{"id":2911,"date":"2020-06-16T10:48:02","date_gmt":"2020-06-16T08:48:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2911"},"modified":"2020-06-16T10:48:02","modified_gmt":"2020-06-16T08:48:02","slug":"weisheit-fuers-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/weisheit-fuers-leben\/","title":{"rendered":"Weisheit f\u00fcrs Leben"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0Predigt zu Matth\u00e4us 11,25\u201330 | verfasst von Thomas Bautz |<\/strong><\/p>\n<p>Zu jener Zeit antwortete Jesus und sprach: \u201eIch preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, da\u00df du dies<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> vor den Weisen und Klugen<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> verborgen und es den einfachen Leuten<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> offenbart hast. Ja, Vater, denn so wurde es wohlgef\u00e4llig vor dir.<\/p>\n<p>Alles wurde mir von meinem Vater \u00fcbergeben, und niemand kennt den Sohn au\u00dfer dem Vater, und niemand kennt den Vater au\u00dfer der Sohn, und jeder, dem es der Sohn offenbaren will.<\/p>\n<p>Kommt alle zu mir, die ihr euch abm\u00fcht<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> und belastet seid, ich will euch Ruhe geben! Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, da\u00df<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> ich freundlich (sanftm\u00fctig) bin und von Herzen dem\u00fctig, so werdet ihr Ruhe f\u00fcr eure Seelen finden. Denn mein Joch ist mild und meine Last ist leicht!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>L\u00e4dt der Nazarener etwa dazu ein, Menschen in religi\u00f6ser Hinsicht in Schubladen zu stecken? Geht es ihm um Kategorien f\u00fcr bestimmte Gruppen, was die Erkenntnis seiner Person und des Reiches Gottes (die Herrschaft seines Vaters) betrifft? Gibt es tats\u00e4chlich \u201eeinfache Leute\u201c, denen er sich offenbart\u00a0 und Weise und Gescheite, denen er sich verschlie\u00dft? Polarisierendes Denken will Jesus aber sicher nicht vermitteln. Es f\u00fchrt nicht zur Gemeinschaftsbildung, sondern zur Entstehung rivalisierender Gruppen, wie es die Geschichte des Christentums sp\u00e4ter zeigt.<\/p>\n<p>Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher \u201eSchichten\u201c und \u00a0Bildungsstufen stehen jeweils in\u00a0 Lernprozessen, sind Anw\u00e4rter der Weisheit \u2013 und insofern \u201ebisher Unwissende\u201c.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Insofern lassen sich bereits bestehende, oft k\u00fcnstlich gewachsene Abgrenzungen notwendigerweise stark relativieren, zumal man sich selbst durchaus f\u00fcr weise halten oder sich auf seine Bildung etwas einbilden kann.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Umgekehrt sch\u00fctzen mangelnde Kenntnisse oder fehlende Lernbereitschaft nicht vor Hochmut. Man mag stolz sein auf objektivierende Bibelwissenschaft und theologisches Arbeiten, man mag sich aber auch dessen r\u00fchmen, die Bibel \u201eganz unvoreingenommen\u201c zu lesen und Theologie in Bausch und Bogen ablehnen. Es gibt einen Triumph der Unwissenheit \u2013 bestimmte Gruppen, die in scheinbarer Demut ihren \u201eVerstand unter den Gehorsam Christi stellen\u201c.