{"id":26812,"date":"2026-10-21T12:17:12","date_gmt":"2026-10-21T10:17:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=26812"},"modified":"2026-10-21T12:17:12","modified_gmt":"2026-10-21T10:17:12","slug":"jeremia-29-1-4-7-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jeremia-29-1-4-7-11\/","title":{"rendered":"Jeremia 29, 1.4\u20137.11"},"content":{"rendered":"<h3>\u201eNicht mein Land? \u2013 Oh doch!\u201c | 21. So. n. Trinitatis | 25. Oktober 2026 | Jeremia 29, 1.4\u20137.11 | Dr. Hansj\u00f6rg Biener |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>\u201eNicht mein Land? \u2013 Oh doch!\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eDas ist nicht \u2013 mehr \u2013 mein Land.\u201c Ich wei\u00df nicht, wie viele Menschen in diesen Tagen mit diesem Gef\u00fchl leben. Vielleicht auch Sie. Obwohl: In diesen Tagen? Es gibt Menschen, die dieses Gef\u00fchl schon lange haben. Nicht seit Wochen, schon seit Jahren. Der heutige Predigttext f\u00fchrt in eine Zeit, in der Menschen das noch viel mehr sagen konnten als wir. Sie waren \u00fcber 1000 Kilometer aus Jerusalem nach Babylonien verschleppt worden. Es war also definitiv nicht ihr Land und die Heimat war nicht mehr ihre. Was der Prophet Jeremia dazu zu sagen hatte, folgt gleich im Predigttext, doch die Gliederung meiner Predigt will ich schon jetzt ansagen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">(1) \u201eNicht &#8211; mehr \u2013 mein Land!\u201c \u2013 eine aktuelle Stimmung.<br \/>\n(2) \u201eNicht mein Land? \u2013 Oh doch!\u201c, sagt Jeremia.<br \/>\n(3) \u201eNicht mein Land? \u2013 Oh doch, aber eines von zweien!\u201c \u2013 sagt Jesus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es wird also auch ein bisschen Politik geben, aber nur so weit, dass wir die biblische Weisung verstehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Predigttext<\/strong><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\">\u201eJeremias Brief an die Weggef\u00fchrten in Babel<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em>1 Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der \u00c4ltesten, die weggef\u00fchrt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggef\u00fchrt hatte [\u2026].<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em>4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggef\u00fchrten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegf\u00fchren lassen: 5 Baut H\u00e4user und wohnt darin; pflanzt G\u00e4rten und esst ihre Fr\u00fcchte; 6 nehmt euch Frauen und zeugt S\u00f6hne und T\u00f6chter, nehmt f\u00fcr eure S\u00f6hne Frauen und gebt eure T\u00f6chter M\u00e4nnern, dass sie S\u00f6hne und T\u00f6chter geb\u00e4ren; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. 7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegf\u00fchren lassen, und betet f\u00fcr sie zum HERRN; denn wenn\u2019s ihr wohl geht, so geht\u2019s euch auch wohl. [\u2026]<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em>11 Denn ich wei\u00df wohl, was ich f\u00fcr Gedanken \u00fcber euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em>(Jer 29, 1.4\u20137.11)<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manchmal haben es Christen gut, weil sie die Bibel haben. Sie f\u00fchrt uns in andere Zeiten als die eigenen. Im Alten Testament z. B. in die Zeit des Propheten Jeremia. Im Neuen Testament in die Zeit Jesu und der ersten Christenheit. Manche sagen: Das ist doch alles so weit weg. Das hat uns nichts mehr zu sagen. Ich sage: Das ist so richtig wie falsch. Die Bibel f\u00fchrt uns in andere Zeiten und hilft uns so, unsere Zeit neu zu sehen. Wir k\u00f6nnen an der Bibel merken, wie weit wir gekommen sind. Im Guten. Und wir k\u00f6nnen merken, wie weit es mit uns gekommen ist. Im Schlechten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>(1) \u201eNicht \u2013 mehr \u2013 mein Land\u201c \u2013 eine aktuelle Stimmung.