{"id":26808,"date":"2026-10-21T12:16:50","date_gmt":"2026-10-21T10:16:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26808"},"modified":"2026-10-21T12:16:50","modified_gmt":"2026-10-21T10:16:50","slug":"lukas-131-9-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-131-9-6\/","title":{"rendered":"Lukas 13,1\u20139"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\"><strong>Der Turm in Siloah | 21. So. n. Trinitatis | 25. Oktober 2026 | Lukas 13,1\u20139 | Jan Asmussen |<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Turm in Siloah<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man kann daran sterben, die Wahrheit zu kennen. Darum ist uns eine Grenze gesetzt, wie weit wir die verborgenen Zusammenh\u00e4nge verstehen. Wir kommen schnell zu dem Punkt, wo das taghelle Verstehen, wie die Dinge zusammenh\u00e4ngen, sich eintr\u00fcbt. Das R\u00e4tsel beginnt. Wir w\u00fcrden nicht \u00fcberleben, das ganze Muster des Schicksals mit seinem \u201eWarum\u201c und \u201eWann\u201c wie ein offenes Buch zu erkennen. Mose sprach zu Gott auf dem Berg: \u201eLass mich deine Herrlichkeit sehen!\u201c Doch dann w\u00e4re er gestorben, und darum hielt Gott die Hand davor, sodass der Kern der Wahrheit verborgen blieb. Es gibt Dinge, die besser verborgen bleiben. Denn wir wagen nur so lange auf die Zukunft zu hoffen und ihr zu vertrauen, wie es eine Ungewissheit gibt und nicht alles bekannt ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch manchmal f\u00fchlt es sich an, als zittere Gottes Hand, und Menschen erhaschen einen Blick auf das, was sie nicht sehen und wonach sie nicht fragen sollten. In den Kriegen dieser Zeit sowie unverschuldet in den Strassen schauen Menschen dem Tod ins Auge und entgehen ihm gegen jede Wahrscheinlichkeit. Vielleicht waren sie am Abend zuvor noch in einem Ort, der in die Luft gesprengt wurde, und nur ein Zufall an diesem Abend hat sie gerettet. Sie haben weit mehr gesehen, als sie ertragen konnten, denn sie haben in den Abgrund geblickt. Menschen, die am Abgrund gestanden und hinabgeschaut haben, k\u00f6nnen nicht anders, als zwei Fragen zu stellen \u2013 Fragen, die Menschen eigentlich weder stellen sollen noch stellen k\u00f6nnen, weil sie nach dem fragen, was im Abgrund ist \u2013 oder hinter Gottes verbergender Hand. Die Fragen lauten: \u201eWarum war ich es, der nach Hause kam?\u201c \u2013 \u201eWarum kam meine Freundin nicht nach Hause, sondern wurde eines der Opfer?\u201c Solche Fragen zu stellen ist zutiefst menschlich. Aber die Antwort auf solche Fragen zu kennen \u2013 das hie\u00dfe, zu sein wie Gott selbst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In dieser Zeit, in der Bomben und Terroranschl\u00e4ge Unschuldige trifft, werden diese Fragen so oft gestellt, dass wir meinen, es seien moderne Fragen. Doch jede Zeit hatte ihre Katastrophen, die eine ganze Bev\u00f6lkerung getroffen haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es war einmal ein Viertel in Jerusalem, das mit einem Schlag ein Teil ihrer Einwohner verlor. Einer der T\u00fcrme der Stadt st\u00fcrzte ein und begrub eine Menschenmenge unter sich \u2013 auf einem Marktplatz vielleicht. Viele sahen es geschehen. Sie h\u00f6rten das Dr\u00f6hnen, sahen die Staubwolke, und das Bild der Verst\u00fcmmelten brannte sich ihnen f\u00fcr immer auf die Netzhaut. Noch mehr hatten Bekannte, Kollegen und Angeh\u00f6rige unter den Toten. Die Zahl der Toten \u2013 18 Menschen \u2013 das war ein unbeschreibliches Ungl\u00fcck. Doch der Ort der Katastrophe hie\u00df Siloah, und noch viele Jahre danach war dieser Ort in aller Munde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und die Fragen waren dieselben wie nach jedem sp\u00e4teren vergleichbaren Ungl\u00fcck: \u201eWarum ist meine Familie heil und unversehrt, w\u00e4hrend mein Nachbar alles verloren hat?