{"id":26483,"date":"2026-07-07T21:04:57","date_gmt":"2026-07-07T19:04:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26483"},"modified":"2026-07-07T21:04:57","modified_gmt":"2026-07-07T19:04:57","slug":"matthaeus-1916-26-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1916-26-5\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us \u00a019,16-26"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis | 12. Juli 2026 | Matth\u00e4us \u00a019,16-26 | von Tine Illum |<\/h3>\n<h1><strong>Das Beste ist, endlich aufzugeben<\/strong><\/h1>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein ausgewachsenes Kamel wiegt eine halbe Tonne! Und es ist gut zwei Meter hoch! Und jeder, der schon einmal die Augen zusammengekniffen und immer wieder ein winziges St\u00fcckchen vom Faden abgeschnitten hat, wei\u00df, wie klein ein Nadel\u00f6hr ist. Es ist einfach ein treffendes Bild, das Jesus hier w\u00e4hlt \u2013 ein Bild der Unm\u00f6glichkeit. Es geht schlicht nicht. Und sei es die gr\u00f6\u00dfte Stopfnadel: Als Kamel kommt man niemals durch das Nadel\u00f6hr. Man muss aufgeben! Ist das ein Scheitern? Oder ist es eine \u00d6ffnung? Der Dichter S\u00f8ren Ulrik Thomsen sagt es so: \u201eDas Beste ist, endlich aufzugeben und pl\u00f6tzlich zu sp\u00fcren, wie alles beginnt.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch zur\u00fcck zu dem jungen Mann, von dem wir heute h\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er strahlt Erfolg aus \u2013 alles andere als ein Scheitern. Er hat sein Leben und alles um sich im Griff. Er ist durch jedes Nadel\u00f6hr seines Lebens hindurchgekommen. Er ist vern\u00fcnftig und ordentlich, er hat gut verdient. Er ist einer, zu dem andere aufschauen. Aber wer ist er unter seiner Ordentlichkeit und seinem Erfolg? \u2026 Das habe ich mich manchmal gefragt \u2026 Was treibt ihn an jenem Tag dazu, Jesus aufzusuchen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Am naheliegendsten ist wohl, dass er nur noch einen letzten guten Rat braucht, damit alles perfekt wird. Er wirkt sehr selbstzufrieden. Er hat ein geordnetes Verh\u00e4ltnis zu anderen Menschen und zu Gott. Es ist doch offensichtlich, dass Gott ihn liebhat, da sein Leben so gelingt. Wie oft h\u00f6ren wir das nicht? \u201eWeil ich den Schuss \u00fcberlebt habe, muss es Gottes Wille gewesen sein \u2013 dann hat Gott mich auserw\u00e4hlt\u201c \u2026 Und wir m\u00fcssen fragen: Was ist dann mit den Schulkindern, die bei Schie\u00dfereien ums Leben gekommen sind? Was mit all den jungen Soldaten, die in Kriegen ihr Leben verlieren? Es ist schlicht kein christlicher Gedanke, dass es den Guten gutgehen und den B\u00f6sen schlechtgehen m\u00fcsste \u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch zur\u00fcck zu dem jungen Mann: Ist er einer, der nur zum Schein fragen und die Antwort eigentlich l\u00e4ngst kennen. Er w\u00fcrde es jedoch gerne von Jesus selbst h\u00f6ren. Und er m\u00f6chte, dass alle anderen es auch h\u00f6ren: dass er alles getan hat, was ein Mensch tun kann. Er will in dem best\u00e4tigt werden, was er ohnehin wei\u00df: dass er perfekt ist. Und dass er sich getrost darauf verlassen kann: Wenn der Tag kommt, wird sein perfektes Leben und sein perfekter Lebenswandel nicht umsonst gewesen sein \u2013 der schmale Weg wird f\u00fcr ihn in einer weit ge\u00f6ffneten T\u00fcr zum Himmel Gottes enden, durch die er wohlverdient eintreten kann. Alles andere k\u00e4me ja gar nicht infrage. Ist er so einer? So k\u00f6nnten wir \u00fcber ihn denken \u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber was ist, wenn es sich anders verh\u00e4lt? Steckt eine gr\u00f6\u00dfere Tiefe in seiner Frage, als wir ihm vielleicht zutrauen? Sp\u00fcrt er da, in den wachen Stunden der Nacht, diesen Stachel, der sticht \u2013 etwas, das in ihm nagt und kratzt? Dass am Ende doch etwas fehlt, damit alles ganz perfekt ist. Er findet keine wirkliche Ruhe. Und darum fragt er eigentlich aus seiner Unsicherheit heraus. Da ist eine Sehnsucht, eine Leere, die er ganz tief in seinem Innersten sp\u00fcrt. Ihm fehlt nur noch diese eine winzige Kleinigkeit \u2013 von der er nicht genau wei\u00df, was sie ist, die aber wohl da sein muss. Jesus hat den Ruf, weise zu sein, und vielleicht auch ein ganz besonderes Verh\u00e4ltnis zu Gott zu haben. Also kommt er nun aufrichtigen Herzens, um den letzten guten Rat zu bekommen und die Best\u00e4tigung, dass er sich sein gutes Leben verdient hat \u2013 nicht nur hier, sondern in alle Ewigkeit. Dass sein Leben Sinn hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn ich meine, dass es diese zwei M\u00f6glichkeiten gibt, dann liegt das an einem einzigen Satz. N\u00e4mlich: Als Jesus ihm sagt, er solle einfach alles verkaufen, wird er traurig und geht. Er geht nicht in gekr\u00e4nktem Zorn \u2013 nein, das Wort bedeutet eher: zutiefst betr\u00fcbt, mit