{"id":26648,"date":"2026-09-08T13:46:56","date_gmt":"2026-09-08T11:46:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26648"},"modified":"2026-09-08T13:46:56","modified_gmt":"2026-09-08T11:46:56","slug":"lukas-1038-42-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1038-42-9\/","title":{"rendered":"Lukas 10,38\u201342"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Das eine, worauf es ankommt<\/strong><strong> | 15<\/strong><b>. So. n. Trinitatis | 13. S<\/b>eptember 2026 | Lukas 10,38\u201342 | Marianne Frank Larsen<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Das eine, worauf es ankommt<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In einem seiner B\u00fccher erz\u00e4hlt Karl Ove Knausg\u00e5rd von dem Sommer, in dem seine Frau mit dem vierten Kind schwanger ist und in eine schwere Depression f\u00e4llt. Tag f\u00fcr Tag liegt sie hinter heruntergelassenen Jalousien im Schlafzimmer, w\u00e4hrend er sich um ihre drei Kinder k\u00fcmmert. Er muss seine Tochter zu ihrer Freundin fahren und seinen Sohn bei dessen Freund abholen. Er muss Frikadellen braten und Spaghetti kochen f\u00fcrs Abendessen. Er muss den Abwasch machen, er muss die Katze f\u00fcttern, den Trockner leeren, W\u00e4sche in die Maschine f\u00fcllen, das Programm w\u00e4hlen und sie anstellen. Er muss die W\u00e4sche zusammenlegen, und eigentlich m\u00fcsste er auch das Spielzeug und die B\u00fccher wegr\u00e4umen, die \u00fcberall im oberen Stock herumliegen, aber er will seine Frau nicht wecken, also geht er stattdessen hinunter und r\u00e4umt den K\u00fchlschrank aus, wirft weg, wischt ab, und danach macht er sich \u00fcber die K\u00fcchenschr\u00e4nke her. Er muss mit den Kindern baden gehen, und er muss einkaufen und abends G\u00e4ste bewirten, und vielleicht m\u00fcsste er seine Frau nun doch bald wecken. Er muss nachsehen, ob er sie nicht wieder zum Leben erwecken kann. Das kann er nicht. Soll er einen Krankenwagen rufen? Ja, am Ende ist es genau das, was er an diesem Tag tun muss. Einen Krankenwagen rufen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So vieles ist n\u00f6tig, wenn man nicht nur sich selbst geh\u00f6rt, und Knausg\u00e5rd schreibt so detailliert von den ganz gew\u00f6hnlichen Verrichtungen, die wir sonst \u00fcbersehen, dass man auf einmal alles bemerkt. Wenn man eine Frau hat, die tief deprimiert ist, und drei Kinder in den Sommerferien, und eine Katze und eine K\u00fcche und ein Haus, das ein einziges gro\u00dfes Durcheinander ist, und einen langen Tag, der Gestalt und Inhalt bekommen soll, dann stimmt es einfach nicht, was Jesus sagt: dass nur eins n\u00f6tig ist. Dann gibt es tausend Dinge, die in hohem Ma\u00dfe n\u00f6tig sind, wenn die Kinder des Schriftstellers gedeihen sollen, und sein Haus bewohnbar sein soll, und seine Frau Hilfe braucht, ja, im Letzten sogar, wenn sie \u00fcberleben soll. So ist es ja in unserem Leben. Wenn es Menschen gibt, mit denen wir verbunden sind, Menschen, von deren Leben wir etwas in unserer Hand halten, wie L\u00f8gstrup es ausgedr\u00fcckt h\u00e4tte (\u201cDie Ethische Forderung\u201d), dann ist wirklich sehr viel n\u00f6tig. Dann k\u00f6nnen wir nicht einfach die H\u00e4nde in den Scho\u00df legen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wichtig ist zu verstehen, dass ein Mensch in Jesu Augen in zwei Beziehungen steht. Die eine ist die Beziehung zu den Menschen, mit denen wir verbunden sind, in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft und in den Zusammenh\u00e4ngen, denen wir angeh\u00f6ren. Die andere ist die Beziehung zu Gott und seinem Sohn. Und genau von dieser Beziehung spricht Jesus im heutigen Evangelium. Er wei\u00df genau, dass es in den Beziehungen zwischen uns und denen, die von uns abh\u00e4ngig sind, gerade n\u00f6tig ist, die Waschmaschine anzustellen und Spaghetti zu kochen und 117 andere Dinge zu tun. Das sind in den Augen des himmlischen Vaters keine Handlungen zweiter Klasse, im Gegenteil, sie sind lebensnotwendig, und sie sind unsere Pflicht. Aber in der Beziehung zu ihm selbst, zu Gott und seinem Sohn, gibt es nur eine einzige Sache, die jetzt z\u00e4hlt, und das ist, es wie Maria zu machen: sich hinzusetzen, die Ruhe auf sich fallen zu lassen und zuzuh\u00f6ren, was er sagt. Sich auf genau das und nichts anderes zu sammeln, solange es w\u00e4hrt, damit die Worte eine Chance bekommen, sich in unseren Herzen niederzulassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">W\u00e4re es irgendein anderer Gast gewesen, h\u00e4tte Marta vollkommen recht gehabt, dass Maria