{"id":26658,"date":"2026-09-08T14:29:01","date_gmt":"2026-09-08T12:29:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26658"},"modified":"2026-09-08T14:29:22","modified_gmt":"2026-09-08T12:29:22","slug":"1-mose-2-4b-9-10-14-15-18-25","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-mose-2-4b-9-10-14-15-18-25\/","title":{"rendered":"1. Mose 2, 4b\u20139 (10\u201314) 15 (18\u201325)"},"content":{"rendered":"<h3>Vom Wagnis, Gottes Gegen\u00fcber zu sein | 15. So. n. Trinitatis | 13. September 2026 | 1. Mose 2, 4b\u20139 (10\u201314) 15 (18\u201325) | Uland Spahlinger<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><sub>4b<\/sub>Zur Zeit, als der Herr, Gott, Erde und Himmel machte <sub>5<\/sub>und es noch kein Gestr\u00e4uch des Feldes gab auf der Erde und noch kein Feldkraut wuchs, weil der Herr, Gott, noch nicht hatte regnen lassen auf die Erde und noch kein Mensch da war, um den Erdboden zu bebauen, <sub>6<\/sub>als noch ein Wasserschwall hervorbrach aus der Erde und den ganzen Erdboden tr\u00e4nkte, \u2013 <sub>7<\/sub>da bildete der Herr, Gott, den Menschen aus Staub vom Erdboden und blies Lebensatem in seine Nase. So wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><sub>8<\/sub>Dann pflanzte der Herr, Gott, einen Garten in Eden im Osten, und dort hinein setzte er den Menschen, den er gebildet hatte. <sub>9<\/sub>Und der Herr, Gott, liess aus dem Erdboden allerlei B\u00e4ume wachsen, begehrenswert anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis von Gut und B\u00f6se.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em><sub>10<\/sub><\/em><em>Und in Eden entspringt ein Strom, um den Garten zu bew\u00e4ssern, und von da aus teilt er sich in vier Arme. <sub>11<\/sub>Der eine heisst Pischon. Das ist jener, der das ganze Land Chawila umfliesst, wo es Gold gibt, <sub>12<\/sub>und das Gold jenes Landes ist kostbar. Dort gibt es Bdellionharz und Karneolstein. <sub>13<\/sub>Und der zweite Fluss heisst Gichon. Das ist jener, der das ganze Land Kusch umfliesst. <sub>14<\/sub>Und der dritte Fluss heisst Chiddekel. Das ist jener, der \u00f6stlich von Assur fliesst. Und der vierte Fluss, das ist der Eufrat.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><sub>15<\/sub>Und der Herr, Gott, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaute und bewahrte. <sub>16<\/sub>Und der Herr, Gott, gebot dem Menschen und sprach: Von allen B\u00e4umen des Gartens darfst du essen. <sub>17<\/sub>Vom Baum der Erkenntnis von Gut und B\u00f6se aber, von dem darfst du nicht essen, denn sobald du davon isst, musst du sterben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em><sub>18<\/sub><\/em><em>Und der Herr, Gott, sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, ihm gem\u00e4ss. <sub>19<\/sub>Da bildete der Herr, Gott, aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle V\u00f6gel des Himmels und brachte sie zum Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen w\u00fcrde, und ganz wie der Mensch als lebendiges Wesen sie nennen w\u00fcrde, so sollten sie heissen. <sub>20<\/sub>Und der Mensch gab allem Vieh und den V\u00f6geln des Himmels und allen Tieren des Feldes Namen. F\u00fcr den Menschen aber fand er keine Hilfe, die ihm gem\u00e4ss war. <sub>21<\/sub>Da liess der Herr, Gott, einen Tiefschlaf auf den Menschen fallen, und dieser schlief ein. Und er nahm eine von seinen Rippen heraus und schloss die Stelle mit Fleisch. <sub>22<\/sub>Und der Herr, Gott, machte aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und f\u00fchrte sie dem Menschen zu. <sub>23<\/sub>Da sprach der Mensch: Diese endlich ist Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch. Diese soll Frau heissen, denn vom Mann ist sie genommen. <sub>24<\/sub>Darum verl\u00e4sst ein Mann seinen Vater und seine Mutter und h\u00e4ngt an seiner Frau, und sie werden ein Fleisch. <sub>25<\/sub>Und die beiden, der Mensch und seine Frau, waren nackt, und sie sch\u00e4mten sich nicht voreinander.