{"id":26589,"date":"2026-08-20T10:04:43","date_gmt":"2026-08-20T08:04:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26589"},"modified":"2026-08-20T10:04:43","modified_gmt":"2026-08-20T08:04:43","slug":"matthaeus-1231-42-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1231-42-3\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 12,31 &#8211; 42"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\">Predigt zum 12. Sonntag nach Trinitatis<\/p>\n<ol start=\"23\">\n<li style=\"font-weight: 400;\">August 2026<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mt 12,31\u201342 und Jakobus 3,1-12<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">von Christiane Gammeltoft-Hansen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Zur Welt kommen<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Geist ist das Umfassende. Er umschlie\u00dft alles und ist in allem. Der Geist ist Anfang \u2013 im weiten Sinn und im ganz Nahen. DU sollst den Schlaf absch\u00fctteln, sagt er, wenn wir die Augen aufschlagen. Sieh das Licht, das an der K\u00fcste der Welt landet. Sieh die Gnade, die in deine Fr\u00fchst\u00fccksschale rinnt. H\u00f6re ein \u201eGuten Morgen\u201c. Erwidere es mit Worten, mit denen auch du dem anderen einen guten Tag w\u00fcnschst. So kann der Geist sich Morgen f\u00fcr Morgen zu erkennen geben, in einem ganz gew\u00f6hnlichen Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Apostel Jakobus hat wenig Vertrauen in unsere F\u00e4higkeit, auf den Ruf des Geistes zu antworten. Die Zunge l\u00e4sst sich nicht z\u00e4hmen, sagt er. Unabl\u00e4ssig ist sie dabei, Bosheit zu verbreiten. Ein kleines Organ mit seinem eigenen hinterh\u00e4ltigen Leben. Kein \u201eGuten Morgen\u201c von dieser Seite. Aber der Geist ist gn\u00e4dig. Er sieht milder auf die M\u00f6glichkeit des Menschen \u2013 auch auf unsere M\u00f6glichkeit, vern\u00fcnftige und sch\u00f6ne Dinge zu sagen. Der Geist ist in allem. Das hei\u00dft, er ist auch in uns. Das gibt Hoffnung: dass nicht alles, was unseren Mund verl\u00e4sst, mit Fehlern und M\u00e4ngeln behaftet ist, sondern dass wir auch etwas sagen k\u00f6nnen, das aufrichtig ist, freundlich, anst\u00e4ndig, liebevoll. Dass der Geist dabei helfen kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt Menschen, die sagen, der Geist habe seine bevorzugten Kan\u00e4le. Wenn wir ein Kirchenlied singen oder ein Gedicht h\u00f6ren, das in verdichteter Form ist, als bek\u00e4me man das Evangelium noch einmal geschenkt, dann ist man durchaus geneigt, ihnen recht zu geben. Dass jene Sprache, die zugleich genau und umfassend zu reden vermag, mehr vom Eigentlichen mitbekommt. Dass wir hinh\u00f6ren m\u00fcssen, wenn die Dichter sprechen und einen Nerv treffen, wo der Geist mitzuklingen scheint.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gibt es einen sch\u00f6neren Ausdruck auf Erden als&#8220;Zur Welt kommen&#8220; \u2013 schreibt ein Dichter {Benny Andersen, &#8222;Alt&#8220;, Himmelspr\u00e6t eller kunsten at komme til verden\u201c, 1979, A.d.\u00dc. }:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zur Welt kommen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt andere sch\u00f6ne Ausdr\u00fccke \u2013 sagt er weiter<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lieben<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gl\u00fccklich sein<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gl\u00fccklich machen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sich des Lebens freuen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber was w\u00e4ren sie wert<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">wenn man nicht zur Welt k\u00e4me<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">nicht zur Welt gebracht w\u00fcrde<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">in die Welt gesetzt<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">oder auf andere Weise in etwas hineingezwungen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">sondern von drau\u00dfen aus