{"id":2708,"date":"2020-05-13T15:54:58","date_gmt":"2020-05-13T13:54:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2708"},"modified":"2020-05-13T16:06:15","modified_gmt":"2020-05-13T14:06:15","slug":"einladung-zum-gebet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/einladung-zum-gebet\/","title":{"rendered":"Einladung zum Gebet"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Matth\u00e4us 6, 5-15 | verfasst von Rainer Kopisch |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>am 8. Mai 1945 vor 75 Jahren war der zweite Weltkrieg zu Ende.<\/p>\n<p>Aus diesem Anlass liefen im Fernsehen viele Dokumentarfilme, die die Ereignisse der Zeit vor dem Krieg, dem Krieg selber und der Nachkriegszeit zeigten.<\/p>\n<p>Die Leiden und Opfer von Millionen unschuldiger Menschen kamen in Erinnerung.<\/p>\n<p>Zeitzeugen erz\u00e4hlten von ihren Erinnerungen.<\/p>\n<p>Als Kinder haben sie viel Schreckliches erlebt.<\/p>\n<p>Ihr ganzes Leben ist davon beeinflusst worden;<\/p>\n<p>viele von ihnen leiden noch heute unter den zum Teil schrecklichen Erlebnissen.<\/p>\n<p>Zum 70. Jahre des Kriegsendes haben wir in Braunschweig mit sieben gemischten Ch\u00f6ren aus vier Nationen die Friedenskantate \u201ePro Pace\u201c des Greifswalder Musikprofessors Jochen A. Mode\u00df als Urauff\u00fchrung gesungen. \u201eMache mich zum Werkzeug deines Friedens\u201c lautete die Unterzeile. Sie ist der Beginn des Franz von Assisi zugeschriebene Friedensgebetes.<\/p>\n<p>Die Friedenskantate ist als Auftragswerk des Braunschweiger Landeskirchenmusikdirektors Claus-Eduard Hecker f\u00fcr ein Gedenkkonzert zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges entstanden.<\/p>\n<p>Die Idee des gemeinsamen Singens von Ch\u00f6ren aus verschieden Nationen war die Idee der Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<p>Zum Finale erklang \u201eVerleih uns Frieden gn\u00e4diglich, Herr Gott, zu unser\u2018n Zeiten.\u201c von Felix Mendelsohn-Bartholdi unter Einbeziehung des Publikums.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht nach Frieden war durch die Musik verst\u00e4rkt deutlich im Herzen zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2709 aligncenter\" src=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Mode\u00dfStettinProbe-300x88.jpg\" alt=\"\" width=\"586\" height=\"172\" \/><\/p>\n<p>Im folgenden Jahr haben wir das Werk in Stettin gesungen. Stettin ist die alte Hauptstadt Pommerns, das nun zu Polen gekommen ist. Ein Bild von den Vorbereitungen in der Marienkirche in Stettin ist beigef\u00fcgt<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2710 aligncenter\" src=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Mode\u00dfStettinBeif-300x88.jpg\" alt=\"\" width=\"593\" height=\"174\" \/><\/p>\n<p>Die Konzerte, die 2015 und 16 m\u00f6glich waren, sind heute in Zeiten der Beschr\u00e4nkungen durch die Coronakrise nicht mehr m\u00f6glich. Wir sind heute darum doppelt dankbar, dass wir viel zur Auss\u00f6hnung und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung haben tun d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Inzwischen hat eine neue Bedrohung Einzug in unser Leben gehalten: das Corona-Virus.<\/p>\n<p>Die verordneten Schutzma\u00dfnahmen haben Folgen gezeigt.<\/p>\n<p>Die Rate der Neuansteckungen hat einen linearen Verlauf bekommen.<\/p>\n<p>Die Zunahme bleibt so, dass die medizinische Versorgung gut geplant werden kann.<\/p>\n<p>Aber neben den allgemeinen wirtschaftlichen und existenzbedrohenden Folgen der Krise,<\/p>\n<p>gibt es f\u00fcr viele Menschen pers\u00f6nliche Bedrohungen, denen sie nicht immer standhalten k\u00f6nnen. Sie sind auf Hilfe angewiesen.