{"id":26677,"date":"2026-09-10T13:55:44","date_gmt":"2026-09-10T11:55:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26677"},"modified":"2026-09-10T13:56:18","modified_gmt":"2026-09-10T11:56:18","slug":"1-mose-24b-9-15-18-25","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-mose-24b-9-15-18-25\/","title":{"rendered":"1. Mose 2,4b\u20139.15.18\u201325"},"content":{"rendered":"<h3>Was ist der Mensch? | 15. Sonntag nach Trinitatis | 13. September 2026 | 1. Mose 2,4b\u20139.15.18\u201325 | Friedrich Schmidt-Roscher |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">in unserer Gemeinde gibt es einen Presbyter, der manchmal schmunzelnd erz\u00e4hlt: \u201eIch bin mit halb Ha\u00dfloch verwandt und die \u00fcbrige H\u00e4lfte kenne ich auch gut.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Botschaft der Bibel ist noch radikaler und grunds\u00e4tzlicher. Menschen sind miteinander verwandt. Wir sind alle Kinder des ersten Menschenpaares auf dieser Erde. So gesehen sind wir alle Geschwister. Doch h\u00f6ren wir die Geschichte aus dem 1. Buch Mose 2,4ff selbst.<\/p>\n<p><em>1. Mose 2, 4\u20139.15.18\u201325<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was ist der Mensch?<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>I.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sie kennen bestimmt solche Zeitgenossen, die diese biblische Erz\u00e4hlung als Beispiel nehmen, um deutlich zu machen, wie altmodisch und unwissenschaftlich die Bibel ist. Sie spotten dann \u00fcber die Erz\u00e4hlung und sagen: \u201eEs ist doch wissenschaftlich erwiesen, dass der Mensch vom Affen abstammt.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Meistens schweige ich und schaue die Leute ganz genau an. Dann sage ich l\u00e4chelnd: \u201eF\u00fcr mich sind Menschen Kinder Gottes, aber wenn Sie auf ihre Verwandtschaft zu den Affen unbedingt bestehen &#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Frage, wer wir Menschen sind, kann auf verschiedenen Wegen beantwortet werden. Manchmal ist es sinnvoll, den Menschen wissenschaftlich zu untersuchen, die biochemische Funktionsweise unseres K\u00f6rpers zu erforschen oder die DNA zu entschl\u00fcsseln. Ich lese mit Interesse, wie in der Pal\u00e4ontologie die Urspr\u00fcnge der Menschen gedeutet werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch es gibt noch einen anderen Zugang zur Wirklichkeit des Menschen. Das sind die alten Erz\u00e4hlungen, so wie diese biblische Erz\u00e4hlung. Auch diese Geschichte \u00fcber die ersten Menschen will uns erkl\u00e4ren, wer wir sind. Aber sie leistet noch etwas mehr als die biologische oder arch\u00e4ologische Erforschung des Menschen. Sie sagt aus, <em>wozu<\/em> wir auf dieser Erde sind, was unsere Aufgabe ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der erste Mensch hei\u00dft in der Bibel \u201eAdam\u201c. Das ist kein Vorname wie Klaus oder Leon. Es ist eine Ableitung aus dem hebr\u00e4ischen Wort \u201eAdama\u201c, das Erdboden bedeutet. Die Erz\u00e4hlung will damit klar machen, dass wir \u201eErdlinge\u201c ganz irdisch sind. Als Menschen sind wir Teil dieser Erde. Gott schafft Menschen aus Erdenstaub. Im Grunde entspricht diese Erz\u00e4hlung den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen \u00fcber den Menschen. Wir sind ein Teil der Erde und ganz irdisch und damit auch verg\u00e4nglich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch lebendig werden wir erst durch den Atem, den Gott dem Erdling einhaucht. Dieser Lebenshauch verbindet uns mit dem lebendigen Gott. Jeder Mensch ist so mit seinem Atem mit Gott verbunden \u2013 ob er davon wei\u00df oder nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mir gef\u00e4llt diese Beschreibung unseres Mensch-Seins. Ich bin ein Teil der Erde und doch auch durch den Lebensatem mit Gott verbunden. Das gilt f\u00fcr alle Menschen, unabh\u00e4ngig ihrer Religion, unabh\u00e4ngig ihrer Herkunft, unabh\u00e4ngig ihres Aussehens oder ihrer F\u00e4higkeiten. Wir sind als Menschen ganz von dieser Welt, aber eben auch mit Gott verbunden. Ist das nicht eine gro\u00dfartige Bestimmung von uns Menschen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>II.