{"id":26726,"date":"2026-09-23T18:43:33","date_gmt":"2026-09-23T16:43:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26726"},"modified":"2026-09-23T18:43:33","modified_gmt":"2026-09-23T16:43:33","slug":"matthaeus-1521-28-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1521-28-9\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 15,21-28"},"content":{"rendered":"<h3>17. So. n. Trinitatis | 27. September 2026 | Mt 15,21-28 | Ralph Kunz |<\/h3>\n<p><em>21\u00a0Und Jesus ging von dort weg und zog sich in die Gegend von Tyrus und Sidon zur\u00fcck.\u200222\u00a0Und da kam eine kanaanitische Frau aus jenem Gebiet und schrie: Hab Erbarmen mit mir, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem D\u00e4mon furchtbar gequ\u00e4lt.\u200223\u00a0Er aber antwortete ihr mit keinem Wort. Da traten seine J\u00fcnger zu ihm und baten: Stell sie zufrieden, denn sie schreit hinter uns her!\u200224\u00a0Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.\u200225\u00a0Doch sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!\u200226\u00a0Er antwortete: Es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden hinzuwerfen.\u200227\u00a0Sie sagte: Stimmt, denn die Hunde fressen ja ohnehin von den Brotbrocken, die vom Tisch ihrer Herren fallen.\u200228\u00a0Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist gross! Dir geschehe, wie du willst. Und von Stund an war ihre Tochter geheilt.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<\/p>\n<p>In der Regel ist der Sonntag ein Tag, an dem wir weniger tun, weniger gefordert und weniger gefragt sind als sonst. Heute nicht. Zumindest nicht in der Schweiz. Heute entscheiden wir als Schweizer Stimmb\u00fcrger:innen \u00fcber zwei Vorlagen \u2013 die Neutralit\u00e4ts- und die Ern\u00e4hrungsinitiative. Ich habe schon abgestimmt und nat\u00fcrlich habe ich mich richtig entschieden. Wie alle anderen auch. Wir sind uns einig. Doch wie kommen wir zu unserer Entscheidung? Fragen Sie sich manchmal auch: Was w\u00fcrde Jesus tun?<\/p>\n<p>Ich finde es grunds\u00e4tzlich eine gute Faustregel. Schliesslich ist Jesus ein Vorbild. Zu fragen, was er tun, wie er sich verhalten und wie er argumentieren w\u00fcrde \u2013 das ist wie ein ethischer Kompass, an dem ich mich orientiere \u2013 auch in politischen Fragen.<\/p>\n<p>Leider funktioniert er nicht bei allen Menschen, wie ich es gernh\u00e4tte. Es geht in der Politik fast ein wenig so, wie im Refrain des Volkslieds. Dort heisst es: \u00abMal rauf, mal runter, mal links, mal rechts, mal vorw\u00e4rts, mal r\u00fcckw\u00e4rts, mal links, mal rechts.\u00bb Und so kommt es, dass es auch bei denen, die himmelw\u00e4rts schauen, mal links und mal rechts geht. Davon wissen auch die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in Sachsen-Anhalt ein Lied zu singen. Was andere f\u00fcr einen R\u00fcckschritt halten, ist der Fortschritt der anderen.<\/p>\n<p>Im Evangelium zum heutigen Sonntag geht es nicht um Politik und irgendwie doch. Jesus ist gefragt, in welche Richtung seine messianische Sendung gehen soll. Man k\u00f6nnte vorweg die Frage stellen. Was wird Jesus tun, wenn ihm eine heidnische Frau \u00fcber den Weg l\u00e4uft? Die Geschichte erz\u00e4hlt, wie er reagiert hat. Und das ist ziemlich irritierend. Aber sch\u00f6n der Reihe nach. <em>Was genau ist passiert?<\/em><\/p>\n<p>Am Anfang heisst es, Jesus zog sich zur\u00fcck in die Gegend von Tirus und Sidon. Er wollte offenbar in Ruhe gelassen werden. Matth\u00e4us erz\u00e4hlt im Abschnitt davor, was der Grund daf\u00fcr war. Jesus stritt sich mit den Pharis\u00e4ern. Es ging wieder einmal um die Ern\u00e4hrung, genauer: um reines und unreines Essen. Es war <em>das<\/em> grosse Thema der pharis\u00e4ischen Ern\u00e4hrungsinitiative. Sie predigten ihren Volksgenossen, sich strenger an die Regeln zu halten. F\u00fcr sie war die kultische Unreinheit <em>das<\/em> religi\u00f6se Problem. Es hindert Gott daran, seinen Messias zu senden. F\u00fcr die einfachen Leute war die pharis\u00e4ische L\u00f6sung ein massives Problem: Schon das rituelle H\u00e4ndewaschen im Alltag war eine Herausforderung.