<\/p>\n<p>Sie haben den Predigttext aus dem Matth\u00e4us-Evangelium bereits als Evangelium des heutigen Sonntags, Rogate = Betet geh\u00f6rt. Er klingt zun\u00e4chst wie aus einer andern Welt.<\/p>\n<p>Matth\u00e4us l\u00e4sst Jesus Beter, die in der \u00d6ffentlichkeit demonstrativ beten, als Heuchler bezeichnen.<\/p>\n<p>Jesus empfiehlt das intime Beten im stillen K\u00e4mmerlein.<\/p>\n<p>\u201eWenn du aber betest, so geh in dein K\u00e4mmerlein und schlie\u00df die T\u00fcr zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater. der in das Verborgene sieht, wird\u2018s dir vergelten.\u201c<\/p>\n<p>Matth\u00e4us l\u00e4sst Jesus etwas \u00fcber das Plappern der Heiden sagen, die meinen, sie werden erh\u00f6rt, wenn sie viele Worte machen.<\/p>\n<p>Wer zum Vater im Himmel betet, hat es nicht n\u00f6tig, viele Worte zu machen.<\/p>\n<p>Denn Gott kennt unseren wirklichen Bedarf, bevor wir ihn bitten.<\/p>\n<p>\u201eDarum sollt ihr so beten:<\/p>\n<p>Unser Vater im Himmel!<\/p>\n<p>Dein Name werde geheiligt.<\/p>\n<p>Dein Reich komme.<\/p>\n<p>Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.<\/p>\n<p>Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute.<\/p>\n<p>Und vergib uns unsere Schuld,<\/p>\n<p>wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.<\/p>\n<p>Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung, sondern Erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen.<\/p>\n<p>Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.\u201c<\/p>\n<p>Bei Lukas lautet das Vaterunser :<\/p>\n<p>\u201eVater!<\/p>\n<p>Dein Name werde geheiligt.<\/p>\n<p>Dein Reich komme.<\/p>\n<p>Unser t\u00e4gliches Brot gib uns Tag f\u00fcr Tag<\/p>\n<p>Und vergib uns unsere S\u00fcnden;<\/p>\n<p>Denn auch wir vergeben allen, die an uns schuldig werden.<\/p>\n<p>Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung.\u201c<\/p>\n<p>Das seltene griechische Wort, das wir mit t\u00e4glich \u00fcbersetzen, vor dem Wort Brot haben Lukas und Matth\u00e4us gleich wiedergegeben. Das l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass sie die gleiche Text-Quelle als Vorlage f\u00fcr ihr Evangelium hatten. Sie haben das Vaterunser allerdings unterschiedlich in den Text ihres Evangeliums aufgenommen.<\/p>\n<p>Auch Matth\u00e4us glaubt, dass Jesus so gesprochen hat, wie er es aufschreibt.<\/p>\n<p>Was Jesus seinen J\u00fcngern sagt, speist sich auch aus dem Wissen Jesu der j\u00fcdischen \u00dcberlieferungen.<\/p>\n<p>Was er sagt, sind umwerfende Erkenntnisse und Einsichten, die auf pers\u00f6nlichen Erfahrungen zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<p>Jesus kannte die \u00dcberlieferung der Berufung des Mose durch Gott am brennenden Dornbusch.<\/p>\n<p>Als Gott den Mose berufen hatte, sein Volk aus \u00c4gypten zu f\u00fchren, fragte Mose Gott nach seinem Namen.<\/p>\n<p>\u201eWas soll ich den Israeliten sagen, wer mich gesandt hat?\u201c<\/p>\n<p>Gott antwortete: \u201eIch werde sein, der ich sein werde.\u201c<\/p>\n<p>So sollst du den Israeliten sagen:<\/p>\n<p>\u201e\u201aIch werde sein\u2018 hat mich zu euch gesandt.\u201c<\/p>\n<p>Die Berufung Jesu geschah nach seiner Taufe am Jordan.<\/p>\n<p>Alle Evangelien berichten gleich:<\/p>\n<p>Gott bezeichnet Jesus als seinen Sohn, an dem er Wohlgefallen hat.<\/p>\n<p>Der Gott \u201aIch werde sein\u2018 erweist sich als Vater.<\/p>\n<p>Jesus wei\u00df sich als von Gott, dem Vater, gesandt.