{"id":2780,"date":"2020-05-19T09:46:05","date_gmt":"2020-05-19T07:46:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2780"},"modified":"2020-05-20T09:56:52","modified_gmt":"2020-05-20T07:56:52","slug":"beten-und-gebeten-werden-ist-lieben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/beten-und-gebeten-werden-ist-lieben\/","title":{"rendered":"Beten und gebeten werden ist lieben"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Johannes 17,20-26 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von <span lang=\"DA\">Christiane Gammeltoft Hansen | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/span><\/h3>\n<p>Selbst Leute, die sich ansonsten nicht f\u00fcr religi\u00f6s halten, beten. Direkt gefragt antworten wir dann, dass uns Beten nicht fremd ist. Nicht ganz jedenfalls. Wohl k\u00f6nnen die Gebete sozusagen unbeabsichtigt \u00fcber uns kommen, erst wenn wir mitten drin sind, entdecken wir, was wir da tun. Und wir ziehen zwar keineswegs immer die Konsequenz aus unseren Gebeten, dass wir dann gl\u00e4ubig sein m\u00fcssen. Aber nichtsdestoweniger sind die Gebete da, als innerer Reflex, sich nach au\u00dfen zu wenden.<\/p>\n<p>Der Anlass zum Gebet ist vielf\u00e4ltig.<\/p>\n<p>Es kann ein schamvoll fl\u00fcsterndes Schuldbekenntnis sein oder ein Zorn \u00fcber die Verletzung von etwas, das unantastbar war.<\/p>\n<p>Es kann dadurch veranlasst sein, dass wir \u00fcbergangen worden sind. Eine solche \u00dcbergehung k\u00f6nnen wir nicht akzeptieren. Wir k\u00f6nnen die Menschenverachtung nicht ertragen, die in den Verletzungen liegt. Oder die Gleichg\u00fcltigkeit angesichts der Sch\u00f6nheit, eine Gleichg\u00fcltigkeit, die in den Zerst\u00f6rungen liegt. Da ist ein Verlangen nach Handlung, wenn Menschenverachtung und Gleichg\u00fcltigkeit ihre Spuren der Verw\u00fcstung hinterlassen. Aber das Gebet hat auch daran teil. Ein Gebet f\u00fcr die, die leiden, und ein Gebet daf\u00fcr, Kr\u00e4fte von au\u00dfen zu bekommen.<\/p>\n<p>Der Anlass zum Gebet kann auch das Bed\u00fcrfnis sein, sich zu bedanken. Man wei\u00df vielleicht nicht einmal, wem man danken soll, man wei\u00df nur, dass der Dank nicht einem selbst gilt. Etwas Gro\u00dfes ist einem widerfahren, es kann aber auch etwas sein, was f\u00fcr einen Au\u00dfenstehenden unbedeutend ist. Nichtsdestoweniger gereicht es einem zur Freude.\u00a0 Das Leben bietet unz\u00e4hlige unverdiente Freuden, und das kann selbst die am meisten Erdverbundenen einen Augenblick dazu veranlassen, den Blick nach oben zu wenden.<\/p>\n<p>Die Welt und das Leben besitzen Sch\u00f6nheit, und der Mensch ist nicht ohne Wert. Diese Erfahrung ist ein Teil unseres Alltags. Deshalb also beten wir.<\/p>\n<p>Ein Gebet ist ein Gespr\u00e4ch. Grundtvig spricht in seinen Dichtungen davon, dass in uns ein nat\u00fcrliches Gotteswort ist. Dass wir mit einem inneren Gespr\u00e4ch geboren sind, das uns davon befreit, um uns selbst zu kreisen. Zwar werden unsere Gebete oft karikiert und verdreht. Sie k\u00f6nnen Monologe werden, wo der Adressat nur eine Nebenrolle spielt oder Statist ist. Jemand, der nur da ist zum Schein, der aber nicht selbst\u00e4ndig mit etwas beitr\u00e4gt.\u00a0 Aber dann wird das Selbst ein geschlossener luftleerer Raum.<\/p>\n<p>So wie das Gespr\u00e4ch befreit uns das Gebet aus einer inneren Verschlossenheit. Es kann uns sogar aus der konkreten Situation und dem pers\u00f6nlichen Wunsch emporheben. Nicht in der Weise, dass die Situation und der Wunsch nicht weiter der Ausgangspunkt und der Anlass f\u00fcr unser Gebet sind, sondern dass all dies in der Weise befreit wird, dass wir uns nicht von vorn herein darauf festgelegt haben, was die Antwort auf unser Beten sein soll. Oder wir werden weniger konkret und beten stattdessen um St\u00e4rke, das Leben so zu bestehen, wie es nun einmal ist.<\/p>\n<p>Wir sind Leute, die beten. Das haben wir gemeinsam. Und es zeigt sich: Wir sind auch eins mit Gott, wenn wir beten.