{"id":26737,"date":"2026-10-01T12:44:20","date_gmt":"2026-10-01T10:44:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26737"},"modified":"2026-10-01T12:44:20","modified_gmt":"2026-10-01T10:44:20","slug":"markus-81-9-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-81-9-2\/","title":{"rendered":"Markus 8,1-9"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\"><strong>Gegen den Hunger \/ Erntedank \/ 4.10.2026 \/ Mk 8,1-9 \/ Nadja Papis<\/strong><\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was f\u00fcr ein sch\u00f6ner Festtag! Am Erntedank \u00fcberkommt mich Begeisterung: all die Farben, so viel Vielfalt! Allein schon die Dekoration l\u00e4sst mich schwelgen. Und dann erst der Anblick des reich gedeckten Tisches der Teilete! Wie das alles riecht und schmeckt!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das weckt viel Dankbarkeit. Dankbarkeit f\u00fcr all das, was bl\u00fcht, reift und Fr\u00fcchte tr\u00e4gt. Dankbarkeit auch f\u00fcr die Arbeit, die drinsteckt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ach, wie sch\u00f6n ist doch der Erntedank!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und passend dazu haben wir heute auch eine sch\u00f6ne Geschichte aus der Bibel: Lesung oder Erz\u00e4hlung von Mk 8,1-9<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Wunder der Speisung von tausenden Menschen wird in den vier Evangelien gleich sechsmal erz\u00e4hlt. Mal sind es 4000, mal 5000, die da Brot und Fische teilen und satt werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber ich stelle mir das immer so als gem\u00fctliches Picknick vor. Die sitzen in Gruppen zusammen, reichen das Brot weiter, unterhalten sich friedlich und f\u00fchlen sich gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hm, die Szene war wohl ziemlich anders. Das musste ich dieses Jahr in der Predigtvorbereitung erfahren. Die Theologin Luzia Suter Rehmann hat mich in ihrem Buch \u00abWut im Bauch\u00bb mitgenommen auf Entdeckungsreise durch diese Speisungsgeschichten. Thema: Hunger. Wirklicher Hunger.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nicht dieses leichte Knurren im Bauch, wenn ich aus Zeitgr\u00fcnden eine Mahlzeit verschieben musste.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nicht das Wasser, das mir beim Anblick des Erntedank-Buffet im Mund zusammenl\u00e4uft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nicht der Kohldampf nach einer langen Wanderung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hunger. Wirklicher Hunger.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hunger, wie ihn hierzulande wohl kaum mehr jemand kennt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Hunger, der Menschen dazu treibt, alles zu tun, um an Essen heranzukommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Hunger, der \u00fcber alles Schatten wirft \u2013 Todesschatten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Hunger, der zerm\u00fcrbt, aufreibt, aush\u00f6hlt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja, der Hunger, der in die Flucht treibt, in Wut und Aggression ausbrechen l\u00e4sst, oder zum Verstummen bringt. Der Hunger, der unsere Sprachm\u00f6glichkeiten \u00fcbersteigt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich kenne ihn nur aus den Erz\u00e4hlungen von der Kriegszeit in Europa her. Oder aus anderen L\u00e4ndern dieser Welt. Kenne die Bilder von den Hungerb\u00e4uchen, aufgebl\u00e4ht und doch leer. Kenne ihn von den Zahlen, die in den News n\u00fcchtern von Hungertoten sprechen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dieser Hunger, \u00fcber den spreche ich nicht gern. Das weckt Schuldgef\u00fchle, vor allem angesichts meines reichhaltig gedeckten Tisches. Ja, auch angesichts der M\u00f6glichkeiten, die wir in diesem Land haben. Wenn wegen der Trockenheit das Futter f\u00fcr die Nutztiere fehlt, kaufen wir es in Kanada. Wenn wegen dem Krieg in der Ukraine die Getreidelieferungen ausbleiben, werden andere Lieferanten gefunden. Wenn die gesamte Schweizer Kartoffelernte verfault, kauft unser Staat Kartoffeln ein und ist gleichzeitig um den Schutz unserer Bauern bem\u00fcht. Wir leben in einem Land, dessen Regierung f\u00fcr uns sorgt \u2013 daf\u00fcr, dass wir gen\u00fcgend Nahrungsmittel haben, daf\u00fcr dass wir nicht hungern m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie ist es wohl, wenn du dein hungerndes Kind im Schlaf wimmern h\u00f6rst? Wie ist es, wenn du um ein St\u00fcck Brot k\u00e4mpfen musst, mit F\u00e4usten und absolut leerem Magen? Wie ist es wohl, wenn du arbeitest und doch nicht gen\u00fcgend zusammenbringst, um satt zu werden? Wenn du vor Hunger zusammenbrichst?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus begann seine Arbeit in einem Land der Hungernden. Armut und Gewalt herrschten. Kein nettes Picknick war das damals, sondern eine aufgebrachte Menge, die kreuz und quer herumlief, durcheinander, emp\u00f6rt, unberechenbar. W\u00e4hrend die Menschen hungerten, wurde nebenan ein schmucker Palast gebaut, feierten die M\u00e4chtigen im \u00dcberfluss und k\u00fcmmerten sich nicht um ihre Untertanen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Menschen waren aufgebracht, sie brachen auf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Menschen waren hungrig, nach Brot und nach Gerechtigkeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Menschen waren am Ende, noch einen Schritt und sie brechen zusammen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und Jesus sah sie. Er nahm ihre Situation wahr. Und er hatte Erbarmen mit ihnen. Dort beginnt das Wunder &#8211; in diesem Erbarmen. Im