<\/p>\n<p>Jesu Botschaft ist die Botschaft von Gott, der seit Jesu Taufe den Namen Vater tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Bei Matth\u00e4us und Lukas macht Jesus deutlich, dass auch wir einen direkten pers\u00f6nlichen Zugang zum Vater haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Lukas hat weder das Wort <em>Himmel<\/em> noch das Wort <em>unser<\/em> im Text seiner \u00dcberlieferung.<\/p>\n<p>Das Wort Himmel spricht unsere inneren Glaubensvorstellungen an, die wir in unserer Seele von oben und unten, von Himmel und Erde haben. Wir erz\u00e4hlen unseren Kindern von Gott im Himmel und zeigen ihnen das sichtbare Himmelsgew\u00f6lbe. Diese Orientierung \u00fcbernehmen sie, weil die direkte Erfahrung ihr nicht wiederspricht.<\/p>\n<p>Matth\u00e4us sieht es als selbstverst\u00e4ndlich an, dass Jesus die J\u00fcnger Gott mit \u201eunser Vater im Himmel\u201c anreden l\u00e4sst. Das gibt auch eine innere Orientierung von oben und unten, von dort und hier, von Gott und Mensch. Dies wird durch die erste Bitte noch verst\u00e4rkt. Der Name Gottes ist Vater und wird bei uns heilig, wenn wir ihn von unserem irdischen Vater l\u00f6sen. Auch die zweite Bitte \u201eDein Reich komme\u201c hat die Trennung von oben und unten, von Himmel und Erde als Orientierung vor Augen und bittet um deren \u00dcberwindung f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Wir sprechen inzwischen von fernen Planeten, Sonnen, Galaxien und dem All, dem Begriff f\u00fcr das sich ausdehnende All.<\/p>\n<p>Unser Gef\u00fchl vom Himmel oben ist geblieben und so erwarten wir auch Gottes Wohnsitz \u00fcber allem, was wir sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen nach Gottes Wohnsitz in den Himmeln Ausschau halten.<\/p>\n<p>Ich kenne einen Pfarrer pers\u00f6nlich, der in einer spirituell-mystischen Vision eine Reise zu Gott unternommen hat. Dabei mag die Schilderung seines Weges durch die Sonnensysteme und Galaxien bis an die Grenze des Alls zu Gott, der offenbar auf\u00a0 etwas sa\u00df, seinem Weltbild geschuldet sein.<\/p>\n<p>Ihn selbst wunderte, dass er so sicher war, sp\u00e4ter wieder zur\u00fcckzufinden.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich entscheidend und tief eindrucksvoll war aber die Schilderung seiner Begegnung mit Gott.<\/p>\n<p>\u201eGott lie\u00df mich erfahren, was und wie er f\u00fchle. Ich wurde von ihm wie in seinen Scho\u00df genommen. Ich befand mich sofort in eine Wolke von unbeschreiblich tiefer Liebe. In dieser Liebe wurde Barmherzigkeit allm\u00e4hlich immer deutlicher. Zu meiner \u00dcberraschung sp\u00fcrte ich schlie\u00dflich die grenzenlose Freude Gottes an seiner barmherzigen Liebe.<\/p>\n<p>Dann hat mich Gott wieder aus sich herausgestellt und zur\u00fcck auf den Weg geschickt.\u201c<\/p>\n<p>Ich habe diese Vision hier wiedergegeben, weil sie ein Geschenk ist. Mit diesem Geschenk bekommen Sie eine sichere Vorstellung von Gott, dem Vater in den Himmeln.<\/p>\n<p>Zu dieser Vision m\u00f6chte ich die beiden S\u00e4tze aus dem 1. Johannesbrief 4, 16 hinzuf\u00fcgen:<\/p>\n<p>\u201eUnd wir haben erkannt und geglaubt, die Liebe, die Gott zu uns hat.<\/p>\n<p>Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.\u201c<\/p>\n<p>Uns von Gottes Liebe leiten zu lassen, ist immer eine gute Idee.<\/p>\n<p>Dein Reich komme.<\/p>\n<p>In dieser Bitte \u00f6ffnen wir unser Herz f\u00fcr Gott und geraten in den Bereich seines Einflusses.<\/p>\n<p>Folgerichtig fragen wir nach seinem Willen f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Dein Wille geschehe<\/p>\n<p>Wir erkl\u00e4ren uns damit bereit, uns von seinem Willen leiten lassen.