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n<h3>Vom Wagnis, Gottes Gegen\u00fcber zu sein<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">die Ferien sind vorbei, der Arbeitsalltag hat uns wieder \u2013 auch die unter uns, die schon in Rente sind, denn irgendwas gibt es ja immer zu tun. Die Bibelgeschichte, die wir eben geh\u00f6rt haben, der ber\u00fchmte zweite Sch\u00f6pfungsbericht, wirft ein Licht genau auf dieses Thema: irgendwas ist immer zu tun. F\u00fcr Gott zu allererst \u2013 daran l\u00e4sst die Weisheitserz\u00e4hlung mit den vier Fl\u00fcssen und dem paradiesischen Garten in der Mitte und der Rippe und der Gef\u00e4hrtin f\u00fcr den Menschen und den Begrenzungen, die Gott eingebaut hat in seine Sch\u00f6pfung, keinen Zweifel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn das lasst uns gleich zu Beginn festhalten: es ist eine alte Weisheitserz\u00e4hlung, die den Menschen erkl\u00e4ren m\u00f6chte, warum ihre Lebensbedingungen so sind, wie sie sind. Und gleichzeitig bekommen sie einen Auftrag, n\u00e4mlich behutsam und respektvoll umzugehen mit dem, was Gott ihnen zur Verf\u00fcgung stellt. Mit Herz und Verstand, k\u00f6nnten wir sagen, was nicht unbedingt gleichzusetzen ist mit Laptop und Lederhose (das ist etwas ganz anderes).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Auftrag richtet sich an alle Menschen, das zeigen schon die Namen. \u201eAdam\u201c ist hier nicht einfach ein Vorname wie Klaus oder Thomas oder Kevin, sondern bedeutet im Hebr\u00e4ischen \u201eMensch\u201c, meinethalben auch \u201eMann\u201c. Und \u201eEva\u201c ist, anders als Katharina, Hildegard oder Janine, ebenfalls keine pers\u00f6nliche Bezeichnung, sondern hei\u00dft so viel wie \u201eMutter des Lebens\u201c. Angesprochen sind also <u>alle M\u00e4nner und alle Frauen<\/u> \u2013 damals wie heute. Sage also niemand: Gott sei Dank, das ist lange her, wir sind ja nicht gemeint\u2026.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Szenenwechsel. Wir gehen f\u00fcr einen Moment nach K\u00f6nigsberg und in das Jahr 1784. Dort lebte und arbeitete damals ein Denkgenie, der Philosoph Immanuel Kant. Einer, nach dessen t\u00e4glichen Lebensgewohnheiten man die Uhr stellen konnte, erz\u00e4hlten Zeitgenossen. Und ein blitzscharfer Denker.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich mute Euch jetzt einen Kernsatz Kants zu. Der bekam einmal die Frage gestellt: \u201eWas ist Aufkl\u00e4rung?\u201c In einem Aufsatz antwortet er so:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em>\u201eAufkl\u00e4rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit.<\/em> Unm\u00fcndigkeit ist das Unverm\u00f6gen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unm\u00fcndigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschlie\u00dfung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. <em>(Sapere aude!)<\/em> Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufkl\u00e4rung.\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/F92A8D14-3768-4FBE-9E61-9A2C6CC9F522#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manche sagen dazu: hier stellt jemand den Individualismus auf die alleroberste Stufe. Demnach w\u00e4rst <em>du<\/em> das Ma\u00df aller Dinge \u2013 du musst dich nur des eigenen Verstandes bedienen. Und richtig ist ja: so wie du die Welt \u2013 und alles was dazugeh\u00f6rt \u2013 zu sehen und zu erkl\u00e4ren gelernt hast, so wirst du auch in ihr leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Richtig ist \u2013 immer nach Kant \u2013 aber auch dies: Jede Entscheidung, die wir treffen, liegt bei uns. Darin liegt immer ein Risiko \u2013 richtig oder falsch? \u2013 aber dem kommen wir nicht aus. Wir k\u00f6nnen niemand anderen daf\u00fcr verantwortlich machen. Wenn wir andere f\u00fcr uns denken und entscheiden lassen, begeben wir uns in die selbstgew\u00e4hlte Unm\u00fcndigkeit. W\u00fcrde Kant sagen. Ein Grundprinzip jeder Demokratie, \u00fcbrigens.