{"id":26753,"date":"2026-10-07T09:39:27","date_gmt":"2026-10-07T07:39:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26753"},"modified":"2026-10-07T09:39:27","modified_gmt":"2026-10-07T07:39:27","slug":"epheser-422-32-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/epheser-422-32-5\/","title":{"rendered":"Epheser 4,22\u201332"},"content":{"rendered":"<h3>Zur Weiterarbeit an uns selbst | 19. So. n. Trinitatis | 11. Oktober 2026 | Epheser 4,22\u201332 |\u00a0Manfred Mielke |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">heute h\u00f6ren wir aus der Bibel die Aufforderung: \u201eLegt von euch ab den alten Menschen\u2026und zieht den neuen Menschen an.\u201c Ihr schlie\u00dfen sich weitere Empfehlungen an. Zuerst bleiben wir aber bei dem Vorgang, Altes abzulegen und Neues anzuziehen. Das machen wir bez\u00fcglich unserer Kleidung t\u00e4glich: bei der morgendlichen Wahl \u2013 ob Bluse oder Pullover \u2013 und sp\u00e4tabends beim Hineinschl\u00fcpfen in die Nachtw\u00e4sche. Aber die biblische Aufforderung benutzt das nur als Bild. Es geht ihr nicht um den abw\u00e4genden Griff zur Alltags-Hose, zur Festtags-Garderobe oder zum \u00dcbergangs-Look. Es geht ihr in der Sache um das Absto\u00dfen unserer alten Identit\u00e4t und das Einbetten des neuen Menschen in uns selbst. Sie macht uns Mut, dass wir unseren Wesenskern erneuern lassen und unsere neue Wesensart nach au\u00dfen zeigen und aus\u00fcben werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dazu m\u00f6chte ich von einem Beispiel berichten, das zun\u00e4chst buchst\u00e4blich unter die Haut geht. Gemeint ist das berufliche K\u00f6nnen eines besonderen Hautarztes, des (D\u00fcsseldorfer) Dermatologen Dr. Afschin Fatemi. Er bietet seit \u00fcber 10 Jahren Aussteigern aus der rechtsradikalen Szene das Weglasern ihrer Tattoos mit Nazi-Symbolik an. Und das kostenlos, aber nur, wenn der Kunde ihn im Gespr\u00e4ch \u00fcberzeugt, dass sein Ausstieg glaubw\u00fcrdig ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In den Worten des Epheserbriefes klingt das so: \u201eLegt von euch ab den alten Menschen mit seinem fr\u00fcheren Wandel, der sich durch tr\u00fcgerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/87CE91AF-12E2-4A2F-8B94-638BEEEE895E#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Zwar spricht die Bibel uns als Gruppe an, aber eine solche Umpr\u00e4gung der eigenen Pers\u00f6nlichkeit geht nicht ohne eigene Bereitschaft und Mut. Jeder von uns braucht eine Gruppe, die ihm spiegelt, dass die eigene Kehrtwende glaubw\u00fcrdig ist. So ist auch das Entfernen von Nazi-Tattoos nicht nur ein oberfl\u00e4chliches, sondern ein zutiefst zwischenmenschliches Geschehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Fernsehbericht sagt der Patient, dass er 38 Jahre alt sei und rund 20 Jahre aktiv in der rechten Szene Th\u00fcringens mitmachte. Wegen eines T\u00f6tungsdeliktes habe er lange eingesessen. Im Gef\u00e4ngnis sei er jedoch Menschen begegnet, die nicht in sein Feindbild gepasst h\u00e4tten. Mit einem Russen und einem Albaner habe er Sport betrieben. Sie h\u00e4tten ihn anders behandelt, als er es wegen seiner Glatze und seiner rechten Tattoos erwartet habe. So reifte sein Umdenken zum Ausstieg aus dem Nazi-Kosmos. Jetzt fragt er sich: &#8222;Wie konntest du so dumm sein?&#8220; Jetzt will er das Hitlerportr\u00e4t und das Hakenkreuz auf seinem Oberarm weghaben. Der Mann berichtet von sich als Beispiel f\u00fcr einen \u201efr\u00fcheren Wandel, der ihn durch tr\u00fcgerische Begierden fast zugrunde richtete\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber auch der erfolgreiche Sch\u00f6nheitschirurg hat einen Wandel durchgemacht. Seine Eltern stammen aus dem Iran, k\u00f6nnen also politische oder auch religi\u00f6se Fl\u00fcchtlinge gewesen sein. Afschin Fatemi wurde 1972 in Mainz geboren, er studierte in L\u00fcbeck und New York Medizin und wurde 2007 Arzt als Dermatologe. Er sagt \u00fcber sein Aussehen, dass es wohl zum ehemaligen Feindbild seiner Patienten passt. \u201eIch hake nach, ob sie ihr Leben wirklich umgestellt haben oder nur nach einem kostenlosen Weg suchen, um T\u00e4towierungen loszuwerden. Denn wir behandeln nur Ex-Nazis. \u00dcbrigens ist es total geil, wenn man ein Adolf-Gesicht wegmachen kann.