dem All herangeschlendert k\u00e4me<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">jede Menge Zeit h\u00e4tte<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">und nichts Besonderes sonst zu tun<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">und die Welt erblickte<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">und d\u00e4chte<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aha<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da ist etwas<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">da w\u00fcrde ich mich gern niederlassen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">und das Licht der Welt erblicken<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Welch ein Vertrauen in diesen paar Worten liegt<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zur Welt kommen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist alles<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">worum es geht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht lege ich dem Dichter Benny Andersen mehr Worte in den Mund, als er eigientlich sagt. Aber ich wage es dennoch. \u201eZur Welt kommen\u201c \u2013 das klingt nach einer Ankunft im Reich des Geistes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja, die Zunge ist ein tr\u00fcgerischer Muskel. Sie kann auf so vieles verfallen. Und oft w\u00fcnschten wir, sie h\u00e4tte innegehalten, ehe sie loslegte. Und viel besser steht es nicht mit den Augen, die gleich \u00fcber ihr sitzen. Sie k\u00f6nnen selbst das Evangelium lesen, wie der Teufel die Bibel liest. Doch mit dem Zutun des Geistes k\u00f6nnen die Augen ein Doppelsehen entwickeln, mit dem sie tiefer und klarer sehen. Eine Welt sehen, zu der man gekommen, zu der man gebracht, in die man hineingeboren ist. Keine gew\u00e4hlte Welt, sondern eine Welt, die gegeben ist. Und mit dem Zutun des Geistes k\u00f6nnen die Augen zuweilen auch milde werden. Bisweilen k\u00f6nnen andere im Licht ihres liebevollen Blicks sogar sch\u00f6n werden. Und ebenso mit der Zunge. Mit dem Zutun des Geistes kann sie pl\u00f6tzlich zum feinsten Instrument werden f\u00fcr Erz\u00e4hlungen vom Erscheinen des Reiches Gottes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich frage mich, ob man gegen das Umfassende s\u00fcndigen kann. Kann man gegen das s\u00fcndigen, wovon man nicht auf Abstand gehen kann, gegen das, was mit einem selbst verbunden ist? Kann man gegen das s\u00fcndigen, was man mit seiner blo\u00dfen Existenz bekennt und bekr\u00e4ftigt? Matth\u00e4us w\u00fcrde sagen, es sei schon S\u00fcnde, den Gedanken auch nur zu denken. Die S\u00fcnde gegen den Geist ist eine Wirklichkeit, sagt er. Sie ist die gr\u00f6\u00dfte S\u00fcnde von allen. Und er formt die Zunge und schleudert allen S\u00fcndern ein \u201eOtterngez\u00fccht\u201c hinterher.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hat man ein Gedicht vom Zur-Welt-Kommen in den Ohren h\u00e4ngen, so fallen die Worte des Matth\u00e4us j\u00e4h herein. Doch Matth\u00e4us selbst hat Anlauf genommen. Der Peitschenhieb seiner Zunge ist kein pl\u00f6tzlicher Einfall. Er hat gerade eben zuvor in seinem Evangelium von einer Heilung erz\u00e4hlt. Ein Mann, der weder sehen noch sprechen kann, bekommt Sehkraft und Stimme zur\u00fcck. Es ist ein Wunder, eine Freude \u00fcber Gottes Eingreifen \u2013 aber die Umstehenden k\u00f6nnen es nicht sehen. Es ist, als gesch\u00e4he, w\u00e4hrend der eine sehend wird, das Umgekehrte mit denen, die es bezeugen. Sie werden blind, verlieren die F\u00e4higkeit, tiefer zu sehen und mehr zu verstehen. Sie sind Zeugen des Gro\u00dfz\u00fcgigen, des Gnadenvollen, des R\u00e4tselhaften. Zeugen des Guten. Doch sie sehen nichts. Oder besser: Sie sehen das Gegenteil. Ein Mensch wird geheilt, und nat\u00fcrlich ist es nicht zu begreifen. Aber statt Neugier zu wecken, vielleicht sogar Dankbarkeit, verschr\u00e4nken sie die Arme und kneifen misstrauisch die Augen zusammen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was ist das f\u00fcr