{"id":2671,"date":"2020-05-06T09:32:58","date_gmt":"2020-05-06T07:32:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2671"},"modified":"2020-05-06T09:44:29","modified_gmt":"2020-05-06T07:44:29","slug":"wohnen-im-worte-gottes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wohnen-im-worte-gottes\/","title":{"rendered":"Wohnen im Worte Gottes"},"content":{"rendered":"<h3>Kantate &#8211; 10.5.2020 |&nbsp;Johannes 8,28-36 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst&nbsp;von Margrethe Dahlerup Koch | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kann man in einem Worte bleiben? Ja, das hat Jesus gesagt in dem Wort, das wir gerade geh\u00f6rt haben. \u201eWenn ihr bleiben werdet in meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine J\u00fcnger\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/45E7CE3E-79DF-4B9C-8070-1A4A55EC47E2#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, sagt er.<\/p>\n<p>\u201eWenn ihr bleibt\u201c \u2013 und nun m\u00fcsst Ihr einen Augenblick mit mir im Lexikon nachschauen, denn das griechische Wort, dass hier mit \u201ebleiben\u201c \u00fcbersetzt wird, bedeutet auch \u201esich aufhalten\u201c bzw. \u201ewohnen\u201c. Also: \u201eWenn ihr euch in meinem Wort aufhaltet, in ihm wohnt, seid ihr wahrhaftig meine J\u00fcnger\u201c. So h\u00e4tte man es auch \u00fcbersetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man kann sich in verschiedenen Worten aufhalten. Da sind die \u00e4ngstlichen, vorsichtigen Worte \u2013 \u201ewas nun, wenn \u2026, das macht mir Sorgen\u201c. Wenn wir uns in den Worten aufhalten, wird der Raum um uns enger. Da ist es eng um einen. Die Gardinen sind vorgezogen. Und man wagt sich nicht gerne weiter weg, als dass man wieder zum Melken zuhause sein kann.<\/p>\n<p>Oder man kann sich in den tr\u00f6stenden, f\u00fcrsorglichen Worten aufhalten. Das tun die, die sagen: \u201eSoll ich helfen \u2026, willst du lieber \u2026, du wirst sehen, morgen \u2026\u201c. Der Aufenthalt in diesen Worten schafft einen warmen Raum hinter Fenstern mit kleinen Sprossen, die die Welt f\u00fcr einen aufteilen in kleinere \u00fcberschaubare Ausschnitte. Gem\u00fctliche und ruhige Wohnungen, in denen man sich geborgen f\u00fchlt und Kr\u00e4fte sammelt.<\/p>\n<p>Da sind auch die gro\u00dfen Worte. Die Worte, die verurteilen und beurteilen \u2013 die mit gro\u00dfen Buchstaben geschrieben werden und nicht zur Debatte stehen, sondern gerne auf Titelseiten in bestimmter Form stehen: \u201eDer Generationenkonflikt\u201c, \u201eder Fl\u00fcchtlingsstrom\u201c, \u201edie perversen M\u00f6rder\u201c, \u201edie leichten M\u00e4dchen\u201c. H\u00e4lt man sich in diesen Worten auf, das ist man gleichsam in einem gro\u00dfen leeren Saal mit hartem Fu\u00dfboden und leeren W\u00e4nden. Es hallt, und die eigenen Schritte hallen nach. Man kann verschwinden und sich selbst verlieren in diesen Worten.<\/p>\n<p>Und dann sind da die verpflichtenden und stolzen Worte. Wohnt man in ihnen, wohnt man in festm\u00f6blierten, stilreinen R\u00e4umen zusammen mit \u201eimmer\u201c und \u201eniemals\u201c. Das sind Worte wie diese: \u201eWir in Westj\u00fctland waren nun schon immer der Meinung \u2026\u201c, \u201ein unserer Familie kennen wir keine Scheidungen\u201c, \u201eman pflegt seine Ausbildung fertigzumachen\u201c, oder auch: \u201eWir sind Nachkommen Abrahams und waren niemandem untertan\u201c.<\/p>\n<p>Das sind gute und starke Worte, in denen man sich aufhalten kann. Ist man in ihnen, kann man frei ein- und ausgehen, denn man wei\u00df, zu Hause ist es am sch\u00f6nsten, und drau\u00dfen ist das etwas anderes, das sicherlich ganz gut sein kann \u2013 f\u00fcr andere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber dann sind da auch die Worte Jesu. In denen kann man sich auch aufhalten. Und wenn man das tut, dann geschieht etwas. In dem Augenblick, wo man sich in ihnen niederl\u00e4sst, ist man etwas, was man vorher nicht war. Dann ist es m\u00f6glicherweise gut, aber nicht genug, \u201eNachkomme Abrahams\u201c zu sein oder \u201eWestj\u00fctl\u00e4nder\u201c oder \u201etreuer Ehegatte\u201c oder \u201et\u00fcchtiger Gymnasiast\u201c. Und dann ist