{"id":2816,"date":"2020-05-28T08:53:00","date_gmt":"2020-05-28T06:53:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2816"},"modified":"2020-05-28T10:53:34","modified_gmt":"2020-05-28T08:53:34","slug":"die-leiblichkeit-des-geistes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/die-leiblichkeit-des-geistes\/","title":{"rendered":"Die Leiblichkeit des Geistes"},"content":{"rendered":"<h3>Die Leiblichkeit des Geistes &#8211; zur Wiedereinweihung einer Kirche |&nbsp;Johannes 6,44-51 (D\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst&nbsp;von Thomas Reinholt Rasmussen | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Etwas vom deutlichsten in der d\u00e4nischen Landschaft \u2013 vielleicht so deutlich, dass wir es manchmal kam sehen \u2013 sind die d\u00e4nischen Kirchen. Sie stehen \u00fcberall in der Landschaft und zeugen von einem Glauben, der so bedeutend war, dass er in Stein und schwere Steinbl\u00f6cke gehauen werden musste. Man musste H\u00e4user aus Stein bauen in einer Zeit, wo die Leute vielleicht in ganz anderen Geb\u00e4uden wohnten.<\/p>\n<p>Das war eine gro\u00dfe Leistung, alle diese vielen Kirchen zu bauen. Von 1100 bis 1200 erbaute man etwas 2000 Kirchen aus Stein, das sind etwa 20 im Jahr. Das ist beeindruckend. Die Kirchen sind das Handgreiflichste, das aus dieser Zeit erhalten ist. Fast keine anderen Geb\u00e4ude sind aus dieser Zeit erhalten. Aber \u00fcberall in der Landschaft stehen nun 2000 Kirchen und zeugen von der Bedeutung des Glaubens.<\/p>\n<p>In der ersten christlichen Zeit hatte man nat\u00fcrlich keine H\u00e4user, die speziell als Kirchen eingerichtet waren. Da benutzte man Wohnh\u00e4user, wo man sich versammelte, wie wir dies in der Lesung des Tages aus der Apostelgeschichte h\u00f6ren. Man versammelte sich zuhause zum Abendmahl und der Verk\u00fcndigung des Wortes.<\/p>\n<p>Aber allm\u00e4hlich, als sich der christliche Glaube ausbreitete im r\u00f6mischen Reich und mehr und mehr in der Bev\u00f6lkerung Fu\u00df fasste, begann man auch H\u00e4user zu bauen, die eigentliche Kirchen sind. Die \u00e4ltesten Kirchen, die wir kennen, stammen etwas aus dem vierten Jahrhundert, auch wenn man an vielen Orten Hauskirchen gefunden hat, die noch \u00e4lter sind.<\/p>\n<p>Man musste pr\u00e4chtige H\u00e4user bauen, die den Rahmen f\u00fcr den Glauben und all die sch\u00f6nen Dinge bildeten, von denen erz\u00e4hlt wurde. Beides sollte zueinander passen.<\/p>\n<p>Und das Haus hier, das wir heute neu er\u00f6ffnen nach einer langen Renovierung und Erneuerung, geh\u00f6rt in diese gro\u00dfe Tradition. Ein Haus des Glaubens aus Stein, denn der Geist erh\u00e4lt immer einen Leib. Selbst an Pfingsten, als sich die Apostel versammelten, erh\u00e4lt der Geist Leib als Zungen von Feuer, und die setzen sich auf jeden von ihnen. Auch bei der Taufe Jesu erh\u00e4lt der Geist einen Leib in der Form einer Taube, und bei jeder Taufe ist der Geist handgreiflich im Wasser der Taufe. Der Geist hat im Christentum stets einen Leib.<\/p>\n<p>Im Christentum hat der Geist einen Leib. Deshalb bauen wir Kirchen, und deshalb sind H\u00e4user aus Stein wichtig.<\/p>\n<p>Wir haben gerade ein Fr\u00fchjahr erlebt, in dem die Kirchen geschlossen waren. Die H\u00e4user waren geschlossen, denn wir mussten auf einander aufpassen und konnten deshalb drinnen keine Gottesdienste halten. Wir konnten weiter predigen und verk\u00fcndigen, und dies geschah in gro\u00dfem Ma\u00dfe \u00fcber das Internetz und in den sozialen Medien sowie im Radio und im Fernsehen. Aber wir haben auch erfahren, dass dies nicht dasselbe ist. Der Glaube verlangt nach Leiblichkeit. D er Geist fordert Leib. Wir m\u00fcssen einander begegnen.<\/p>\n<p>Und deshalb haben wir diese H\u00e4user, die wir hin und wieder erneuern, so dass sie den Anforderungen der Zeit und den Bedingungen der Verk\u00fcndigung entsprechen, und so ist es auch mit diesem Haus. Herzlichen Gl\u00fcckwunsch mit der Renovierung und Erneuerung der Sankt Hans Kirche.