{"id":26611,"date":"2026-08-26T08:07:58","date_gmt":"2026-08-26T06:07:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26611"},"modified":"2026-08-25T12:48:31","modified_gmt":"2026-08-25T10:48:31","slug":"apostelgeschichte-61-7-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-61-7-5\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 6,1\u20137"},"content":{"rendered":"<h3>Glauben und Handeln | 13. So n. Trinitatis | 30. August 2026 | Apg 6,1\u20137 | Wolfgang V\u00f6gele |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Friedensgru\u00df<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Predigttext f\u00fcr den 13.Sonntag nach Trinitatis steht in der Apostelgeschichte 6,1\u20137:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\">\u201eIn diesen Tagen aber, als die Zahl der J\u00fcnger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebr\u00e4ischen, weil ihre Witwen \u00fcbersehen wurden bei der t\u00e4glichen Versorgung. Da riefen die Zw\u00f6lf die Menge der J\u00fcnger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, da\u00df wir f\u00fcr die Mahlzeiten sorgen und dar\u00fcber das Wort Gottes vernachl\u00e4ssigen. Darum, ihr lieben Br\u00fcder, seht euch um nach sieben M\u00e4nnern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie w\u00e4hlten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia. Diese M\u00e4nner stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die H\u00e4nde auf sie. Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der J\u00fcnger wurde sehr gro\u00df in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<h3>Glauben und Handeln<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">wer im Moment abends um acht die Tagesschau einschaltet, vor dessen Augen laufen erschreckende Bilder ab, von ausgetrockneten Flu\u00dfbetten und riesigen Waldbr\u00e4nden sowie von sicher gestellten Kamikaze-Drohnen auf deutschen Flugh\u00e4fen. Hitzewelle und Trockenheit, die Angst vor einem Krieg, der sich nach Westeuropa hineinschleicht, und die Unterbrechung der Versorgung mit Rohstoffen schaffen ein Klima der Verunsicherung. Vor und hinter der Kamera bleibt unklar, was zu tun w\u00e4re. Der Blick auf die Politiker, die handeln sollen, zeigt immer mehr Rechtspopulisten deren einfache Rezepte die W\u00e4hler t\u00e4uschen, aber wenig weiterf\u00fchren. Viele Gelegenheiten zu vern\u00fcnftigem, \u00fcberlegtem Handeln verstreichen ungenutzt. Politische Lagen, die sich nicht durch einfache Handlungen aufl\u00f6sen lassen, treiben B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in Gef\u00fchle von Ohnmacht. Wer meint, nichts tun zu k\u00f6nnen, zieht sich in Resignation oder umgekehrt in Wut und Aggression zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dies ist kein Traktat \u00fcber politische Vernunft und pragmatisches Handeln. Ich will keine Hinweise zur strategischen L\u00f6sung politischer Probleme geben. Mir geht es um einen Weg aus der Verunsicherung. Der Evangelist Lukas erz\u00e4hlt von der entstehenden Urgemeinde in Jerusalem, einer Stadt, die aus bekannten Gr\u00fcnden bis heute zu den Konflikt- und Unruheherden des Nahen Ostens z\u00e4hlt. Schon die erste christliche Gemeinde stand vor existenzbedrohenden Problemen, in diesem Fall einer sozialpolitischen Schieflage. Lukas beschreibt die L\u00f6sung des Problems in d\u00fcrren, b\u00fcrokratischen Worten. Das erinnert an das br\u00e4sige Protokoll einer Sitzung aus dem klerikalen Verordnungsblatt, bei dem Probleme hinter moralischen Appellen verschleiert werden. Trotzdem verbergen sich in der protokollarischen Notiz des Lukas wichtige Hinweise darauf, wie Christenmenschen mit Gef\u00fchlen politischer Ohnmacht produktiv umgehen k\u00f6nnen. Dem will ich nachgehen. Die Frage, warum sich ausschlie\u00dflich M\u00e4nner um die Probleme von Frauen, hier: Witwen k\u00fcmmern, lasse ich beiseite. Vielleicht nur das: Ich wundere mich dar\u00fcber, weil kein anderer Evangelist so viel von namentlich bekannten Witwen erz\u00e4hlt wie Lukas.