{"id":2889,"date":"2020-06-09T17:10:03","date_gmt":"2020-06-09T15:10:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2889"},"modified":"2020-06-09T17:10:37","modified_gmt":"2020-06-09T15:10:37","slug":"ungetruebte-harmonie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/ungetruebte-harmonie\/","title":{"rendered":"Ungetr\u00fcbte Harmonie?"},"content":{"rendered":"<h3><span lang=\"DE\">Predigt zu Apg. 4,32\u201337 | v<\/span>erfasst von Dietz Lange |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Ist das nicht ein Traum, diese christliche Gemeinde? Sie haben ihren ganzen Besitz gemeinsam, niemand leidet Not. Die Wohlhabenderen verkaufen ihre H\u00e4user oder \u00c4cker zum Wohl der \u00c4rmeren. Alle sind sich einig und halten zusammen. Ein Herz und eine Seele sind sie. Ja, die gute alte Zeit! Man k\u00f6nnte gr\u00fcn vor Neid werden, wenn das nicht ein reichlich unchristliches Gef\u00fchl w\u00e4re. Aber man kann solchen Neid verstehen, wenn man sich die sp\u00e4tere Geschichte unserer christlichen Kirche ansieht. Wieviel Unduldsamkeit gegen abweichende Meinungen hat es da gegeben, bis dahin, dass man sogenannte Ketzer bei lebendigem Leib verbrannte! Und wie oft hat unsere Kirche mit autorit\u00e4ren Regierungen paktiert und viel zu wenig f\u00fcr die Armen und Benachteiligten getan! Oder denken wir an die unheilvolle Spaltung der deutschen Evangelischen Kirche w\u00e4hrend des Dritten Reiches. In vielen Gemeinden, auch in unserer eigenen, st\u00fctzte die eine H\u00e4lfte der Mitglieder einen Pastor j\u00fcdischer Herkunft, die andere aber sorgte daf\u00fcr, dass er wegen seiner \u201eRasse\u201c entlassen wurde. Da ist lange her, von uns heute morgen war da niemand beteiligt, und es ist l\u00e4ngst Frieden in unserer Gemeinde. Aber die Erinnerung daran liegt uns noch im Magen. Und so fabelhaft harmonisch, wie Lukas die Urkirche schildert, ist heute wohl keine einzige Gemeinde auf der Welt.<\/p>\n<p>Nun muss man wohl ein wenig Wasser in diesen phantastischen Wein gie\u00dfen. Lukas hat sicher guten Glaubens geschrieben, aber er war ja nicht dabei, als die Urgemeinde entstand; er schrieb etwa ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter das auf, was er von anderen geh\u00f6rt hatte. Da hat er sicher unwillk\u00fcrlich die Geschichte ein bisschen vergoldet. So hat er wohl die ihm \u00fcberlieferte Nachricht, dass Barnabas seine Habe verkauft und der Gemeinde vermacht habe, verallgemeinert, so dass nun alle Wohlhabenden das getan haben sollen. Wenn wir dagegen die Briefe des Paulus lesen, die Jahrzehnte vor Lukas geschrieben wurden, dann sehen wir, dass es schon ganz fr\u00fch handfeste und sogar richtig h\u00e4ssliche Konflikte gab, z. B. in den Gemeinden von Galatien und Korinth.<\/p>\n<p>Trotzdem hat unsere Geschichte einen wahren Kern, und auf den kommt es an. \u00a0Das ist der mitrei\u00dfende Aufbruch, der durch diese wenigen S\u00e4tze hindurch bis heute sp\u00fcrbar ist. Da sind all diese Menschen, von denen viele aus Galil\u00e4a nach Jesu Auferstehung nach Jerusalem gekommen waren, um ein neues Leben mit Christus zu beginnen. Andere waren Einheimische aus der Stadt, hatten vielleicht sogar die Kreuzigung Jesu als Zuschauer miterlebt. Bei allen war gro\u00dfe Erleichterung, dass mit dem Kreuz nicht alles vorbei war. Man merkt dem Bericht des Lukas noch die Begeisterung \u00fcber diesen Neuanfang an.