m\u00f6glicherweise Grund f\u00fcr Besorgnis, und man braucht Trost. Da kann sehr wohl etwas sein, \u00fcber das man sich sch\u00e4mt, Dinge, f\u00fcr die man verurteilt werden kann. Aber das ist nur nichts von dem, was etwas dar\u00fcber sagt, wer man ist und was man kann. Denn wenn man sich in den Worten Jesu aufh\u00e4lt, dann ist man ein J\u00fcnger, sagt er: \u201eWenn ihr in meinem Worte bleibt, <em>seid<\/em> ihr wahrhaftig meine <em>J\u00fcnger<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Dann ist man eben dies. Und dies, was man <em>kann<\/em>. Trotz \u00c4ngstlichkeit, Scham, das eigene Urteil oder das Urteil anderer, trotz eines soliden Hintergrunds und vern\u00fcnftiger Schuhe: \u201eWenn ihr in meinem Worte bleibt, seid ihr, seid ihr wahrhaftig meine J\u00fcnger, und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen\u201c.<\/p>\n<p>Die Wahrheit. Im Johannesevangelium ist Wahrheit nicht gleichbedeutend mit: \u201edie korrekte Antwort auf die R\u00e4tsel des Lebens und unbeantwortete Fragen\u201c. Wahrheit hat bei Johannes etwas damit zu tun, wie man sieht und einsieht. Vielleicht kann man sagen, dass Wahrheit im Johannesevangelium bedeutet, dass man sehen kann, wie Gott sieht.<\/p>\n<p>Wenn man sich also in dem Wort Jesu aufh\u00e4lt und damit die Wahrheit kennenlernt, dann bedeutet das nicht, dass man Erkl\u00e4rungen und Antworten erh\u00e4lt. Aber man erh\u00e4lt einen Blick f\u00fcr etwas. Man sieht etwas, sieht etwas ein.<\/p>\n<p>Man h\u00e4lt sich in einem Wort auf, das die W\u00e4nde verschwinden l\u00e4sst, das Dach wird h\u00f6her, man kann frei in die Welt blicken. Und sehen, dass sie Gott geh\u00f6rt. Denn man kann sehen, dass der Himmel nirgends die Erde losl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Wie in einer \u00dcbung im Zeichnen, wo man nicht die Dinge, den Menschen oder die einzelnen Teile der Landschaft zeichnet, sondern den Himmel darum herum, und dadurch kommt alles zum Vorschein. Man bekommt einen Blick daf\u00fcr, dass der Himmel \u00fcberall ist und manchmal alles. Der neugepflanzte Baum drau\u00dfen an der Ecke, die H\u00e4user, die Bank drunten im Park, auf der sie sitzen, die die es nicht aushalten k\u00f6nnen, in anderen R\u00e4umen zu sein. Der Himmel ist um sie herum mit ihren T\u00fcten und das Kind im Kinderwagen, der vorbeirollt. Der Himmel umschlie\u00dft den Sterbenden oben im Krankenhaus und die, die dabei sitzen und warten. Und der Himmel ber\u00fchrt den Taxifahrer mit der Zigarette und dem fremden Akzent, und die beiden, die sich bei offenen Fenstern streiten.<\/p>\n<p>So sieht es dort aus, wo wir uns in dem Wort Jesu aufhalten und deshalb seine J\u00fcnger sind. Das gleich v\u00f6llig der Welt, die Gott so geliebt hat, dass der seinen Sohn hingab. Und der Sohn gab sein Leben, und deshalb ist das Leben nun hier in der Welt, der er sein Leben gegeben hat.<\/p>\n<p>Es liegt deshalb nun an uns, dass wir die geborgenen, kleinen, leeren und ordentlichen R\u00e4ume verlassen, um hinauszugehen zu all den anderen. Aufenthalt nehmen in einem unerwarteten Gespr\u00e4ch oder den wunderbaren eines Liedes.<\/p>\n<p>Sich in dem Wort Jesu aufhalten und ein J\u00fcnger sein, das hei\u00dft sich eine Zeitlang an seinem K\u00fcchentisch oder einer Kirchenbank niederlassen. Die Zeit teilen, zuh\u00f6ren, fragen, sich st\u00f6ren, \u00fcberraschen, sich ersch\u00fcttern lassen, kl\u00fcger werden. Oder ganz einfach: fr\u00f6hlicher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIhr sollt wahrhaft frei werden\u201c. So beschreibt Jesus, was das bedeutet, in seinem Wort zu sein, J\u00fcnger zu sein und einen Blick zu haben f\u00fcr die Welt Gottes. In einer anderen Lesung diesen Sonntags (2. Kor. 5,14-21) beschreibt er Apostel Paulus die Freiheit mit einem bemerkenswerten Ausdruck. Ernennt die Freiheit einen Zwang. \u201eDie Liebe Christi zwingt uns\u201c.<\/p>\n<p>Die Liebe zwingt. Zwingt dazu, nicht gleichg\u00fcltig zu sein. Das wei\u00df man, wenn man ein Kind hat, das nachts schreit, einen kranken Geliebten oder einen ungl\u00fccklichen Freund. Die Liebe zwingt, dass einem die Furcht, das Ungl\u00fcck, die Verletzbarkeit oder die Dummheit des anderen nicht gleichg\u00fcltig sein kann. Man muss aufstehen, beistehen, Zeit aufwenden, widersprechen. Das ist nicht etwas, was man gew\u00e4hlt hat, und deshalb ist der andere auch nachher keine Dankbarkeit schuldig.