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Antwort auf diese Frage zu kennen, hie\u00dfe, zu werden wie Gott selbst. Doch Menschen k\u00f6nnen nicht aufh\u00f6ren, nach Antworten zu suchen. Eine Antwort k\u00f6nnte sein, dass es wohl Schicksal war, dass gerade diese sterben mussten. Man sagte nicht geradeheraus, sie h\u00e4tten es verdient \u2013 aber viele meinten, es m\u00fcsse eine h\u00f6here Gerechtigkeit geben, die gerade diese achtzehn genau dorthin gestellt hatte, in genau jener Sekunde. Dann ist es nicht blo\u00df Abgrund, sondern ein unerwarteter, fl\u00fcchtiger Einblick in Gottes Lenkung. Kein Sperling f\u00e4llt zur Erde, ohne dass Gott dabei ist \u2013 so k\u00f6nnte man zitieren. Also wird es wohl auch hier so gewesen sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So reagiert die menschliche Vernunft, wenn die Wege, die auf ebenem Grund gebahnt sind, pl\u00f6tzlich an einem Abgrund enden. Wir bauen einfach eine Br\u00fccke, damit unsere biedere Alltagsvernunft weitergehen kann. \u201eEs wird schon einen Sinn haben\u201c, sagt man. Doch so redet nur, wer nicht begriffen hat: \u00dcber einen Abgrund baut man keine Br\u00fccke.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Menschen, die sich selbst beruhigen, indem sie vom Rand des Abgrunds aus vern\u00fcnftige Br\u00fccken bauen, kommen zu Jesus, um sich ihre Theorie best\u00e4tigen zu lassen. Was war mit den achtzehn los, dass sie und nicht wir den Turm auf den Kopf bekamen? Sie hoffen, ihr Weltbild best\u00e4tigt zu bekommen: Hier in der Welt ergeht es dir, wie du es verdienst. Also kommt es nur darauf an, Schuld zu vermeiden \u2013 und dazu kann Jesus vielleicht ein paar Anleitungen geben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch Jesu Antwort ist viel abweisender, als sie ahnen. Es gibt nicht den geringsten Unterschied zwischen euch und den achtzehn in Siloah, sagt Jesus. Es h\u00e4tte auch euch treffen k\u00f6nnen. Diese Antwort beruhigt nun gerade nicht. Denn sie stellt diese Menschen, die wissen wollen, was der Abgrund birgt, vor eine h\u00e4ssliche Alternative.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die erste M\u00f6glichkeit ist, dass Ungl\u00fccke einfach zuf\u00e4llig geschehen. Ist das die Meinung Jesu? Heute spielst du mit deinem Kind, morgen wird es vielleicht \u00fcberfahren. Vielleicht wird dein S-Bahnhof im morgendlichen Berufsverkehr das n\u00e4chste Ziel eines Terroristen. Dein Abendgebet f\u00fcr dich und die Deinen, die Lebensziele, die du noch erreichen willst, das Gef\u00fchl, in deinem Leben getragen und gesegnet zu sein \u2013 all das ist vollkommen bedeutungslos. Denn Gott ist ein W\u00fcrfelspieler.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die zweite M\u00f6glichkeit ist, dass im Innersten des Abgrunds ein Drahtzieher sitzt, der seine n\u00e4chsten Opfer genau ausw\u00e4hlt. Sie sollen glauben, es sei Zufall, damit sie keine Vorkehrungen treffen k\u00f6nnen. Doch es kommt \u00fcber sie, und wenn es geschieht, wird Verbl\u00fcffung ihr letzter Ausdruck sein. Gott w\u00fcrfelt n\u00e4mlich \u00fcberhaupt nicht, sondern besitzt und genie\u00dft die totale Kontrolle. Gott ist ein psychopathischer Serienm\u00f6rder.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Alternative \u2013 absoluter Zufall oder verborgene Pl\u00e4ne \u2013 ist das H\u00f6chste, was die menschliche Vernunft aus eigener Kraft als Br\u00fccke \u00fcber den Abgrund zustande bringt. Und beides ist gleich qu\u00e4lend und l\u00e4sst uns w\u00fcnschen, wir h\u00e4tten diesen Gedanken nie gedacht. Darum fegt Jesus die Br\u00fccke mit all ihren Fundamenten und klugen \u00dcberlegungen hinweg. Er sagt zu den klugen Leuten: \u201eWisst ihr was: In Wirklichkeit verdient ihr es allesamt, einen Turm auf den Kopf zu bekommen! Gibt es etwa einen unter euch, der mit Recht behaupten kann, er habe es weniger verdient als sein Nachbar? Gibt es einen, der behaupten k\u00f6nnte, es weniger verdient hat als ein anderer?\u201c, fragt Jesus. Bei einer solchen Antwort wird es ganz still. \u201eWenn ihr nicht Bu\u00dfe tut, werdet ihr alle auch so umkommen\u201c, sagt Jesus. Die achtzehn in Siloah hatten es nicht verdient. Es war auch kein Zufall. Denn verdient haben es in Wahrheit alle.