<\/p>\n<p>Es kommt also auf die innere Bereitschaft an, sich der Weisheit und den Geheimnissen des Reiches Gottes zu \u00f6ffnen; f\u00fcr uns bedeutet das intensives, vertiefendes Studium der Bibel \u2013 allein und in der Gemeinschaft, neugierig und offen. Die klischeehafte Gegen\u00fcberstellung von Pfarrerschaft oder den hervorragend ausgebildeten Theologen auf der einen und die scheinbar weniger gebildete Gemeinde auf der anderen Seite sorgen leider f\u00fcr einseitige Einsch\u00e4tzungen. Pfarrer, die Weiterbildung f\u00fcr ganz \u00fcberfl\u00fcssig und ihr absolviertes Studium f\u00fcr ausreichend halten, sind eine Schande, weil Gemeinde ein Recht darauf hat, dass Theologen versuchen, mit dem anwachsenden Wissen Schritt zu halten. Gemeinsames Suchen nach Weisheit l\u00e4sst uns bleiben auf dem Weg, den Jesus nach Einsch\u00e4tzung des Evangelisten Matth\u00e4us vorgezeichnet hat.<\/p>\n<p>Im Laufe der \u00dcberlieferung des Mt hat man sich nicht damit begn\u00fcgt, kleinere und gr\u00f6\u00dfere Teile jesuanischer Botschaft wie auch deren Untermalung und Kommentierung zu pr\u00e4sentieren; man hat auch interpretierend in den Textbestand eingegriffen, indem man Entscheidendes hinzuf\u00fcgte und damit den Sinn ver\u00e4nderte. Von daher haben die Evangelientradition und das Fr\u00fchchristentum Elemente in die Jesustradition eingebracht, die dem Denken und Handeln des Rabbi Jesus diametral widersprechen. Solche hinzugef\u00fcgten Worte sind neben solche platziert, die h\u00f6chstwahrscheinlich auf den Nazarener zur\u00fcckgehen. Eine Auslegung dieser Mixtur bedarf hoher Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>Was bedeutet die Herrschaft \u00a0des Vaters \u00fcber Himmel und Erde f\u00fcr die Vollmacht des Gottessohns, wo der Vater ihm alles \u00fcbergeben hat? Das wechselseitige Verh\u00e4ltnis \u201eVater\u201c und \u201eSohn\u201c provoziert Fragen: Wer ist Gottes Sohn? Wer ist Jesus? ist Jesus Gottes Sohn? Ist Jesus \u201eGott\u201c? Was bedeuten eventuelle, jeweilige Antworten f\u00fcr unser Leben? Hier wurde und wird viel spekuliert, besonders im Hinblick auf die Frage, ob Jesus auch \u201eGott\u201c ist, w\u00e4hrend es doch lohnender w\u00e4re, der Einzigartigkeit, der engen Beziehung \u201eVater\u201c und \u201eSohn\u201c nachzusp\u00fcren.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Modellhaft k\u00f6nnte man dem Verh\u00e4ltnis JHWH und Israel in der hebr\u00e4ischen Bibel nachdenken.<\/p>\n<p>Wo liegt aber die Ursache f\u00fcr die Verg\u00f6ttlichung Jesu; warum wird diese Pers\u00f6nlichkeit, die zwar nie selbst etwas geschrieben hat (wie Buddha, Mohammed), aber indirekt die Weltgeschichte mitgepr\u00e4gt hat, zum \u201eGott\u201c erhoben? Die Apotheose ist ein politisches und religionsgeschichtliches Ph\u00e4nomen, mit dem Herrscherkult gekoppelt und findet sich in Hochkulturen weltweit. M\u00e4chtige, die milit\u00e4risch und politisch erfolgreich sind, lassen sich als G\u00f6tter verehren oder bezeichnen sich als g\u00f6ttlich. In der r\u00f6mischen Antike z.B. lassen sich die Kaiser in pomp\u00f6sen Triumphz\u00fcgen geb\u00fchrend und ausgiebig feiern und huldigen. Man stelle sich im Vergleich den Nazarener vor, der bescheiden und dem\u00fctig auf einem Esel nach Jerusalem hineinreitet! Er wird auf eine ganz andere Weise und aus anderem Grund umjubelt \u2013 zwar wie ein K\u00f6nig, aber ohne politische Ambitionen<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> (Mt 21,5\u201316 in Ausz\u00fcgen):<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>\u201eAls sie sich Jerusalem n\u00e4herten (\u2026). Da! Dein K\u00f6nig kommt zu dir, sanft und einen Esel reitend (\u2026). Die Menge der Leute aber breitete ihre Obergew\u00e4nder auf den Weg (\u2026). Die Scharen aber, die ihm\u00a0 voranzogen und die folgten, schrien und sagten: Hosanna dem Sohn Davids! Gepriesen, der kommt im Namen des Herrn! (\u2026). Und als er in Jerusalem einzog, erbebte die ganze Stadt: Wer ist dieser? Die Scharen sagten: Das ist der Prophet Jesus, der von Nazareth in Galil\u00e4a.