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott setzt den Erdling in einen sch\u00f6nen Garten. Er soll diese Erde bebauen und bewahren. Menschen haben von Anfang an auf dieser Erde einen Auftrag.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Menschen, die gerne hier in der Pfalz wandern gehen, erleben, wie sch\u00f6n die Erde ist und was f\u00fcr ein Genuss es sein kann hier zu leben. Auch wer eine Rieslingschorle schl\u00fcrft oder ein St\u00fcck \u201eQuetschekuchen\u201c isst, kann die Sch\u00f6nheit genie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Freilich sehen wir auch, wie viel Arbeit und M\u00fche darin steckt. Wer eine Terrasse mit Pflanzen hat, ein Hochbeet oder einen Schrebergarten, der wei\u00df, wie viel Arbeit im Pflanzen und Hegen steckt. Noch deutlicher sehen B\u00e4uerinnen oder Winzer die Schafferei, die hinter einer guten Ernte steckt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist auch ein Zeichen von Gottes G\u00fcte, dass die Erde Bl\u00fcten und Fr\u00fcchte hervorbringt und wir Trauben oder Pflaumen genie\u00dfen k\u00f6nnen. Dass wir im Sommer und Herbst ernten k\u00f6nnen, ist immer ein Zusammenspiel von menschlicher Arbeit und ein Zeichen von Gottes G\u00fcte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In diesem Jahr erleben wir eine bedr\u00fcckende Hitze und eine gro\u00dfe D\u00fcrre. Mir macht das gro\u00dfe Sorgen. F\u00fcr mich sind das erste Anzeichen der massiven Ver\u00e4nderungen durch die Klimaerw\u00e4rmung. Wir d\u00fcrfen nicht nachlassen, den Auftrag, den Gott uns Menschen gegeben hat, diese Erde zu bebauen und zu bewahren, ernst zu nehmen. Gott hat uns Menschen diese Erde anvertraut, damit wir als seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitwirken und schaffen, sodass die Erde bewahrt wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>III.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Das ist f\u00fcr mich ein ganz zentraler Satz aus dieser Erz\u00e4hlung. Menschen sind von Anfang an zur Gemeinschaft angelegt. Der Mensch braucht jemanden, der ihm entspricht und der ihm hilfreich zur Seite steht und manchmal auch die Hand h\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vergessen wir diese einfache Erkenntnis manchmal in Zeiten des Individualismus? Liegt in dieser Vergesslichkeit begr\u00fcndet, warum sich manche Menschen einsam f\u00fchlen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Biblische Erz\u00e4hlungen haben oft einen feinen Humor. Das erkenne ich darin, dass Gott zun\u00e4chst \u00fcberlegt, ob der Mensch nicht in den Tieren ein lebendiges Wesen finden k\u00f6nnte, das ihm entspricht und f\u00fcr ihn da ist. So darf der erste Erdling den verschiedenen Tierarten einen Namen geben. Doch am Ende ist kein Tier geeignet, eine Hilfe zu sein, die Menschen entspricht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Einige von Ihnen haben sicherlich Haustiere, die fast schon ein Familienmitglied sind. Wir haben auch einen kleinen Hund, der mit seinem kuscheligen Fell und seinen treuherzigen Augen f\u00fcr alle Familienmitglieder eine gro\u00dfe Bedeutung hat \u2013 nur Gassigehen will nicht immer jeder.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch Katzen oder Hunde k\u00f6nnen uns Menschen nicht entsprechen. Denn sie bleiben immer abh\u00e4ngig von uns. Auch wenn sie manchmal verh\u00e4tschelt oder vermenschlicht werden, werden sie keine Partner auf Augenh\u00f6he. Ich verstehe, dass Tiere f\u00fcr einsame Menschen eine gro\u00dfe Rolle spielen k\u00f6nnen, auch als Begleiter. Doch sie k\u00f6nnen menschliche N\u00e4he und vertrauensvolle Gespr\u00e4che eben nicht ersetzen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>IV.