{"id":26565,"date":"2026-08-07T10:47:26","date_gmt":"2026-08-07T08:47:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26565"},"modified":"2026-08-07T10:47:26","modified_gmt":"2026-08-07T08:47:26","slug":"matthaeus-1116-24-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1116-24-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 11,16\u201324"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Pessimismus ist keine L\u00f6sung |<\/strong> 10. Sonntag nach Trinitatis | 9. August 2026 | Matth\u00e4us 11,16\u201324 | \u00a0Eva Holmegaard Larsen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Pessimismus ist keine L\u00f6sung<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Welt ist voll von Stimmen, die unsere Aufmerksamkeit begehren. Doch gibt es wohl je eine Stimme, die sie wirklich und ganz bekommt? Sowohl Jesus als auch der Prophet Ezechiel versuchten, ihre Zeitgenossen aufzur\u00fctteln. Es war m\u00fchsam. Ezechiel musste erkennen, dass die Menschen ihren L\u00fcsten nachlaufen und dem Wind hinterherjagen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Anders gesagt: Wir h\u00f6ren lieber uns selbst reden \u2013 oder lauschen dem, was andere \u00fcber uns sagen. Vielleicht klingt Jesus deshalb in der heutigen Perikope so verzweifelt. Zornig und viel zu eindringlich f\u00fcr einen sanften Augusttag, an dem wir noch in den Erinnerungen an Liegest\u00fchle und tr\u00e4ge Stunden am Sandstrand schwelgen: Wehe dir \u2013 steh auf, komm heraus! Heute wird uns der gesamte apokalyptische Apparat \u00fcber den Kopf gegossen wie ein Eimer kaltes Wasser.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und doch \u2013 kann man Jesus nicht verstehen? Warum nicht das Schlimmste sagen, wenn ohnehin niemand zuh\u00f6rt? Er ruft wie ein Schiffbr\u00fcchiger auf einer einsamen Insel, ohne Hoffnung, dass drau\u00dfen jemand seine Stimme vernimmt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zu unserer Verteidigung sei gesagt: Es mangelt ja nicht an Stimmen, die auf uns einreden. Die Welt ist laut, und es gibt allen Grund, die Ohren vor dem Strom an Nachrichten zu verschlie\u00dfen, der uns von Gro\u00dfem und Kleinem da drau\u00dfen berichtet \u2013 Nachrichten, die uns erschrecken, beunruhigen, vor allem aber ohnm\u00e4chtig machen. Und fortw\u00e4hrend stehen Menschen um uns herum, die meinen und sagen, wozu wir uns verhalten sollen. Aber wir k\u00f6nnen uns nicht zu allem verhalten. Krieg, Waldbr\u00e4nde, Erdbeben, D\u00fcrre und alle Hilferufe, die bis in unsere Wohnzimmer dringen \u2013 das ist kaum zu fassen, es sei denn, wir schalten ab und zu die Welt da drau\u00dfen aus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die meisten von uns wissen sehr wohl, dass es so vieles gibt, dem wir mehr Aufmerksamkeit schenken sollten. Nicht weil wir gleichg\u00fcltig w\u00e4ren \u2013 aber wir haben auch ein Leben zu leben. Hier in unserem Teil der Welt wissen wir zudem, dass wir inmitten aller Untergangsszenarien vieles zu verdanken haben. Und das ist ein guter Ausgangspunkt, um ein \u201eungl\u00e4ubiges Herz\u201c zu vermeiden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist der Apostel Paulus, der uns vor dem Unglauben warnt. Er schreibt: \u201eSeht zu, liebe Br\u00fcder und Schwestern, dass niemand unter euch ein b\u00f6ses, ungl\u00e4ubiges Herz habe, das von dem lebendigen Gott abf\u00e4llt\u201c (Hebr 3,12). Ein b\u00f6ses, ungl\u00e4ubiges Herz \u2013 und der Abfall vom lebendigen Gott. Wie sollen wir das verstehen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die irische Schriftstellerin und Philosophin Iris Murdoch untersuchte in ihren Romanen und Abhandlungen, was Moral eigentlich ist. Viele begreifen Moral als einen Satz von Werten, nach denen man sich entscheiden kann zu leben. Einige gute Lebensregeln \u2013 etwa christliche Werte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Murdoch geht einen Schritt weiter und fordert diese Vorstellung heraus: dass Moral etwas sei, dem man zustimmen oder das man w\u00e4hlen kann. Sie spricht von Moral als etwas, das einen trifft. Ihr Schl\u00fcsselbegriff lautet \u201eAufmerksamkeit\u201c:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Moral ist es, einen gerechten und liebevollen Blick auf eine andere Wirklichkeit zu richten als die eigene. Das hei\u00dft: mit Wohlwollen \u2013 ja, mit