<\/p>\n<p>Bei dem Wort Begeisterung denken wir \u00c4lteren meist an so etwas wie \u00fcbersch\u00e4umende jugendliche Unternehmungslust. Da f\u00fcgen wir dann in Gedanken ein wenig herablassend hinzu: wenn die mal \u00e4lter werden, dann gibt sich das. Aber das damals waren Menschen aller Generationen, auch \u00c4ltere. Und diese Begeisterung hat wohl bei vielen lebenslang angehalten. Das deutsche Wort Begeisterung bedeutet urspr\u00fcnglich nicht jugendlichen Gef\u00fchls\u00fcberschwang, sondern das Ergriffenwerden vom Geist Gottes. Davon hatte Lukas ja wenige Kapitel zuvor in der Pfingstgeschichte berichtet. Das ist es, was diese ganz neue Stimmung und diese Bereitschaft zu einem ganz neuen Leben hervorgebracht hat, nicht ein vor\u00fcbergehender Gem\u00fctszustand.<\/p>\n<p>Nun wirkt Gottes Geist aber meist im Verborgenen; die Szene von Pfingsten, die eine ekstatische Erregung der Menschen schildert, bildet im Leben die Ausnahme. Normalerweise sieht man es jemandem nicht an der Nasenspitze an, ob er vom Geist Gottes ber\u00fchrt worden ist. Die Menschen, von denen unsere Erz\u00e4hlung handelt, waren schlichte Leute: ehemalige Bauern und Fischer aus der Provinz Galil\u00e4a, Handwerker und Angestellte aus der Stadt Jerusalem, nur ein paar wenige, die etwas betuchter waren. Geistesgr\u00f6\u00dfen wie die gro\u00dfen griechischen Philosophen oder bedeutende Rabbis waren nicht darunter. Die Begeisterung wurde nicht durch menschlichen Geist entfacht. Sie kommt allein von Gott. Vor ihm sind wir alle gleich. Gottes Geist bevorzugt nicht gro\u00dfe menschliche Geister. Ob jemand einen Doktortitel oder nur einen Grundschulabschluss hat, ist vor Gott vollkommen gleichg\u00fcltig. Es ist darum auch in der christlichen Gemeinde v\u00f6llig uninteressant.<\/p>\n<p>Worauf es ankommt, ist vielmehr das, was der Geist Gottes bewirkt. Der Geist Gottes ist ein Geist der Liebe. Das ist das Gegenteil von Selbst\u00fcberhebung und Machtrausch. Die Gleichheit von uns Christen ihm gegen\u00fcber f\u00fchrt darum zu der unbedingten Bereitschaft miteinander zu teilen. Deshalb streicht Lukas das so heraus. Er stellt diese fr\u00fche Gemeinde als Vorbild hin. Das ist der eigentliche Sinn seiner Beschreibung. Denn in seiner eigenen Zeit hatte sich die Begeisterung mancherorts schon etwas abgek\u00fchlt \u2013 nicht zuletzt aufgrund der Anfeindungen von au\u00dfen, die schon fr\u00fch einsetzten. Bleibt bei der Stange! Fallt nicht wieder auf euer Eigeninteresse zur\u00fcck! Lasst euch weiterhin vom Heiligen Geist Gottes inspirieren und begeistern, damit die Sache Jesu auch in diesen schwieriger gewordenen Zeiten weitergeht!<\/p>\n<p>Das will Lukas uns mit dieser Geschichte ans Herz legen. Er konnte damit die Gemeinden, f\u00fcr die er schrieb, noch unmittelbar erreichen. Diese Gemeinden waren noch klein und \u00fcberschaubar. Gro\u00dfe Landeskirchen oder gar internationale kirchliche Organisationen gab es noch nicht. Darum konnte er noch an so etwas wie Korpsgeist appellieren. Heute ist die Christenheit unendlich viel umfangreicher und vielf\u00e4ltiger. Die Verh\u00e4ltnisse bei uns sind darum auch komplizierter geworden. Christliche Wohlt\u00e4tigkeit ist heute vielfach in Gro\u00dforganisationen eingebunden. Die allerersten Anf\u00e4nge dazu lagen schon in der zweiten christlichen Generation. Da schuf man das Amt des Diakons, dem die Armenf\u00fcrsorge in der Gemeinde unterstand. Im Mittelalter waren es h\u00e4ufig M\u00f6nchsorden oder Nonnenorden, die