{"id":26743,"date":"2026-10-01T13:50:57","date_gmt":"2026-10-01T11:50:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26743"},"modified":"2026-10-01T13:50:57","modified_gmt":"2026-10-01T11:50:57","slug":"johannes-151-11-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-151-11-6\/","title":{"rendered":"Johannes 15,1-11"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\"><strong>Predigt zum 18. Sonntag nach Trinitatis | <\/strong>4. Oktober 2026 | Johannes 15,1-11 | von Sofie Vestergaard Eriksen<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Durch Leben und Tod hindurch ins Leben.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch w\u00fcnschte, alle k\u00f6nnten reich und ber\u00fchmt werden und alles bekommen, wovon sie je getr\u00e4umt haben \u2013 um dann zu begreifen, dass das nicht die Antwort ist.\u201c So soll es der Schauspieler Jim Carrey gesagt haben. Er beschreibt die Jagd danach, in dieser Welt etwas zu werden \u2013 eine Jagd, die wir alle kennen. Wir wollen etwas Besonderes werden. Wir wollen gro\u00df und stark werden, erobern, Gebiete gewinnen, Ansehen oder Beifall. Aber, so sagt Jim Carrey aus eigener bitterer Erfahrung: Wenn das alles gelingt, dann entdeckt man, dass es nicht die Antwort war und dass man genauso klug ist wie zuvor. Genauso ausgesetzt und unsicher.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch bin der Weinstock, ihr seid die Reben\u201c (Joh 15,5), sagt Jesus. Wir k\u00f6nnen uns selbst \u00fcberlassen f\u00fchlen in einer Zeit, in der sich alles zu ver\u00e4ndern scheint. Aber das Evangelium erz\u00e4hlt: Wir sind Reben am Weinstock, und der Weinstock ist Jesus Christus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das waren seine Worte an die J\u00fcnger, bevor er sterben und sie verlassen sollte. Und er sagt: \u201eBleibt in mir \u2026 denn ohne mich k\u00f6nnt ihr nichts tun\u201c (Joh 15,4\u20135). Wenn wir an der Schwelle des Todes voneinander Abschied nehmen, klingen die Zusicherungen sonst eher so: \u201eIhr werdet sehen, ihr kommt gut ohne mich zurecht.\u201c Nicht so Jesus. Er sagt: \u201eOhne mich k\u00f6nnt ihr nichts tun.\u201c Denn die Verbundenheit, die im Bild vom Weinstock und von uns als seinen Reben zum Ausdruck kommt, ist keine Verbundenheit, die der Tod zerbricht. Nein, der Weinstock w\u00e4chst durch die Zeiten. Durch Leben und Tod und wieder ins Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir leben aus Christus. In Christus finden wir unsere Nahrung. Mit Gott verbunden, wachsen wir weiter und weiter hinaus, und was an uns abstirbt und verdorrt, wird sorgsam weggeschnitten, damit neues Leben hervorsprie\u00dfen kann. Das ist keine Erz\u00e4hlung davon, wie es einmal werden k\u00f6nnte oder wie es einmal war. Es ist auch keine Frage, ob wir wollen. Es ist die Verk\u00fcndigung: So IST es! Wir sind Reben am Weinstock, der \u00fcber alle Grenzen hinausw\u00e4chst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir \u00e4ngstlich werden \u2013 und das kann man in der Welt von heute wahrhaftig werden \u2013, dann glauben wir, wir seien allein, wir m\u00fcssten allein zurechtkommen, f\u00fcr uns selbst k\u00e4mpfen. Erobern und etwas werden. Aber wir sind schon etwas: Reben im Laubwerk des Weinstocks. Wir haben Raum, und wir leben von der Nahrung, die Ewigkeit in sich tr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie Jim Carrey k\u00f6nnen wir erfahren, dass wir an ganz falscher Stelle nach der \u201eAntwort\u201c gesucht haben. Dass wir auf dem Holzweg waren. Aber zum Gl\u00fcck glaube ich nicht, dass man erst Reichtum und Ruhm erlangen oder alles bekommen muss, was man sich zu w\u00fcnschen meint, um zu entdecken, dass man auf dem Holzweg ist. Das Leben erteilt uns manchmal Korrekturen, die uns zur\u00fcckschicken zu dem, wovon wir leben. Zur\u00fcck zur Nahrung, damit