{"id":26580,"date":"2026-08-12T16:52:56","date_gmt":"2026-08-12T14:52:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26580"},"modified":"2026-08-12T16:52:56","modified_gmt":"2026-08-12T14:52:56","slug":"lukas-189-14-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-189-14-6\/","title":{"rendered":"Lukas 18,9\u201314"},"content":{"rendered":"<h3>fromm und frei | 11. So. n. Trinitatis | 16.08.2026 | Lukas 18,9\u201314 | Verena Salvisberg |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<\/p>\n<p>Zwei pers\u00f6nliche Beispiele f\u00fchren mich zur Auseinandersetzung mit dem heutigen Gleichnis aus dem Evangelium nach Lukas, betitelt mit \u00abDer Pharis\u00e4er und der Z\u00f6llner\u00bb.<\/p>\n<p>Das erste Beispiel: Vor vielen Jahren hatte ich engen Kontakt mit einem Gemeindeglied meiner damaligen Gemeinde, eine fromme Frau, eine vorbildliche Christin k\u00f6nnte man sagen. Sie hatte viele Fragen zu der Art und Weise, wie die Menschen in der Kirchgemeinde ihren Glauben lebten und zum Ausdruck brachten. F\u00fcr sie war zu wenig \u00dcberzeugung zu sp\u00fcren, der Glaube zu lau und zu zuf\u00e4llig, ein klares und sichtbares Bekenntnis fehlte ihr. Es war eben eine ganz \u00abnormale\u00bb Gemeinde mit Menschen, die zum so genannten Kern geh\u00f6rten, aber auch mit vielen, die ab und zu in den Gottesdienst kamen oder nur zu den Frauenmorgen mit gesundheitsbezogenen oder psychologischen Themen oder solche, die zwar an Heiligabend in der Kirche auftauchten, die sich aber mit dem Gesangbuch nicht auskannten und sichtlich unsicher waren.<\/p>\n<p>Meine Bekannte war eine treue Gottesdienstbesucherin und sie gab mir oft Feedback. Zum Beispiel waren ihr meine Predigten immer zu kurz und zu wenig klar. Das entsprach allerdings durchaus meinem Selbstverst\u00e4ndnis. Biblische Texte sind f\u00fcr mich selten eindeutig. Aus vielen Geschichten l\u00e4sst sich meiner Meinung nach keine einfache und klare Botschaft und schon gar keine Handlungsanweisung herauskristallisieren. So liebte ich es, Varianten zu er\u00f6ffnen, aus der Auslegung eine Auslegeordnung zu machen, die Zuh\u00f6rer:innen einzuladen, selber zu w\u00e4hlen und ihre Schl\u00fcsse zu ziehen. Trotzdem ging mir die Kritik der engagierten Christin zu Herzen. Ich wollte ja auch, dass der Glaube wahr und lebendig und begeisternd daherkam. Mir war es auch Ernst mit dem Evangelium.<\/p>\n<p>Meine Bekannte zog es dann immer mehr in eine Freikirche der Region, wo sie eher fand, was ihr entsprach. Trotzdem blieb sie ihrer Wohnkirchgemeinde treu und pflegte weiterhin den Kontakt zu mir. Einmal sagte sie zu mir: \u00abWeisst du, wenn ich bei denen in den Gottesdienstraum hineinkomme, da sitzen da hundertf\u00fcnfzig Leute, und alles richtige Christen.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abWoher weiss sie das?\u00bb, dachte ich. \u00abWie kann sie in die Herzen der Menschen hineinschauen? Wie kann sie wissen, dass die Besucher:innen in unserer Gemeinde keine richtige Christ:innen sind. Wie kann man das von aussen sehen?\u00bb<\/p>\n<p>Ihr Urteil schien mir ungerecht und nicht gerechtfertigt. Und trotzdem: Ich wollte ja auch, dass der Glaube sichtbar ist, die Menschen der Gemeinde von einer Freude und einer Zuversicht bewegt, die f\u00fcr andere attraktiv sein mochte.<\/p>\n<p>Das zweite Beispiel ist eine Erfahrung, die ich k\u00fcrzlich gemacht habe w\u00e4hrend meines Studienurlaubs in der \u00f6kumenischen Gemeinschaft auf Iona<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, einer kleinen Hebrideninsel in Schottland. W\u00e4hrend f\u00fcnf Monaten habe ich als Freiwillige in der K\u00fcche gearbeitet und das Gemeinschaftsleben mit den Angestellten, weiteren Freiwilligen und den w\u00f6chentlich wechselnden G\u00e4sten geteilt.