ihr in der K\u00fcche helfen sollte, damit das Essen auf den Tisch kommt. Aber nicht, wenn es unser Herr ist, der zu Besuch kommt. Da ist es Maria, die das gute Teil erw\u00e4hlt, weil sie sich in ihren Gewohnheiten st\u00f6ren l\u00e4sst und losl\u00e4sst, was sie in den H\u00e4nden hat, weil sie instinktiv sp\u00fcrt, dass genau das und nichts anderes es ist, was sie in diesem Augenblick tun soll. Hier ist ein Mann, der zu ihr von Gott spricht, nicht, als w\u00e4re sie nur eine Frau, die in die K\u00fcche geh\u00f6rt, sondern als w\u00e4re sie ein Mensch, mit dem er etwas vorhat. In einer Stunde, wenn er gegangen ist oder mit seiner Rede fertig ist, wird sie schon wieder auf die Beine kommen, denn dann gibt es alles M\u00f6gliche andere, das n\u00f6tig ist, aber jetzt nicht. Jetzt kommt es nur darauf an, kein einziges Wort zu verpassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Marta hingegen ist so sehr in das vertieft, was sie selbst bew\u00e4ltigen muss, dass sie nicht bemerkt, dass dieser Gast nicht ist wie alle anderen G\u00e4ste, und dass er deshalb nicht dasselbe von ihr erwartet wie von allen anderen G\u00e4sten. Vielleicht beginnt sie es zu ahnen, als er ihr antwortet: Marta, Marta \u2013 es klingt fast, als riefe er nach ihr, als wolle er auch sie aus den Gewohnheiten wecken, in denen sie gefangen ist: du hast viel Sorge und M\u00fche, gemeint ist damit \u2013 das musst du nicht sein, ich bin ja gerade hier, ich verlange nichts von dir, es gibt nichts, was du erreichen musst, du sollst dich einfach hinsetzen und dich auf das konzentrieren, was ich sage, statt auf deine eigene Tagesordnung \u2013 und die Ruhe soll sich einstellen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lukas erz\u00e4hlt nicht, wie die Geschichte endet. Wir k\u00f6nnen nur hoffen, dass Marta nicht trotzig zur\u00fcck in die K\u00fcche stapft, sondern h\u00f6rt, wer nach ihr ruft, und sich hinsetzt, solange noch Zeit dazu ist. Denn ein Leben wird viel zu schwer zu leben, wenn es nur aus Betriebsamkeit und Aktivit\u00e4t besteht, aus Projekten und Leistungen und Aufgaben, die erledigt werden m\u00fcssen, W\u00e4sche, Katzenfutter, K\u00fcchenschr\u00e4nke, Abendg\u00e4ste und all den tausend anderen Dingen, die notwendig sind, damit wir unsere H\u00e4user und unsere Arbeit in Ordnung halten und, zuallererst und zuletzt, aufeinander achtgeben k\u00f6nnen. Wir brauchen in hohem Ma\u00dfe jene besondere Beziehung, in der nicht wir es sind, die geben m\u00fcssen \u2013 sondern wir es sind, die empfangen, was ein anderer schenkt. Die besonderen Augenblicke, in denen unser Leistenm\u00fcssen etwas anderes und Gr\u00f6\u00dferes findet, worin es ruhen kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt ein Haus, und in dieses Haus kommt unser Herr zu Besuch und ruft die Menschen, die darin sind, aus ihren t\u00e4glichen Gewohnheiten heraus, damit sie auf sein Wort h\u00f6ren. Und das ist dann das eine, worauf es ankommt. Ich denke, Martas und Marias Haus ist ein Bild f\u00fcr das Haus, in dem wir heute versammelt sind, denn genau aus demselben Grund sind wir es ja: weil wir glauben, dass er auch zu uns hereinkommt, verborgen in den Worten, die wir h\u00f6ren und singen, und uns aus unseren t\u00e4glichen Gewohnheiten herausruft. Nehmt und esst, trinket alle daraus, sagt er, das ist mein Leib und das ist mein Blut, und jetzt ist es dein. Und der Friede sei mit dir. Solange er spricht, ist es die eine Sache, die jetzt z\u00e4hlt: zuzuh\u00f6ren und die Worte sich niederlassen zu lassen. Gleich, wenn er schweigt, geht es f\u00fcr uns hinaus zu all den tausend anderen Dingen, die in unserem Leben miteinander n\u00f6tig sind. Aber dann k\u00f6nnen wir all die tausend Dinge tun, die wir tun m\u00fcssen, mit Marias Ruhe im Herzen \u2013 und Martas Unruhe in den H\u00e4nden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Marianne Frank Larsen<br \/>\nPastorin, Vor Frue Kirke, Aarhus<br \/>\n<a href=\"mailto:mfl@km.dk\">mfl@km.dk<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Diese Fassung kann Spuren von k\u00fcnstlicher Intelligenz enthalten, A.d.\u00dc.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das eine, worauf es ankommt | 15. So. n. Trinitatis | 13. September 2026 | Lukas 10,38\u201342 | Marianne Frank Larsen &nbsp; Das eine, worauf es ankommt In einem seiner B\u00fccher erz\u00e4hlt Karl Ove Knausg\u00e5rd von dem Sommer, in dem seine Frau mit dem vierten Kind schwanger ist und in eine schwere Depression f\u00e4llt. 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