wir entdecken, wohin wir geh\u00f6ren. Wir werden heimgeschickt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Meine Schwester hat mir neulich eine Erinnerung erz\u00e4hlt, die ich vergessen hatte. Sie erz\u00e4hlte von einem Heiligabend bei unseren Eltern vor vielen Jahren. Au\u00dfer meinen Eltern und uns Geschwistern waren auch meine Gro\u00dfmutter da, meine alte Tante und mein Onkel, der sein Leben lang behindert war, an Leib und Seele. Es gab also viele verschiedene Bed\u00fcrfnisse und viele verschiedene Tempi, auf die man R\u00fccksicht nehmen musste. Meine Schwester erinnerte sich, wie sehr sie damals mit sich selbst besch\u00e4ftigt war. Doch dann verz\u00f6gerte sich die Weihnachtsfeier, denn wir mussten warten, bis unsere alte Tante ins Pflegeheim zur\u00fcckgefahren wurde \u2013 sie hielt nicht mehr durch, obwohl es noch gar nicht sp\u00e4t war. Der Abend hatte kaum begonnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So entstand ein Intermezzo, in dem wir einfach dasa\u00dfen und warteten. Und da begann unser Onkel, von seinem Rollstuhl aus \u201ePeters Jul\u201c aufzusagen, auswendig. Das alte, lange Gedicht von einem Kind, das voller Spannung alles erlebt, was vor Weihnachten geschieht: die Vorbereitungen, die Geheimnisse, den Zauber. Und niemand kann \u201ePeters Jul\u201c so aufsagen wie ein Kind, das alles mit reinem Herzen f\u00fchlt. Unser Onkel war damals den Jahren nach l\u00e4ngst erwachsen. Aber durch seine Hirnsch\u00e4digung war und blieb er immer wie ein Achtj\u00e4hriger. Einer, der Weihnachten f\u00fcr Weihnachten mit der Freude und der Erwartung eines Kindes erlebte \u2013 und mit der Entt\u00e4uschung, wenn ein anderer die Mandel im Milchreis fand und das Mandelgeschenk bekam.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Meine Schwester dagegen, ein Teenager, entdeckte in diesem Augenblick, dass sie an einem ganz anderen Ort war als in der kindlichen Erwartung. Als wir vor ein paar Tagen dar\u00fcber sprachen, sagte sie: \u201eIch habe verstanden, dass es etwas gibt, das ewig und tief ist und das immer so bleiben wird, ganz gleich, was geschieht. Ganz gleich, womit ich gerade besch\u00e4ftigt war.\u201c Diese Erfahrung schickte sie zur\u00fcck \u2013 und sei es nur f\u00fcr einen Augenblick \u2013 weg von den Oberfl\u00e4chen und von der Jagd nach etwas Unbestimmbarem, die die Jugendzeit pr\u00e4gt. Und es war mein kindlicher, sabbernder, hirngesch\u00e4digter, innig geliebter Onkel, der ihr das \u00f6ffnete. Das Tor zur\u00fcck zu dem, was Ewigkeit in sich tr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es war weder die Nostalgie von \u201ePeters Jul\u201c noch eine pl\u00f6tzliche, selbstgef\u00e4llige R\u00fchrung \u00fcber sein unbeholfenes Aufsagen, die den Ausschlag gab. Es war die Begegnung des Ewigen und Tiefen mit dem Oberfl\u00e4chlichen, die das Oberfl\u00e4chliche Risse bekommen und zu Asche zerfallen lie\u00df.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es war eine Korrektur, die sie heimw\u00e4rts wies. Nicht heim wie beim \u201eMensch \u00e4rgere dich nicht\u201c, wo man zur\u00fcck ins Haus muss und von vorn beginnt, sondern heim zu dem, wovon allein wir wirklich leben k\u00f6nnen. Heim zur Erfahrung des Weinstocks, der Wurzeln, der Quelle in der Tiefe. Zur Nahrung, die Ewigkeit in sich tr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Ohne mich k\u00f6nnt ihr nichts tun.