{"id":2800,"date":"2020-05-27T16:34:00","date_gmt":"2020-05-27T14:34:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2800"},"modified":"2020-05-27T16:34:00","modified_gmt":"2020-05-27T14:34:00","slug":"was-ist-heiliger-geist-in-coronazeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/was-ist-heiliger-geist-in-coronazeiten\/","title":{"rendered":"Was ist Heiliger Geist in Coronazeiten?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt in Anlehnung an Apostelgeschichte 2,1-21 | verfasst von Ulrich Wiesjahn<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Pfingstgemeinde in Coronazeiten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da haben wir sie eben wieder geh\u00f6rt: die gute alte und doch so jugendliche Pfingstgeschichte. Sie geh\u00f6rt zu den wichtigsten Nachrichten des Christentums und regt immer wieder zum Nachdenken an. Wie ist es m\u00f6glich, die Einheit in der Vielheit, das gemeinschaftliche Verstehen in der Verschiedenheit der Sprachen und Kulturen zu erleben? Das wird die Menschheit immer besch\u00e4ftigen und ist das Thema des Heiligen Geistes. Und auch die Frage der Trinit\u00e4t, der Dreifaltigkeit Gottes, geh\u00f6rt zu Pfingsten. Wie geh\u00f6ren denn Gott, Mensch und Verstehen in einem Raum des Vertrauens zusammen? fragt unsere Seele.<\/p>\n<p>Pfingsten ist also das Fest der wichtigsten geistigen Fragen. Und da m\u00fcsste es doch m\u00f6glich sein, so mein Gedanke, etwas Geistliches in dieser Zeit der N\u00f6tigung, der Coronaseuche, der Angst und der Ratlosigkeit zu finden. Gerade wo wir jetzt immer wieder an Grenzen sto\u00dfen, sind wir gezwungen, die Blickrichtung zu \u00e4ndern und unseren Geist zu \u00f6ffnen f\u00fcr ungeahnte M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes, fordert mich in diesem Jahr auf, nicht blo\u00df das zu wiederholen, was ich t\u00e4glich in der Zeitung lese oder in den Medien sehe oder was ich von Wissenschaftlern h\u00f6re oder auch was mir meine eigenen Gef\u00fchle erz\u00e4hlen. Das w\u00e4re in einer solchen Situation zu anspruchslos. Was also w\u00e4re denn jetzt ein christliches Wort, ein Hinweis und Trost und eine Kraft?<\/p>\n<p>Bei meiner Suche entdeckte ich als erstes, dass mir der Glaube einen gro\u00dfen inneren Raum aufschlie\u00dft, in dem ich frei atmen und mich bewegen kann. Wenn man so an einer Grenze steht, muss man sich vielleicht nur einmal umwenden und in sich hineinsehen und dabei entdecken: ja, das ist der innere, der menschliche Raum, in dem der Glaube und die Hoffnung und die Liebe zu Hause sind. Es ist der Raum des Geistes und der Seele und des Gebetes. Es ist gleichsam der heilige Raum des Menschen. Jetzt gilt es, diesen Raum zu pflegen, zu s\u00e4ubern, zu schm\u00fccken und zu bewohnen. Pfingsten ist das Fest des sch\u00f6nen inneren menschlichen Raums, in dem die Freude wohnt.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich, das wei\u00df ich auch, kann in demselben inneren Raum auch die Angst und die Sorge und die Verzweiflung wohnen. Das ist ja die Eigenart des Menschen: Raum zu bieten den verschiedenen Geistern, Gedanken und Gef\u00fchlen. Und da erinnere ich mich an Jesus, zu dessen wichtigsten Heilungen die Austreibung b\u00f6ser Geister geh\u00f6rt, also die Erl\u00f6sung aus einer schrecklichen Angst. Im Glauben, so lerne ich, k\u00f6nnen wir frei werden von dem, was uns bedr\u00fcckt, \u00e4ngstigt und mutlos macht. Und das ist nun in diesem Jahr meine und deine Aufgabe: dem Heiligen Geist einen Raum zu gew\u00e4hren. Auch wenn der eine Gabe ist, so ist er gleichzeitig eine Aufgabe. Ja, Heilung und Glauben, das ist Arbeit der Seele.