<\/p>\n<p>Die rigorose Haltung der Pharis\u00e4er, ihre Weigerung, darauf R\u00fccksicht zu nehmen, machte wiederum Jesus w\u00fctend. Er war ganz und gar nicht neutral. Seine Position: Nicht, was in den Mund hineinkommt, macht den Menschen unrein, sondern das, was herauskommt. Das musste Zoff geben. Jetzt also der R\u00fcckzug in ein neutrales Umfeld. Denn Tirus und Sidon war nicht-j\u00fcdisch. Der R\u00fcckzug war sozusagen ein Kurzurlaub vom messianischen Stress. Die Leute waren sowieso schon unrein. Kein Streit zu erwarten. So der Plan, aber er geht nicht auf. Denn da kommt eine kanaanitische Frau aus jenem Gebiet und schreit: \u00abHab Erbarmen mit mir, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem D\u00e4mon furchtbar gequ\u00e4lt.\u00bb<\/p>\n<p><em>Was wird Jesus tun?<br \/>\n<\/em>Er ignoriert sie. Er l\u00e4sst sie schreien. Es geht ihn\u00a0 nichts an. Aber sie l\u00e4sst nicht locker, l\u00e4uft ihm nach, zetert weiter. Sie hat eine kranke Tochter zuhause. Zwischen den Zeilen steht: Die Frau nervt! Sie ist so penetrant. Und die J\u00fcnger bem\u00fchen sich, Jesus umzustimmen, bitten ihn. \u00abStell sie zufrieden, denn sie schreit hinter uns her! Gib Deinen Widerstand auf, h\u00f6r sie an, dann haben wir wieder Ruhe!\u00bb<br \/>\nDoch Jesus bleibt eisern. Er verweist auf seine Order. Er hat eine klare Vorstellung von seiner Mission. Die kanaan\u00e4ische Heulsuse hat darin keinen Platz. Die J\u00fcnger sollten es wissen: \u00abIch bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.\u00bb Vielleicht \u00fcberzeugt er die J\u00fcnger? Sie beeindruckt das nicht sonderlich. Im Gegenteil: Sie wird noch zudringlicher, f\u00e4llt vor ihm nieder und sagt: \u00abHerr, hilf mir!\u00bb<br \/>\n<em>Was wird Jesus tun? <\/em>Machen wir den Jesustest im Original. Er ist doch der Bergprediger. Wir haben seine Worte im Ohr: Liebe Deinen Feind? Was sagt er? Nicht das, was wir von ihm erwarten. Denn \u00aber antwortete: Es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden hinzuwerfen.\u00bb<br \/>\nDas ist ziemlich starker Tobak! Um es mit den Worten zu sagen, die er den Pharis\u00e4ern an den Kopf warf: Was aus seinem Mund herauskommt, macht klingt ziemlich pharis\u00e4isch. Herrischer, \u00fcberheblicher geht\u2019s nicht. Juden sind Kinder Gottes, Nichtjuden sind wie unreine Hunde. Was f\u00fcr ein zynisches Bild!<br \/>\nAber sie gibt nicht auf. Sie l\u00e4sst sich von dieser Arroganz nicht beirren. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt und l\u00e4sst ihn nicht so leicht davonkommen. Denn sie weiss: Er ist der Davidsohn. Er ist ein Heiler. Sie glaubt es: Er kann, wenn er will, ihre Tochter retten. Also leistet sie hartn\u00e4ckig Widerstand und antwortet schlagfertig: \u00abStimmt, es ist nicht recht, wenn die Kinder leer ausgehen \u2013 aber Hunde m\u00fcssen auch \u00fcberleben. Und sie fressen ohnehin nur die Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.\u00bb<br \/>\nDas ist ein genialer Konter. 1:0 f\u00fcr die kanaan\u00e4ische Frau. Sie anerkennt seine Herrschaft und erinnert ihn zugleich an seine Verantwortung. Sie unterstellt sich ihm, aber ist nicht unterw\u00fcrfig. Wenn Jesus ihr jetzt die Hilfe verweigert, entpuppt er sich als ein Herrchen , das seinem Hund nicht einmal den Abfall g\u00f6nnt. Was darauf folgt, ist grosses Evangelium.<\/p>\n<p>Jesus lernt von der Frau, was Gottes Wille ist. Sie wird zur Lehrmeisterin des Meisters. Sie \u00f6ffnet ihm die Augen, weil sie nicht aufgibt. Und er erkennt, dass es richtig ist, seine Mission zu weiten. \u00dcber die Schafe Israels hinaus. Sie lehrt ihn, Gottes Barmherzigkeit zu den V\u00f6lkern zu tragen, dass die Zeit gekommen ist, die Trennwand abzureissen und die Fremden, die Gott vertrauen, willkommen zu heissen. Sie hat einen grossen Glauben und hilft Jesus, seinen Glauben zu weiten. Darauf antwortete er ihr: \u00abFrau, dein Glaube ist gross! Dir geschehe, wie du willst. Und von Stunde an war ihre Tochter geheilt.