\u201c<\/p>\n<p>Jesus betritt den Tempel, das Zentralheiligtum, erweist seine ihm vom Vater verliehene Autorit\u00e4t, indem er den Missbrauch des ungerechten Mammon heftig und \u00e4u\u00dferst unsanft anprangert. Er st\u00f6\u00dft die Tische der Geldwechsler und die St\u00fchle der Taubenh\u00e4ndler um mit dem sicher befremdlichen Argument aus der Schrift: Mein Haus soll ein Bethaus sein, ihr aber macht es zu einer R\u00e4uberh\u00f6hle. Ungeachtet dessen, wie glaubw\u00fcrdig diese Episode ist, denn Wechsel und Handel waren im Vorhof des Tempels durchaus \u00fcblich; im Tempel selbst hatten sie freilich nichts zu suchen. Noch passender ist die Begebenheit bei Lukas (19,45), dem \u201eEvangelisten der Armen\u201c aufgehoben, weil er noch viel vehementer den Unterschied zwischen Armen und Reichen hervorhebt und gegen den ungerechten Mammon wettert. In der hebr\u00e4ischen Bibel geh\u00f6ren Arme, Dem\u00fctige, Elende sprachlich zusammen.<\/p>\n<p>Der Rabbi aus Nazareth ist f\u00fcr Hilfsbed\u00fcrftige, Mittellose, Beeintr\u00e4chtigte, Ungebildete und Kranke da: \u201eZu Jesus kamen Blinde und Lahme ins Heiligtum, und er heilte sie. Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, und die Kinder, die im Heiligtum schrien: &#8218;Hosanna dem Sohn Davids\u2018, entr\u00fcsteten sie sich (\u2026): &#8218;H\u00f6rst du, was sie da sagen?\u2018 (\u2026) &#8218;Habt ihr noch nie gelesen: Aus der Unm\u00fcndigen und S\u00e4uglinge Mund hast rechtes Lob du dir bereitet.\u2018 Und er lie\u00df sie stehen und ging aus der Stadt hinaus.\u201c<\/p>\n<p>Wir gehen davon aus, dass Jesus selbst keinerlei Herrschaftsanspr\u00fcche hatte, dazu hatte er nicht die passende Mentalit\u00e4t, und es entsprach auch nicht seinem Auftrag: Herrschaft Gottes verk\u00fcndigen und die Menschen dazu ermutigen, das Reich Gottes zu bauen. Dazu lie\u00df er Wunder geschehen und wirkte heilend und wohltuend, indem er verborgene Selbstheilungskr\u00e4fte in Leidenden weckte. Es ist von daher relativ unerheblich, ob Jesus \u201eGott\u201c war oder in welcher Hinsicht \u201eGottes Sohn\u201c. Solche Fragen waren und sind von Belang, wenn Herrscher entsprechende Anspr\u00fcche erheben und auch als G\u00f6tter gelten und verehrt werden wollen. Die Apotheose hat freilich noch eine zweite Seite, n\u00e4mlich diejenigen, die sich einen g\u00f6ttlichen F\u00fchrer und Machthaber w\u00fcnschen. Man kann Gedichte finden, die dem F\u00fchrer Adolf Hitler als \u201eGott\u201c huldigen.<\/p>\n<p>Kirchliche, theologische \u00dcberh\u00f6hungen lassen sich leichter, schneller ins Ideologische, Politische \u00fcbertragen, als man es wahr haben will. Dogmatische Fragestellungen und Dogmen verf\u00fchren zu\u00a0 gef\u00e4hrlicher Gebirgskletterei in Schwindel erregende H\u00f6hen. Wir bleiben in den \u201eNiederungen\u201c und schlie\u00dfen uns der Auffassung an, dass Jesus (als Gottessohn) zwar g\u00f6ttlicher Vollmacht teilhaftig ist, aber sich seinem \u201eVater\u201c unterordnet und ein Leben in Demut f\u00fchrt. Er ist sich offenbar seiner Autorit\u00e4t bewusst, aber nicht als erhabener (verherrlichter), himmlischer Herrscher, sondern als jemand, der sanft und von Herzen dem\u00fctig ist.