<\/p>\n<p>Bei meiner Suche nach religi\u00f6sen, nach christlichen Aussagen und Erfahrungen in diesen beklemmenden Zeiten kam mir ganz unwillk\u00fcrlich dieses und jenes Lied in den Sinn, das mir \u201ewie aus der Seele gesprochen\u201c aufklang. Und da summte ich vor mich hin den Refrain des Irischen Reisesegens: \u201e\u2026und bis wir uns wiedersehn und bis wir uns wiedersehn, m\u00f6ge Gott seine sch\u00fctzende Hand \u00fcber dir halten!\u201c Als ich das in meiner Umgebung weitersagte, h\u00f6rte ich mehrmals: \u201eDas ist so ein richtiger Ohrwurm, den ich den ganzen Tag vor mich hinsang\u201c. Ach ja, der Segen, die guten W\u00fcnsche und Gedanken haben den Glanz des Heiligen Geistes. Das Leben ist immer eine Reise \u2013 und jetzt im Stillstand erst recht. Denn da zieht etwas an uns vorbei. Doch wenn wir segnende und f\u00fcrbittende Gedanken in uns pflegen, dann werden wir zu Partnern Gottes und F\u00f6rderern des lebendigen Lebens.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich, so muss ich mir noch einmal eingestehen, hat so eine bedrohliche Krankheit sofort ihre Einw\u00e4nde und Einsch\u00fcchterung. Wie sollte ich ihr da begegnen? Und da fand ich wieder in einem Lied, das mitten im furchtbaren 30j\u00e4hrigen Krieg gedichtet wurde, ein paar st\u00e4rkende und vern\u00fcnftige Gedanken. Es stammt von Georg Neumark und hei\u00dft \u201eWer nur den lieben Gott l\u00e4sst walten\u201c. Das soll jetzt gleich nach der Predigt erklingen, singen d\u00fcrfen wir es leider noch nicht, aber mitlesen und gedanklich miterleben k\u00f6nnen wir es sehr wohl. Ich mache jetzt nur auf einige Aussagen aufmerksam. In der zweiten Strophe steht der Satz: \u201eWas helfen uns die schweren Sorgen \u2026 wir machen unser Kreuz und Leid nur gr\u00f6\u00dfer durch die Traurigkeit.\u201c Auch das ist eine Erkenntnis des Glaubens, dass man den eigenen Gef\u00fchlen und Stimmungen entgegensteuern sollte, wenn sie eine Situation verschlimmern. Dann muss der Heilige Geist an die Stelle des betr\u00fcbten Geistes treten. Und in der dritten Strophe hat mich eine Wendung besonders angesprochen: \u201eMan halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergn\u00fcgt.\u201c Diese Formulierung l\u00e4sst mich ein wenig schmunzeln \u2013 und doch ist mir klar, dass die Ruhe in mir selbst, die Gen\u00fcgsamkeit in Gott, das Bei-sich-selbst-Vergn\u00fcgt-sein ein gro\u00dfer innerer Reichtum ist, der dann ausstrahlt auf alle, denen wir begegnen.<\/p>\n<p>Und das ist jetzt mein Pfingstwunsch f\u00fcr uns alle, dass wir vom heiligen und heilenden Geist erf\u00fcllt werden und in uns selbst vergn\u00fcgt, also zufrieden und gelassen, ja und auch froh sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>A m e n.<\/p>\n<p>Ein typisches Taiz\u00e9-Gebet:<\/p>\n<p>Heiliger Geist, Geist des lebendigen Gottes, du durchdringst die Seele bis auf den Grund. Dein Reich, dein Leben sind in uns. Wie gern m\u00f6chten wir uns dir \u00fcberlassen, dir alles anvertrauen, die anderen wie uns selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfr.i.R. Ulrich Wiesjahn, Goslar<\/p>\n<p>E-Mail: \u00a0<a href=\"mailto:ulrich.wiesjahn@web.de\">ulrich.wiesjahn@web.de<\/a><\/p>\n<p>Langj\u00e4hriger Pfarrdienst in Berlin und Goslar, zust\u00e4ndig f\u00fcr ein Alten- und Pflegeheim bis heute. Autor verschiedener theologischer und sch\u00f6ngeistiger Werke und Verfasser des Blogs \u201ekritischfromm.wordpress.com\u201c (auch: Der christliche Blogger) zu Fragen des Christentums in der Gegenwart.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt in Anlehnung an Apostelgeschichte 2,1-21 | verfasst von Ulrich Wiesjahn &nbsp; Liebe Pfingstgemeinde in Coronazeiten! &nbsp; Da haben wir sie eben wieder geh\u00f6rt: die gute alte und doch so jugendliche Pfingstgeschichte. Sie geh\u00f6rt zu den wichtigsten Nachrichten des Christentums und regt immer wieder zum Nachdenken an. 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