{"id":26717,"date":"2026-09-23T18:33:01","date_gmt":"2026-09-23T16:33:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26717"},"modified":"2026-09-23T18:33:44","modified_gmt":"2026-09-23T16:33:44","slug":"mt-1521-28","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/mt-1521-28\/","title":{"rendered":"Mt 15,21\u201328"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Nach dem Urlaub brauch ich Ferien<\/strong> | 17. So. n. Trinitatis | 27. September 2026 | Mt 15,21\u201328 | Udo Schmitt |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nach dem Urlaub brauch ich Ferien<\/strong><\/p>\n<p>1 Urlaubswunsch und Dienstbereitschaft<\/p>\n<p>Es gibt Berufe, da ist man immer im Dienst. Ein Polizist, der eine Straftat sieht, muss einschreiten, auch wenn er gerade frei hat. Wenn ein Mediziner in einem Lokal zu Abend isst und der Ruf erschallt: \u201cIst ein Arzt anwesend?\u201d, dann muss er aufspringen und helfen. Ebenso eine Krankenschwester oder ein Feuerwehrmann. Auch ein Pfarrer ist als Seelsorger immer im Dienst und kann nicht sagen: \u201cOch n\u00f6\u00f6, ich hab jetzt gerade keine Lust.\u201d Und ganz \u00e4hnlich ist es wohl auch mit dem Beruf Gottes Sohn und Wunderheiler. Als Jesus im Norden war \u2013 er hatte sich mit seinen J\u00fcngern gerade zur\u00fcckgezogen, wollte etwas Abstand gewinnen, Ruhe finden vor dem Volk, das ihn verfolgte und immer neue Wunder verlangte, kurz, er wollte mal ausspannen, Urlaub machen \u2013 da wird schon wieder seine Hilfe verlangt: \u201cHerr, erbarme dich! Kyrie eleison!\u201d<\/p>\n<p>2 Schroffes Schweigen<\/p>\n<p>Jesus verh\u00e4lt sich so, wie man es von einem j\u00fcdischen Rabbi erwarten darf. Er schweigt. Uns befremdet das. Ja, mehr als das. Im Bibelkreis am Dienstagabend z.B. war die Emp\u00f6rung gro\u00df. Als wir diesen Text besprachen, brach es aus vielen heraus: Wie kann Jesus nur so schroff sein. So abweisend. So kennt man ihn ja gar nicht. Der Bibelkreis war sehr emp\u00f6rt. Und ja \u2013 es stimmt \u2013 dieser Jesus ist uns fremd. Es ist nicht der nette Jesus von nebenan, der Kumpel, der jedem hilft. Unser Bruder Jesus, immer gut drauf und: \u201eHey! Every time Fairplay!\u201c \u2013 Nein, so niedlich ist er diesmal nicht. Er sieht die Frau nicht an und will weitergehen. \u2013 Die Frau schreit weiter: \u201cHerr, erbarme dich! Kyrie eleison!\u201d Den J\u00fcngern wird die Sache langsam peinlich. \u201cJesus, tu doch was. Das Geschrei der Frau ist ja nicht zum Aushalten. Jetzt tu ihr halt den Gefallen oder mach irgendwas. Die Leute schauen uns schon hinterher.\u201d<\/p>\n<p>3 Vorl\u00e4ufige Beschr\u00e4nkung des Einsatzgebiets<\/p>\n<p>Jesus, der bis jetzt geschwiegen hat, weil man das eben so tut als Rabbi \u2013 man l\u00e4sst sich nicht \u201eanquatschen\u201c, nicht im Ausland, auf der Stra\u00dfe und schon gar nicht von Frauen. Da gab es Regeln und erst recht im Orient. Das ist ja bis heute so. Im Orient darf eine Frau l\u00e4ngst nicht alles, was sie hier darf, und einen Mann einfach auf der Stra\u00dfe anzusprechen, ist ein heikles Thema. Aber das ist den J\u00fcngern egal, hauptsache, die Frau h\u00f6rt endlich auf zu schreien. \u2013 Jesus, der bis jetzt geschwiegen hat, antwortet. Endlich. Aber nicht der Frau, sondern seinen J\u00fcngern: \u201cIch bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.\u201d<\/p>\n<p>Wieder war die Emp\u00f6rung gro\u00df im Bibelkreis. Was ist denn das f\u00fcr eine Antwort. Gilt denn etwa die frohe Botschaft nicht f\u00fcr uns? Und ist Jesus nicht f\u00fcr alle Menschen gestorben? Und hat er nicht selbst gesagt: \u201cGehet hin und machet zu J\u00fcngern alle V\u00f6lker\u201d Was gilt denn nun?