{"id":26616,"date":"2026-08-26T08:04:47","date_gmt":"2026-08-26T06:04:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26616"},"modified":"2026-08-26T09:37:29","modified_gmt":"2026-08-26T07:37:29","slug":"matthaeus-2020-28-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2020-28-6\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 20,20\u201328"},"content":{"rendered":"<h3>In der Bettlerecke | 13. So. n. Trinitatis | 30. August 2026 | Matth\u00e4us 20,20\u201328 | Jan Asmussen<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>In der Bettlerecke<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf einer humoristischen Zeichnung sitzt ein Bettler mit ein paar M\u00fcnzen in seinem Korb. Ein Mann tritt zu ihm und fragt interessiert: \u201eK\u00f6nnen Sie wirklich vom Betteln leben?\u201c \u2013 \u201eNein\u201c, antwortet der Bettler, \u201emanchmal muss ich selbst noch etwas dazulegen!\u201c Das heutige Evangelium handelt davon, Bettler vor Gott zu sein \u2013 also davon, was wir haben, um unsere K\u00f6rbe zu f\u00fcllen. Von Martin Luther wird erz\u00e4hlt, dass genau dies seine letzten Worte auf dem Sterbebett waren, das Fazit seines eigenen Lebens mit seinem Kampf ums \u00dcberleben und all dem Segen, der auch da war: \u201eWir sind Bettler, das ist wahr.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine Mutter kommt, um bei Jesus um etwas zu betteln. Nicht f\u00fcr sich selbst, sondern im Namen ihrer beiden S\u00f6hne. Das alles ist zutiefst menschlich: Sie meint, sie h\u00e4tten das Beste verdient. F\u00fcr sie ist jede Widrichkeit, die ihre S\u00f6hne begegnen, unverdient. Vielleicht f\u00e4llt es ihr auch schwer, ihre Fehler zu sehen \u2013 so sind M\u00fctter. Die beiden S\u00f6hne, von denen sie spricht, sind Jakobus und Johannes, zwei von Jesu J\u00fcngern. Nicht dass sie die schwarzen Schafe in der J\u00fcngerschar w\u00e4ren, im Gegenteil: Sie geh\u00f6ren zu den engsten Vertrauten. Sie sind es, die nah bei Jesus am Tisch sitzen. Auch an jenem Gr\u00fcndonnerstagabend, an dem Jesus das Abendmahl einsetzt. Sie sind es, die danach mit Jesus gehen, als er im Garten Gethsemane betet. Sie sind es, die auf alten Gem\u00e4lden unter dem Kreuz stehend dargestellt werden. Viele in der kirchlichen Tradition haben in Johannes den J\u00fcnger gesehen, der als \u201eder J\u00fcnger, den Jesus lieb hatte\u201c bezeichnet wird. Es gibt auch Gr\u00fcnde, sich vorzustellen, dass die beiden mit Jesus verwandt sind: seine leiblichen Vettern. Wenn es einen inneren Kreis um Jesus gibt, dann stehen diese beiden jungen Burschen mitten darin und m\u00fcssen nicht um einen Platz am Tisch betteln.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber all das ist einer Mutter nicht genug \u2013 sie kommt mit einer besonderen Bitte: Gib ihnen einen Platz an deiner Seite im Reich Gottes. Das haben sie verdient, meint sie, so t\u00fcchtig und treu, wie sie sind. Im Vaterunser beten wir: \u201eDein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.\u201c Doch hier wird es umgekehrt: \u201eSo, wie es hier auf Erden ist, so soll es auch im Himmel sein\u201c, betet die Mutter.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist sch\u00f6n, geachtet zu werden. In diesem Leben Ansehen zu haben, ist eine gro\u00dfe Sache. Aber was geschieht mit uns, wenn wir eines Tages nicht mehr da sind \u2013 wird man sich dann noch an uns erinnern? Und wenn eines Tages die Bilanz unseres Lebens gezogen wird, k\u00f6nnen wir dann die Errungenschaften und Verdienste, die wir uns im Leben erworben haben, mitnehmen? Das ist es, womit die Mutter der Zebed\u00e4uss\u00f6hne ringt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das l\u00e4sst Jesus fragen, an Jakobus und Johannes gewandt: \u201eK\u00f6nnt ihr den Kelch leeren, den bitteren Trank trinken, den ich trinken werde?\u201c Und nat\u00fcrlich sagen sie Ja wie immer, diese idealen Apostel. Es ist ein felsenfestes Ja, wie von jemandem, der aus noch sicherer Entfernung verspricht, f\u00fcr einen anderen durch Feuer und Wasser zu gehen. Gilt es auch dann, wenn es eines sch\u00f6nen Tages hart auf hart kommt? Von den J\u00fcngern wird erz\u00e4hlt, dass sie alle flohen, als die Soldaten hervorsprangen, Jesus ergriffen und ihn zu Pilatus f\u00fchrten. Da lag die Grenze der Treue. Da rettet jeder die eigene Haut und denkt nur an sich selbst. Da ist jeder sich selbst der N\u00e4chste. Treue haben wir immer nur unter bestimmten Voraussetzungen und am liebsten auf Abstand. Wenn es hart auf hart