{"id":26762,"date":"2026-10-07T09:38:13","date_gmt":"2026-10-07T07:38:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26762"},"modified":"2026-10-07T09:38:13","modified_gmt":"2026-10-07T07:38:13","slug":"joh-135-51-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/joh-135-51-2\/","title":{"rendered":"Joh 1,35\u201351"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Elf fantastische Tanten zu Besuch<\/strong><strong>\u00a0| <\/strong><span lang=\"DA\">19. So. n. Trinitatis | <\/span><span lang=\"DA\">11. Oktober 2026 | Joh 1,35\u201351 | Laura Lundager Jensen |\u00a0<\/span><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Elf fantastische Tanten zu Besuch<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gestern h\u00f6rte ich, wie jemand ein Familientreffen beschrieb: Elf Tanten kamen zu Besuch \u2013 wohlgemerkt nicht alle auf einmal, sondern eine nach der anderen schneiten sie herein. Daraus entstand ein wunderbar rollendes Gespr\u00e4ch. Denn jedes Mal, wenn eine neue Tante hereinkam, stockte das Gespr\u00e4ch und begann von vorn.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und doch nicht ganz von vorn. Denn nun war eine weitere Person dabei, mit all ihren Neuigkeiten \u00fcber Enkelkinder und Krankheiten und den gestrigen Tag, mit \u201eJetzt h\u00f6rt euch das an!\u201c und \u201eNein, wisst ihr was?\u201c Und alle anderen steuerten etwas bei, f\u00fcgten etwas hinzu und sagten: \u201eDas kenne ich von mir selbst.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das kommt uns sehr bekannt vor. So reden wir miteinander, und so verstehen wir miteinander \u2013 durch Erz\u00e4hlungen und Bilder und Deutungen, die dem Gespr\u00e4ch, das wir gemeinsam f\u00fchren, immer wieder etwas hinzuf\u00fcgen. Manchmal ist es kaum auszuhalten, und wir m\u00fcssen uns beschr\u00e4nken: ein Enkelkind und eine Krankheit pro Kopf. Und doch w\u00fcrden wir etwas verlieren, ja beinahe alles, wenn wir die Gespr\u00e4che nicht so zwischen uns rollen lie\u00dfen. Denn so w\u00e4chst das Leben; es nimmt hinzu und l\u00e4sst weg, je nachdem, wohin wir in unserem Verst\u00e4ndnis unterwegs sind. Und so verstehen wir das Leben: vor dem Hintergrund all dessen, was wir mitbringen \u2013 zusammen \u2013, gesammelt in einer gemeinsamen Erz\u00e4hlung, einem gemeinsamen Verst\u00e4ndnis von Liebe und Glaube und Hoffnung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als ich im Johannesevangelium den Text las, wie Jesus seine J\u00fcnger beruft, hatte ich dasselbe rollende Gef\u00fchl. Hier erz\u00e4hlen zwar keine Tanten, hier sammeln sich J\u00fcnger. Aber wenn wir genau hinh\u00f6ren, klingen zugleich eine ganze Reihe von Erz\u00e4hlungen an, die dann zusammenflie\u00dfen in die eine Erz\u00e4hlung: zur Erz\u00e4hlung des Johannesevangeliums, zur Erz\u00e4hlung von Jesus und damit zu unserer Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dazu braucht es wohl ein wenig Vorgeschichte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Johannes ist ja einer der vier Evangelisten. Aber sein Evangelium ist in vielerlei Hinsicht anders als die anderen. Seine Form ist anders, seine Sprache auf andere Weise flie\u00dfend, und seine Erz\u00e4hlungen sind anders. Und doch erz\u00e4hlt er dieselbe Geschichte: von Jesus und von der Begegnung des Christentums mit dem Menschenleben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Abschnitt, den wir h\u00f6ren, stammt aus dem ersten Kapitel des Evangeliums. Er folgt auf die Erz\u00e4hlung von der Taufe Jesu, in der Johannes der T\u00e4ufer beim Evangelisten Johannes eine ganz andere Rolle spielt als bei den anderen Evangelisten. Er ist nicht nur der Erste, der im Evangelium beim Namen genannt wird; es zeigt sich auch, dass er mehr wei\u00df, als ein Mensch eigentlich wissen kann. Er ist \u201edie Menschenstimme\u201c in der W\u00fcste, die von dem spricht, \u201eden kein Mensch gesehen hat\u201c \u2013 dem er nicht einmal wert ist, die Schuhriemen zu l\u00f6sen, wie er zu den Pharis\u00e4ern sagt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und als er dann Jesus begegnet, findet er noch mehr Worte: \u201eSiehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt S\u00fcnde tr\u00e4gt! Dieser ist&#8217;s, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich. Und ich kannte ihn nicht. Aber damit er Israel offenbart werde, darum bin ich gekommen zu taufen mit Wasser.\u201c (Joh 1,29\u201331)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er tauft, aber seine Taufe ist nur eine Wassertaufe. Er bereitet dem den Weg, der kommt, und wei\u00df, dass dieser vor ihm war \u2013 aber er kennt ihn nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So wird durch Johannes ausgesprochen, was nach Jesu Tod und Auferstehung zum Glauben der Gemeinden wurde: dass der Sohn beim Vater war, bevor er auf die Erde herabstieg und Mensch wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Worte, die sp\u00e4ter, im 4. Jahrhundert, zum gemeinsamen Bekenntnis der Kirche wurden \u2013 im Niz\u00e4nischen Glaubensbekenntnis: \u201eWir glauben \u2026 an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott \u2026\u201c \u2013, diese Worte werden hier Johannes in den Mund gelegt. Er kennt Jesus nicht, aber er hat den Auftrag, Israel zu offenbaren, dass er der ist, der war und ist und sein wird \u2013 das Wort, das