schwerem Herzen. Denn genau das kann er nicht. Er kann nicht alles hergeben, was sein wohlkontrolliertes Leben zusammenh\u00e4lt. Alles, was in seinen Augen zeigt, dass er etwas wert ist. Jedenfalls nicht in diesem Moment. Denn seine ganze Welt ist gerade auf den Kopf gestellt worden, und er \u2013 ja, er wei\u00df nicht, was er denken soll. Hierher kam er, um das letzte Puzzlest\u00fcck in seinem bewundernswerten Leben zu bekommen, und nun ist es, als bringe genau dieses St\u00fcck das ganze Fundament ins Wanken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Du bist nicht perfekt! \u2013 So hallt es in seinen Ohren. Und er ist sich sicher: Das bedeutet, er ist ein Verlierer. Gescheitert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der junge Mann in der Erz\u00e4hlung will wissen, was ER tun muss, damit sein Leben ganz und gar gelingt. Denn irgendetwas fehlt noch. Wenn man so empfindet, gibt es gleichsam zwei M\u00f6glichkeiten:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die eine M\u00f6glichkeit: sich fieberhaft noch mehr M\u00fche zu geben, um den letzten Rest Kontrolle zu behalten, also mehr vom Gleichen. Die Jagd nach Perfektion ist im Grunde selbstbezogen, denn auf seltsame Weise dreht sich am Ende alles um mich selbst, auch wenn ich das eigentlich gar nicht will.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die andere M\u00f6glichkeit: sich zu sammeln und das eigene Leben in dem Licht zu sehen, das Jesus darauf geworfen hat. Er kann aufgeben und sich hingeben. Zum ersten Mal empfinden, geliebt zu sein und ewiges Leben zu haben, lange bevor er seinen Wert bewiesen hat. Und in diesem Augenblick sp\u00fcren, dass genau das alles wert ist. Er kann seinen Blick heben und andere sehen als sich selbst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Kamel kann nicht durch ein Nadel\u00f6hr gehen \u2013 schon der Gedanke wirkt geradezu komisch. Aber Gott kann sowohl das kleinste Kind als auch den gr\u00f6\u00dften Brocken durch die schmalste Ritze hindurch ins ewige Leben schieben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Beste ist, endlich aufzugeben und pl\u00f6tzlich zu sp\u00fcren, wie alles beginnt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was kein Mensch kann \u2013 nicht ein Einziger \u2013, das kann Gott. Es steht nicht in der Stellenbeschreibung des Menschseins, dass wir perfekt sein m\u00fcssen. Oder dass wir es sein k\u00f6nnen. Wir reichen nicht aus. Das ist die Erfahrung jedes Menschen. Der Tag kommt zu uns, an dem wir Nadel\u00f6hr um Nadel\u00f6hr hinter uns liegen sehen. All das, was wir nicht konnten und nicht sagten, das, was wir nicht geschafft haben, und das, was wir bereuen, gesagt zu haben. Das ist Verzweiflung. Und so kann ich die Erz\u00e4hlung vom Kamel und dem Nadel\u00f6hr heute leicht so h\u00f6ren. Und da h\u00f6re ich gar nicht das N\u00e4chste: Gott kann alles. Denn bei Gott ist alles m\u00f6glich. Das schenkt eine himmlische Hoffnung \u2013 selbst mir. Verzweiflung kann eine \u00d6ffnung zur Verwandlung sein. Wer aufgibt, dem kann Gott nahekommen. Wer es wagt, klein zu sein, dem kann Gott begegnen. Dort f\u00e4ngt es an.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Beste ist, endlich aufzugeben und pl\u00f6tzlich zu sp\u00fcren, wie alles beginnt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wo Jesus geht, in der Begegnung mit ihm, werden Menschen gesehen und befreit. Hier ist ein neuer Anfang. Das ist es, was wir \u201eGnade\u201c oder \u201eVergebung der S\u00fcnden\u201c nennen \u2026 Jesus erz\u00e4hlt immer wieder, dass Gott nicht von hinten kommt und uns in einem \u00dcberraschungsangriff bei all dem fasst, was wir falsch gemacht haben und was misslungen ist. Er kommt uns immer von vorn entgegen, aus der Zukunft \u2013 und er sagt: \u201eKomm!\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Du musst nichts tun, um das ewige Leben zu bekommen. Du hast es schon. Das wurde dir gesagt, als du getauft wurdest. Der Himmel ist \u00fcber dich ausgegossen, du bist darin eingeh\u00fcllt, und das wirst du immer sein. Das gilt weiterhin. Du musst nichts tun, um einen Platz im Leben hier auf Erden oder im Himmel zu haben. Den hast du schon. Unverlierbar. Und nun sollst du hinausgehen und das Leben leben, das dir geschenkt wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Beste ist, endlich aufzugeben und pl\u00f6tzlich zu sp\u00fcren, wie alles beginnt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Tine Illum<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin in Sdr. Bjert<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">ti@km.dk<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">A.d.\u00dc.: Diese Fassung kann Spuren von k\u00fcnstlicher Intelligenz enthalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis | 12. 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