<\/p>\n<p>Wichtig sind in dieser Gemeinschaft die t\u00e4glichen Gottesdienste und Gebete. Alles ist auf Partizipation angelegt, so wird zum Beispiel die Leitung der Gottesdienste ganz unkompliziert untereinander aufgeteilt. Die Liturgien sind vorgegeben, so dass jedermann und jedefrau \u00fcbernehmen kann. Es braucht keine theologische Vorbildung, es braucht keine Pfarrer:innen. Diese Gebete, in denen auf einmal der Koch oder die G\u00e4rtnerin am Rednerpult stand, haben mich angesprochen. Viele Freiwillige haben zum ersten Mal die Leitung eines Gottesdienstes \u00fcbernommen. Dass ihnen das so viel bedeutet hat, hat mich ber\u00fchrt. Die Abendgottesdienste waren allw\u00f6chentlich den Themen gewidmet, die das besondere soziale und politische Engagement der Iona-Community zum Ausdruck brachten: Gerechtigkeit und Frieden, Gebet um Heilung, Sch\u00f6pfung, Bekenntnis. Da wurde dann ganz konkret \u00fcber das Leben gesprochen, \u00fcber den Umgang mit Geld, \u00fcber vielf\u00e4ltige M\u00f6glichkeiten, sich f\u00fcr die Umwelt zu engagieren, \u00fcber aussterbende Tierarten, Klimawandel, Recycling, LGBTQplus, Friedensarbeit usw.<\/p>\n<p>Dass dabei f\u00fcr meinen (reformierten Pfarrerinnengeschmack) die theologische Auseinandersetzung mit der Bibel zu kurz kam, dass es oft sofort um die Frage ging: Was heisst das konkret, wenn ich eine Christin, ein Christ bin?, das habe ich hingenommen und habe mich ganz auf diesen Rhythmus des \u00abOra et Labora\u00bb oder \u00abWork and Worship\u00bb, wie es da hiess, eingelassen.<\/p>\n<p>Als ich dann mit der Zeit entdeckte, dass es anscheinend doch \u00abrichtigere\u00bb Christ:innen gab, n\u00e4mlich die Mitglieder der Community, die sich in einem mehrj\u00e4hrigen Programm einer bestimmten Lebenshaltung verpflichteten und die durch eine Art Weihe als vollwertige Mitglieder aufgenommen worden waren, war ich zun\u00e4chst irritiert. Auf Schritt und Tritt liessen diese Menschen uns andern ihre Ernsthaftigkeit und ihr Engagement sp\u00fcren. Sahen sie ein bisschen auf uns \u00abNormale\u00bb hinab oder bilde ich mir das nur ein?<\/p>\n<p>Auf diese Spielchen wollte ich mich jedenfalls nicht einlassen. Ich liess weiterhin im Gottesdienst meinen Blick schweifen \u00fcber die zusammengew\u00fcrfelte Gesellschaft, die sich in der Kirche versammelt hatte und freute mich \u00fcber die Momente der Gemeinschaft mit diesen Menschen. F\u00fcr mich war klar: Was auch immer sie hergef\u00fchrt hatte, Zweifel oder Eifer, Fragen oder fester Glauben, man kann nicht in sie hineinsehen. Und wer w\u00e4re ich, diese Menschen zu beurteilen?<\/p>\n<p>Trotzdem regten die Community-Mitglieder mich gerade dadurch an \u00fcber vieles nachzudenken, dass sie von ihrer \u00dcberzeugung und ihrem Engagement sprachen, Sie erinnerten mich wieder und wieder an die ganz konkreten praktischen Auswirkungen des christlichen Glaubens und beeindruckten mich mit ihrer Ernsthaftigkeit und ihrer weltweiten Vernetzung. Was mich irritierte, war ihr sp\u00fcrbares Bewusstsein, etwas Besonderes zu sein, ernsthafter gl\u00e4ubig, bekennender. Ihr \u00abbesseres\u00bb Christentum.<\/p>\n<p>Aber eben auch hier: Man sieht nicht in die Menschen hinein.<\/p>\n<p>Ganz anders das Gleichnis vom Pharis\u00e4er und vom Z\u00f6llner, unser heutiger Predigttext: Es gew\u00e4hrt uns Einblick in die intimste Gedanken- und Gebetswelt zweier sehr unterschiedlicher Menschen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Jesus erz\u00e4hlt einigen, die \u00fcberzeugt waren, gerecht zu sein, und die anderen verachteten, das folgende Gleichnis:<br \/>\n<\/em><em>Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine war ein Pharis\u00e4er und der andere ein Z\u00f6llner. Der Pharis\u00e4er stellte sich hin und betete, in sich gekehrt, so: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, wie R\u00e4uber, Betr\u00fcger, Ehebrecher oder auch wie dieser Z\u00f6llner. Ich faste zweimal in der Woche, ich gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.