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nachdem dieser erste Versuch Gottes, f\u00fcr den Menschen eine Entsprechung zu finden, gescheitert ist, kommt ein zweiter Versuch. Sie alle kennen die Erz\u00e4hlung von der Rippe und der Erschaffung der Frau. Es gibt immer wieder Witze \u00fcber diesen Text, die zeigen, wie nachhaltig die Erz\u00e4hlung unsere Kultur gepr\u00e4gt hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine Sache m\u00f6chte ich ganz klar abr\u00e4umen. Dass die weibliche Entsprechung und Hilfe erst nach dem m\u00e4nnlich gelesenen Menschen geschaffen wurde, bedeutet keine nachrangige Wertigkeit. Manche Theologen, die daraus ableiten wollten, dass M\u00e4nner mehr wert seien als Frauen, haben den Sinn der biblischen Erz\u00e4hlung schlicht verfehlt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dass Frau und Mann aus einem Fleisch sind, will vielmehr die Verbundenheit eines Paares erkl\u00e4ren. Zwei Menschen, die herzlich verbunden sind und sich umarmen, haben in diesen gl\u00fccklichen Augenblicken das Gef\u00fchl, ein gemeinsamer Mensch, eben ein Fleisch zu sein. Dieses leibliche Gl\u00fcck, das zwischen Frau und Mann in der Liebe Wirklichkeit werden kann, das beschreibt die Erz\u00e4hlung. Gott nimmt einen Teil aus dem Leib des Menschen und baut daraus eine Entsprechung. Sie soll seine Hilfe und seine Begleitung sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei Platon gibt es im Gastmahl eine ganz \u00e4hnliche Erz\u00e4hlung, die erkl\u00e4ren will, warum sich liebende Menschen so stark verbunden f\u00fchlen, dass sie wie ein Fleisch sind. Dort wird erz\u00e4hlt, dass Menschen urspr\u00fcnglich kugelig waren und vier Beine und vier Arme hatten. Ein zorniger Gott hat die Menschen geteilt. Die sind nun ein Leben lang auf der Suche nach der passenden H\u00e4lfte, um wieder die urspr\u00fcngliche Einheit zu erleben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein ganz \u00e4hnlicher Gedanke zeigt sich in der Sch\u00f6pfungserz\u00e4hlung der Bibel. Sie versucht, die k\u00f6rperliche Verbundenheit zwischen zwei liebenden Menschen damit zu erkl\u00e4ren, dass der eine aus dem Fleisch des anderen entstanden sei.<\/p>\n<p><strong>V.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der Erz\u00e4hlung aus dem 1. Buch Mose erleben wir einen Gott, der sehr menschlich daherkommt. Er schlendert durch seinen Garten. Gott werkelt wie ein T\u00f6pfer, wenn er den Menschen baut. Er braucht manchmal mehrere Versuche, bis das Vorhaben gelingt. Manches wirkt auf moderne Menschen fast ein wenig naiv.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich sehe darin einen Gott, der sich dem Menschen wirklich zuwendet. Ein Gott, der f\u00fcr den Menschen da ist und m\u00f6chte, dass der ein gutes Leben f\u00fchrt. Das kann nur gelingen, wenn Menschen sehen, dass sie einen Auftrag haben. Das gelingt auch besser, wenn wir wissen, dass wir gesellige Wesen sind und eine Entsprechung an unserer Seite brauchen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch wenn ich die naturwissenschaftlichen Erkl\u00e4rungen zur Entstehungsgeschichte der Menschen mit Interesse verfolge, so finde ich doch die biblische Erz\u00e4hlung sch\u00f6ner. Sie macht n\u00e4mlich deutlich, dass Menschen Kinder Gottes sind. Wir sind durch das gemeinsame erste Menschenpaar alle miteinander verwandt. Ganz gleich wie wir aussehen und wie wir leben. Das bleibt wichtig. Gerade heute. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Dr. Friedrich Schmidt-Roscher<\/strong><br \/>\nPfarrer in Prot. Kirchengemeinden Ha\u00dfloch und Meckenheim in der Pfalz<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Verheiratet, 3 erwachsene Kinder<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist der Mensch? | 15. Sonntag nach Trinitatis | 13. September 2026 | 1. 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