Wahrnehmen und Ber\u00fchrt-Werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieses Wahrnehmen bringt etwas in Bewegung. Nicht nur Jesus, sondern auch seine J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen erkennen: Hier muss etwas geschehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber was? Wie soll das gehen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen Jesu werden in die Pflicht genommen. Sie beraten, diskutieren, nehmen den Hunger ernst. Wenn wir die Hungrigen dieser Welt wirklich wahrnehmen, verwandelt uns das. Sie sind unsere Geschwister. So schreibt Suter Rehmann. Wir m\u00fcssen nichts erkl\u00e4ren: Ihr Hunger ist nicht recht. Das sp\u00fcren wir. So wie die J\u00fcngerschaft damals. In dieser Geschichte steht nicht Jesus im Zentrum. Es geht nicht um den Beweis seiner G\u00f6ttlichkeit, um das Wunder der Brotvermehrung &#8211; es geht um die hungernden Menschen. Es geht um das, was sie brauchen, jetzt, sofort.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus fragt nach dem Notvorrat: Wie viele Brote habt ihr?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sieben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gut, ein Anfang, legen wir los.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Setzt euch zusammen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Betet mit mir \u2013 dankt Gott f\u00fcr das, was wir haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Teilt das Brot und die paar kleinen Fische!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann: Die Menschen assen und wurden satt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Satt-Werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Satt-Sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann bleibt noch \u00fcbrig!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Traum der Hungernden: satt und es hat noch \u00fcbrig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Schluss der Geschichte wird sehr n\u00fcchtern erz\u00e4hlt &#8211; mit Zahlen: 4000 waren es, die Jesus heimschickte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich m\u00f6chte es mir noch ein wenig ausmalen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">4000 waren es, die satt waren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">4000 sassen da zusammen, in Gruppen, ges\u00e4ttigt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Konnten sie es glauben? Hielten sie sich den f\u00fcr einmal vollen Bauch?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was ging ihnen wohl durch den Kopf?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Oder f\u00fchlten sie einfach ohne nachzudenken?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie in Feierlaune waren. Ihre Lebensrealit\u00e4t war ja noch da. Und doch w\u00fcnsche ich mir, dass ein Hoffnungsfunke angez\u00fcndet wurde in ihnen. Dass neben dem Brot auch die Zuwendung Jesu etwas bewirkt hat, ihren R\u00fccken gest\u00e4rkt, sie aufrechter gemacht hat. Seine Wahrnehmung, sein ehrlicher Blick auf ihr Elend, seine Anerkennung ihres Leidens, seine Auftr\u00e4ge ohne Wenn und Aber, ohne Erfolgsbilanz oder Abw\u00e4gung, sein Wunder des Teilens. Dass sie verstanden haben, dass Gott auf ihrer Seite ist und rettet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja, auch darum freue ich mich \u00fcber den Erntedank: Erntedank zu feiern heisst, sich bewusst zu werden, dass Satt-Sein nichts Selbstverst\u00e4ndliches ist, so wie es auch die Ernte nicht ist. Dass wir etwas zu feiern haben, gerade weil unsere Ern\u00e4hrung gesichert ist. Dass wir dankbar sein k\u00f6nnen, weil wir dadurch viel Freiraum haben, um unser Leben zu gestalten und zu geniessen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr mich ist der Erntedank darum wichtig, weil er eine Erinnerung ist\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u2026 an die Botschaft gegen den Hunger<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u2026 an das Wahrnehmen und Zuh\u00f6ren<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u2026 an das Erbarmen, das so viel ver\u00e4ndern kann<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u2026 an die L\u00f6sungsans\u00e4tze, ans Suchen, Diskutieren, Ausprobieren<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u2026 an die Notvorr\u00e4te und ans Teilen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u2026 ans Aufstehen und einander den R\u00fccken st\u00e4rken<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nicht zuletzt an den Traum, die Vision aller Hungernden: satt zu sein und es hat noch \u00fcbrig. Das ist der g\u00f6ttliche Zuspruch: die Hoffnung auf die F\u00fclle des Lebens, die allen zuteil wird. Diese Hoffnung bilden wir in der Erntedank-Dekoration ab, diese Hoffnung erfahren wir am Tisch mit all den feinen Dingen, die zur Teilete gebracht wurden. Diese Hoffnung finden wir auch in den Hungergeschichten der Bibel. Weil die Bibel im Angesicht von Leid nicht verstummt, sondern uns Sprachhilfe und Erfahrungswissen vermittelt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Langnau am Albis\/Sihltal<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal und seit 2010 Ausbildungspfarrerin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegen den Hunger \/ Erntedank \/ 4.10.2026 \/ Mk 8,1-9 \/ Nadja Papis Was f\u00fcr ein sch\u00f6ner Festtag! Am Erntedank \u00fcberkommt mich Begeisterung: all die Farben, so viel Vielfalt! Allein schon die Dekoration l\u00e4sst mich schwelgen. Und dann erst der Anblick des reich gedeckten Tisches der Teilete! Wie das alles riecht und schmeckt! 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