\u201c Oder einen Totenkopf, die Zahl 88 f\u00fcr &#8222;Heil-Hitler&#8220; oder die SS-Runen. \u2013 Als ber\u00fchmter Sch\u00f6nheitschirurg profitiert er auch von dem Boom seiner Branche mit Fettabsaugungen und Face-Lifting. Aber er entfernt nicht nur Hakenkreuze umsonst; die von ihm gegr\u00fcndete Organisation \u201eUmbrella\u201c (zu Deutsch \u201eSchirm\u201c) operiert weltweit viele Kriegsverletzungen \u2013 kostenfrei. Sinngem\u00e4\u00df h\u00f6ren wir dazu im Epheserbrief: \u201eWer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen H\u00e4nden das n\u00f6tige Gut, damit er dem Bed\u00fcrftigen abgeben kann. Lasst kein faules Geschw\u00e4tz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, damit es Segen bringe denen, die es h\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dies sind keine moralischen Vorbedingungen f\u00fcr Neubewerber. Es sind auch keine Einlassbedingungen in den Club der Rechtgl\u00e4ubigen. Das alles wird vielmehr vorausgesetzt. Und somit legt uns der Epheserbrief eine Kontrollliste f\u00fcr uns vor. F\u00fcr uns, die \u00dcberzeugten, die Getauften. Ihre Sch\u00e4rfe zielt auf unser internes Benehmen. Dabei verlangt sie nicht Unm\u00f6gliches, sondern ein konsequentes Weiter-Entwickeln. Dazu lesen wir: \u201eDer neue Mensch in euch ist nach Gott geschaffen in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum legt die L\u00fcge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem N\u00e4chsten, weil wir untereinander Glieder sind. Wenn ihr zornig seid, dann ladet nicht Schuld auf euch, indem ihr unvers\u00f6hnlich bleibt. Lasst die Sonne nicht untergehen, ohne dass ihr einander vergeben habt. Gebt dem Teufel keine Gelegenheit, Unfrieden zu stiften. Und betr\u00fcbt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid f\u00fcr den Tag der Erl\u00f6sung.\u201c So spannt der Epheserbrief den Bogen von unserer Erschaffung bis hin zur Erl\u00f6sung. Von der Neuen Eva und dem Neuen Adam durch Gott bis hin zu Christi Willkommenskultur im Himmel am Tag der kosmischen Erl\u00f6sung. Da wir bis dahin spirituell versiegelt sind, werden wir dann befreit entsiegelt sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Beim ersten Hinh\u00f6ren h\u00e4tten wir vermuten k\u00f6nnen, wir br\u00e4uchten uns nur ein christliches M\u00e4ntelchen umzuh\u00e4ngen. Es geht aber um das leidenschaftliche Wachhalten unseres neuen Ichs. Um das Ausagieren unserer zweiten Identit\u00e4t. Beide wuchsen heran mithilfe unseres \u201eSuchens und Findens\u201c, Anklopfen und Hineinschreiten, mithilfe unserer Entbindung und Emanzipation. Weil es ein Beziehungsgeschehen unseres Sch\u00f6pfers an uns ist, ist es keine Selbstoptimierung, kein Erfolg des: \u201eDu musst dich neu erfinden!\u201c \u2013 Wir befinden uns auch au\u00dferhalb des Slogans \u201eKleider machen Leute\u201c. Der meint ja, mit jedem anderen Dressing werden wir andere Typen, zumal uns die andern dann so einsch\u00e4tzen. Aber die Novelle \u201eKleider machen Leute\u201c schrieb der Schweizer Gottfried Keller im Jahre 1874. Zuvor gab es in Polen Aufst\u00e4nde, die gro\u00dfe Fluchtwellen ausl\u00f6sten, auch von Soldaten und Widerstandsk\u00e4mpfern. Manche gaben sich als polnische Adelige aus, viele nahmen ihren erlernten Beruf wieder auf, z.B. den des Schneiders. In der neuen Heimat machte das Anfertigen von Kleidung aus ihnen \u201egemachte Leute\u201c. \u2013 Ich erw\u00e4hne dies, weil der Epheserbrief das Pl\u00fcndern und Stehlen nicht abstrakt verurteilt, sondern zur Bekehrung dr\u00e4ngt, zum \u201eArbeiten, um mit eigenen H\u00e4nden das n\u00f6tige Gut zu erwirtschaften, um Bed\u00fcrftigen abgeben zu k\u00f6nnen.\u201c So umschreibt er das Gelingen einer Einwanderung, die oftmals mit dem Umbau der eigenen Identit\u00e4t einhergeht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der heutige Bibeltext macht uns Mut zur Weiterarbeit an uns selbst. Er hilft uns sympathisch gegen zu viele Modethemen und innere Leere. Da er uns als Gemeinschaft anspricht, werden wir uns auch seiner Kirchenkritik stellen. Von uns tr\u00e4gt hoffentlich niemand antisemitische Tattoos, aber wir schweigen oft betreten im Konflikt zwischen kolonialer Israelkritik und unserer Glaubensn\u00e4he zu J\u00fcdinnen und Juden. \u2013 Wir sind keine Zauber\u00e4rzte mit Laserpistolen, aber wir sehnen uns im Gebet: \u201eGott, gib uns in dieser schlaffen und glaubensarmen Zeit die scharf geschliffenen Waffen der ersten Christenheit.