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was hat das nun mit unserer uralten biblischen Erz\u00e4hlung zu tun? Sehr viel, meine ich. Denn das ist nicht in erster Linie eine Geschichte \u00fcber die Scham der Nacktheit bei Adam und Eva, auch keine Geschichte \u00fcber Verf\u00fchrung und Bestrafung, nicht einmal in erster Linie \u00fcber die Vertreibung aus dem Paradies. Vielmehr ist es eine Geschichte \u00fcber die Verantwortung, die sich mit der Erkenntnis und mit dem Verstand entwickelt und beim Menschen einstellt. Es ist eine Geschichte \u00fcber M\u00f6glichkeiten und Grenzen, \u00fcber Zweifel und Mut, \u00fcber das Risiko jeder Entscheidung. Immer sto\u00dfen wir an Grenzen der eigenen M\u00f6glichkeiten, an \u201erichtig\u201c oder \u201efalsch\u201c, die Abgrenzung von Arbeit und Erholung, Kommunikation, die gl\u00fcckt oder misslingt, am Ende an die Grenzen des Lebens selbst mit Geburt und Tod. Wohl dem Menschen, der diese Grenzen erkennt und in sein Nachdenken und Handeln einschlie\u00dfen kann!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kleine Unterbrechung. Singen wir nach einem kurzen Vorspiel vom Lied EG 368<a href=\"applewebdata:\/\/F92A8D14-3768-4FBE-9E61-9A2C6CC9F522#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> die ersten beiden Strophen:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">1. In allen meinen Taten<br \/>\nlass ich den H\u00f6chsten raten,<br \/>\nder alles kann und hat;<br \/>\ner muss zu allen Dingen,<br \/>\nsolls anders wohl gelingen,<br \/>\nmir selber geben Rat und Tat.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">2. Nichts ist es sp\u00e4t und fr\u00fche<br \/>\num alle meine M\u00fche,<br \/>\nmein Sorgen ist umsonst;<br \/>\ner mags mit meinen Sachen<br \/>\nnach seinem Willen machen,<br \/>\nich stells in seine Vatergunst.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paul Fleming, dem wir dieses Gedicht verdanken, war ein bedeutender Dichter in der Barockzeit. Weitgereist war er, seine Gedichte las man. Er wurde nicht sehr alt, 31 Jahre. Fleming, hat sich aus einem tiefen Vertrauen heraus entschieden, sein Leben Gott anzuvertrauen. So sagt er in seinem Gedicht. Rat will er sich beim \u201eH\u00f6chsten\u201c holen, in seine \u201eVatergunst\u201c sich und sein Leben stellen. Fleming war davon \u00fcberzeugt, dass Gott nicht nur der Urheber allen Lebens ist, also der Sch\u00f6pfer, sondern dass Gott auch sein Leben kennt und h\u00e4lt. Sein Gedicht erinnert mich an diesen Satz: \u201eDu kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes offene Hand\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Singen wir die Strophen 3 und 4:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">3. Es kann mir nichts geschehen,<br \/>\nals was er hat ersehen<br \/>\nund was mir selig ist.<br \/>\nIch nehm es, wie ers gibet;<br \/>\nwas ihm von mir beliebet,<br \/>\ndasselbe hab auch ich erkiest.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">4. Ich traue seiner Gnaden,<br \/>\ndie mich vor allem Schaden,<br \/>\nvor allem \u00dcbel sch\u00fctzt;<br \/>\nleb ich nach seinen S\u00e4tzen,<br \/>\nso wird mich nichts verletzen,<br \/>\nnichts fehlen, was mir ewig n\u00fctzt.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Fleming schrieb sein Gedicht am Anfang einer langen und gef\u00e4hrlichen Reise. Er hat sich f\u00fcr das tiefe Gottvertrauen entschieden; vielleicht kann man auch sagen: er hat es f\u00fcr sich <em>gewonnen<\/em>. Und das kann eigentlich nur deshalb sein, weil er in seinem Leben Vertrauen kennengelernt und erfahren hat. Vielleicht liegt hierin der deutlichste Unterschied zwischen einem Dichter und einem Philosophen: der Dichter bringt seine Erfahrungen, seine Empfindungen und vielleicht auch seine Sehnsucht in Verse. Der Philosoph ist dem Verstand verpflichtet. Er sucht nach Erkl\u00e4rungen, nach Widerspr\u00fcchen, nach L\u00f6sungen. Sein Handwerkszeug ist die Kritik. Nicht als Selbstzweck \u2013 Kant war kein Querulant \u2013, sondern als Mittel, um die Welt besser zu verstehen. Kant war darin sehr gr\u00fcndlich \u2013 und das hat seinen Grund. \u201eAufgewachsen in \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen und im beschr\u00e4nkten Gesichtskreis des Pietismus, beschritt er mutig den Weg der Selbstbefreiung durch das Wissen.