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Wir haben geh\u00f6rt, dass der Nazarener \u2013 bei grunds\u00e4tzlicher Sanftmut und Demut \u2013 durchaus auch durchgreifen kann und nicht gerade zimperlich ist, wenn es um \u201edie Geringsten\u201c geht, wenn er sich kompromisslos auf die Seite derer stellt, die in der Gesellschaft benachteiligt sind. Daher \u00fcberliefert Matth\u00e4us das Angebot Jesu, dass wir sein \u201eJoch\u201c auf uns nehmen:<\/p>\n<p>\u201eKommt alle zu mir, die ihr euch abm\u00fcht und belastet seid, ich will euch Ruhe geben! Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, da\u00df ich freundlich (sanftm\u00fctig) bin und von Herzen dem\u00fctig, so werdet ihr Ruhe f\u00fcr eure Seelen finden. Denn mein Joch ist mild und meine Last ist leicht!\u201c<\/p>\n<p>Was uns recht fremd anmutet, ist in der hebr\u00e4ischen Bibel, im Judentum allgemein und bei den rabbinischen Traditionen gel\u00e4ufig; zun\u00e4chst einmal tritt die Weisheit als Person auf (personifizierend). Man spricht vom \u201eJoch der Weisheit\u201c. Weil Weisheit stets mit Praxis verbunden ist, bem\u00fcht man sich um \u201eein Leben in Gehorsam und Gerechtigkeit\u201c. Weisheit kann \u201emit der Tora identifiziert\u201c werden. \u201eVerbreitet ist der Gedanke, da\u00df die Menschen bei der Weisheit &#8218;Ruhe\u2018 finden werden.\u201c Weisheit geht einher mit \u201eRuhe und \u00dcberlegenheit\u201c, Torheit aber mit \u201eL\u00e4rm und Geschrei\u201c. Weisheit stillt \u201eDurst und Hunger\u201c und bringt \u201eFreude, Erf\u00fcllung, Freiheit, Ruhe, Klarheit und Macht\u201c mit sich.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Wir sollten uns nicht auf Statistiken verlassen, wenn es darum geht, Bedeutung und Rolle der Kirchen und des Christentums allgemein realistisch ins Auge zu fassen. H\u00f6ren wir heute \u2013 das ist doch wohl das Wichtigste \u2013 noch oder wieder neu die ernst gemeinte, ungeheuchelte, liebevolle Einladung: \u201eKommt her, die ihr euch t\u00e4glich abm\u00fcht und die ihr \u00fcber die Ma\u00dfen belastet seid!\u201c H\u00f6ren wir sie aus den eigenen Reihen als ein befreiendes, ermutigendes Signal in gegen\u00fcber Menschen, deren Alltag und Sprachgebrauch oberfl\u00e4chlich und floskelhaft bestimmt ist?<\/p>\n<p>Nur scheinbar ist es unbedeutsam, wie sog. Dialoge gef\u00fchrt werden: \u201eWie geht\u2019s Dir, Ihnen?\u201c \u201eDanke, gut!\u201c \u2013 K\u00fcrzeste Antwort, gleichzeitig Abschiedswort: \u201eMuss!\u201c Auff\u00e4llig ist auch, dass viele gar nicht an einer echten Antwort interessiert sind. Sollte die Frage allerdings nur als kurzes Gru\u00dfwort gemeint sein \u2013 anstelle eines \u201eHallo\u201c, \u201eSalut\u201c, ist es verst\u00e4ndlich, wenn die Antwort ebenfalls ein Gru\u00df ist.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig besteht aber die Chance f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch, oder mit der Frage \u201eWie geht es Dir, Ihnen?\u201c wird faktisch schon ein Dialog eingeleitet; dennoch bleibt eine Antwort auf besagte Frage unbeantwortet. Wenn man wei\u00df, dass man sein Gegen\u00fcber nicht br\u00fcskiert, k\u00f6nnte man den Fragesteller auf seine Frage hin provozieren: \u201eWollen Sie das wirklich wissen?