<\/p>\n<p>Es ist von entscheidender Bedeutung, dass der Glaube einen leib bekommt und das der G eist Leib wird. Im heutigen Evangelium spricht Jesus von dem lebendigen Wort, das vom Himmel kommt. Es gen\u00fcgt offenbar nicht, sich nur zum Geist zu verhalten in einer unsichtbaren Weise, wie dies auch geschehen mag. Man muss das lebendige Brot empfangen, das Jesus selbst ist. Sichtbar und handgreiflich.<\/p>\n<p>So ist der Geist im Christentum immer konkret, und wir erfahren ihn im Wasser der Taufe und dem Brot und Wein des Abendmahls. Wir sind keine schwebenden Geister, und wir sind nicht ohne K\u00f6rper. Wir m\u00fcssen auch den Leib in Bezug auf den Geist sp\u00fcren, und deshalb begegnen wir Christus in Wasser, Brot und Wein. Das ist Christus auf Erden.<\/p>\n<p>Denn Gott ist Liebe, und diese Liebe wird leiblich in der Taufe und im Abendmahl. Hier werden wir von der Liebe ergriffen, die wir selbst mit all unserer Kraft in der Welt wiederspiegeln sollen. Und hier ist der Leib des Glaubens.<\/p>\n<p>Das m\u00fcssen wir dann vertiefen:<\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren redete ich mit einer Kunsthistorikerin, die die katholische Kunst des Mittelalters studierte. Er klagte dar\u00fcber, dass das protestantische Christentum zu wenig Leib habe, wie er sagte. Alles war nur Worte und T\u00f6ne. Sie meinte, der katholische Gottesdienst sei k\u00f6rperlicher. Das ist m\u00f6glich, aber das entscheidende ist ja, dass der Leib des Christentums nicht weg oder verschwunden ist. Der Leib des Christentums ist ja der Mensch, dem wir auf unserem Weg begegnen, und der Mensch, den wir lieben und daran erinnern sollen, dass er von Gott geliebt ist. Immer wenn ich h\u00f6re, dass Leute sich dar\u00fcber beklagen, dass das Christentum in unserer Version zu k\u00f6rperlos sei, denke ich daran: Dieser Leib des Christentums ist ja unser konkreter N\u00e4chster, und es geht nur darum, sich ans Werk zu machen.<\/p>\n<p>Denn der Geist hat im Christentum einen Leib. Das ist keine luftig schwebende Gr\u00f6\u00dfe. Immer wenn das Christentum in der Kirche spirituell wurde, ist es \u00e4rmer geworden. Christentum bedeutet ja Geist, der leiblich geworden ist, sowohl in dem Menschen, dem wir begegnen, als auch in der Kirche, in der wir heute sitzen. Alles ist Leib und bringt zum Ausdruck, dass der Glaube lebendig ist und uns etwas angeht.<\/p>\n<p>Darum soll man unsere Kirchengeb\u00e4ude nicht gering achten und glauben, man k\u00f6nne alles drau\u00dfen auf dem Markt oder in den sozialen Medien realisieren. Das Fr\u00fchjahr hat uns jedenfalls gezeigt, dass das nicht wahr ist. Der Glaube verlangt Leiblichkeit. Die Verk\u00fcndigung erfordert einen physischen Raum.<\/p>\n<p>So redet Jesus von sich selbst als dem lebenden Brot. Wir begegnen ihm heute im Abendmahl. Hier wird er uns konkret und direkt geschenkt. Hier begegnet er uns in der Leiblichkeit von Brot und Wein. Als der konkrete Leib der Liebe, der \u00fcber uns selbst hinausweist, auch zu unserem N\u00e4chsten und bis hin zum ewigen Leben. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Propst Thomas Reinholdt Rasmussen<\/p>\n<p>DK 9800 Hj\u00f8rring<\/p>\n<p>Email: trr(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Leiblichkeit des Geistes &#8211; zur Wiedereinweihung einer Kirche |&nbsp;Johannes 6,44-51 (D\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst&nbsp;von Thomas Reinholt Rasmussen | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | &nbsp; Etwas vom deutlichsten in der d\u00e4nischen Landschaft \u2013 vielleicht so deutlich, dass wir es manchmal kam sehen \u2013 sind die d\u00e4nischen Kirchen. 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