\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/F92A8D14-3768-4FBE-9E61-9A2C6CC9F522#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> So beurteilt ein anderer gro\u00dfer Philosoph, Karl Popper, den Weg Kants: eine mutige Befreiungs\u00fcbung. Freiheit ist ein Wagnis \u2013 aber auch ungemein spannend. Nicht zuf\u00e4llig werden die Menschen als \u201edie ersten Freigelassenen der Sch\u00f6pfung\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/F92A8D14-3768-4FBE-9E61-9A2C6CC9F522#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> bezeichnet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und trotzdem haben der Dichter und der Philosoph etwas gemeinsam. Zur\u00fcck also zur Sch\u00f6pfungserz\u00e4hlung: Der Weg des Menschen hier wird von der urspr\u00fcnglichen Bindung an Gott bestimmt. In allem \u2013 <em>in allem<\/em> \u2013 verdankt der Mensch sich Gott: als Gesch\u00f6pf, als Mann und Frau, als Wesen mit der besonderen F\u00e4higkeit, Gott wahrzunehmen und mit Gott in Beziehung zu treten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber nun kommt es. Damit gilt auch: der Mensch ist das Wesen, das auf Gottes Sch\u00f6pfungsordnung eigenst\u00e4ndig \u2013 frei \u2013 reagieren kann. Er kann Entscheidungen treffen. Daran kommt er nicht vorbei. Ihm f\u00e4llt die Aufgabe zu, allen Lebewesen Namen zu geben. Der Mensch wirkt \u2013 so die alte Erz\u00e4hlung \u2013 an und in der Sch\u00f6pfung ordnend mit. Gleichzeitig aber wird er auch anderen Einfl\u00fcssen ausgesetzt (daf\u00fcr steht die Schlange); er hat die M\u00f6glichkeit, Ausfl\u00fcchte zu ersinnen; er kann versuchen, die Verantwortung von sich wegzuschieben. Auch wenn er und sie bei Gott damit nicht durchkommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber von Anfang an l\u00e4sst Gott sich darauf ein: Mit den Regeln und mit dem Verstand hat der Mensch Entscheidungsmacht \u00fcber richtig und falsch \u00fcbertragen bekommen. Dem kommt er nicht aus. Es ist seine W\u00fcrde und seine Verantwortung. Die alte Geschichte erkl\u00e4rt nun: Warum ist das so? Weil Gott es so gef\u00fcgt hat: Eine vollkommene Lebensordnung. Eine vollkommene Friedensordnung \u2013 solange sie eingehalten wird. Vielleicht ist das ihre einzige Schw\u00e4che. Nachdem sie besch\u00e4digt wurde, setzt Gott Zwangsmittel ein. Und in ver-r\u00fcckter (im w\u00f6rtlichen Sinn) Wendung erscheint nun Gott f\u00fcr viele als ein strafender, gar rachs\u00fcchtiger Gott.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Kabarettist und engagierte evangelische Christ Hanns Dieter H\u00fcsch h\u00e4lt in einer seiner fabulierten Geschichten dagegen. Sie hei\u00dft: \u201eBesuch beim lieben Gott\u201c. Bei ihm ist Gott nicht rachs\u00fcchtig, sondern bek\u00fcmmert: \u201eIch war ja vor einigen Monaten dort, ganze sieben Wochen, und durfte zusammen mit dem lieben Gott meine Lieben, die alle schon oben sind, besuchen. Wir standen immer sehr fr\u00fch auf. \u2026 Meistens lie\u00df er mich rufen und sagte: \u201eIch hab so geschwollene F\u00fc\u00dfe, kn\u00f6pf mir doch bitte die Schuhe zu.&#8220; Er sa\u00df dann auf der Bettkante und sagte: \u201eIch habe unruhig geschlafen. Die ganze Welt schiebt mir alles in die Schuhe, aber dass die Menschen selbst was verbrochen haben k\u00f6nnten und was dagegen tun, darauf kommt nat\u00fcrlich kein Schwein.