\u201c Eine reelle Antwort k\u00f6nnte wom\u00f6glich den Charakter eines Eingriffs in die Schutz- oder Intimsph\u00e4re eines Gespr\u00e4chspartners sein. Unangenehm genug, mit Schwierigkeiten, Ungl\u00fccksszenarien, Katastrophen durch die Medien \u00fcberh\u00e4uft zu werden, aber bitte nicht auch noch mit Problemen im privaten Bereich! Doch keine Sorge! Die Hilfe ist nah:<\/p>\n<p>Eine neuere moderne Floskel: \u201eAlles (ist) gut.\u201c Als Antwort auf alles M\u00f6gliche, auch als Antwort auf eine Entschuldigung oder ein Dankesch\u00f6n. \u201eIst alles gut?\u201c \u2013 \u201eNicht alles in der Welt!\u201c antwortet ein Jugendlicher (14 J.). Die Antwort zeigt mir, dass es wichtig ist, nicht nur eigene Probleme, sondern die N\u00f6te der Menschen weltweit \u2013 soweit man es verkraftet \u2013 zu beachten. Es ist wahrlich nicht alles gut, und diese Floskel birgt doch die Gefahr in sich, dass man sich mit diesem Instrument abschottet und verdr\u00e4ngt gegen\u00fcber der Wahrheit, dass wir es verdammt gut haben.<\/p>\n<p>Aber der Schein tr\u00fcgt vielleicht. Warum k\u00f6nnen wir das Leid unserer Mitmenschen, mitunter sogar im Kreis der Familie oder unter Berufskollegen so schwer oder gar nicht ertragen? Warum erwarten die meisten keine ehrliche Antwort auf die Frage \u201eWie geht es dir, ihnen?\u201c Weil sie diese Frage schon lange nicht mehr als solche wahrnehmen; sie haben gelernt, sie als Floskel zu verstehen. Also doch: \u201eAlles gut!?\u201c Nein!<\/p>\n<p>Aber hier liegen M\u00f6glichkeiten, kirchlicher Handlungsfelder, f\u00fcr eine neue Gespr\u00e4chskultur durch Vorbildfunktion zu werben. \u00dcberall wo Gemeinden durch ihre vielf\u00e4ltig ausgebildeten, erfahrenen Mitarbeiter den Menschen in ihrem Umkreis dienen \u2013 durch alle Generationen hindurch \u2013, gilt es, sich abm\u00fchenden und belasteten Menschen einen Raum zu schaffen, wo sie durchatmen und frei sein k\u00f6nnen. Wer sich selbst nur noch als funktionierender Leistungsmensch ertragen mag; wer sich aus einem gewissen Zwang heraus abm\u00fchen muss; wer nicht mehr abschalten kann, dieser Mensch bedarf h\u00f6chst wahrscheinlich des weckenden Rufs: Komm her, ich will dir Ruhe verschaffen!<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>Folgende Differenzierungen zum Begriff \u201eBelastung\u201c (\u201eBeladen sein\u201c) sind vielleicht hilfreich: Geschafft sein, Stress, \u00dcberarbeitung, Ausgelaugt sein, (sog.) Burnout-Syndrom. Das Burnout hat sich, kritisch betrachtet, inzwischen als \u201eModekrankheit\u201c entwickelt. Freilich geraten Menschen nicht nur unter Stress, sind v\u00f6llig \u00fcberarbeitet und f\u00fchlen sich total ausgelaugt; Menschen verkraften das, aber nicht alle. Wer \u00fcber Jahre einer Dauerbelastung ausgesetzt ist, sollte bei ersten Anzeichen einen Arzt aufsuchen. Medizinisch l\u00e4sst sich erkennen, ob jemand unter einem Burnout leidet.<\/p>\n<p>Wenn es Gemeinden gel\u00e4nge, belasteten Menschen einen Ruhepol zu verschaffen, w\u00fcrde sich das gewiss auswirken auf mehr Gelassenheit im beruflichen wie auch im famili\u00e4ren Alltag \u2013 und nicht nur in Zeiten der Coronakrise!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Pfarrer Thomas Bautz<\/p>\n<p>Bonn<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:thomas.bautz@ekir.de\">thomas.bautz@ekir.