<\/p>\n<p>Doch was Jesus sagt, ist richtig. Wir sind noch in der Zeit vor Ostern, und die Zeit ist noch nicht reif f\u00fcr die V\u00f6lker. Erst der auferstandene Christus wird seine J\u00fcnger in alle Welt senden. Dann ja, aber jetzt noch nicht. Der Jesus in der Zeit vor Ostern ist nicht gesandt, Kranke aus allen V\u00f6lker zu heilen. Seine Mission ist es, den Auftrag des Vaters zu erf\u00fcllen und das Leiden auf sich zu nehmen und den Weg zu gehen, der ihn ans Kreuz f\u00fchren wird. Jesus wird an Israel scheitern und sterben, aber gerade dadurch wird er den Tod \u00fcberwinden. Wenn sich Jesus jetzt noch nicht den Heiden zuwendet, verl\u00e4uft also alles nach Plan.<\/p>\n<p>4 Nachl\u00e4ufige Hartn\u00e4ckigkeit<\/p>\n<p>Der Frau sind solche heilsgeschichtlichen \u00dcberlegungen nat\u00fcrlich fremd. Und letztlich ist ihr der ganze Heilsplan auch \u201eschnurzpiep\u201c und egal, denn sie wei\u00df nur eins: Ihre Tochter ist krank und dieser Mann kann ihr helfen. Und so schreit sie weiter und noch lauter: \u201cHerr, erbarme dich! Kyrie eleison!\u201d Und um das Ganze noch zu unterstreichen, f\u00e4llt sie vor ihm nieder und ruft: \u201cHerr, hilf mir!\u201d Jetzt kann Jesus ihr nicht mehr ausweichen und so antwortet er ihr. Aber was ist das f\u00fcr eine Antwort? Er sagt nicht Ja oder Nein, sondern ganz allgemein: \u201cEs ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.\u201d<\/p>\n<p>Tja, Jesus hatte wohl wirklich einen schlechten Tag erwischt. Man sp\u00fcrt seiner Antwort einen gewissen \u00c4rger an. \u00c4rger vielleicht dar\u00fcber, dass die Leute Wunder um Wunder von ihm verlangen, und doch nicht glauben wollen. Aber genau das ist es, was Jesus will. Dass die Leute glauben, dass die Leute zu Gott beten und ihm vertrauen und dass sie so ihr Leben f\u00fchren, aus dem Glauben heraus und aus Gottes Liebe heraus. Und stattdessen verlangen die Leute von ihm immer wieder Wunder und noch mehr und noch mehr. Nicht einmal im Urlaub im Ausland ist man davor sicher. Und Jesus \u00e4rgert sich: \u201cOch n\u00f6\u00f6, Leute, muss das sein?\u201d Nun ja, er formuliert es etwas anders. Aber der Sache nach sagt er der Frau genau das, was er auch schon seinen J\u00fcngern gesagt hat: Ich bin zu den Kindern Israels gesandt, zu den verloren Schafen \u2013 das ist meine Mission. Die Schafe sind jetzt dran, nicht die Hunde \u2013 also nicht die Heiden \u2013 die kommen sp\u00e4ter, wie wir heute, nach Ostern, wissen.<\/p>\n<p>5 Eine schlagfertige H\u00fcndin<\/p>\n<p>Hunde! Was f\u00fcr eine Beschimpfung. Das sa\u00df. \u2013 Sollte man meinen. Oder w\u00fcrden Sie noch weiterreden wollen nach so einem Wort? Aber diese Frau kennt keine Peinlichkeit. Eine Mutter, die ein behindertes Kind hat, muss sich so manches anh\u00f6ren in ihrem Leben. Gute Ratschl\u00e4ge und gemeines Getratsche. Da darf man nicht zimperlich sein, und auch nicht w\u00e4hlerisch. Und sie ist es nicht. Nein, diese Frau hat Mut und sie ist schlagfertig. Sie ignoriert die Beleidigung nicht nur, sondern wendet sie in ihr Gegenteil. \u201cIch will ja gar nicht\u201d, so antwortet sie: \u201cden Kindern Israels ihr Brot wegnehmen, mir geht es um mein krankes Kind, nur die Kr\u00fcmel, die vom Tisch fallen verlange ich f\u00fcr es.\u201d \u2013 Das sa\u00df nun wirklich.<\/p>\n<p>6 Gut gebr\u00fcllt, L\u00f6win!