\u201c Wir sind mit Gott verbunden, und was uns leben l\u00e4sst, str\u00f6mt aus den Wurzeln in ihm und flie\u00dft in uns hinein. Es ist schon in uns. Wir sind schon Reben am Weinstock, und wir sp\u00fcren Zeiten mit neuen Trieben und guten Fr\u00fcchten. Und wir sp\u00fcren Zeiten, in denen die Zweige absterben, verdorren, abbrechen und zu nichts werden. Tag f\u00fcr Tag flie\u00dft die Nahrung aus den tiefen Wurzeln in Gott in uns hinein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Trotzdem verirren wir uns und meinen, wir hingen mit nichts und niemandem zusammen. Wir seien allein und m\u00fcssten f\u00fcr uns selbst k\u00e4mpfen. Wir seien unser eigenes kleines Gew\u00e4chs, m\u00fcssten die lebenspendenden Quellen selbst finden und erfinden und uns zugleich hoch zur Sonne recken, um nicht von den anderen, fremden Gew\u00e4chsen \u00fcberschattet zu werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In meinem Pfarramt darf ich mit Menschen sprechen, die wirklich mit ihrem Leben ringen. Das klingt vielleicht eitel, als l\u00e4ge es an meiner Person, als w\u00e4re ich besonders vertrauensw\u00fcrdig oder h\u00e4tte besondere Gaben. Aber daran liegt es nicht. Es liegt allein daran, dass ich das Evangelium im Gep\u00e4ck habe. Geistliche tragen es schon durch so viele Generationen, dass Menschen manchmal Hilfe bei \u201eGeistlichen\u201c suchen \u2013 in der Hoffnung, eine andere Wirklichkeit zu sehen. So habe ich mit Menschen gesprochen, die verzweifelt daran festzuhalten versuchen, dass sie etwas Besonderes sind, trotz allem, was andere \u00fcber sie sagen. Oder sie versuchen daran festzuhalten, dass sie gute, anst\u00e4ndige Menschen sind, obwohl vieles in eine ganz andere Richtung weist. Und ich habe mit Menschen gesprochen, die das Gef\u00fchl v\u00f6lliger Ohnmacht getroffen hat, die wahrhaftig alles verloren haben. Und was ich sehe \u2013 und darauf habe ich nicht den geringsten Einfluss \u2013, ist dies: Wo man f\u00fcr sich selbst k\u00e4mpft, da w\u00e4chst nichts. Da ist W\u00fcstenland, und die Einsamkeit ist \u00fcberw\u00e4ltigend. Aber wo alles aufgegeben ist und man wei\u00df, dass man auf nichts einen Anspruch hat, da offenbart sich die Liebe manchmal in ganzer F\u00fclle, gr\u00f6\u00dfer, als man begreifen kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann geht einem auf: Das Einzige, woran man reich sein kann, ist das, was man sich nicht selbst geben kann!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sind wir auf dem Holzweg, braucht es Korrekturen. Vielleicht erlebt man, was Jim Carrey allen w\u00fcnscht: den riesigen Lottogewinn, mit dem man alles kaufen kann \u2013 und entdeckt dann, dass man noch genauso bettelarm ist wie vorher. Dass das nicht die Antwort war, die man suchte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Oder man h\u00f6rt an einem Heiligabend pl\u00f6tzlich ein Kind \u201ePeters Jul\u201c aufsagen, entdeckt, dass man eine Rebe am Weinstock ist, und findet den Weg nach Hause.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man entdeckt, dass die Verbundenheit mit dem Ewigen nicht etwas ist, das einmal war. Es ist nicht so, dass es einmal so sein wird. So IST es JETZT. \u201eIch bin der Weinstock, ihr seid die Reben.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn Kinder getauft werden, erklingen die Worte des uralten Psalms, der zum heutigen Sonntag geh\u00f6rt: \u201eDer HERR beh\u00fcte deinen Ausgang und Eingang\u201c (Ps 121,8). Mit Gott verbunden, gehen wir hinaus in die Welt, hinaus ins Leben. Das ist unser Ausgang. Und einmal, nach diesem Leben, kehren wir zur\u00fcck und gehen wieder ein zu Gott. Das ist unser Eingang. Durch all das hindurch sind wir Reben am Weinstock und leben von der Nahrung, die Ewigkeit in sich tr\u00e4gt. Durch Leben und Tod hindurch ins Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sofie Vestergaard Eriksen<br \/>\nPastorin am Dom i Haderslev\/Hadersleben<br \/>\n<a href=\"mailto:sve@km.dk\">sve@km.dk<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Fassung kan Spuren von k\u00fcnstlicher Intelligenz enthalten, A.d.\u00dc.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum 18. Sonntag nach Trinitatis | 4. 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