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Gottesreich; Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matth\u00e4us, EKK I\/2 (1990): Die Einladung des Sohns an die sich M\u00fchenden und Belasteten, 196\u2013224: 206; und Jesu Identit\u00e4t als Messias und Sohn Gottes, seine m\u00e4chtigen Taten und Werke; s. Celia Deutsch: Hidden Wisdom and the Easy Yoke. Wisdom, Torah and Discipleship in Matthew 11,25\u201330, JSNT.S 18 (1987): \u201athat thou hast hidden these things\u2018 (v. 25c), p. 27\u201330.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Die Ausdr\u00fccke sind im Gebrauch derart ambivalent, dass man besser von einer eindeutigen Identifizierung mit bestimmten Gruppen, wie z.B. den Pharis\u00e4ern und Schriftgelehrten, absieht; s. Deutsch: Hidden Wisdom (1987): \u201afrom the wise and understanding\u2018 (v. 25d), p. 30\u201331: 31; Luz: Matth\u00e4us (1990), 205\u2013207: 205\u2013206.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Luz: Matth\u00e4us (1990), 197.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Luz: Matth\u00e4us (1990), 197, 219.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Luz: Matth\u00e4us (1990), 198.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Wolfgang Schenk: Die Sprache des Matth\u00e4us. Die Text-Konstituenten in ihren makro- und mikrostrukturellen Relationen (1987), 140; n\u00e9pios als subst. Adj., hergeleitet v. gin\u00f3sko (korrekte Transkription nicht m\u00f6glich).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u201eEinbildung ist auch &#8217;ne Bildung\u201c (Volksweisheit).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Cf. Luz: Matth\u00e4us (1990), 209.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Mit \u201eK\u00f6nig der Juden\u201c hat sich Jesus niemals selbst tituliert; es sind die Astronomen der Geburtsgeschichte (Mt 2,2); der Statthalter in Jerusalem: \u201eDu also bist der K\u00f6nig der Juden?\u201c Dem Jesus entgegnet: \u201eDas sagst du!\u201c (Mt 27,11); die ihn verh\u00f6hnenden und ihn folternden Soldaten: \u201eSei gr\u00fc\u00dft, K\u00f6nig der Juden!\u201c (Mt 27,29) und schlie\u00dflich die Inschrift am Kreuz: \u201eDas ist Jesus, der K\u00f6nig der Juden\u201c (Mt 27,37).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Das Neue Testament. \u00dcbersetzt von Fridolin Stier. Aus dem Nachla\u00df hg.v. Eleonore Beck\/ Gabriele Miller\/ Eugen Sitarz (1989), S. 54\u201355.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Joshua E. Leim: Matthew\u2019s Theological Grammar. The Father and the Son, WUNT 402 (2015): Mt 11,25\u201327: Father and Son in Mutually-Revelatory Relationship, 83\u201387: 84\u201385; cf. Deutsch: Hidden Wisdom (1987), 33\u201339.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Luz: Matth\u00e4us (1990), 217\u2013218.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Obwohl die Anrede \u201eSie\u201c zu Recht vorherrscht, kann das \u201eDu\u201c in der Seelsorge durchaus T\u00fcren \u00f6ffnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Predigt zu Matth\u00e4us 11,25\u201330 | verfasst von Thomas Bautz | Zu jener Zeit antwortete Jesus und sprach: \u201eIch preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, da\u00df du dies[1] vor den Weisen und Klugen[2] verborgen und es den einfachen Leuten[3] offenbart hast. Ja, Vater, denn so wurde es wohlgef\u00e4llig vor dir. 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