\u201c Wir sind zu selten Friedensaktivisten, aber wir versuchen \u201edie Sonne nicht untergehen zu lassen, ohne einander zu vergeben.\u201c Wir sind zutiefst betroffen, dass bei uns, den Kernl\u00e4ndern der Reformation, antireligi\u00f6se Parteien Zulauf finden. Wir stellen uns aber solidarisch mit denen, die nach der Devise leben: \u201eAlle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und L\u00e4sterung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.\u201c \u2013 Unsere innere Verwandlung ver\u00e4ndert, was uns nach au\u00dfen hin wichtig ist. An dieser Schnittstelle mag uns das Gebet helfen: \u201eAm Ende des Tages lege ich ab: B\u00fccher, Briefe, Akten, Schl\u00fcssel, Schuhe, Kleider und die Uhr. Am Ende dieses langen Tages lege ich auf dich: \u00c4ngste, Sorgen, M\u00fchen, Trauer, Sehnsucht und meine Schuld. Am Ende dieses langen Tages lege ich mich \u2013 ganz und gar, still und geborgen \u2013 mein guter Gott in deinen Schutz und Frieden.\u201c\u00a0Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich zitiere aus folgenden Manuskripten bzw. Sendungen:<\/p>\n<ol>\n<li style=\"font-weight: 400;\">Bamdad Esmaili in: <a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/index.html\">WDR<\/a>.de,\u00a022.09.2026,\u00a015.30\u00a0Uhr;<\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"https:\/\/www.nrz.de\/autoren\/jalica-engelbarts\/\">Jalica Engelbarts<\/a> in: NRZ, 06.05.2026, 11:00 Uhr<\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/autoren\/nico-schwieger\">Nico Schwieger<\/a> in: RND, 09.07.2023, 06:30 Uhr;<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Benutzte Bibel\u00fcbersetzungen: Luther 2017; Hoffnung f\u00fcr alle; Exegese f\u00fcr Predigten<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Abendgebet von Johannes Hansen ist allg. verf\u00fcgbar<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Lieder:<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li style=\"font-weight: 400;\">Der Herr wird nicht fragen\/Jetzt ist die Zeit (Sichtweisen Nr.37)<\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\">Singt, Christen, singt das neue Lied (Jubilate Nr.121)<\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\">O komm, du Geist der Wahrheit (Gesangbuch)<\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\">Zu Pfingsten singt die Christenheit; P. Spangenberg zu \u201eJauchz, Erd und Himmel\u201c<\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\">Kennst Du die Menschen hinter Zweifeln; P. Spangenberg zu \u201eWer nur den lieben Gott\u201c<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Gebet:<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Guter Gott, wenn Du auf uns zukommst:<br \/>\nRoll nicht wie ein Feuerball \u00fcber uns weg.<br \/>\nHeiliger Gott, wenn Du uns die Gebote \u00fcbergibst:<br \/>\nGib uns den Mut, sie anzunehmen.<br \/>\nSch\u00f6pfer Gott, wenn du uns mit Gnade umh\u00fcllst:<br \/>\nWehre uns Gerede von den nackten Tatsachen.<br \/>\nNaher Gott, wenn Du unsre Tr\u00e4nen abwischst:<br \/>\nEntkrampfe uns vom Festhalten am Alten.<br \/>\nVerborgener Gott, wenn du uns Wege ebnest:<br \/>\nMach uns hilfsbereit f\u00fcr die, die mit uns fl\u00fcchten.<br \/>\nOffener Gott, wenn du den Tag der Erl\u00f6sung startest:<br \/>\nHalte uns, deine Gesch\u00f6pfe, zusammen.<br \/>\nFuturistischer Gott, wenn Du Wunder tust:<br \/>\nBeginne in uns die Auferstehung und das Leben.<br \/>\nFriedef\u00fcrst, wenn du den Hebel ansetzt:<br \/>\nGib, dass wir nicht aus deinem Frieden fallen. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Manfred Mielke,<\/strong> Pfarrer der EKiR im Ruhestand, geboren 1953, verheiratet, 2 S\u00f6hne. Sozialisation im Ruhrgebiet und in Freikirchen. Studium in Wuppertal und Bonn (auch Soziologie). Mitarbeit bei Christival und DEKT. Partnerschaftsprojekte in Ungarn (1988- 2011) und Ruanda (2001-2019). Musiker und Arrangeur.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/87CE91AF-12E2-4A2F-8B94-638BEEEE895E#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Dass der interviewte Patient im WDR-Report ein T-Shirt trug mit dem Aufdruck \u201eJesus Team\u201c ist wunderbar\/verwunderlich<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Weiterarbeit an uns selbst | 19. So. n. Trinitatis | 11. 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