<br \/>\n<\/em><em>Der Z\u00f6llner aber stand ganz abseits und wagte nicht einmal seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und sagte: Gott, sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig!<br \/>\n<\/em><em>Ich sage euch: Dieser ging befreit in sein Haus zur\u00fcck, jener nicht. Denn wer sich selbst erh\u00f6ht, wird erniedrigt werden; wer sich aber selbst erniedrigt, wird erh\u00f6ht werden\u00a0<\/em><em>(Lk 18, 9-14).<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der eine, der Pharis\u00e4er, ist ziemlich perfekt. Er macht Ernst mit seinem Glauben und richtet seinen Lebenswandel danach aus. Ich finde das sehr beeindruckend. Es ist ihm auch bewusst und er listet seine Guttaten im Gebet auf. Der andere, als Z\u00f6llner der Inbegriff eines S\u00fcnders, wagt sich kaum in den Tempel hinein, m\u00f6glicherweise, weil er nichts dergleichen vorzuweisen hat. Er bezeichnet sich als S\u00fcnder und bittet Gott, gn\u00e4dig zu sein.<\/p>\n<p>Der eine geht gerechtfertigt (befreit) nach Hause, der andere nicht.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re leicht, dieses Gleichnis moralisch zu verstehen, aber ich m\u00f6chte dieser Versuchung widerstehen. Es w\u00e4re zu einfach. Es leuchtet ja sofort ein, dass der Pharis\u00e4er nicht befreit nach Hause gehen kann. Er br\u00fcstet sich mit seinen Taten. Er vergleicht sich mit anderen, f\u00fchlt sich als etwas Besseres. \u00abDanke, dass ich nicht so bin wie die.\u00bb Der Pharis\u00e4er erinnert mich an die \u00abechten Christen\u00bb. Sie sind nicht frei. Ihre Gedanken kreisen darum, besser zu sein als die anderen und besser zu werden. Etwas Besonderes zu sein. Das ist unsympathisch, l\u00e4sst andere zur\u00fcck mit dem schalen Gef\u00fchl zur\u00fcck, weniger gut zu sein. Aber werden sie deswegen verurteilt? Oder ist es an mir, sie aufgrund des Gleichnisses zu verurteilen. Mitnichten!<\/p>\n<p>Ich bleibe dabei, es ist nicht an mir zu urteilen. Ich lasse meinen Blick im Tempel schweifen und geniesse die Gemeinschaft all dieser Menschen, die den Weg hierher gefunden haben. Muss ich mich vergleichen? Nein. Muss ich mich vergleichen lassen? Nein.<\/p>\n<p>Frei bin ich, wenn ich das Urteilen Gott \u00fcberlasse.<\/p>\n<p>Und er sei mir gn\u00e4dig, falls diese Predigt zu wenig klar oder zu kurz geraten ist.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfrn. Verena Salvisberg Lantsch, Merligen<\/strong><br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:verenasalvisberg@bluewin.ch\">verenasalvisberg@bluewin.ch<\/a><\/p>\n<p>Verena Salvisberg Lantsch, geb. 1965, Gemeindepfarrerin in Laufenburg, Frick und Roggwil BE, seit 2022 Regionalpfarrin der Berner Kirche im Kreis Berner Oberland\/Oberes Emmental<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Fussnote<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> https:\/\/iona.org.uk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>fromm und frei | 11. So. n. Trinitatis | 16.08.2026 | Lukas 18,9\u201314 | Verena Salvisberg | &nbsp; Liebe Gemeinde Zwei pers\u00f6nliche Beispiele f\u00fchren mich zur Auseinandersetzung mit dem heutigen Gleichnis aus dem Evangelium nach Lukas, betitelt mit \u00abDer Pharis\u00e4er und der Z\u00f6llner\u00bb. 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