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eNicht \u2013 mehr \u2013 mein Land\u201c \u2013 das ist ein Gef\u00fchl, das in diesen Tagen viele Menschen teilen. Und zwar dies- und jenseits der Meinungsgrenzen, die Deutschland in diesen Tagen teilen. Egal ob sie \/ wir zuerst A wie \u201eAfD\u201c denken oder Z wie \u201ezu viel Zuwanderung\u201c. Auf der einen Seite haben wir Menschen, die nicht verstehen, wie die Alternative f\u00fcr Deutschland mehrheitsf\u00e4hig werden kann. Auf der anderen Seite haben wir Menschen, die nicht verstehen, wie man das nicht verstehen kann. \u201eDas ist nicht mehr mein Land\u201c, sagen die einen, von denen manche einen Plan A andenken. A wie Auswandern. \u201eDas ist nicht mehr mein Land\u201c, sagen die anderen. F\u00fcr sie gilt Plan Z. Z wie \u201eIch will mir mein Land zur\u00fcckholen\u201c. Und die einen nennen diese anderen \u201eWutb\u00fcrger\u201c, die nicht wissen, was sie wegschmei\u00dfen, wenn sie die Demokratie verachten. Die wiederum geben es den \u201eGutmenschen\u201c zur\u00fcck. \u201eIhr wisst doch gar nicht, wie es im Alltag der \u201anormalen\u2018 Leute im Osten, aber auch in westdeutschen Gro\u00dfst\u00e4dten l\u00e4uft. Es ist eben nicht mein Land, wenn sich die Politik um die gro\u00dfe Welt k\u00fcmmert, aber die kleine Welt der eigenen Leute vernachl\u00e4ssigt.\u201c Die Mauern in den K\u00f6pfen sind nicht so real wie der Eiserne Vorhang, der Deutschland einmal teilte, aber nicht weniger wirksam. Sie werden immer neu errichtet, wo starke Meinungen z\u00e4hlen, nicht starke Begr\u00fcndungen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eNicht mein Land.\u201c Wissen Sie, wer das Wort aufgebracht hat? Angela Merkel! 2015. Im Fl\u00fcchtlingssommer. Damals sind viele Menschen stolz auf ihr Land. Deutschland zeigt W\u00e4rme, Hilfsbereitschaft, Mitgef\u00fchl. Selbst geschriebene Schilder: \u201eRefugees welcome.\u201c Die Kanzlerin sagt ihr ber\u00fchmtes \u201eWir schaffen das\u201c. Ein Wort, das bald aus dem Zusammenhang gerissen gegen sie gewendet wurde. Damals [am 31. August 2015] sagte die Bundeskanzlerin nach einer Aufz\u00e4hlung \u00fcberstandener Herausforderungen der Bundesrepublik: \u201eIch sage ganz einfach: Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft \u2013 wir schaffen das! Wir schaffen das, und dort, wo uns etwas im Wege steht, muss es \u00fcberwunden werden, muss daran gearbeitet werden.\u201c Manche [Parteigenossen] setzten sofort dagegen: \u201eNein. Wir schaffen das nicht.\u201c F\u00fcr Angela Merkel war klar: \u201eDie wollen das auch nicht.\u201c Sie wird ungewohnt emotional \u2013 und patzig: Wenn wir uns f\u00fcr Hilfe in Notsituationen entschuldigen m\u00fcssen, \u201edann ist das nicht mein Land\u201c. [15. September 2015]<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Apropos Not und intensive Gef\u00fchle. Gehen wir nicht nur 10 Jahre zur\u00fcck, sondern \u201e2610\u201c Jahre in die Zeit des Alten Testaments. Ein Krieg ist verloren. Jerusalem ist gefallen. Die Bev\u00f6lkerung ist tot, auf der Flucht vor den Babyloniern verstreut oder von den Siegern nach Babylonien verschleppt. In diese Situation hinein schreibt Jeremia, so unser Predigttext, in Gottes Namen einen Brief nach Babylonien.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>(2) \u201eNicht mein Land? \u2013 Oh doch!\u201c, sagt Jeremia.