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Evangelist erz\u00e4hlt, wie die Gemeinde das Amt der Diakone schafft. Wenn Lukas in der Gegenwart gelebt h\u00e4tte, ich bin sicher, er h\u00e4tte sich auch Frauen als Diakoninnen vorstellen k\u00f6nnen. Wichtig ist allein: Niemand <em>muss<\/em> in der Gemeinde ein Amt aus\u00fcben, um Christin oder Christ zu sein. Die ersten drei Eigenschaften von Christenmenschen scheinen gleich am Anfang auf, als die leitenden Apostel der Gemeinde dar\u00fcber reden, welche Aufgaben ein Diakon erf\u00fcllen muss: \u201e[S]eht euch um nach sieben M\u00e4nnern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer Diakon sein will, soll offen sein f\u00fcr den Heiligen Geist. Christlicher Glaube ist kein Wettbewerb, bei dem es darum geht, so viele Bed\u00fcrftige besucht, bekehrt, missioniert, getraut, getauft, beerdigt zu haben. Glaube braucht keine Statistiken, das brauchen nur klerikale B\u00fcrokratien. Glaube braucht am Anfang vor allem Offenheit und die Bereitschaft auf das zu h\u00f6ren, was Gott den Menschen nahebringen will. Die Aufgabe besteht nicht darin, Leistungen zu erbringen, wie die Arbeiter am Flie\u00dfband ihren Akkord erf\u00fcllen m\u00fcssen. Die erste Aufgabe besteht darin, offen zu sein f\u00fcr das, was der Geist wirkt. Und der Heilige Geist, das wissen gerade die Leser des Lukas, ist nicht auf Kirchenr\u00e4ume beschr\u00e4nkt, sondern er wirkt, wo er will, \u00fcber Kirchen und Gemeinden hinaus. Wer glaubt, der wird aufmerksam auf Orte, Zeiten und Rituale Gottes. Was k\u00f6nnte Gott von mir wollen? Wo konzentriert sich seine Gegenwart?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manche christlichen Gemeinden inszenieren diese Gegenwart Gottes als Folge von Wunderheilungen, von Ekstase und Zungenreden, von \u00fcberschw\u00e4nglicher Begeisterung, die ihren Anhalt am Alltag v\u00f6llig verloren hat. Hier aber inszeniert niemand eine Glaubensshow, Fr\u00f6mmigkeit als Entertainment. Vielmehr verbindet sich die Offenheit f\u00fcr den Heiligen Geist mit Vernunft und Pragmatik und n\u00fcchterner Berechnung. Glauben f\u00fchrt nicht in Ekstase, sondern in hoffnungsvolles Abwarten und n\u00fcchternes Kalk\u00fcl. Der Heilige Geist wirkt nicht, indem er die Naturgesetze au\u00dfer Kraft setzt. Er wirkt im Alltag.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Um das zu bemerken und um daran Orientierung zu finden, braucht es neben dem Glauben vertrauensvolle Weisheit. Weisheit bedeutet, nicht nur im Glauben, aber auch im Glauben Erfahrungen zu sammeln und daraus zu lernen. Es schadet auch nichts, die Lebenserfahrungen anderer nach einer Pr\u00fcfung zu \u00fcbernehmen. Der Heilige Geist kann auch darin handeln und wirken, da\u00df schlicht und einfach etwas Vern\u00fcnftiges, Ma\u00dfvolles geschieht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich mu\u00df nicht alles selbst erfinden. Wenn andere etwas Gutes praktizieren, kann ich es \u00fcbernehmen. So ist das schon in der hebr\u00e4ischen Bibel. Wichtig ist: Weisheit allein ist nicht alles \u2013 wie das Wirken des Geistes nicht alles ist. Es m\u00fcssen alle hier genannten Komponenten zusammenwirken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer Offenheit f\u00fcr den Geist und Weisheit zutreffend miteinander verkn\u00fcpft, dem merkt man das an. Die Menschen sp\u00fcren das, wenn jemand Gutes bewirkt. Er erwirbt sich einen guten Ruf und gewinnt Ansehen unter den Glaubenden. Man wei\u00df: Zu dieser und jener Person kann ich gehen, wenn es mir nicht gut geht. Glauben, Geist und Weisheit bleiben nicht im stillen K\u00e4mmerlein, sondern sie gewinnen \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit, Anerkennung und Verbreitung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer Glaube, Geist und Weisheit verbindet, der kann auch anderen helfen. Das ist die vierte gute Eigenschaft, die hier zur Disposition steht. Im Griechischen wird f\u00fcr Helfen das Verb \u201ediakonein\u201c gebraucht. Das steht aber noch nicht f\u00fcr Diakonie im evangelischen oder Caritas im katholischen Bereich. Urspr\u00fcnglich ging es im Griechischen und auch im Neuen Testament um das Dienen bei einer Mahlzeit: Das f\u00e4ngt beim F\u00fc\u00dfewaschen beim Betreten des Hauses an, weil die Stra\u00dfen staubig sind. Es setzt sich fort mit Tischdecken, Auftragen, Servieren, Abr\u00e4umen, Geschirrsp\u00fclen. Das ist Dienen im Sinne von \u201ediakonein\u201c. In der Jerusalemer Urgemeinde erh\u00e4lt das Dienen trotzdem einen anderen, christlichen Akzent.