Liebe \u2013 auf Menschen, Welten und Wirklichkeiten zu sehen, die der unsrigen fremd sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man bedenke einmal, wie fordernd das wirklich ist \u2013 und wie grundlegend anders, als blo\u00df von guten christlichen Werten zu reden, w\u00e4hrend man unangefochten weiterzieht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Murdoch sagt es unverbl\u00fcmt, ganz ohne Besch\u00f6nigung \u2013 wie Jesus, Ezechiel und Paulus. Sie nennt unser Ego ein \u201efat, relentless ego\u201c \u2013 das feiste, unerm\u00fcdliche Ich, das unabl\u00e4ssig um die eigenen Sorgen, Kr\u00e4nkungen, W\u00fcnsche und Vorstellungen kreist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Daher neigen wir dazu, andere durch die eigene Brille zu deuten \u2013 aus der Perspektive dessen, wie die Dinge von dort aus aussehen, wo ich stehe, und was ich am liebsten h\u00f6ren m\u00f6chte \u2013 anstatt ihnen wirklich zuzuh\u00f6ren oder sie so zu sehen, wie sie sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein anschauliches Beispiel: Wir, die wir zum wohlhabendsten Teil der Welt geh\u00f6ren, klagen ausgiebig \u00fcber Stress im Berufsleben, Karrieredruck und die Schwierigkeit, Work-Life-Balance herzustellen. Und wir reden endlos \u00fcber Hypothekendarlehen, Rentenersparnisse und steigende oder fallende Immobilienpreise.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir nennen es Privilegienblindheit \u2013 aber vielleicht k\u00f6nnte man es auch Unglauben nennen? Eine junge Studentin schrieb einen Leitartikel dar\u00fcber, dass ihre Generation zynisch geworden sei. Sie erlebte eines Abends, wie eine Gruppe junger Menschen eine betrunkene Frau, die zusammengebrochen war, filmte, anstatt ihr zu helfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist ebenfalls eine Art Blindheit, wenn das Leben in den sozialen Medien wirklicher erscheint als die Wirklichkeit selbst. Sch\u00f6n auf Abstand. Unber\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber k\u00f6nnen wir die Wirklichkeit vielleicht nicht ertragen? Wir halten es nicht aus, gest\u00f6rt zu werden, von der Wirklichkeit ber\u00fchrt zu werden. Es ist leichter, sie zu filmen und \u00fcber Rentenersparnisse und Immobilienpreise zu reden. Wenn uns wirklich die Augen aufgehen, sind wir verloren. Dann ist der Frieden dahin.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber warum sollten wir in Frieden leben d\u00fcrfen? Vielleicht ist das der eigentliche Unglaube: dass wir aufh\u00f6ren, wirklich in der Welt pr\u00e4sent zu sein, und uns in unsere kleinen Reservate zur\u00fcckziehen, wo wir uns damit begn\u00fcgen, zuzuschauen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist etwas Verkehrtes und Lebensfernes daran, auf Abstand zu stehen. Es ist eine K\u00e4seglocke, die letztlich nicht h\u00e4lt und die im Leben der meisten irgendwann zerbricht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die mahnenden Worte Jesu in der heutigen Perikope richten Gericht \u00fcber die Welt, wenn wir uns aus der Wirklichkeit zur\u00fcckziehen: \u201eWir haben euch auf der Fl\u00f6te gespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht geweint\u201c (Mt 11,17). Es hat nichts genutzt. Zuerst kam Johannes der T\u00e4ufer. Er war ein Asket, er rief zur Bu\u00dfe und Umkehr. Das war nicht auszuhalten. Dann kam Jesus, er war sanftm\u00fctig und sprach von Liebe und Vergebung. Aber das ist auch zu viel des Guten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist, als wollten wir eigentlich gar nichts. Weder k\u00e4mpfen noch geliebt werden. Wir wollen nur unsere Rentenersparnisse.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus will unsere Empfindsamkeit wecken. Tritt jetzt in den Kampf ein. Wach auf und sieh der Welt ins Gesicht. Auch wenn es wehtut und man sich schuldig, privilegiert und ohnm\u00e4chtig f\u00fchlt. Denn die Welt wird ein noch schlimmerer Ort \u2013 sinnlos und ohne Hoffnung \u2013, wenn wir nicht mit den Weinenden weinen und die Angst und Ausweglosigkeit der anderen nicht sp\u00fcren k\u00f6nnen. Man kann seine moralischen Werte zu nichts gebrauchen, wenn man den Schmerz nicht f\u00fchlt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir m\u00fcssen dort zusammenstehen, in derselben Wirklichkeit. Das gilt auch f\u00fcr die Solidarit\u00e4t mit den verzweifelten