{"id":26627,"date":"2026-09-02T09:04:51","date_gmt":"2026-09-02T07:04:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26627"},"modified":"2026-09-02T09:04:51","modified_gmt":"2026-09-02T07:04:51","slug":"johannes-51-15-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-51-15-8\/","title":{"rendered":"Johannes 5,1\u201315"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Predigt zum 14. Sonntag nach Trinitatis (Erntedankgottesdienst) | 6. September 2026 | Joh 5,1\u201315 | von Rasmus N\u00f8jgaard<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Die Verwandlung des Alltags<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im vergangenen Jahr besuchte ich Israel und wohnte in Jerusalem, und da f\u00fchrte mich mein Weg auch am Teich Betesda vorbei, von dem wir im Evangelium h\u00f6ren. Oder genauer: an dem Ort, von dem wir glauben, dass es die Stelle sein k\u00f6nnte, an der Jesus den kranken Mann heilte. Bei den Ausgrabungen hat man mehrere Becken gefunden, und die meisten \u00dcberreste stammen aus den Jahrhunderten danach und liegen heute zw\u00f6lf Meter tief unter der Erde, unter einer zweitausendj\u00e4hrigen Kulturschicht. Ich wohnte gleich au\u00dferhalb des Damaskustors, eines von mehreren Durchg\u00e4ngen durch die Stadtmauer in die Altstadt, die vor Spannungen, Magie und Hokuspokus vibriert. Die Altstadt ist in j\u00fcdische, christliche und muslimische Viertel aufgeteilt und vor allem in konservative und orthodoxe Str\u00f6mungen innerhalb jeder der Religionen. Das baut eine gewisse Spannung auf, da jede von ihnen f\u00fcr sich beansprucht, die rechtm\u00e4\u00dfige Erbin zu sein. Zuletzt war ich vor mehr als zwanzig Jahren dort; auch damals war es beunruhigend, in der Stadt zu sein, mit schwer bewaffneter Polizei \u00fcberall. Alles in allem war es diesmal einigerma\u00dfen friedlich, vermutlich weil der Staat Israel buchst\u00e4blich einen eisernen Ring um die Stadt gelegt hat. Hier drinnen kannst du die Via Dolorosa entlanggehen, den Tempelberg besuchen und den wahnsinnig sch\u00f6nen Felsendom und all die anderen Pilgerst\u00e4tten. Ich kann nicht umhin, dar\u00fcber nachzudenken, was das f\u00fcr eine Religiosit\u00e4t ist, die eine solche Spannung schafft. Mein erster Gedanke f\u00e4ngt sich an der Erz\u00e4hlung vom Teich Betesda, wo Jesus das Wunderbare gewisserma\u00dfen zur\u00fcckweist \u2013 als etwas, das wir aus eigener Kraft bewirken k\u00f6nnten. Er verweist uns auf das wirkliche Wunder, das genau hier ist, mitten im Leben, wenn wir uns mit unseren Bedingungen vers\u00f6hnen, das Urteil verwerfen und einander stattdessen aus Liebe vergeben und so lernen, mit unserer je eigenen Geschichte zu leben. Das ist es, was ich h\u00f6re, wenn Jesus sagt: Nimm dein Bett und geh!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Glaube an Gott ist eine vielschichtige Gr\u00f6\u00dfe. Er umfasst zugleich das Abstrakte \u2013 dass Gott ist, dass es einen Gott gibt, der Vertrauen und Liebe zu uns als Gottes Kindern hat \u2013 und das Konkrete: dass Gott uns seinen Willen in seinem Sohn zeigte, Christus Jesus: der Gekreuzigte, der litt und starb, um unsere Schuld zu s\u00fchnen und sich vor allem mit uns zu vers\u00f6hnen. Diese Vergebung macht uns frei zu leben, das hei\u00dft: dass wir leben k\u00f6nnen, ohne uns von all unseren eigenen und all den Fehltritten der anderen beschweren zu lassen. Wir k\u00f6nnen freim\u00fctig leben. Uns wird vergeben. Wir lernen, anderen zu vergeben. Vielleicht ist es die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung unseres Lebens heute, sich nicht st\u00e4ndig zu entr\u00fcsten und selbst zu w\u00e4hlen, das Leben eines anderen Menschen zu verurteilen. Denn das bindet uns selbst als Richter und W\u00e4chter der Gerechtigkeit und l\u00e4sst nicht viel \u00fcbrig von Jesu Wort \u00fcber Vergebung und den Willen zur Vers\u00f6hnung. Wir wissen, was Gott mit uns will, weil er seinen Willen im Menschen Jesus offenbarte, dem Sohn Gottes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Glaube an Gott ist vielschichtig, weil er vor allem auf einem Vertrauen darauf beruht, dass Gott unmittelbar zu uns spricht und einem jeden von uns begegnet. Die Bedingung des Glaubens ist, dass Gott sein Gesch\u00f6pf liebt, so wie eine Mutter ihr Kind liebt. Bedingungslose Liebe, trotz Bruch, Auflehnung und Schweigen. Hinter allem ruhen wir in der Liebe. Das ist auch das Wunder der Taufe: dass Gott uns annimmt, wie wir sind, und sich auf Zeit und Ewigkeit mit uns verbindet, sodass wir eins sind in ihm. Es l\u00e4sst sich nicht mit dem Verstand begreifen, sondern muss im Geist ergriffen werden. Es ist ein Geheimnis.