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dienen hei\u00dft nun: Ich verschlie\u00dfe die Augen nicht vor der Not des anderen. Ich erkundige mich und \u00fcberlege, wo ich helfen kann. Das ist nicht nur eine Sache der Spezialisten, obwohl Lukas gerade in diesem Predigttext von der Einrichtung des Diakonenamtes erz\u00e4hlt. Aber Lukas kannte noch keine riesigen diakonischen Einrichtungen, in denen Tausende von Mitarbeitenden Alten, Pflegebed\u00fcrftigen, psychisch Kranken zur Seite standen. Diakonie meint Glaube, Weisheit und Kommunikation mit anderen, dazu eine bestimmte Haltung der Aufmerksamkeit. Mit dieser Aufmerksamkeit sehen die Glaubenden, wo Not entsteht und wo im Kleinen geholfen werden kann. Diakonische Gro\u00dfinvestitionen und Gro\u00dfinstitutionen entwickeln sich erst Jahrhunderte sp\u00e4ter. F\u00fcr Lukas ist die Haltung der Aufmerksamkeit wichtig: Sie sieht die Not dort, wo sie entsteht, und hilft dann im Kleinen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Neben den drei individuellen Bestimmungen Offenheit f\u00fcr den Geist, Weisheit und (diakonisches) Dienen kommen nun drei weitere Bestimmungen des Glaubens hinzu. Alle drei sind st\u00e4rker auf Gemeinschaft und Kommunikation ausgerichtet: das gemeinsame Essen, das H\u00f6ren auf Gottes Wort und zuletzt das Beten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gemeinsames Essen entwickelt sich aus Dienen und Beten. Das mag manchem viel zu harmlos vorkommen, aber es ist ein entscheidender Faktor f\u00fcrs Gemeindeleben. Der geht verloren, wenn dieses nur aus Sitzungen, Kommissionen und B\u00fcrokratie besteht. Gemeinsames Essen f\u00fchrt zum Abendmahl im Gottesdienst, der geistlichen Mahlgemeinschaft. Aber auch ohne den theologischen Aspekt ist gemeinsames Essen wichtig, um miteinander reden zu k\u00f6nnen. Es ist wichtig, um Not und Probleme wahrzunehmen und helfen zu k\u00f6nnen. Beim Essen wird Wirklichkeit, wie ein afrikanisches Sprichwort sagt, das ich einmal gelesen habe: &#8222;Der Mensch ist f\u00fcr den Menschen die beste Medizin.&#8220; Das gilt auch f\u00fcr glaubende Menschen. Glaube und Gemeinschaft sind f\u00fcr den anderen die beste Medizin.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die leitenden Apostel in der Jerusalemer Urgemeinde reservieren die Verk\u00fcndigung des Evangeliums f\u00fcr sich selbst. In der Gegenwart steht dieser Auftrag zur Verk\u00fcndigung M\u00e4nnern <em>und<\/em> Frauen offen. Er steht eigentlich allen Glaubenden offen, die das Evangelium weiterbringen wollen. Jeder, der glaubt, braucht Gottes Wort. Es wird ihm und ihr von au\u00dfen zugesprochen. Das ist aus einem ganz bestimmten Grund wichtig: Solange wir in unserer eigenen Sprache, in unseren eigenen Gedanken kreisen, haben wir Schwierigkeiten, uns selbst (und auch anderen) zu helfen. Wir brauchen diese Befreiung aus dem selbstverliebten Kreisen um das eigene Ich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der letzte Punkt, das Beten, fasst im Grunde all das zusammen, was ich bisher gesagt habe: Wer betet, wendet sich an den, dem er sein Leben verdankt. Es geh\u00f6rt schon zur Weisheit die Erkenntnis, dass ich mir nicht aus eigener Kraft aus meinen Problemen helfen kann. Wer betet, wendet sich an Gott. Beten bedeutet, h\u00f6ren zu lernen, das eigene Geplapper verstummen zu lassen. Wer betet, kann zuh\u00f6ren, er muss nicht unbedingt reden. In diesem Sinn hat es der d\u00e4nische Philosoph Kierkegaard einmal formuliert. Und Beten hat in der F\u00fcrbitte mit Helfen zu tun. Eine Konfirmandin hat gesagt: F\u00fcrbitten sind mir wichtig, denn da beten wir f\u00fcr andere Menschen, damit ihnen geholfen wird. Wer betet, gibt sich nicht zufrieden mit dem, was ist. Er will \u00fcber die m\u00fchsame, un\u00fcbersichtliche Gegenwart hinausgelangen. Beten erfordert aufmerksam zu sein und sich ber\u00fchren zu lassen. Wer betet, der \u00f6ffnet sich dem Heiligen Geist. Das ist der erste Schritt, um denen zu helfen, die es n\u00f6tig haben. Genau so breitet sich Gottes Liebe aus. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. Dr. Wolfgang V\u00f6gele<br \/>\nKarlsruhe<br \/>\nwolfgangvoegele1@googlemail.com<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wolfgang V\u00f6gele, geboren 1962. Apl. Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Ethik an der Universit\u00e4t Heidelberg. Er schreibt \u00fcber Theologie, Gemeinde und Predigt in seinem Blog \u201eGlauben und Verstehen\u201c (www.wolfgangvoegele.wordpress.com). Neuerscheinung: Zusammen mit Sven-Kristian Wolf, Glauben und Schauen. Theologisch-fotografische Betrachtungen, Karlsruhe 2026.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Glauben und Handeln | 13. So n. Trinitatis | 30. 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