<\/p>\n<p>Das ist nicht so kompliziert, wie es sich anh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Wir brauchen nicht lange zu \u00fcberlegen.<\/p>\n<p>Gott f\u00fcllt unseren Willen mit seiner Liebe.<\/p>\n<p>Wir lassen Gottes Liebe Leitschnur unseres Handelns sein.<\/p>\n<p>Gottes Liebe setzt durch ihre Kraft einen inneren Prozess bei uns in Gang.<\/p>\n<p>Wenn bei einer Dampflok das Ventil f\u00fcr den Dampf ge\u00f6ffnet wird, kommt der Dampf mit gro\u00dfem Druck aus dem Kessel in die Zylinder und die Lok setzt sich in Bewegung.<\/p>\n<p>Die Prozesse, die Gottes Liebe in uns in Bewegung bringen kann, sind anders eindrucksvoll und sie ereignen sich zwischen uns Menschen in unserem Alltag.<\/p>\n<p>Deshalb setzt Jesus sein Gebet fort mit dem Weg durch unser t\u00e4gliches Leben.<\/p>\n<p>Unser t\u00e4gliches Brot gibt uns heute.<\/p>\n<p>Essen und Trinken dienen t\u00e4glich der Befriedung von Hunger und Durst.<\/p>\n<p>Sie erinnern sich sicher an diese Versuchungsgeschichte.<\/p>\n<p>Jesus ging nach seiner Berufung f\u00fcr 40 Tage in die W\u00fcste.<\/p>\n<p>In die W\u00fcste bekam er am Ende der 40 Tage Hunger.<\/p>\n<p>Da trat der Versucher mit seiner ersten Versuchung zu Jesus und sagte:<\/p>\n<p>\u201eWenn Du Gottes Sohn bist, so sage den Steinen hier, dass sie Brot werden sollen.\u201c<\/p>\n<p>Nach dem Matth\u00e4usevangelium antwortet Jesus:<\/p>\n<p>\u201eDer Mensch lebt nicht vom Brot allein,<\/p>\n<p>sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes kommt.\u201c<\/p>\n<p>Jesus widersteht dieser Versuchung wie den folgenden.<\/p>\n<p>Welche Bedeutung der Hunger im t\u00e4glichen Leben Jesu und seiner J\u00fcnger hatte, ahnen wir, wenn wir uns an die Geschichte vom \u00c4hrenausraufen der J\u00fcnger am Sabbat erinnern.<\/p>\n<p>Jesus verteidigt das Tun seiner J\u00fcnger gegen\u00fcber den Pharis\u00e4ern<\/p>\n<p>und erinnert die Pharis\u00e4er an David, der von den Schaubroten im Tempel a\u00df,<\/p>\n<p>als er in Not war und ihn hungerte.<\/p>\n<p>Wir wissen fast nichts von den Alltagsherausforderungen und den Umst\u00e4nden des Lebens der J\u00fcnger mit Jesus.<\/p>\n<p>Die Bitte um das t\u00e4gliche Brot steht in der Mitte des Gebetes, das Jesus seinen J\u00fcngern gibt.<\/p>\n<p>Martin Luther schreibt in seiner Erkl\u00e4rung der Brotbitte im Kleinen Katechismus.<\/p>\n<p>\u201eGott gibt das t\u00e4gliche Brot auch ohne unsere Bitte allen b\u00f6sen Menschen;<\/p>\n<p>aber wir bitten in diesem Gebet, dass er\u2019s uns erkennen lasse<\/p>\n<p>und wir mit Danksagung empfangen unser t\u00e4gliches Brot.\u201c<\/p>\n<p>Was hei\u00dft denn t\u00e4gliches Brot?<\/p>\n<p>Alles was not tut f\u00fcr Leib und Leben, \u2026\u201c<\/p>\n<p>Gerade heute in den Zeiten der Corona-Einschr\u00e4nkungen wird uns bewusst,<\/p>\n<p>was wir wirklich f\u00fcr Leib, Seele und Geist in unserem Leben brauchen.<\/p>\n<p>Wir leben in Gottes Sch\u00f6pfung von seiner Liebe.<\/p>\n<p>Als verantwortungsbewusste Christinnen und Christen verstehen wir,<\/p>\n<p>dass wir selbst gefordert sind, uns um unser t\u00e4gliches Brot zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Gott der Sch\u00f6pfer hat alle Grundlagen und Voraussetzungen dazu geschaffen.<\/p>\n<p>Die lebendige Natur bringt die Samen und Fr\u00fcchte hervor, die uns als Nahrungsgrundlage dienen. Als lebende Gesch\u00f6pfe haben wir Verstand und Kraft, daraus unsere Nahrung herzustellen.<\/p>\n<p>Das Wissen darum ist in der Gemeinschaft der Menschen weitergegeben worden.