&#8220; Er sagte tats\u00e4chlich wortw\u00f6rtlich ,,kein Schwein&#8220;<a href=\"applewebdata:\/\/F92A8D14-3768-4FBE-9E61-9A2C6CC9F522#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist nun ein bisschen flapsig, aber H\u00fcsch hat hier einen Punkt: wir sind keine Marionetten, die an den langen F\u00e4den des Puppenspielers Gott h\u00e4ngen. Wenn das so w\u00e4re, dann w\u00e4re tats\u00e4chlich alles egal. Dann h\u00e4tten wir keine Verantwortung. F\u00fcr gar nichts. Dann w\u00e4ren wir unm\u00fcndig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Sch\u00f6pfungsgeschichte weist uns auf den Weg: \u201eGott hat uns diese Erde gegeben, dass wir auf ihr die Zeit besteh\u2019n\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/F92A8D14-3768-4FBE-9E61-9A2C6CC9F522#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a>. Er gibt uns den Rahmen. Er gibt uns Regeln. Zum Beispiel \u00fcber die Jahreszeiten, die die Abl\u00e4ufe in der Natur bestimmen. Zum Beispiel die Klimazonen, die miteinander eine schier unendliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren hervorbringen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und in alldem gibt es uns, die Menschen. Auch hier wieder: Gott gibt uns seine Weisung an die Hand; manche sagen auch \u201eGebote\u201c oder \u201eGesetze\u201c. Regelungen, Hinweise, Warnungen. Oft ganz einfach ausgedr\u00fcckt: \u201e<sub>15<\/sub>Und der Herr, Gott, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaute und bewahrte.\u201c Oder nehmen wir die 10 Gebote: Weisungen, wie ein Vertrag, f\u00fcr die freigekommenen Israeliten nach der Sklaverei in \u00c4gypten. Gott sagt hier: ich binde mich an euch \u2013 bindet ihr euch an mich. Es wird euch n\u00fctzen. Ihr werdet f\u00fcr eure Entscheidungen einen guten Rahmen haben. Ihr werdet gute L\u00f6sungen finden f\u00fcr eure Probleme und eure Konflikte, wenn ihr meine Weisungen beherzigt. So in etwa k\u00f6nnen wir den Sinn der 10 Gebote umschreiben. Und auch in unserer Geschichte findet sich ein \u00e4hnlicher Hinweis: \u201e<sub>16<\/sub>Und der Herr, Gott, gebot dem Menschen und sprach: Von allen B\u00e4umen des Gartens darfst du essen. <sub>17<\/sub>Vom Baum der Erkenntnis von Gut und B\u00f6se aber, von dem darfst du nicht essen, denn sobald du davon isst, musst du sterben.\u201c Eine Strafandrohung? Ich w\u00fcrde sagen: Nein, sondern eine Warnung. Denn die Erfahrung lehrt, dass Menschen sterblich sind. So wie sie im Leben Entscheidungen treffen m\u00fcssen. Denn ja, es gilt: Erkenntnis ist m\u00fchsam. Erkenntnis muss sich weiterentwickeln. Und wird nie zu Ende sein. Und das zehrt an uns. Wir m\u00fcssen das Leben bestehen. Der Apostel Paulus, der nun auch alles andere als dumm war, fasst das an einer Stelle sehr pr\u00e4zise zusammen. Seiner zerstrittenen Gemeinde in Korinth gibt er zu bedenken: \u201e<sub>9<\/sub>Denn unser Wissen ist St\u00fcckwerk und unser prophetisches Reden ist St\u00fcckwerk. <sub>10<\/sub>Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das St\u00fcckwerk aufh\u00f6ren\u201c (1. Kor. 13, 9f).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wie es bis dahin gehen kann, daf\u00fcr hat Jesus einen alten Gedanken des Gottesglaubens sehr einpr\u00e4gsam aufgefrischt \u2013 in der Geschichte vom barmherzigen Samariter: \u201e<sub>25<\/sub>Da stand ein Gesetzeslehrer auf und sagte, um ihn auf die Probe zu stellen: Meister, was muss ich tun, damit ich ewiges Leben erbe? <sub>26<\/sub>Er sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du da? <sub>27<\/sub>Der antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand, und deinen N\u00e4chsten wie dich selbst. <sub>28<\/sub>Er sagte zu ihm: Recht hast du; tu das, und du wirst leben. <sub>29<\/sub>Der aber wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein N\u00e4chster?