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manchmal haben es Christen gut, weil sie die Bibel haben. Sie f\u00fchrt uns in andere Zeiten und hilft uns so, die eigene Zeit neu zu sehen. Jeremia schreibt an eine Gemeinschaft, die noch verzweifelter gewesen sein muss, als wir uns heute vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da ist das Trauma des verlorenen Krieges, zu dem ein ersch\u00f6pfender Treck von Jerusalem nach Babylon gekommen ist. Ich habe ein bisschen mit Google Maps gespielt, um mir die Entfernungen klarzumachen. Babylon gibt es nicht mehr, aber Bagdad 100 km n\u00f6rdlich. Jerusalem \u2013\u00a0Bagdad, das sind um die 1100 Kilometer: Luftlinie. Das ist etwas weiter als M\u00fcnchen \u2013\u00a0Kopenhagen oder M\u00fcnchen \u2013\u00a0Barcelona oder so weit wie Wien \u2013\u00a0Br\u00fcssel oder Wien \u2013\u00a0Kyjiw. Es ist doppelt so weit, wie meine Schwiegermutter nach dem Zweiten Weltkrieg von Breslau nach Amberg fliehen musste, wenn Luftlinie m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Es ist halb so weit wie 2015 die Fl\u00fcchtlingsroute von Griechenlands K\u00fcsten bis Passau. Zur\u00fcck zum Treck der Jerusalemer nach Babylonien. \u201e10 Tage\u201c sagt Google Maps, aber das w\u00e4re ununterbrochen laufen\u2026 Keiner kann das. Ge\u00fcbte Wanderer schaffen vielleicht 20 bis 25 km am Tag. Dann sind 1000plus Kilometer mehrere Monate. Man kann sicher sein, dass der vielw\u00f6chige Treck erneut viele Menschenleben kostete. Das war damals wie heute Teil der Kriegsf\u00fchrung. Ich \u00fcbersetze mal die Opfer dieser wirklichen Umvolkung, wie sie auch Hitler, Stalin und andere an den V\u00f6lkern der Welt verschuldet haben: Ehefrauen und -m\u00e4nner, T\u00f6chter und S\u00f6hne, Familien auseinandergerissen und dezimiert. Verwaiste Kinder mussten von wem auch immer adoptiert und mitgenommen werden. Meine Mutter, wie meine Schwiegermutter ebenfalls Schlesien-Fl\u00fcchtling, erinnert sich genauso an ihre Flucht. Sie konnte sich nicht freimachen von den schreienden Kindern, die bei ihren Toten standen und zu ihrer Rettung von anderen mitgerissen wurden. Das ist Fl\u00fcchtlingswelt. Am Ende ankommen im Irgendwo. \u201eRefugees not welcome.\u201c F\u00fcr Jeremias Briefgenossen kommt noch etwas dazu, was wir nicht so gut verstehen k\u00f6nnen. Sie sind in unheiliges Land gekommen, in dem man den Gott Israels nicht verehren konnte. Das ging nach damaligem Glauben nur im Tempel von Jerusalem. [Ich habe \u00fcberlegt, wie ich dieses Gef\u00fchl erkl\u00e4ren kann. Mir ist nur ein Vergleich eingefallen. Die Frage: \u201eWo m\u00f6chtest Du begraben sein?\u201c F\u00fcr manche unserer Zuwanderer ist klar: In der Heimaterde. Diese ist heiliges Land, nicht irgendein Gr\u00e4berfeld einer deutschen Stadt.\u201c]<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie sollten die ersch\u00f6pften Menschen aufstehen aus der Niedergeschlagenheit? Wie sollte neues Leben entstehen? Drei Aufgaben stellt Gott durch Jeremia den heimatlos gewordenen Jerusalemern:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em>5 Baut H\u00e4user und wohnt darin; pflanzt G\u00e4rten und esst ihre Fr\u00fcchte; <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em>6 nehmt euch Frauen und zeugt S\u00f6hne und T\u00f6chter, nehmt f\u00fcr eure S\u00f6hne Frauen und gebt eure T\u00f6chter M\u00e4nnern, dass sie S\u00f6hne und T\u00f6chter geb\u00e4ren; [\u2026]<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em>7 Suchet der Stadt Bestes [\u2026] und betet f\u00fcr sie zum HERRN; denn wenn\u2019s ihr wohl geht, so geht\u2019s euch auch wohl.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich k\u00fcrze das noch mal ab: Richtet euch ein. Bekommt Kinder. Betet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eBaut H\u00e4user und wohnt darin.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist zun\u00e4chst das Naheliegendste zu tun. Man muss sich behausen und irgendwo unterkommen. In was Eigenem, um anzukommen. Immerhin haben die Babylonier den verschleppten Jerusalemern gemeinsame Siedlungen erlaubt. Auf diese Chance weist Jeremia die mutlose Gemeinschaft hin. Ich erinnere mich an meine Eltern- und Gro\u00dfelterngeneration, die vom Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen gepr\u00e4gt war. Meine Mutter und Schwiegermutter waren als Jugendliche aus Schlesien nach Bayern gekommen. Keineswegs als willkommene Fl\u00fcchtlinge, aber am Ende erfand die CSU eine positive