jungen Menschen, die drei Stunden lang durch gef\u00e4hrliche Gew\u00e4sser schwammen, um ein w\u00fcrdiges Leben in Europa zu erlangen. Es ist eine Sache, dass sie aus guten Gr\u00fcnden zur\u00fcckgeschickt werden m\u00fcssen. Etwas ganz anderes ist es, wenn wir nicht mit ihnen f\u00fchlen, sie nicht verstehen und ihre Wirklichkeit nicht sehen k\u00f6nnen, wie sie sich von dort aus darstellt, wo sie stehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Leben ist komplex. Es ist hart und ungerecht f\u00fcr viele Menschen \u2013 manchmal auch f\u00fcr uns selbst. Aber wenn wir wirklich hinzuschauen wagen, sehen wir auch all die Sch\u00f6nheit, die Milde und die G\u00fcte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hebt den Blick. Der heilige Zorn, den Jesus an diesem Sommertag zeigt, will uns f\u00fcr geistliche Tr\u00e4gheit zurechtweisen. Das Evangelium des heutigen Tages will ein emotionales und geistliches Feuer in der Welt entz\u00fcnden, damit die Gleichg\u00fcltigkeit und der Zynismus verbrannt werden \u2013 jene Haltung, die leicht zu unserer \u00dcberlebensstrategie in einer allzu aufdringlichen Wirklichkeit werden kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unglaube ist es, die Achseln zu zucken und zu sagen: Das geht mich nichts an.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der bekannte d\u00e4nische Psychologe Svend Brinkmann hat jahrelang einen Bestseller nach dem anderen dar\u00fcber ver\u00f6ffentlicht, wie man den Ja-Hut ablegt, besser Nein sagen lernt und sich weniger verpflichtet f\u00fchlt, positiv zu denken, wenn es so vieles gibt, dem gegen\u00fcber man pessimistisch sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun hat er auf Facebook einen Beitrag ver\u00f6ffentlicht, in dem er seine uneingeschr\u00e4nkte Empfehlung eines pessimistischeren Lebensstils zur\u00fcckzieht. Denn Pessimismus neigt dazu, in Zynismus umzuschlagen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Also \u2013 wenn es ohnehin nicht wirklich etwas zu hoffen gibt, ist es besser, gleichg\u00fcltig zu sein! Wenn ich glaube, dass die anderen mich entt\u00e4uschen werden, kann ich genauso gut nur an mich selbst denken! Und wenn wir unseren Idealen ohnehin nicht gerecht werden k\u00f6nnen, ist es am besten, sie einfach zu vergessen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Zynismus und die Gleichg\u00fcltigkeit bergen eine Sinnlosigkeit, die weit schlimmer ist, als bewegt, beunruhigt, entt\u00e4uscht und angefochten zu werden von der Welt, in der wir leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist weit besser, die eigene Ohnmacht angesichts der Weltprobleme zu sp\u00fcren, als jede Form von Mitgef\u00fchl g\u00e4nzlich aufzugeben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Weil manche unser Vertrauen missbrauchen, m\u00fcssen wir ja nicht aufh\u00f6ren, vertrauensvoll zu sein. Und weil sehr viele Menschen \u2013 auch die M\u00e4chtigsten \u2013 l\u00fcgen, d\u00fcrfen wir nicht aufh\u00f6ren, an die Wahrheit zu glauben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Evangelium des heutigen Tages tritt an uns heran mit der Forderung nach einer trotzigen, ja geradezu k\u00e4mpferischen Hoffnung. Lasst uns tanzen und weinen. Lasst uns Lobges\u00e4nge singen und Klagelieder. Mit dem Klagelied geben wir dem Zorn, der Emp\u00f6rung und dem Protest eine Stimme, wenn das Leben hart, zerrissen und voller Trauer ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und mit dem Lobgesang freuen wir uns \u00fcber all das Wunderbare auf dieser sch\u00f6nen Erde, alles, was uns gegeben wurde und was wir t\u00e4glich empfangen von unserem himmlischen Vater und Sch\u00f6pfer, der nicht aufh\u00f6rt, Neues zu schaffen und Leben entstehen zu lassen \u2013 \u00fcber all unsere Sorgen und schlimmsten Schreckensszenarien hinaus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott befohlen \u2013 und Amen!<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eva Holmegaard Larsen<br \/>\nPastorin in N\u00f8debo\/Gadevang<br \/>\n<a href=\"mailto:ehl@km.dk\">ehl@km.dk<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>A.d.\u00dc.: diese Fassung kann Spuren von k\u00fcnstlicher Intelligenz enthalten.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pessimismus ist keine L\u00f6sung | 10. 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