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Zuspitzung ist die Ersch\u00fctterung, die die Antworten der Vernunft hinwegfegt. Jesus nimmt uns mit an den Rand des Abgrunds und sagt: Eigentlich h\u00e4ttet ihr es alle verdient, hinabzust\u00fcrzen. Und es ist ganz und gar nicht euer Verdienst, dass ihr nicht l\u00e4ngst fallt. Wenn ihr hier am Rand steht und wir gleich wieder auf ebenen Grund zur\u00fcckgehen k\u00f6nnen, dann einzig und allein darum, weil Gott nicht will, dass ihr fallt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dort drinnen, hinter der Hand, die Gott vor Mose h\u00e4lt, wohnt eine gewaltige Kraft, die erschaffen und vernichten kann, Leben keimen und sterben lassen, eine Welt formen und sie wieder umgestalten, Plagen senden und fruchtbaren Regen. Bei Gott ist alles grenzenlos m\u00f6glich. Das ist ein furchtbares Wissen, und darum soll Mose es nicht sehen, sondern darauf vertrauen, dass Gott immer vor allem Sch\u00f6pfer ist, vor allem Lebensspender, vor allem gn\u00e4dig. Denn so \u2013 nur so \u2013 gelingt unser Leben: indem wir darauf vertrauen. Nur wenn Gottes Hand zittert, wenn wir etwas sehen, was wir nicht h\u00e4tten sehen sollen, erhaschen wir einen Blick hinter Gottes Hand.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch das ist nicht das Wichtige f\u00fcr uns. Das Wichtige ist, dass Gott die Hand davorh\u00e4lt, weil er uns kennt und den Unterschied zwischen sich und uns. Wir k\u00f6nnen nur gedeihen im Vertrauen auf die \u00dcbermacht des Guten. Wir k\u00f6nnen nur mit einem Abgrund leben, an dessen Rand man nicht balancieren muss, sondern von dem man ein wenig Abstand halten kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kinder, denen man M\u00e4rchen erz\u00e4hlt, k\u00f6nnen sie nur ertragen, wenn die grausigen Einzelheiten \u2013 Drachen, Hexen und Gespenster \u2013 in einem geborgenen Rahmen erz\u00e4hlt werden. Der Scho\u00df, auf dem das Kind sitzt, w\u00e4hrend man erz\u00e4hlt, ist die Hand, die man davorh\u00e4lt und die gef\u00e4hrliche Drachen zu etwas macht, von dem man blo\u00df h\u00f6rt. Man kann nicht ohne Begleitung an den Rand des Abgrunds gehen. Heute gehen wir hinaus an diesen Rand und rufen unsere Fragen in die Tiefe hinab \u2013 aber das geschieht in einer wichtigen Geborgenheit. \u201eEr scheint zornig, doch ist er mild\u201c, versichert uns das Kirchenlied (&#8222;Guds S\u00f8n kom ned fra Himmerig, DDS 488, von Grundtvig (A.d.\u00dc.)) Gottes Friede und Gottes Liebe sind das Erste und das Letzte, was \u00fcber Gott zu sagen ist \u2013 und Jesus Christus ist gegenw\u00e4rtig (Anspielung auf das Kirchenlied &#8222;Nu fryde sig hver kristen mand&#8220;, DDS 487, von Grundtvig, deutsch &#8222;Nun freut euch, lieben Christen g&#8217;mein&#8220;, A.d.\u00dc.)) Nur in Geborgenheit kann man an den Abgrund treten und seine Fragen hinauswerfen \u2013 und dann auch wieder aufh\u00f6ren zu fragen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn das Entscheidende ist nicht, dass keiner von uns es weniger verdient hat als andere, einen Turm auf den Kopf zu bekommen. Das Wichtige ist, was Gott \u00fcber sich selbst und sein Verh\u00e4ltnis zu uns sagt: dass er uns kennt und beh\u00fctet \u2013 nicht nur vor dem B\u00f6sen, sondern auch vor unserer eigenen t\u00f6richten Vernunft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Darum kn\u00fcpft Jesus an das Gespr\u00e4ch \u00fcber das Ungl\u00fcck in Siloah ein kleines Gleichnis. Es handelt von einem k\u00fcmmerlichen Feigenbaum, der es kaum verdient hat, der Axt zu entgehen, und der seit Jahren sein Dasein nicht mit angemessener Frucht vergolten hat. Es gibt allen Grund, der Vernunft Gen\u00fcge zu tun. Aber nicht bei diesem G\u00e4rtner: \u201eHerr, lass ihn noch dies Jahr\u201c, sagt er. Fr\u00fcchte k\u00f6nnen unverhofft kommen. Feigenb\u00e4ume gleichen im Grunde den Menschen: Es ist immer zu fr\u00fch, Schl\u00fcsse zu ziehen \u2013 weder \u00fcber das Schicksal noch \u00fcber den Zufall. Das Wichtige ist nicht, wie es dir ergeht und was du verdient hast, sondern wer dein G\u00e4rtner ist und wie er ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Jan Sievert Asmussen<\/strong><br \/>\nPastor in Farum<br \/>\njsas@km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Turm in Siloah | 21. So. n. Trinitatis | 25. Oktober 2026 | Lukas 13,1\u20139 | Jan Asmussen | &nbsp; Der Turm in Siloah Man kann daran sterben, die Wahrheit zu kennen. Darum ist uns eine Grenze gesetzt, wie weit wir die verborgenen Zusammenh\u00e4nge verstehen. 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