{"id":26715,"date":"2026-09-23T18:30:20","date_gmt":"2026-09-23T16:30:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26715"},"modified":"2026-09-23T18:30:20","modified_gmt":"2026-09-23T16:30:20","slug":"matthaeus-1521-28-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1521-28-6\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 15,21-28"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Vom Rassismus Jesu und seiner \u00dcberwindung<\/strong> | 17. So. n. Trinitatis | 27. September 27, 2026 | Mt 15,21-28 | <strong>Ulrich Pohl<\/strong> |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vom Rassismus Jesu und seiner \u00dcberwindung<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt Texte in den Evangelien, die fordern uns auf eine Weise heraus, wie wir es nicht erwarten. Wohl deshalb geh\u00f6rt der heutige Bibelabschnitt zu den wichtigen in den Evangelien.<\/p>\n<p>Warum? Weil Jesus hier sehr menschlich und auf eine gewisse Weise unfertig erscheint \u2013 mit dem, was er sagt, mit dem, was er denkt und mit dem, was er f\u00fchlt. Nur an wenigen Stellen in den Evangelien erscheint er in die Gedankenwelt seiner Mitmenschen so eingebunden wie hier. Es wird deutlich, Jesus partizipiert an den Vorurteilen seiner Zeit! Noch wichtiger: Wir erhalten Anschauungsunterricht, wie diese Vorurteile bei ihm \u00fcberwunden werden. Jesus ist bereit, etwas von dem, was er gesagt hat, zu \u00fcberdenken. Er ist bereit, seine Haltung zu \u00e4ndern. Er, der Sohn Gottes, der Sohn dessen, der alles geschaffen hat, der alles kennt und wei\u00df \u2013 er ist bereit, etwas zu lernen.<\/p>\n<p>Er ist bereit, dazuzulernen.<\/p>\n<p>Die Gottesgelehrten damals staunten: Noch dazu lernt er von einer Frau! Von einer Frau, die nicht einmal zum auserw\u00e4hlten Volk geh\u00f6rte, einer Frau ohne irgendeine Autorit\u00e4t und ohne \u201edas richtige\u201c religi\u00f6se Verst\u00e4ndnis. Sie war Ph\u00f6nizierin und stammte aus Tyros, einer reichen Hafenstadt am Mittelmeer. Sie kam zu Jesus und hatte eine Bitte: Meine Tochter ist krank. Du kannst sie gesund machen.<\/p>\n<p>Was tut Jesus? Er wendet ihr den R\u00fccken zu. Seine Worte klingen schroff, fast unbarmherzig: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Nicht zu Griechen, nicht zu R\u00f6mern, auch nicht zu euch!<\/p>\n<p>Jesus immer liebevoll? Jesus immer zugewandt? Jesus \u2013 immer bereit, den Menschen zu helfen, die mit einer Not zu ihm kommen? Hier nicht!<\/p>\n<p>Wenn wir auf die soziale und historische Wirklichkeit jener Tage schauen, verstehen wir, warum. Und viele von denen, die damals um ihn her standen, m\u00f6gen innerlich Applaus geklatscht haben: Recht so! Recht so, dass der Meister die Frau abweist und dahin zur\u00fcckschickt, wo sie hingeh\u00f6rt, in ihre goldglitzernde, gottlose Ausbeuterstadt!<\/p>\n<p>Denn tats\u00e4chlich: Jahrhundertelang hatten die reichen H\u00e4ndler von der K\u00fcste die israelitischen Bauern im Bergland ausgebeutet. Die Lieferketten waren gut eingef\u00e4delt: \u00d6l, Wein und Fr\u00fcchte flossen in die Metropolen. Dicke B\u00e4uche, pralle Geldb\u00f6rsen, wohlgen\u00e4hrte Kinder. Bei den Bauern hingegen regierte der Mangel. Das sah man den Menschen an: Am Meer wohnten die mit der hellen Haut, immer gut gepflegt, geseift, gepudert. Oben in den H\u00fcgeln Galil\u00e4as wohnten die mit der dunklen Haut, auf der sich Sonne, Staub und Schwei\u00df mischten.<\/p>\n<p>Es war eine gespaltene Welt, gepr\u00e4gt von gegenseitiger Verachtung. Man r\u00fcmpfte die Nasen. Die einen \u00fcber den Schmutz und die Unbildung der Armen: Wer sind denn die?! Die anderen \u00fcber den Unglauben der Reichen: Gott ist unbestechlich! Wir sind das auserw\u00e4hlte Volk. Ihr seid nur Menschen zweiter Klasse. Reich zwar. Aber Abschaum.<\/p>\n<p>Jesus ist ein Kind seiner Zeit und Kultur. Auch er hat so gedacht. Seine Antwort an die hilfesuchende Frau ist von schneidender H\u00e4rte: \u201eEs ist nicht richtig, dass man den Kindern das Brot wegnimmt und wirft es vor die Hunde!\u201c<\/p>\n<p>Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Auf der einen Seite \u201ewir\u201c. Wir sind die Kinder Gottes. Auf der anderen Seite \u201eIhr\u201c. F\u00fcr uns seid Ihr Hunde.