<\/p>\n<p>Denn es war die Liebe, die einen gezwungen hat, weil die Liebe nie gleichg\u00fcltig sein kann.<\/p>\n<p>Deshalb redet Jesus im Imperativ zu den Menschen und sagt Worte wie dies: \u201eGeht, glaubt, kehrt um, \u00f6ffnet euch, kommt heraus, steht auf, erhebt euch\u201c.<\/p>\n<p>Aber er sagt nie: \u201eSetz dich hin, bleib stehen, bleib liegen\u201c, und nur zu den D\u00e4monen sagt er: \u201eHalte den Mund\u201c. Er ruft die Menschen stets zur Bewegung, der Bewegung hinaus in die Welt. Und er tut dies in einem unbedingten Imperativ.<\/p>\n<p>So zwingt und befreit die Liebe Christi in derselben Bewegung.<\/p>\n<p>Zwingt die Liebe <em>Christi<\/em> \u2013 macht uns der <em>Sohn<\/em> wirklich frei, so dass wir einen Blick daf\u00fcr bekommen, dass die Welt und die anderen und wir selbst Gott geh\u00f6ren. Dann brauchen wir uns nicht mehr selbst zu behaupten und die anderen als unsere Gegner zu betrachten, die uns betr\u00fcgen, ausnutzen und l\u00e4cherlich machen wollen. Wir brauchen nicht mehr in den kleinen, versch\u00e4mten und \u00e4ngstlichen Isolationszellen zu leben.<\/p>\n<p>Dann geht es nicht darum, ob wir Liebe, Vergebung, Glaube und Hoffnung bei uns selbst und den anderen hervorbringen k\u00f6nnen. Denn das ist alles schon da. Und wir leben mitten drin. Wir k\u00f6nnen dem so gesehen nicht entgehen, ihm nicht entgehen.<\/p>\n<p>H\u00f6rt gut zu auf das, was wir beim Abendmahl h\u00f6ren im Eingangsgebet: \u201eDu, Christus, bist selbst unter uns mit allem Reichtum deiner Liebe\u201c.<\/p>\n<p>Es war am Ostermorgen. Christus stand auf von den Toten. Und jetzt ist der ganze Reichtum seiner Liebe hier. Bei uns. Zur freien Verf\u00fcgung und Weitergabe. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastorin Margrethe Dahlerup Koch<\/p>\n<p>DK-6950 Ringk\u00f8bing<br \/>\nEmail: <a href=\"mailto:mdkoch%40mail.dk\">mdkoch(at)mail.dk<\/a><\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/45E7CE3E-79DF-4B9C-8070-1A4A55EC47E2#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Die Luther-\u00dcbersetzung hat: \u201dan\u201d meinem Worte, die d\u00e4nische \u00dcbersetzung \u00fcbersetzt mehr w\u00f6rtlich wie die Z\u00fcrcher Bibel: \u201ein\u201c meinem Worte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kantate &#8211; 10.5.2020 |&nbsp;Johannes 8,28-36 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst&nbsp;von Margrethe Dahlerup Koch | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | &nbsp; Kann man in einem Worte bleiben? Ja, das hat Jesus gesagt in dem Wort, das wir gerade geh\u00f6rt haben. \u201eWenn ihr bleiben werdet in meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine J\u00fcnger\u201c[1], sagt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2672,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,1,185,157,114,357,233,349,180,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-2671","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-johannes","category-aktuelle","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-deut","category-kantate","category-kapitel-08-chapter-08","category-kasus","category-margrethe-dahlerup-koch","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2671","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2671"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2671\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2681,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2671\/revisions\/2681"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2672"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2671"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2671"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2671"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=2671"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=2671"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=2671"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=2671"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}