Erz\u00e4hlung: Die Sudetendeutschen seien nun nach Altbayern, Franken und Schwaben der vierte Stamm Bayerns. Das sollte den heimatlosen Fl\u00fcchtlingen ein neues Heimatgef\u00fchl erm\u00f6glichen und den Einheimischen helfen, in den K\u00f6pfen Platz zu machen. Man hat den Vertriebenen sogar eigene St\u00e4dte gegeben wie Neugablonz oder Stadtteile wie die Geigenbauersiedlung in Erlangen-Bubenreuth. Die von Sudetendeutschen und anderen Fl\u00fcchtlingen gegr\u00fcndeten Handwerksbetriebe und Unternehmen leisteten in den folgenden Jahren ihren Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung Bayerns.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eBaut H\u00e4user und wohnt darin.\u201c Nr. 1. Eine Forderung, die heimatlosen Menschen durch Jahrhunderte hinweg geholfen hat, woanders eine neue Heimat aufzubauen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eBekommt Kinder und Kindeskinder.\u201c Nr. 2.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wieder eine Forderung Gottes, die anfangs schwer zu h\u00f6ren ist, wenn die Vergangenheit in Tr\u00fcmmern liegt und die Gegenwart trostlos ist. Wozu soll man in der Fremde etwas aufbauen? Wozu soll man Kinder kriegen, wenn doch das Ende nah ist? \u201eIn diese Welt kann man keine Kinder setzen.\u201c Das ist ein Grundgef\u00fchl von Frauen in Krisenzeiten, und manchmal bleibt dieses Gef\u00fchl ein Leben lang. In Krisenzeiten gehen die Geburtenzahlen zur\u00fcck. Man wei\u00df eben nicht, was in f\u00fcnf, zehn oder zwanzig Jahren sein wird. Und doch haben im Nachkriegsdeutschland viele Fl\u00fcchtlingsfrauen Familien gegr\u00fcndet. \u201eHeimat ist da, wo Deine Lieben sind.\u201c Das sagte meine Schwiegermutter. Sie wurde in der Oberpfalz eine Frau, die mehr als nur ihre Familie zusammengehalten hat. Sie hat zwei Kinder auf einen guten Weg gebracht. Sie wurde der Zusammenhalt der Verwandtschaft, in die sie eingeheiratet hatte. Schlesien war nicht mehr ihr Land, Bayern war es. Nach vielen Jahrzehnten fand sich ein Verwandter in der Ferne. Er war nach der Verschleppung in der Sowjetunion geblieben. \u201eDeine Leute sind sowieso tot\u201c, hatte man ihm gesagt. Auch er hatte schlie\u00dflich eine Familie gegr\u00fcndet. Er hat Deutschland besucht, doch es war nicht sein Land. Eine Aussiedlung kam f\u00fcr ihn nicht in Frage. Russland war sein Land geworden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eBaut H\u00e4user und wohnt darin.\u201c Nr. 1.<br \/>\n\u201eBekommt Kinder und Kindeskinder.\u201c Nr. 2.<br \/>\nUnd nun noch Nr. 3, die vielleicht gr\u00f6\u00dfte Herausforderung:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eSuchet der Stadt Bestes [\u2026] und betet f\u00fcr sie zum HERRN; denn wenn\u2019s ihr wohl geht, so geht\u2019s euch auch wohl.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Mitgehangen-Mitgefangen-Begr\u00fcndung leuchtet ein, die Aufforderung zur F\u00fcrbitte eher. Warum auch. Ich kann mir viele Antworten in den K\u00f6pfen von Jeremias Briefempf\u00e4ngern vorstellen. \u201eBeten f\u00fcr unsere Feinde?\u201c \u201eHaben die Babylonier etwa nicht Verwandte, Freunde oder Bekannte zu Tode gebracht?\u201c \u201eHaben sie uns etwa nicht an diesen miserablen Ort verschleppt?\u201c Doch ganz abgesehen von den \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden: Jeremia denkt mit seiner Aufforderung noch an etwas anderes. Der Hass muss aus den K\u00f6pfen raus, denn Hass macht krank. Er frisst die Seele auf, h\u00e4tte man fr\u00fcher gesagt. In heutigem Deutsch w\u00fcrde man sagen: Er bindet zu viel Energie, die zum eigentlichen Leben n\u00f6tig w\u00e4re. Man kann nicht t\u00f6ten ohne Hass, sagten mir Weltkriegsveteranen. Und genauso gilt: Man kann nicht f\u00fcr Menschen beten, die man hasst. Beten ver\u00e4ndert, denn Gott kommt dazu: Unrecht wird vor Gott geklagt. Innere K\u00e4mpfe werden mit Gott ausgefochten, weil es vielleicht eben nicht nur die b\u00f6sen anderen sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jeremia jedenfalls sieht seinen Gott weiter am Werk. Er schreibt als Gottes Wort f\u00fcr die Zeit in den Brief:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400; padding-left: 40px;\"><em>\u201e11 Ich wei\u00df wohl, was ich f\u00fcr Gedanken \u00fcber euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.