\u00bb<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine wunderliche und wunderbare Geschichte f\u00fcr alle, die sich an die Faustregel der christlichen Orientierung halten. Wir fragen: Was w\u00fcrde Jesus tun? Und bekommen zur Antwort: Mach es wie er \u2013 h\u00f6r auf Gottes Wort. Und in diesem Fall hat Gott durch die Frau gesprochen. Jesus korrigiert seine \u00dcberzeugung. Das passt ins Bild, das das Evangelium von ihm zeichnet. Denn die kanaan\u00e4ische Frau ist ja nicht die einzige Prophetin, die ihm auf die Spr\u00fcnge hilft. In der Reihe derer, die ihn auf Kurs bringen, sind andere \u00abUnreine\u00bb \u00a0\u2013 ein r\u00f6mischer Hauptmann, ein Z\u00f6llner, eine blutfl\u00fcssige Frau. Jesus lernt von ihnen.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re den Einwand. Lieber Bruder, zweifelst Du etwa an der Unfehlbarkeit unseres Herrn Jesus Christus? Stellst Du seine Herrschaft in Frage? Predigst Du uns heute den interreligi\u00f6sen Dialog? Ist er denn nicht Gottes Sohn?<br \/>\nDoch, Er ist es. Aber dass er von seinem herrischen Gebaren abr\u00fcckt, macht ihn zum Herrn.<br \/>\n\u00abHerr lass Deine Wahrheit <em>uns<\/em> vor Augen stehen\u00bb \u2013 so haben wir gesungen und gebetet. Auf dass <em>wir<\/em> auf seiner Spur bleiben und an ihm und mit ihm Gottes unbegrenzte Liebe zu allen Menschen entdecken. Auf dass wir merken, Jesus ist kein Idol, das wir f\u00fcr unsere politischen Ideen oder ein mystisches Programm einsetzen, um uns als fromme Besserwisser aufzuspielen. Jesus geh\u00f6rt uns nicht. Denn Er ist beides \u2013 wahrer Gott und wahrer Mensch. W\u00e4re er nur Mensch, k\u00f6nnten wir uns nicht auf ihn verlassen. W\u00e4re er nur Gott, w\u00fcrde er nicht zum Vorbild taugen. Denn dann h\u00e4tte er nicht gelitten, h\u00e4tte den Schmerz, die Trauer und die Wut derer nicht empfunden, die man wie Hunde behandelt. Als Herrenmensch w\u00e4re er gottgleich, unber\u00fchrt, neutral und perfekt, aber unbelehrbar und ergo unbeirrbar. An einem supermoralischen Teflon-Jesus w\u00fcrde alles abperlen. Wer w\u00fcrde es wagen, ihn anzuschreien? Wer w\u00fcrde sich trauen, ihn etwas zu bitten?<br \/>\n\u00abHerr, lass <em>Deine<\/em> Wahrheit uns vor Augen stehen\u00bb \u00a0\u2013 so haben wir gesungen und gebetet. Und merken diese Wahrheit hat <em>sein<\/em> Gesicht, das Gesicht eines Menschen, das aus den Geschichten der Evangelien aufscheint. Sie zeichnen das Bild eines leidenschaftlichen Freund Gottes, der Dinge sagt, die nur er sagen kann: Wer von uns h\u00e4tte die Vollmacht so reden, wie er geredet hat? Aber das Evangelium der kanaan\u00e4ischen Frau vervollst\u00e4ndigt das Bild. Jesus ist unser Lehrer, weil er sich belehren l\u00e4sst. Er l\u00e4sst sich etwas sagen. Er h\u00f6rt auf die Stimme einer Frau, die er \u2013 metaphorisch \u2013 zuerst auf die Stufe einer H\u00fcndin gestellt hat. Und entdeckt in ihr die Tochter Gottes auf Augenh\u00f6he. Taugt die Regel, was w\u00fcrde Jesus tun?<\/p>\n<p>Ja, wenn wir lernen, dass Jesus kein \u00abArgument\u00bb liefert, um einander niederzukn\u00fcppeln. Je nachdem, wo <em>wir<\/em> sind und wer <em>wir<\/em> sind, ist <em>er<\/em> f\u00fcr uns mal oben mal unten, mal links mal rechts. Es w\u00e4re seltsam, wenn wir, die so verschieden sind, uns auf ein politisches, mystisches oder \u00e4sthetisches Programm einigen k\u00f6nnten, dass <em>allen<\/em> gef\u00e4llt. Im Alltag der Demokratie streiten wir, aber am Sonntag singen wir und beten gemeinsam. Vielleicht t\u00e4te es uns allen gut, auch im Alltag zu beten, Dein Reich komme!<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Verfasst von:<br \/>\n<strong>Prof. Dr. Ralph Kunz<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17. So. n. Trinitatis | 27. 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