<\/p>\n<p>Eine unmissverst\u00e4ndliche und dem\u00fctigende Zur\u00fcckweisung. Jeder andere w\u00e4re verletzt weggegangen, besch\u00e4mt und w\u00fctend. Doch die Frau bleibt. Die Liebe zu ihrem Kind ist gr\u00f6\u00dfer als ihr Stolz. Sie nimmt das Bild Jesu auf und wendet es mit feinem Wortwitz zu ihren Gunsten: Kann sein, Meister, f\u00fcr euch sind wir Abschaum. Aber schau: Essen nicht auch die Hunde die Kr\u00fcmel, die vom Tisch ihrer Herren fallen?<\/p>\n<p>Will sagen: Gibt es f\u00fcr meine Tochter nicht wenigstens einen Rest? Gott ist gro\u00df, und deine Kraft, Jesus, ist unermesslich \u2013 f\u00fcr die Kinder Israels ist doch immer noch mehr als genug da! Nur ein kleiner Rest, der w\u00fcrde mir schon reichen. Bitte!<\/p>\n<p>Jesus wird einen Moment still. In ihm arbeitet es. Die Frau nervt! Sie gibt keine Ruhe. Aber zugleich sp\u00fcrt er, in dem, was er sagt und tut, passt etwas nicht zusammen. Vielleicht geht ihm in dieser Stille durch den Kopf: Man besiegt das, was wir heute Rassismus nennen, nicht indem man einfach die Verh\u00e4ltnisse umkehrt. Also, wenn man die bisher Unterdr\u00fcckten in den Status der Herren hebt. Und die, die bisher von den bestehenden Verh\u00e4ltnissen profitiert haben, dem\u00fctigt und zu Opfern macht. Ja, ja, schon richtig: Jahrhundertelang sind die mit der dunklen Haut unterdr\u00fcckt worden. Endlich kehrt sich das mal um. Endlich m\u00fcssen mal die mit der wei\u00dfen Haut warten, betteln, sich dem\u00fctigen. Man k\u00f6nnte verleitet sein zu sagen: Schaut her, jetzt trifft es mal die Richtigen! Aber ist das wirklich Gottes Gerechtigkeit? Ist das wirklich \u201erecht so\u201c?<\/p>\n<p>F\u00fcr Jesus offenbar nicht. Er blickt die Frau an \u2013 nun nicht mehr durch die Brille kultureller oder sozialer Vorurteile, sondern von Angesicht zu Angesicht. Dann gibt er sich einen Sto\u00df: \u201eFrau, Dein Glaube ist gro\u00df. Dir geschehe, wie Du willst.\u201c<\/p>\n<p>Damit ist die Br\u00fccke gebaut. Das ist die Lektion, die der Sohn Gottes hier lernt und zugleich weitergibt: Mut und Liebe, Not, Verzweiflung, Hoffnung und Glaube \u2013 all das gibt es auf allen Seiten. Auch dort, wo der Reichtum eigentlich allen Glauben ersticken m\u00fcsste. \u201eDein Glaube ist gro\u00df!&#8220; Die mit der dunklen Haut und die mit der hellen Haut, f\u00fcr Jesus geh\u00f6ren sie fortan zusammen.<\/p>\n<p>Das hat Konsequenzen f\u00fcr unser Zusammenleben heute. Wer den alten Rassismus wiederbeleben will, jetzt eben nur unter umgekehrten Vorzeichen, kann sich auf Jesus nicht berufen. Wer die alten Spaltungen aufrechterhalten will, gar mit den vermeintlich wissenschaftlich begr\u00fcndeten Argumenten einer sogenannten \u201epositiven Diskriminierung\u201c, wird nicht bewirken, dass etwas zusammenfindet, dass etwas heilt.<\/p>\n<p>Nein: In der Gemeinde Christi geh\u00f6ren die Menschen zusammen. Das, was sie vorher getrennt hat, ist nicht mehr wichtig. Keiner soll es dem anderen nachtragen, dass seine Vorfahren einmal auf der falschen Seite gestanden haben.<\/p>\n<p>Ist das gerecht? Oder ist das nur das beschwichtigende Gerede eines \u201ealten wei\u00dfen Mannes\u201c, der bisher von der ungleichen Verteilung der G\u00fcter und Chancen profitiert hat? Wie auch immer, es ist das, was Jesus hier lernt. Und was er fortan vorlebt.<\/p>\n<p>So endet die Begegnung Jesu mit der Frau damit, dass ein Mensch gesund wird, heil wird. Ganz schlicht berichtet der Evangelist Matth\u00e4us: \u201eDie Tochter der Frau wurde gesund, noch zu derselben Stunde.\u201c Am Ende steht nicht die richtige Haltung, sondern die Heilung. Das Ziel ist nicht Vergeltung, sondern Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<p>Dass unsere Kinder gesund, fr\u00f6hlich und in einem vers\u00f6hnten Umfeld gro\u00df werden \u2013 frei von Hass, frei von Schranken im Kopf \u2013, das sei allen Menschen auf dem Erdkreis von Herzen gew\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer i.R. Ulrich Pohl<\/strong><br \/>\nNurmes, Finnland<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Rassismus Jesu und seiner \u00dcberwindung | 17. So. n. Trinitatis | 27. September 27, 2026 | Mt 15,21-28 | Ulrich Pohl | &nbsp; Vom Rassismus Jesu und seiner \u00dcberwindung Es gibt Texte in den Evangelien, die fordern uns auf eine Weise heraus, wie wir es nicht erwarten. 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