kommt, fliehen sie alle und lassen uns ganz allein. Dann gibt es nicht viel, was man selbst noch dazulegen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Darum weist Jesus diese beiden J\u00fcnger ab und durchschaut ihren guten Willen und ihre Beteuerungen. In der wirklichen Not, dort, wo man um Hilfe schreit, da ist man nicht mehr wert als ein armer Bettler, der nichts anderes kann, als um Hilfe zu bitten und zu hoffen, dass sie kommt. Es mag ein ganzes Lebenswerk sein, das Ansehen und Ruhm weckt wie in Luthers Fall. Das Fazit ist dasselbe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt ein sarkastisches Bild des d\u00e4nischen Humoristen Storm P. (1882-1949, A.d.\u00dc.), das dies deutlich vor Augen f\u00fchrt. Wir sind in einer Kirche und blicken hinauf zur Kanzel. Dort steht ein Pfarrer, obendrein wohl ein Bischof mit Samtweste (der Talar der d\u00e4nischen Bisch\u00f6fe ist aus Samt, A.d.\u00dc.), selbstsicher und stolz aufgerichtet \u2013 das Bild stammt aus der Zeit, als die Autorit\u00e4t noch im Amt selbst eingebaut war. Aber er unterstreicht sie auch selbst: Ein Orden mit einem gro\u00dfen Kreuz gl\u00e4nzt an seinem Talar, deutlich platziert, damit jeder es sehen kann. Aber im Hintergrund des Bildes, fast undeutlich, steht auf dem Altar ein kleines Kruzifix. Auf ihm ist Jesus in der Todesstunde selbst zu ahnen. Gequ\u00e4lt und ausgesto\u00dfen. Das Kreuz steht vor der Stadtmauer in Schande, und hinter dem Kreuz sind auf der Zeichnung von Storm P. Reihen verzweifelter, armer Menschen und dunkle, d\u00fcstere Mietskasernen zu ahnen. \u201eDie zwei Kreuze\u201c hei\u00dft das Bild. Das eine, auf dem Bauch des Bischofs, dr\u00fcckt menschlichen Status und menschliche Ehre aus und wird mit Stolz getragen. Das andere Kreuz dr\u00fcckt menschliche Verurteilung und Erniedrigung aus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was der Bischof nicht wei\u00df, ist, dass er nur dank jenes Kreuzes im Hintergrund dort steht. Seinen ganzen Status hat er nur kraft des Mannes am Kreuz. Jesus leerte den bitteren Kelch und wurde in seinem Tod, einsam und verlassen, aller Menschen Knecht, aller Menschen Untertan. Sein Ehrensitz war nicht mit hoffnungsvollen und ehrgeizigen J\u00fcngern zu beiden Seiten, sondern mit zwei R\u00e4ubern. So trank er den Kelch, der in seinem Leben darin bestand, treu zu sein bis zuletzt. Treu gegen\u00fcber seinem himmlischen Vater. Treu gegen\u00fcber der Erde, die Gott geschaffen hatte. \u201eDein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.\u201c Das ist der Weg, den die Bitte im Vaterunser geht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Kern des Christentums ist: Dort, wo wir fallen und um Hilfe schreien und Bettler sind, dort ist au\u00dfer uns selbst ein Gott, der uns gibt, wovon wir leben k\u00f6nnen. Jakobus und Johannes verlie\u00dfen ihn und flohen vor ihrer Treue, als es darauf ankam, aber er verlie\u00df uns nicht. Daher kommt die letzte Zuflucht, wenn wir mit leeren K\u00f6rben dasitzen und keinen Sinn finden. Das Letzte ist n\u00e4mlich nicht, dass unsere K\u00f6rbe geleert sind, sondern dass sie gef\u00fcllt werden. Dass Christus uns in unserer Dunkelheit leuchtet und uns weit mehr gibt, als wir verdient haben. Zusammengefasst in den st\u00e4rksten Worten, die in jedem einzelnen Gottesdienst erklingen: dass unsere S\u00fcnden uns vergeben sind, dass wir von Gott getragen werden \u2013 so wie es vorhin gesagt wurde, als ein kleiner neuer Mensch hier in der Kirche getauft wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Platz im Reich Gottes ist nicht f\u00fcr die t\u00fcchtigen, begeisterten, kompetenten Nachfolger Jesu. Nein, der Platz im Reich Gottes ist ein Platz f\u00fcr Bettler, die nichts anderes k\u00f6nnen, als zu empfangen. Es hei\u00dft, aus der Verhei\u00dfung zu leben, die wir in der Taufe empfangen haben. Was wir selbst durchs Leben hindurch dazulegen, wiegt im Vergleich rein gar nichts.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jan Sievert Asmussen<br \/>\nFarum Kirke<br \/>\njsas@km.dk<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Diese Fassung kann Spuren von k\u00fcnstlicher Intelligenz enthalten, A.d.\u00dc.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Bettlerecke | 13. So. n. Trinitatis | 30. August 2026 | Matth\u00e4us 20,20\u201328 | Jan Asmussen &nbsp; In der Bettlerecke Auf einer humoristischen Zeichnung sitzt ein Bettler mit ein paar M\u00fcnzen in seinem Korb. 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