{"id":26524,"date":"2026-07-23T08:55:25","date_gmt":"2026-07-23T06:55:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26524"},"modified":"2026-07-23T08:55:25","modified_gmt":"2026-07-23T06:55:25","slug":"johannes-91-7-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-91-7-2\/","title":{"rendered":"Johannes 9,1-7"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Heilung? | 8. Sonntag nach Trinitatis | 26.7.2026 | Joh 9,1-7 | Nadja Papis<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>F\u00fcr die Lesung wurde mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Zeitschrift aus einem Text von Toni Dedio zitiert:<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Toni Dedio, Dein Glaube hat dich gesund gemacht!? \u2013 Kampfansage eine*r behinderten Christ*in, erschienen in: Fama 2022\/1<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als ich den Text von Toni Dedio in der Zeitschrift FAMA zum ersten Mal gelesen habe, ber\u00fchrte er mich zutiefst. Ja, er bewegte etwas in mir. Ihre Worte machten sich wie ein Stachel in meinen Gedanken fest und ich musste sie zuerst eine Weile bearbeiten, meine Weltsicht \u00e4ndern und wieder neu auf die Bibel zugehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">25mal wird von Heilung erz\u00e4hlt in den Evangelien: von Befreiung, von Gesund-Werden, von Rettung. Heilsgeschichten waren f\u00fcr mich immer Symbolgeschichten: So will Gott an uns Menschen wirken, uns heil machen, uns Erf\u00fcllung bringen. Jesus wurde zu den Kranken geschickt, nicht zu den Gesunden. Er hatte f\u00fcr mich die besondere Gabe, Menschen zu begegnen, wie sie sind, und sie so zur Annahme von sich selbst zu f\u00fchren. Das ist f\u00fcr mich Heil.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch in unserem Predigttext geht es um eine Symbolgeschichte. Und noch mehr.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zur damaligen Zeit waren Krankheiten und auch Beeintr\u00e4chtigungen Folgen von S\u00fcnde \u2013 nicht unbedingt nur der eigenen, auch der der Generation davor. Tun-Ergehen-Zusammenhang in der Fachsprache, unsere Jugendlichen heute w\u00fcrden sagen: \u00abKarma\u00bb. Wenn ich etwas Schlechtes tue oder mich gegen das Gesetz benehme, dann werde ich oder die nach mir durch eine Krankheit oder anderes Unheil bestraft. Der Umkehrschluss ist brutal: Wem Leid geschieht, der oder die muss schuldig sein \u2013 oder die Generation davor. Diese Haltung scheint veraltet zu sein. Und doch merke ich immer wieder, dass dieses Denken auch heute noch da ist \u2013 mehr im Sinne von: Wenn er sich mehr geschaut h\u00e4tte, wenn sie ges\u00fcnder gegessen h\u00e4tte\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Predigttext ist es f\u00fcr die J\u00fcnger klar, dass der Grund f\u00fcr die Beeintr\u00e4chtigung in einem Fehlverhalten liegt. Ihre Frage lautet darum: Wer war es? Der Mann selbst oder seine Familie?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus antwortet entschieden dagegen: Weder der Mann noch seine Eltern. Der ganze Tun-Ergehen-Zusammenhang wird abgelehnt, zum Gl\u00fcck! Es wird aufger\u00e4umt mit dieser ungerechten Auffassung. Die Beeintr\u00e4chtigung ist nicht Ort der Schuld oder Strafe, sondern der Offenbarung des g\u00f6ttlichen Wirkens.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie sch\u00f6n! Endlich kann dieser Mensch heil werden! Endlich wird er befreit aus der Finsternis! Endlich wird sein Leben lebenswert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Oder?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit Toni Dedio schaue ich genauer hin: An dem blinden Menschen, an dem Beeintr\u00e4chtigten sollen Gottes Taten sichtbar werden. Was heisst denn das bitte? Muss dieser Mensch blind sein, damit an ihm ein Wunder par excellence vollzogen werden kann? Damit Jesus seine Macht und G\u00f6ttlichkeit beweisen kann? Brauchte es daf\u00fcr unbedingt das Ausstellen eines behinderten Menschen? Und geht Heil-Werden wirklich nur, wenn die Versehrtheit weggemacht wird?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Niemand m\u00f6chte versehrt sein. Niemand m\u00f6chte krank sein oder altersbedingt eingeschr\u00e4nkt oder seelisch verletzt oder unbegabt\u2026 Niemand will versehrt sein, aber irgendwie sind wir es alle. Und es ist nicht einfach damit zu leben, weder mit sichtbaren noch mit unsichtbaren Einschr\u00e4nkungen. Wir h\u00e4tten sie lieber nicht oder w\u00fcrden sie gern wegmachen. Was aber, wenn das nicht geht? Was, wenn es weder Heilung noch Wunder daf\u00fcr gibt? Kann ich auch versehrt heil sein?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Evangelist Johannes bedient sich gerne einer symbolischen Sprache \u2013 auch seine Erz\u00e4hlungen haben Symbolcharakter. Der blinde Mann steht f\u00fcr uns alle, ja, wir alle leben von Geburt an in der Finsternis und brauchen jemanden, der uns zum Licht f\u00fchrt. Daf\u00fcr hat Gott den Gesandten Jesus geschickt. Und auch alle, die ihm nachfolgen und beauftragt wurden, sein Werk fortzuf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Heilung des Blinden geschieht dann recht handfest. Speichel wird mit Erde geknetet \u2013 nebenbei bemerkt verstiess Jesus damit gegen das Sabbatgebot, denn Teigkneten geh\u00f6rt zu den 39 verbotenen Arbeiten am Sabbat. Nach der Waschung im Teich kehrt der Mann sehend zur\u00fcck. Eine neue Sicht ist ihm nun m\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und mir? Und uns?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine neue Sicht auf unsere Versehrtheit ist bitter n\u00f6tig. Denn sie betrifft uns alle. Toni Dedio schreibt: <em>Ich bin der Meinung, dass behinderte Menschen gewollt sind. Von ihren Liebsten und von der, die Liebe ist: Gott.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr mich ist das die Befreiung, der Weg aus der Finsternis ins Licht: die grenzenlose Annahme dessen, was ich bin und was auch nicht bin, was ich kann und was auch nicht kann. In der Begegnung mit dem Blinden ist es Jesus, der den Anstoss zum Geschehen gibt: mit seinem Blick. Er sieht den Menschen an. Und diesen Blick w\u00fcnsche ich uns allen \u2013 einen liebevoll anerkennenden Blick, einen Blick, der erkennt und heil werden l\u00e4sst mit aller Versehrtheit, die zu mir geh\u00f6rt \u2013 und dir. Da muss nichts geflickt werden. Heil sein k\u00f6nnen wir, so wie wir sind. Versehrtes darf so eine Lebensm\u00f6glichkeit sein, eine, die zur Vielfalt des Lebens beitr\u00e4gt. Diesen Blick w\u00fcnsche ich mir auch unter uns \u2013 von Mensch zu Mensch. Ein Staunen: Ah, so ist das bei dir! Und schau mal, so bin ich. Ein Blick, der das Gottesgeschenk in jedem Menschen sieht. Viel mehr braucht es wohl nicht f\u00fcr den Weg aus der Finsternis ins Licht, aus der Gefangenschaft in den Befreiungstanz, aus dem Mangel ins Heil.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Langnau am Albis\/Sihltal<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal und seit 2010 Ausbildungspfarrerin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heilung? | 8. 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