\u00fcr die langen Ehejahre mit seiner Frau, Ihrer Mutter, f\u00fcr Sie, den Sohn und die Tochter und Ihre Familien, f\u00fcr die f\u00fcnf Enkelkinder. Als er mich vor Jahren fragte, ob ich ihn beerdigen w\u00fcrde, hat er mir stolz von Ihnen allen erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Er hat gerne und viel gearbeitet \u2013 manchmal h\u00e4tten Sie sich wohl gew\u00fcnscht, dass er mehr Zeit mit Ihnen verbracht h\u00e4tte. Aber er lebte das klassische Modell; f\u00fcr die Familie war seine Frau, Ihre Mutter zust\u00e4ndig. Er hatte sie im Studium kennengelernt. Sie waren sehr eng miteinander verbunden und als sie vor sechs Jahren nach einer langen, schweren Krankheit starb, war das f\u00fcr ihn ein gro\u00dfer Einschnitt. Auf einmal war er allein in der Wohnung oben auf dem Berg mit dem herrlichen Ausblick, die beide so liebten. Vor allem aber war die, die die Familie \u00fcber Jahrzehnte zusammengehalten hatte, nicht mehr da.<\/p>\n<p>\u201eLehre uns bedenken, dass wir sterben m\u00fcssen, auf das wir klug werden\u201c, auch darum bittet der 90. Psalm. Ulrich Nembach hat nicht gerne \u00fcber Sterben und Tod gesprochen. Wahrscheinlich waren sie f\u00fcr ihn zu eng mit den Schrecken verbunden, die ihn seit seiner Kindheit nicht loslie\u00dfen und ihn immer wieder eingeholt haben: als sein Bruder starb, als er selbst schwer krank war, als seine Frau starb. Aber auch angesichts des Kriegs Russlands gegen die Ukraine, der Schrecken des 7. Oktober und der anschlie\u00dfenden K\u00e4mpfe in Gaza; diese Ereignisse haben Ulrich Nembach sehr belastet. Er konnte nicht verstehen, wie Menschen einander das antun k\u00f6nnen; f\u00fcr ihn war das gemeinsame Haus Europa und das friedliche Miteinander von Menschen und Nationen von zentraler Bedeutung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV<\/p>\n<p>Als er bei seinem Weihnachtsbesuch in Leipzig erkrankte, haben Sie, liebe Frau H., ihn begleitet. Sie haben sich gefreut, dass Sie und Ihre Familie ihn dabei noch einmal anders erlebten: zugewandter, nahbarer, dankbarer. Er war klar und freute sich \u00fcber Gespr\u00e4che, hatte sogar Hoffnung, wieder zur\u00fcck nach G\u00f6ttingen in seine Wohnung zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dann kam der Schlaganfall am Todestag seiner Frau und schnell war deutlich, dass Sie Abschied nehmen mussten. Dass das f\u00fcr Sie m\u00f6glich war, war gut und ein Geschenk.<\/p>\n<p>Nun schauen Sie auf seinen Sarg und blicken zur\u00fcck. Sie erinnern sich an sch\u00f6ne Tage, aber auch an schwierige Zeiten. Beides bringen wir heute vor Gott und vertrauen darauf, dass Gott, der die Menschen sterben l\u00e4sst, spricht: \u201eKommt wieder, Menschenkinder!\u201c Gott hat seinen Sohn nicht dem Tod \u00fcberlassen; Gott wird auch Ihrem Vater und Gro\u00dfvater \u00fcber den Tod hinaus Zuflucht sein \u2013 und Ihnen Trost. Wir k\u00f6nnen einstimmen: \u201eGott, du bist unsere Zuflucht f\u00fcr und f\u00fcr!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ansprache bei der Bestattung von Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach | 9. M\u00e4rz 2026 | Psalm 90,2; Jesaja 43,1 | Jochen Cornelius-Bundschuh | &nbsp; Ansprache zu Psalm 90, 2 und Jesaja 43, 1 bei der Bestattung von Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach\u00a0am 9. M\u00e4rz 2026 auf dem Friedhof in G\u00f6ttingen-Geismar &nbsp; Liebe Familie Nembach, liebe [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7917,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18,22,1,727,157,120,1806,853,114,1399,813,443,127,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-26462","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-psalmen","category-jesaja","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bes_gelegenheiten","category-bestattung","category-bibel","category-deut","category-jochen-cornelius-bundschuh","category-kapitel-090-chapter-090","category-kapitel-43-chapter-43","category-kausalpredigten","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26462","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26462"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26462\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26463,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26462\/revisions\/26463"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7917"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26462"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26462"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26462"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=26462"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=26462"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=26462"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=26462"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}