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Wunderbare ist ebenso eine vielschichtige Gr\u00f6\u00dfe, denn nat\u00fcrlich geschehen Wunder. Davon zeugen uns die Bienen, die Blumen und die Kinder. Die ganze Welt und die Wirklichkeit, mit der wir uns umgeben, ist so reich an Farben und Verwandlungen, an Gef\u00fchlen und Ausdruck, an Grundstoff und Fantasiereichtum, dass jeder Tag sein eigenes Wunder ist. Zugleich geh\u00f6ren auch der Verfall und der Tod zum Horizont, und wir wissen, dass es eine Zeit zu leben und eine Zeit zu sterben gibt. Das Wunderbare ist die Ewigkeit, Gottes Sein, das auf unerkl\u00e4rliche Weise sowohl das Leben als auch den Tod umfasst und im Tod das Leben in eine neue Wirklichkeit verwandelt \u2013 das Himmelreich, sagen wir, in Ermangelung enth\u00fcllenderer Worte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Erz\u00e4hlungen von Jesus haben eine besondere Funktion: Sie sollen die Menschen in Zweifel bringen: Soll ich mein Urteil f\u00e4llen und ein Leben verw\u00fcsten, oder soll ich die N\u00e4chstenliebe wagen und den Weg der Vers\u00f6hnung versuchen? Ehe ich mich f\u00fcr das Urteil entschieden habe, werde ich im Licht des Evangeliums zu einem Zweifelnden, der die M\u00f6glichkeit der Vers\u00f6hnung ahnt. Der sich der Verwandlung \u00f6ffnet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Erz\u00e4hlung vom kranken Mann am Teich Betesda ist aus vielen guten Gr\u00fcnden eine archetypische Erz\u00e4hlung, weil sie die Doppelheit des Glaubens in sich tr\u00e4gt. Zuerst der \u00fcbernat\u00fcrliche und magische Augenblick, in dem ein Engel pl\u00f6tzlich den Teich aufpeitscht und ein Chaos schafft im Wettstreit, als Erster ins Wasser zu gelangen \u2013 denn nur der Erste wird geheilt. Jesus kehrt dem Teich den R\u00fccken, er weist den Aberglauben und die Erwartung zur\u00fcck, dass alles Gute von au\u00dfen kommen m\u00fcsse. Er wendet sich dem Kranken zu, der dort scheinbar seit Jahren gelegen hat, ohne die Chance, der Erste zu werden \u2013 und wer hat die im \u00dcbrigen schon?! Manche von uns sind niemals die Ersten. Jesus ignoriert dieses \u00fcbernat\u00fcrliche Spektakel und wendet sich stattdessen direkt an den Mann und fragt ihn: Willst du gesund werden? Und noch ehe der Mann mit einem JA antworten kann, heilt Jesus ihn. Ohne viel Aufhebens davon zu machen, kein Engel und kein aufgew\u00fchlter Teich. Und der Mann wird ins Leben hinausgeschickt, von dem er so lange abgeschnitten gewesen ist, mit den einfachen Worten: Nimm dein Bett und geh! Sein altes Leben \u2013 versinnbildlicht durch das Bett \u2013 soll er mitnehmen und im Leben, das ihn erwartet, wieder auf eigene Beine kommen, aber mit seiner ganzen Geschichte, nicht ohne sein altes Leben. Es ist ein neues, verwandeltes Leben, und zugleich ist es eine neue M\u00f6glichkeit, das alte Leben zur\u00fcckzugewinnen \u2013 trotz Trauer und Schmerz.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Erz\u00e4hlung ist ein Klassiker. Weil sie das alles umst\u00fcrzende Wunder als Betrug zur\u00fcckweist. Das wahre Wunder ist das, welches unser Leben genau hier, mitten unter uns, verwandelt, wenn Jesu Wort unsere Herzen erreicht und uns zweifeln l\u00e4sst \u2013 noch ehe wir das Leben eines anderen Menschen zerst\u00f6rt haben. Vielleicht verm\u00f6gen wir selbst eines Tages, die Hand auszustrecken und die befreienden Worte zu sagen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nimm dein Bett und geh.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir haben die Trauer und den Schmerz nicht vergessen und all das, was zwischen uns geschehen ist, aber wir sind weitergekommen und haben uns mit der Wirklichkeit vers\u00f6hnt. Wir vers\u00f6hnen uns mit unserer Geschichte, mit denen, die wir verloren haben, mit denen, von denen wir Abschied genommen haben, mit denen, die wir verlassen haben, und mit denen, mit denen wir weiterhin zusammenleben sollen. Nicht in blinder G\u00fcte, sondern in einer Liebe, die nicht allein uns selbst aufrichtet und Anstand, Stolz und St\u00e4rke schafft, sondern die auch andere befreit und zu dem Wort wird, das sie erl\u00f6st mitten in ihrer Blindheit und Unbeweglichkeit. Vielleicht ist es geradezu eine Vers\u00f6hnung mit Gott, wenn wir h\u00f6ren und gehorchen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nimm dein Bett und geh!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Rasmus N\u00f8jgaard<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Skt. Jakobs Kirke, Kopenhagen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">rn@km.dk<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Fassung kann Spuren von k\u00fcnstlicher Intelligenz enthalten (A.d.\u00dc.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum 14. Sonntag nach Trinitatis (Erntedankgottesdienst) | 6. September 2026 | Joh 5,1\u201315 | von Rasmus N\u00f8jgaard Die Verwandlung des Alltags Im vergangenen Jahr besuchte ich Israel und wohnte in Jerusalem, und da f\u00fchrte mich mein Weg auch am Teich Betesda vorbei, von dem wir im Evangelium h\u00f6ren. 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