\u201c<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wieder ein Wort, das Widerst\u00e4nde weckt und gro\u00dfe Dynamik zwischen Gott und Mensch. Denn wer unzufrieden ist mit Leid und Unfrieden, wer Zukunft und Hoffnung bezweifelt, muss sich an Gott abarbeiten, nicht an Menschen. Gott gilt es beim Wort zu nehmen und seine Zusagen einzuklagen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich habe drei Predigtabschnitte angek\u00fcndigt. Nach dem Blick in die Vergangenheit Jeremias nun noch ein paar Worte zu unserer Gegenwart und Zukunft aus biblischer Sicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>(3) \u201eNicht mein Land? \u2013 Oh doch, aber eines von zweien!\u201c \u2013 sagt Jesus.<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Manchmal haben es Christen gut, weil sie die Bibel haben, denn sie spricht nicht nur von der Vergangenheit, sondern auch von unserer Zukunft. Jesus hat sie Reich Gottes genannt und behauptet, es sei nahe herbeigekommen. Seine J\u00fcnger haben bald verstanden: In ihm ist es nahe herbeigekommen. In dem, was er sagte und tat. In dieser Welt wollte Jesus eine neue Welt entstehen lassen. \u201eMit Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.\u201c Sein Vorbild wurde den J\u00fcngern zur Anleitung zu einem Leben aus Gott-vertrauen und zum Dienst an anderen. Sein Tod am Kreuz war sein letzter Test auf seinen Glauben und sein letzter Dienst an den Menschen. Das jedenfalls lernten die J\u00fcnger, die seine Auferstehung bezeugten. Die Macht des Todes ist gebrochen, obwohl sie sich immer noch zeigt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Idee vom Gottesreich, macht Christen zu B\u00fcrgern zweier Welten, und der Taufschein ist unser Pass. Christen haben also eine irdische Heimat, in der sie sich einrichten, Kinder bekommen und beten, und eine zweite Heimat in Jesus und seiner Gemeinde. Das Gottesreich soll sich eines Tages in voller Pracht zeigen, wenn alles zu einer Neuen Welt aufersteht. Noch sind wir nicht da. Noch gibt es in der irdischen Heimat nicht \u201eFrieden f\u00fcr alle\u201c und deprimiert uns, Leid bei vielen. Noch fechten viele Umst\u00e4nde die Zukunft an und lassen die Hoffnung sinken. Selbst wenn die Zust\u00e4nde in Deutschland nicht so schwierig sind wie andernorts und auch in Jerusalem und Babylon zu einer anderen Zeit. Aber Gott spricht uns auf die F\u00e4higkeiten zum Handeln an: Du hast ein B\u00fcrgerrecht im Reich Gottes in Anspruch zu nehmen und eine neue Welt in der alten. Auch da hast Du zu bauen, zu pflanzen, zu vermehren und bei Gott einzuklagen. Die Bibel verlangt nicht viel: \u201eSo viel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.\u201c (R\u00f6m 12,18) Gottes Challenge f\u00fcr Christen lautet weiterhin: zusammenleben als \u201evers\u00f6hnen statt spalten\u201c, wie das Lebensprojekt des bekennenden Christen und zeitweiligen Bundespr\u00e4sidenten Johannes Rau lautete. Es ist unser gemeinsames Land, und wenn\u2019s ihm wohl geht, geht\u2019s euch auch wohl.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Dr. Hansj\u00f6rg Biener<\/strong> (*1961) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und als Religionslehrer an der Wilhelm-L\u00f6he-Schule in N\u00fcrnberg t\u00e4tig. Au\u00dferdem ist er au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg. (Hansjoerg.Biener (at) fau.de)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eNicht mein Land? \u2013 Oh doch!\u201c | 21. So. n. Trinitatis | 25. 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