<\/p>\n<p>Unsere Aufgabe ist es, dieses Wissen zu erwerben, zu erweitern und weiterzugeben.<\/p>\n<p>Die Anrede im Vaterunser macht uns \u00fcbrigens durch das Wort <em>unser<\/em> deutlich, dass wir keine Einzelkinder sind, sondern Verantwortung auch f\u00fcr andere Menschen tragen.<\/p>\n<p>Der Muttertag, der vor einer Woche begangen wurde, ist zwar kein kirchlicher Feiertag,<\/p>\n<p>aber wir k\u00f6nnen uns an Geschenke unserer M\u00fctter erinnern wie zum Beispiel:<\/p>\n<p>Mit Liebe und Freude hergestellte Nahrungsmittel und Speisen sind bek\u00f6mmlich und gesund. Nat\u00fcrlich haben sich M\u00fctter auch andere Gedanken um unser Wohl gemacht.<\/p>\n<p>Die Liebe Gottes haben wir zuerst von Ihnen erfahren &#8211; durch ihre Liebe zu uns.<\/p>\n<p>Von unseren M\u00fcttern haben wir gelernt, was es mit der Schuld auf sich hat.<\/p>\n<p>Sie haben uns gelehrt, dass wir Menschen, auch wenn wir es noch so gut meinen,<\/p>\n<p>aneinander schuldig werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sie haben uns gelehrt, dass wir einander vergeben m\u00fcssen,<\/p>\n<p>wenn wir gut miteinander leben wollen.<\/p>\n<p>Mit der Pubert\u00e4t sind wir selbstst\u00e4ndig geworden und haben gelernt,<\/p>\n<p>uns mit anderen Menschen auseinanderzusetzen.<\/p>\n<p>Wir haben gelernt, dass nicht alle Menschen eine gute Kindheit hatten.<\/p>\n<p>Unsere verborgenen Angst kann in der Auseinandersetzung und im Streit mit anderen Menschen zu unangemessenen Aggressionen und zu eigener Schuld f\u00fchren.<\/p>\n<p>Wir schauen diese b\u00f6se Seite in uns nicht gern an, oder vermeiden es lieber, sie \u00fcberhaupt zur Kenntnis zu nehmen.<\/p>\n<p>Seit Kindertagen sind wir bestrebt, jegliche Schuld von uns zu weisen.<\/p>\n<p>Wir haben keine Schuld, sondern andere.<\/p>\n<p>Schuldige zu suchen, ist ein Gesellschaftsspiel, zu dem sich schnell Mitspieler finden.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zu den Versuchungen, in die Menschen geraten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Menschliche Probleme mit Schuld gibt es, seit Menschen zusammenleben.<\/p>\n<p>Sie gab es zu Zeiten des Evangelisten Matth\u00e4us wie zu den Zeiten Jesu.<\/p>\n<p>Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.<\/p>\n<p>Jesus ist in diese Welt gekommen, um uns Menschen den himmlischen Vater nahe zu bringen:<\/p>\n<p>Gott, der uns in barmherziger Liebe aus dem immer wieder neuen Kreislauf von Versagen und Schuld heraushelfen will.<\/p>\n<p>Seine Hilfe wird da deutlich wirksam, wo wir die eigene Schuld erkennen, uns zu ihr bekennen und bereit sind, f\u00fcr entstandenen Schaden einzustehen.<\/p>\n<p>Wo wir unter der Schuld anderer Menschen leiden,<\/p>\n<p>werden wir Gottes Hilfe bekommen, wenn wir bereit sind, zu vergeben.<\/p>\n<p>Auch an dieser Stelle des Vaterunsers wird deutlich,<\/p>\n<p>dass wir keineswegs von Gott erwarten k\u00f6nnen, dass er uns Arbeit f\u00fcr unser Leben abnimmt.<\/p>\n<p>Allerdings wird uns Gott vergeben,<\/p>\n<p>wenn wir anderen Menschen ihre Verfehlungen vergeben.<\/p>\n<p>Wenn wir aber nicht vergeben, so vergibt uns Gott auch nicht.<\/p>\n<p>So die Aussage in den beiden letzten S\u00e4tzen unseres Predigttextes.<\/p>\n<p>Eine Bitte habe ich noch nicht ins Gespr\u00e4ch gebracht:<\/p>\n<p>Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung; sondern erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen aus der Geschichte der Menschheit lernen, dass Menschen verf\u00fchrbar sind.