\u201c \u2013 und dann folgt die Geschichte. Jesus gibt hier keinen Befehl. Er gibt einen Rat, einen Hinweis. Und der Gespr\u00e4chspartner kommt ja selbst darauf, wenn auch mit etwas M\u00fche und Widerstand. Gott lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele aller Kraft und dem ganzen Verstand \u2013 auch mit dem Verstand(!) \u2013 und den N\u00e4chsten. So wie du es selbst f\u00fcr dich auch haben wolltest. Indem wir das Richtige erkennen und tun, sagt Jesus, sind wir auf dem Weg. Und es geht um nicht wenig. Es geht darum, das Leben zu empfangen. Auch das gilt es zu erkennen und zu verstehen. Denn es ist hineingelegt in Gottes guten Willen f\u00fcr seine Sch\u00f6pfung und seine Menschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Anfang liegt, biblisch gesprochen, weit hinter uns. Das Ziel ist noch nicht erreicht. Uns bleibt nur, unsere Wege weiterzugehen. Mit Vertrauen, aber auch kritisch. Selbstbewusst und mit Gottes Weisung im Kopf und im Herzen. Wachsam gegen\u00fcber allen lebensfeindlichen Kr\u00e4ften (auch in uns selbst, wenn\u2019s ist). Aufgekl\u00e4rt den Weg aus der \u201eselbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit\u201c wagen. Mit Gott an unserer Seite \u2013 das ist kein Widerspruch. Denn nur so kann ich die alte Weisheitsgeschichte verstehen: Gott w\u00fcnscht sich Menschen, die so denken und handeln, dass sie seine Sch\u00f6pfung bebauen und bewahren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Uland Spahlinger, Dekan i.R., Dinkelsb\u00fchl<br \/>\n<a href=\"mailto:uland.spahlinger@elkb.de\">uland.spahlinger@elkb.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich schreibe diese Predigt unter einem doppelten Eindruck: zum einen meiner derzeitigen Lekt\u00fcre von Karl Poppers \u201eDie offene Gesellschaft und ihre Feinde\u201c, zum anderen des zutiefst verst\u00f6renden Wahlergebnisses der Landtagswahl vom 6. September 2026. Genesis 2 habe ich hierunter versucht, seiner mythologischen Einkleidung zu entkleiden und nach dem Verh\u00e4ltnis von Freiheit, Verantwortung und Bindung zu fragen \u2013 in sich wagemutig und, dem Umfang einer Predigt entsprechend, l\u00fcckenhaft. Vielleicht aber eben deshalb als Gedankenfutter und Anregung geeignet.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Fussnoten<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/F92A8D14-3768-4FBE-9E61-9A2C6CC9F522#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> I. Kant, Beantwortung der Frage, Was ist Aufkl\u00e4rung, in: Die Kritiken, Zweitausendeins Verlag, Frankfurt 2008, S. 635<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/F92A8D14-3768-4FBE-9E61-9A2C6CC9F522#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Das Wochenlied f\u00fcr den 15. Sonntag n. Trin.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/F92A8D14-3768-4FBE-9E61-9A2C6CC9F522#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> K. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1, T\u00fcbingen 2008\/8, S. XXII.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/F92A8D14-3768-4FBE-9E61-9A2C6CC9F522#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> So im Titel der gleichnamigen Schrift J. Moltmanns, Kaiser Traktate M\u00fcnchen 1976\/5, mit Verweis auf J.G. Herder, ebd. Vorwort S. 7<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/F92A8D14-3768-4FBE-9E61-9A2C6CC9F522#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> H.D. H\u00fcsch, Besuch beim lieben Gott, in: Das kleine Buch zwischen Himmel und Erde, tvd D\u00fcsseldorf 2000, S. 38<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/F92A8D14-3768-4FBE-9E61-9A2C6CC9F522#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> So Eckhart B\u00fccken in EG 432,1: Gott gab uns Atem, damit wir leben<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Wagnis, Gottes Gegen\u00fcber zu sein | 15. So. n. Trinitatis | 13. September 2026 | 1. 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