<\/p>\n<p>Tja, Schachmatt. Jetzt konnte Jesus nicht mehr Nein sagen. Und er akzeptiert es. Mehr noch, er lobt sogar die Frau: \u201cDein Glaube ist gro\u00df\u201d Das ist ein hohes Lob aus seinem Mund und es wird nur wenigen zuteil. Jesus zeigt sich am Ende doch wieder gro\u00dfm\u00fctig und beharrt nicht kleingeistig auf seinem Recht und dass die Heiden jetzt eigentlich noch nicht dran sind usw. usf. \u2013 Er sagt nicht nur \u201cNaaa gut\u201d, sondern er sagt \u201cGut gesprochen Frau \u2013 gut gebr\u00fcllt, L\u00f6win, die du dein Kind verteidigst! Es soll gesund werden.\u201d Und es wurde gesund. Und so wurde der Vorhang von Ostern ein wenig gel\u00fcftet. Das Heil kommt zu den Heiden, nun noch nicht ganz, aber Jesus macht schon mal eine Ausnahme vom Heilsplan f\u00fcr diese beherzt auftretende Mutter. Ein vers\u00f6hnlicher Schluss \u2013 Happy End.<\/p>\n<p>7 Schlussfolgerungen<\/p>\n<p>Nun, was k\u00f6nnen wir lernen, was k\u00f6nnen wir nach Hause mitnehmen von dieser Geschichte? Erstens: Jesus hat auch manchmal eine Seite, die uns fremd ist. Er ist nicht das kleine liebe Jesulein, das wir uns so sch\u00f6n zurechtgelegt haben, damit es gut in unser Konzept passt. Er schleicht nicht immer nur vergeistigt l\u00e4chelnd durch das Leben, spielt nicht den Dalai-Lama, immer nur l\u00e4cheln und immer vergn\u00fcgt, sondern er tritt zuweilen auch sehr bestimmt auf. Er kann auch \u00c4rger empfinden \u00fcber die Ungerechtigkeit seiner Zeit, Trauer \u00fcber das Unverst\u00e4ndnis seiner Zeitgenossen, und er kann sogar richtig sauer werden, wenn er z.B. die H\u00e4ndler vor dem Tempel verjagt.<\/p>\n<p>Zweitens \u00fcbt Jesus Toleranz. Auch schon vor Ostern ist er offen f\u00fcr andere. Vielleicht hat er es auch erst an dieser Frau gelernt. Er spricht von Hunden, aber sie erweist sich als schlau wie eine F\u00fcchsin und mutig wie eine L\u00f6win. Das n\u00f6tigt ihm Respekt ab. Und er versteift sich nicht auf ein \u201eIhr-geh\u00f6rt-nicht-dazu-Denken\u201c. Jesus, der sich anf\u00e4nglich angefasst und leicht genervt zeigt, erweist sich als lernf\u00e4hig und kompromissbereit. Zumindest aber als absolut angstfrei. Und das ist eine vorbildhafte Haltung, gerade im Umgang mit Fremden. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Und auch wir m\u00fcssen uns vor den Fremden nicht f\u00fcrchten, die zu uns kommen. Sie nehmen unseren Kindern nichts weg, sie suchen nur einen Platz zum \u00dcberleben.<\/p>\n<p>Drittens zeigt der Mut der Frau, dass auch wir mutig sein k\u00f6nnen, wenn wir Gott um etwas bitten. Respektlos und hartn\u00e4ckig bittet sie und bittet immer weiter. Auch uns soll es nicht peinlich sein, Gott um etwas zu bitten. Keine Angst beim Beten! Sagt nicht: \u201eDa hilft nur noch Beten\u201c, und meint damit, dass nichts mehr hilft. Gebete haben eine gro\u00dfe Kraft. Sie st\u00e4rken uns in Zeiten, in denen wir uns hilflos und ohnm\u00e4chtig f\u00fchlen. Sie zeigen uns neue Wege und geben uns die Kraft den neuen Weg zu gehen, mutig und geduldig, Schritt f\u00fcr Schritt. Und das w\u00fcnsche ich Ihnen und uns allen hier.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Liedvorschl\u00e4ge<\/strong>:<br \/>\nEG 419 Hilf, Herr meines Lebens<br \/>\nEG 648 Wir haben Gottes Spuren<br \/>\nEG 655 Aus der Tiefe rufe ich zu dir<br \/>\nHuE 2 Wo Mensch sich vergessen \/ da ber\u00fchren sich Himmel und Erde<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Udo Schmitt,<\/strong> geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<br \/>\nDorfstr. 19 \u2013 42489 W\u00fclfrath (D\u00fcssel)<br \/>\nudo.schmitt@ekir.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Urlaub brauch ich Ferien | 17. So. n. Trinitatis | 27. September 2026 | Mt 15,21\u201328 | Udo Schmitt | &nbsp; Nach dem Urlaub brauch ich Ferien 1 Urlaubswunsch und Dienstbereitschaft Es gibt Berufe, da ist man immer im Dienst. 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