sich darum k\u00fcmmerten. Heute haben wir in Deutschland die gro\u00dfen Verb\u00e4nde der evangelischen Diakonie und der katholischen Caritas. \u00dcberdies sind Sozialarbeit und Krankenh\u00e4user heute vielfach in staatlicher und damit religi\u00f6s neutraler Regie. Und es gibt eine gro\u00dfe Zahl von rein weltlichen internationalen Organisationen wie \u00c4rzte ohne Grenzen oder UNICEF, die gro\u00dfartige Hilfe leisten. Viele von denen sind unentbehrlich und verdienen unsere Unterst\u00fctzung. Aber es besteht die Gefahr, dass sie uns zum Anlass werden, unsere pers\u00f6nliche Verantwortung f\u00fcr den notleidenden N\u00e4chsten auf solche Gro\u00dforganisationen abzuschieben.<\/p>\n<p>Doch Gott sei Dank kommt die ganz pers\u00f6nliche Inspiration, die Begeisterung durch den Heiligen Geist und damit die Bereitschaft zum Teilen auch heute noch vor. Sie ist nicht immer auf den ersten Blick als christlich zu erkennen, genauso wenig wie bei den gro\u00dfen Hilfsorganisationen. Gottes Geist wirkt auch ohne den Stempel dogmatischer Korrektheit. Da sind junge Leute, die ein freiwiliges soziales Jahr einschalten. Andere helfen Syrienfl\u00fcchtlingen, mit den Beh\u00f6rden zurechtzukommen und Arbeit zu finden. Heute in der Corona-Zeit entschlie\u00dfen sich Menschen spontan, f\u00fcr hilflose alte Menschen, die ans Haus gebunden sind, die Eink\u00e4ufe zu erledigen. Andere h\u00f6ren einem Bekannten, der in Quarant\u00e4ne leben muss, am Telefon geduldig zu, auch wenn das in der Einsamkeit angestaute Redebed\u00fcrfnis kein Ende zu finden scheint.<\/p>\n<p>Das sind vielleicht schon zu viele Beispiele. Denn wer sich dem Heiligen Geist anheimgibt und konzentriert \u00fcberlegt, welche Aufgabe Gott gerade jetzt genau f\u00fcr ihn oder sie vorgesehen hat, dem wird auch von selbst etwas dazu einfallen. So lassen Sie uns denn auch als heutige christliche Gemeinde in G\u00f6ttingen zusammenhalten. Gelegentliche Auseinandersetzungen sind dabei nicht ausgeschlossen. Sie sind oft sogar n\u00f6tig als Weg zu einer L\u00f6sung. Aber sie sollen friedlich verlaufen und uns nicht auseinander treiben, sondern zusammen bringen. Zusammenhalt ist freilich nicht dasselbe wie eine geschlossene Gesellschaft. Ein einzelner Mensch oder auch eine Familie mag wegen des Virus aus hygienischen Gr\u00fcnden zurzeit vor\u00fcbergehend zur Selbstisolierung gen\u00f6tigt sein. Aber das ist nicht von Dauer. Erst recht darf eine christliche Gemeinde sich nicht abschotten. Gottes Geist baut keine Trennmauern. Vielmehr will er unseren Zusammenhalt ins Stadtviertel ausstrahlen lassen, so wie die alten christlichen Gemeinden damals weit \u00fcber ihre Grenzen hin ausgestrahlt haben. Sonst s\u00e4\u00dfen wir heute gar nicht hier. Gottes Heiliger Geist ist keine blo\u00dfe geschichtliche Erinnerung. Er wirkt auch heute unter uns.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Prof. em. Dr. Dietz Lange, G\u00f6ttingen, geb. 1933, bis 1998 Prof. f\u00fcr Systematische Theologie, seit 1988 ehrenamtlicher Prediger an St. Marien. E-Mail: dietzclange@online.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Apg. 4,32\u201337 | verfasst von Dietz Lange | Liebe Gemeinde! Ist das nicht ein Traum, diese christliche Gemeinde? Sie haben ihren ganzen Besitz gemeinsam, niemand leidet Not. Die Wohlhabenderen verkaufen ihre H\u00e4user oder \u00c4cker zum Wohl der \u00c4rmeren. 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