Leben, das Licht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gottes Lamm, das der Welt S\u00fcnde tr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist der Mensch Johannes, der Gottes Erz\u00e4hlung als Erster versteht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er erkennt in seinem Herzen die Geschichte wieder, die noch nicht geschehen ist, die er aber in der Begegnung mit dem Gottessohn intuitiv erahnt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber er ist auch der Erste, der Zeuge wird, wie der Heilige Geist kommt \u2013 als sich der Geist mit der Wassertaufe Jesu verbindet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun ist die B\u00fchne bereitet \u2013 und von hier aus kann das Evangelium seine eigentliche Erz\u00e4hlung beginnen, hin zu Jesu Tod und Auferstehung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und hier stehen wir heute und gehen mit hinein in ein langes Staunen dar\u00fcber, wer dieser Jesus ist, der als Gottes Sohn Gottes Lamm ist und die S\u00fcnden aller Welt tr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">All dieses Staunen haben Christen seither bekannt und auf sich genommen, um zu verstehen, was Jesu Verk\u00fcndigung in der Welt um des Menschenlebens willen bedeutet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und es beginnt mit der Erz\u00e4hlung, die wir eben geh\u00f6rt haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Am Tag nach der Taufe begegnet Johannes Jesus wieder, nennt ihn Gottes Sohn und schickt seine J\u00fcnger weiter zu Jesus \u2013 seine Rolle ist ausgespielt. Nun muss er abnehmen und Jesus wachsen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und Jesu Rolle w\u00e4chst, schon mit der Berufung der J\u00fcnger. Denn indem er nach und nach erkannt wird \u2013 \u201eals Gottes Sohn, als Messias, als der, von dem Mose geschrieben hat, als K\u00f6nig von Israel\u201c \u2013, begreifen wir, dass er all das ist, wovon zuvor die Rede war. Der, auf den die Juden gewartet haben und der nun verhei\u00dft, dass sich Jakobs Traum erf\u00fcllt: \u201eWahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren \u00fcber dem Menschensohn.\u201c (Joh 1,51)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Erz\u00e4hlung, die wir h\u00f6ren, ist so gesehen das Wiedererleben von Jakobs Traum durch die J\u00fcnger: \u201eF\u00fcrwahr, der HERR ist an dieser St\u00e4tte, und ich wusste es nicht!\u201c (1. Mose 28,16)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber das hat doch nichts mit dem Familientreffen von elf fantastischen Tanten zu tun?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch, gerade! Denn von nun an handelt das Evangelium davon, den Gemeinden der Zukunft zu zeigen, wie Engel \u00fcber dem Menschensohn hinauf- und herabfahren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zuerst den ersten J\u00fcngern, die Jesus tantenhaft, fragend und staunend empfingen, obwohl er aus Nazareth kam. Und danach den ersten Gemeinden, die zusammenkamen, um die Erz\u00e4hlungen und Deutungen zu h\u00f6ren, wie sie durch die Kirchengeschichte hindurch erz\u00e4hlt und gedeutet wurden. Um sie weiterzuerz\u00e4hlen, ihnen etwas hinzuzuf\u00fcgen und sie genau an der St\u00e4tte zu verwurzeln, an der sie waren. Und um zu zeigen: Der Herr ist an der St\u00e4tte, wo Menschen zusammenkommen und \u00fcber Gottes Wort staunen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So ist das Christentum eine lange Erkenntniserz\u00e4hlung, in der wir langsam mehr und mehr verstehen, w\u00e4hrend wir gest\u00fctzt und getragen werden \u2013 in Gottes Laufgeschirr oder Leitband, wie Grundtvig im Lied schreibt:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em>Wir werden gehoben, getragen<\/em><br \/>\n<em>am Leitband<\/em><br \/>\n<em>vom Geist des Lebens<\/em><br \/>\n<em>und von des Vaters Engelschar.<\/em><br \/>\n<em>(Aus Grundtvigs Kirchenlied \u201cDer er en vej, som verden ikke kender\u201d, A.d.\u00dc.)<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und so ist es mit dem Glauben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er ist nicht als fertige L\u00f6sung vom Himmel gefallen, als Gott Mensch wurde. Er ist im Lauf der Zeit gewachsen, und er wird deutlicher, jedes Mal wenn wir uns in staunenden Gespr\u00e4chen \u00fcber Gottes Wort und Willen begegnen. Getragen, gehoben und erhoben vom Geist des Lebens.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das haben die J\u00fcnger erfahren, als Jesus ihnen begegnete und sie rief, ihm nachzufolgen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So wie wir es erfahren k\u00f6nnen, wenn der Heilige Geist uns sammelt, uns die Himmelsleiter zeigt und uns froh werden l\u00e4sst wie elf fantastische Tanten, die mit liebevollen Gespr\u00e4chen die Engel anziehen und uns hineinrufen in die Erz\u00e4hlung unseres Herrgotts \u2013 genau hier, an unserer St\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Laura Lundager Jensen<\/strong><br \/>\nPastorin in Osted<br \/>\n<a href=\"mailto:luje@kp.dk\">luje@kp.dk<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Diese Fassung kann Spuren von k\u00fcnstlicher Intelligenz enthalten, A.d.\u00dc.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elf fantastische Tanten zu Besuch\u00a0| 19. So. n. 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