<\/p>\n<p>Das Evangelium dieses Sonntags ist ein Gebet, der letzte Teil des Gebets, dass man das hohepriesterliche Gebet Jesu nennt.<\/p>\n<p>Worum betet Jesus? Er betet um das, was unseren Gebeten zugrunde liegt und mit ihnen klingt. N\u00e4mlich dass wir mitten in all dem, was wir sind, auch erleben m\u00f6gen, dass wir Teil von etwas sind, das gr\u00f6\u00dfer ist als wir. Dass wir unsere Wirklichkeit als ein Teil der Wirklichkeit Gottes oder die Wirklichkeit Gottes selbst erleben m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Da ist eine doppelte Bewegung in dem Gebet Jesu. Er ist nicht nur Absender, er ist auch Empf\u00e4nger. Das schafft eine schwindelnde Perspektive f\u00fcr jedes Gebet, das aus einem Sehnen danach entspringt, neu in einer Welt erz\u00e4hlt zu werden, die nicht nur meine Welt ist.<\/p>\n<p>Gott teilt unsere Gebete mit uns, sammelt sie auf, um sie wieder zu sich zu nehmen. Zugleich ist er der, der sie empf\u00e4ngt.<\/p>\n<p>\u201eDass sie eins sein m\u00f6gen, so wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir\u201c, sagt Jesus, indem er alle unsere Gebete sammelt in dem Traum von einer Gemeinschaft, die so stark ist, dass das, was der eine hat, auch dem anderen geh\u00f6rt. Eine Gemeinschaft, die weiter reicht als das, was ein Mensch aus sich selbst ist und werden kann. Das Gebet Jesu ist ein Gebet darum, dass wir eins werden m\u00f6gen, so dass wir an dem teilhaben k\u00f6nnen, was Gott geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>In dieser Weise ist das Gebet Jesu mehr als doppelt. Es ist auch eine Bevollm\u00e4chtigung des Menschen. So gesehen liegt darin ein Auftrag: Wenn ihr an dem teilhabt, was mein ist, k\u00f6nnte ihr es auch miteinander teilen.<\/p>\n<p>Wer nicht betet, wird so unendlich klein. Es hei\u00dft, dass unser Leben nicht gr\u00f6\u00dfer wird als die Tr\u00e4ume, die wir f\u00fcr es haben. Vielleicht ist es eher so, dass es nicht gr\u00f6\u00dfer wird als die Gebete, die wir f\u00fcr uns selbst und f\u00fcr einander beten. Im Gebet erz\u00e4hlen wir n\u00e4mlich nicht nur von unseren Tr\u00e4umen, wir teilen sie. Ohne Gebet werden die Tr\u00e4ume verschwendet, und die Sehns\u00fcchte werden kalt, denn sie haben keine Richtung. Aber was noch schlimmer ist: Wer nicht betet, macht seinen Mitmenschen klein. Wer nicht betet, sieht den anderen als einen Menschen, der nichts zu geben hat, einen Menschen, von dem man nichts Gutes erwarten kann.<\/p>\n<p>Gebet ist die Sprache der Liebe. Dass man die gr\u00f6\u00dften Erwartungen an einander hat. Wenn Kinder ihre Eltern um Hilfe bitten, gebrauchen sie sie als das, wof\u00fcr sie da sind und sein sollen. Beten bedeutet, einem anderen die M\u00f6glichkeit des Gebens zu geben. Beten und wissen, dass man gebeten ist, hei\u00dft lieben.<\/p>\n<p>Das Gebet Jesu klingt wie ein Testament. Unser Erbe ist, dass wir eins sind \u2013 mit Gott und mit einander. Von hier aus ist unsere Erz\u00e4hlung eine gemeinsame Erz\u00e4hlung, wir alle sind dazu berufen, sie zu bezeugen.<\/p>\n<p>Wir sind eins, und deshalb ergeben sich die Gebete von selbst. \u00a0Denn wie kann man besser nach einander greifen und sich einander zu erkennen geben als in der offenen Form des Gebets, wo wir zugleich ehrlich sein k\u00f6nnen in Bezug auf all das, was nicht gelang, aber zugleich uns als m\u00fcndige Menschen erweisen. Amen.<\/p>\n<p>Sognepr\u00e6st Christiane Gammeltoft-Hansen<\/p>\n<p>DK-2000 Frederiksberg<\/p>\n<p>E-mail: cgh(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Johannes 17,20-26 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Christiane Gammeltoft Hansen | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | Selbst Leute, die sich ansonsten nicht f\u00fcr religi\u00f6s halten, beten. Direkt gefragt antworten wir dann, dass uns Beten nicht fremd ist. Nicht ganz jedenfalls. 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