<\/p>\n<p>Die 13 Jahre dauernde Herrschaft der Nationalsozialisten war wegen der Verf\u00fchrbarkeit von Menschen eine Gewaltherrschaft des B\u00f6sen, die uns schlie\u00dflich in die Katastrophe des zweiten Weltkrieges gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Als wir als Sch\u00fcler zu einem Dokumentationsfilm \u00fcber diese Zeit ins Kino gef\u00fchrt wurden,<\/p>\n<p>habe ich mit Schaudern Hitler reden h\u00f6ren, dem Massen von Menschen begeistert applaudierten.<\/p>\n<p>Psychologie f\u00fcr Werbezwecken zu missbrauchen, war mir damals ein abschreckender Gedanke.<\/p>\n<p>Heute ist es eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, dass psychologische Erkenntnisse verwendet werden, um Menschen zu verf\u00fchren.<\/p>\n<p>Menschen sind auf Vorbilder hin ansprechbar, die offenbar in uns eigene W\u00fcnsche mobilisieren.<\/p>\n<p>Herdentrieb und Gruppenzwang spielen dabei eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p>Das Ziel scheint letztlich unser Geld zu sein.<\/p>\n<p>Wir merken die Versuchung meist zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Dass wir oft auch in Gefahr geraten, den eigentlichen Sinn unseres Lebens zu opfern,<\/p>\n<p>sehen wir zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Folge von Versuchung kann auch sein, dass wir uns in einer Welt ohne Gott wiederfinden.<\/p>\n<p>Das Gebet, dass Jesus seinen J\u00fcngern gegeben hat, kann unser Leben retten.<\/p>\n<p>Es hilft uns bei dem Entschluss, unser eigenes Leben selbst in die Hand zu nehmen.<\/p>\n<p>Genau genommen, ist es ein Werkzeug zur Gestaltung unseres neuen Lebens in der Gegenwart Gottes, unseres himmlischen Vaters.<\/p>\n<p>\u201eDenn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Schon fr\u00fch zu Beginn des 2. Jahrhunderts stand dieser Lobpries als Abschluss des Vaterunsers in einer Gemeindeordnung. Er wird in neutestamentlichen Handschriften erst sp\u00e4ter bezeugt.<\/p>\n<p>Er ist aus der Gebetspraxis einer Gemeinde in den Text des Vaterunsers gekommen ist.<\/p>\n<p>Die zuversichtliche starke Energie ihres Glaubens, ihrer Zuversicht und Hoffnung<\/p>\n<p>tr\u00e4gt auch heute noch unser Beten.<\/p>\n<p>Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>Pfarrer i. R. Rainer Kopisch<\/p>\n<p>Braunschweig<\/p>\n<p><a href=\"mailto:rainer.kopisch@gmx.de\">rainer.kopisch@gmx.de<\/a><\/p>\n<p>Zur Erstellung der Exegese des Textes habe ich das Theologische W\u00f6rterbuch zum NeuenTestament von Kittel in der ersten Auflage und die Interlinear\u00fcbersetzung von Ernst Dietzfelbinger in der dritten Auflage benutzt. Ausserdem habe ich\u00a0Werner Dahlheim, Die Welt zur Zeit Jesu, C.H. Beck 2013 konsultiert.<\/p>\n<p>Rainer Kopisch, Pfarrer in Ruhe der Evangelisch-lutherische Landeskirche in Braunschweig, Seelsorger mit logotherapeutischer Kompetenz,<\/p>\n<p>letztes selbstst\u00e4ndiges Pfarramt: Martin Luther in Braunschweig,<\/p>\n<p>in der Vergangenheit: langj\u00e4hriger Vorsitzender der Vertretung der Pfarrer und Pfarrerinnen in der Landeskirche, Mitglied in der Pfarrervertretung der Konf\u00f6deration der Landeskirchen in Niedersachsen, Mitglied in der Pfarrvertretung der VELKD, Mitglied in der Fuldaer Runde.<\/p>\n<p>Braunschweig<br \/>\n<a href=\"mailto:rainer.kopisch@gmx.de\">rainer.kopisch@gmx.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Matth\u00e4us 6, 5-15 | verfasst von Rainer Kopisch | Liebe Gemeinde, am 8. Mai 1945 vor 75 Jahren war der zweite Weltkrieg zu Ende. Aus diesem Anlass liefen im Fernsehen viele Dokumentarfilme, die die Ereignisse der Zeit vor dem Krieg, dem Krieg selber und der Nachkriegszeit zeigten. 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