ein sonderbarer Widerstand gegen das Gute, der sich im Menschen einstellen kann? Was ist es, das uns das Leben kleinreden l\u00e4sst, uns misstrauisch gegen die Freude stellt, statt nach ihr zu greifen? Ein Mann wird geheilt, doch im selben Augenblick ist es, als bek\u00e4men die Zeugen kollektiv eine Entz\u00fcndung des Sehnervs. Sie werden zu sauert\u00f6pfischen Rezensenten, die nach Fehlern in Syntax und Metaphern suchen und sich kaum verhohlen freuen, wenn sie mit ihrer Kritik zuschlagen k\u00f6nnen. Eine kleine teuflische Lust, giftig zu sein, die Freude anzustechen und die Luft aus ihr entweichen zu sehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die S\u00fcnde gegen den Geist ist die gr\u00f6\u00dfte aller S\u00fcnden, sagt Matth\u00e4us. In ihr liegt Verlorenheit. Das ist wahr. Wenn du das Licht ausschlie\u00dft, wird es dunkel. Die Folge der S\u00fcnde gegen den Geist, sagt Matth\u00e4us, ist durchgreifend. Sie bedeutet, dass du nicht mehr dazugeh\u00f6rst. Es geht nicht um ein Sowohl-als-auch; f\u00fcr Matth\u00e4us ist es ein Entweder-oder. Entweder bist du angekommen, oder du bist es nicht. Entweder gebrauchst du das Doppelsehen des Geistes, um den Wert des anderen und den Wert der Welt zu sehen, oder du tust es nicht \u2013 und wenn du die Augen schlie\u00dft, verschlie\u00dft sich dann auch Gott vor dir. Doch die Frage, die der Geist selbst in uns zur\u00fcckl\u00e4sst, ist die, ob es m\u00f6glich ist, auf Abstand zum Umfassenden zu leben. Ja, wir k\u00f6nnen die Augen schlie\u00dfen und in Blindheit und Dunkelheit leben. Aber k\u00f6nnen wir uns aus dem Reich des Geistes zur\u00fcckziehen? Wenn der Geist sich mit allem verbindet und in allem ist, wohin sollten wir uns dann zur\u00fcckziehen? Nicht wir sind es, die f\u00fcr unsere Ankunft in der Welt sorgen. Wir sind zu ihr gebracht worden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir k\u00f6nnen von Entzauberung reden und davon, dass das Gute und Sch\u00f6ne nichts sei, dass der Glaube etwas f\u00fcr naive, unwissende Seelen sei, die nicht den Verstand haben, anders zu denken. Wir k\u00f6nnen die Hoffnung wegpacken, anderen die Freude nehmen und uns selbst die Freude, Erde werfen auf das, was gegeben ist, und die Zunge die schrecklichsten Dinge sagen lassen. Aber der Geist weht, wohin er will, st\u00f6\u00dft T\u00fcren und Fenster auf, sodass das Licht hereinbricht. Und er ist nicht stumm: Er weckt uns und sagt, fang neu an. Steh auf und wende dich dem zu, wozu du gebracht bist. Und der Geist tr\u00e4gt der Welt Worte zu, die wir uns selbst nicht sagen k\u00f6nnen. Worte wie etwa: Dir ist vergeben, du bist zu lieben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unsere Erfahrung bezeugt, dass in den verschr\u00e4nkten Armen und im oberfl\u00e4chlichen Blick Verlorenheit liegt. Wir wissen nur allzu gut, was es mit uns selbst macht und mit denen, die wir ihm aussetzen. Und wir wissen, dass wir vor der Verantwortung nicht davonlaufen k\u00f6nnen. Doch die Gnade ist: Auch vor dem Geist k\u00f6nnen wir nicht davonlaufen. Er ist die Konstante in unserem Leben, das innerste lebenspendende Prinzip selbst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir k\u00f6nnen nicht aus der Sph\u00e4re des Geistes herausfallen \u2013 daf\u00fcr ist sie zu umfassend.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Reich des Geistes landet das Licht jeden Morgen an der K\u00fcste der Welt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und jeden Morgen l\u00e4sst er uns dazu erwachen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Christiane Gammeltoft-Hansen<br \/>\nLindevang Kirke, Frederiksberg<br \/>\ncgh@km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum 12. Sonntag nach Trinitatis August 2026 Mt 12,31\u201342 und Jakobus 3,1-12 von Christiane Gammeltoft-Hansen Zur Welt kommen Der Geist ist das Umfassende. Er umschlie\u00dft alles und ist in allem. Der Geist ist Anfang \u2013 im weiten Sinn und im ganz Nahen. 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