{"id":2925,"date":"2020-06-19T12:46:02","date_gmt":"2020-06-19T10:46:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2925"},"modified":"2020-06-23T09:58:48","modified_gmt":"2020-06-23T07:58:48","slug":"die-seele-zum-klingen-bringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/die-seele-zum-klingen-bringen\/","title":{"rendered":"Die Seele zum Klingen bringen"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Lukas 14,25-35 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst&nbsp;von Tine Illum | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p><em>In der orientalischen Erz\u00e4hltradition, in die Jesus geh\u00f6rt, treibt man die Dinge oft auf die Spitze, um das Verst\u00e4ndnis zu erleichtern oder um zu provozieren. Da sieht man gerne eine Schockwirkung, so dass die Leute auch zuh\u00f6ren. Auch heute rei\u00dft Jesus uns, wenn nicht von den Sitzen, so doch vom Sofa bzw. der Kirchbank.<\/em><\/p>\n<p>Da waren immer Menschen in der N\u00e4he von Jesus. Nun wendet er sich zu ihnen und sagt: \u201eWenn ihr euch mir anschlie\u00dfen wollt, dann m\u00fcsst ihr mit eurem Vater und eurer Mutter, euren Br\u00fcdern und Schwestern, euren Frauen und Kindern brechen und euer eigenes Leben aufgeben. Sonst k\u00f6nnt ihr nicht meine Anh\u00e4nger sein. Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und bereit ist, mit mir in den Tod zu gehen, der kann nicht mein Anh\u00e4nger sein.<\/p>\n<p>Wenn einer von euch einen Turm bauen w\u00fcrde, w\u00fcrde er sich dann nicht erst hinsetzen und berechnen, was das kostet, so dass er sehen kann, ob er sich das leisten kann? Sonst kommt er ja in die Lage, dass er nur das Fundament gelegt hat und den Turm nicht fertigbauen kann. Dann w\u00fcrden alle, die das sehen, ihn auslachen und sagen: \u201eSeht den Mann, der das nicht vollenden kann, was er begonnen hat\u201c.<\/p>\n<p>Oder stellt euch vor, dass ein K\u00f6nig plant, gegen einen anderen K\u00f6nig in den Krieg zu ziehen. Wird er nicht erst \u00fcberlegen, ob er mit seinen zehntausend Leuten stark genug ist, gegen den anderen K\u00f6nig mit dessen zwanzigtausend Mann anzukommen? Wenn er das nicht kann, muss er eine Delegation losschicken um zu h\u00f6ren, was die Friedensbedingungen sind, w\u00e4hrend der Feind noch weit weg ist. So ist es also: Keiner von euch kann mein Anh\u00e4nger sein, ohne auf all das zu verzichten, was er besitzt. Salz ist gut, aber wenn es seine Kraft verliert, kann es nicht mehr Salz sein. Man kann es zu nichts gebrauchen, man kann es gleich wegwerfen. Es ist wichtig, dass ihr versteht, was ich sage (Lukas 14,25-35).<\/p>\n<p>\u201eUha!\u201c \u2013 sagte ein Freund gestern. Er hatte gerade gefragt, worum es in dem heutigen Bibeltext geht. \u201eUha!\u201c. Ja, was in aller Welt sollen wir mit dem anfangen, was wir hier h\u00f6ren?<\/p>\n<p>Und was sollten die Leute damals damit anfangen? Jesus hat ja kurz zuvor davon gesprochen, wie wichtig es ist, mit Regeln und eigenen Vorstellungen zu brechen &#8211; f\u00fcr das Lebens. Leben ist wichtiger als Dogmen. Lieben hei\u00dft, dass man das Leben will. Und er hat erz\u00e4hlt, dass Gott all an seinen himmlischen Tisch einl\u00e4dt. Und kurz nach dem, was wir hier geh\u00f6rt haben, erz\u00e4hlt er drei kleine Geschichten, dass Gott sucht und findet und nicht aufgibt.<\/p>\n<p>Wenn wir uns gem\u00fctlich zurechtgesetzt haben \u2013 ja dann wird jetzt der Boden unter uns hei\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2927 aligncenter\" src=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Die-Seele-zum-klingen-bringen-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"508\" height=\"338\" srcset=\"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Die-Seele-zum-klingen-bringen-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Die-Seele-zum-klingen-bringen-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Die-Seele-zum-klingen-bringen-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Die-Seele-zum-klingen-bringen-272x182.jpg 272w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Die-Seele-zum-klingen-bringen.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 508px) 100vw, 508px\" \/><\/p>\n<p>Auf dem Bild im Liederblatt sehen wir das Bild einer Inschrift auf der Kirchenglocke im im Michaeliskloster in Hildesheim. \u201eDie Seele zum Klingen bringen\u201c, steht da. Die Kirchenglocke soll das Schweigen in meiner Seele brechen, dass daher kommt, dass einfach kein Klangraum da ist. Meine Seele ist voll von meinen eigenen Pl\u00e4nen, von mir selbst und mir selbst und mir selbst &#8211; und nur wenigen anderen. Meine Ohren sind voll von dem, was angenehm zu h\u00f6ren ist und verschlossen in Bezug auf das, was mich herausruft. Da ist Lauheit in meinem Gem\u00fct und Vorsicht in meinen Worten, und allzu oft sehe ich wie in einem Tunnel und sehe nur eben das, was ich am liebsten sehen will.<\/p>\n<p>Die Kirchenglocke ruft mich \u2013 und wenn ich es wage, sie in mein Ohr dring en zu lassen \u2013 und in das, was ich zwischen den Ohren habe, in meine Seele, dann l\u00e4sst sie in meiner Seele das nachklingen, was im Gottesdienst geschieht \u2013 an Verhei\u00dfung und Berufung, Vergebung und Lebensmut, Barmherzigkeit und Liebe. Ein zarter Nachklang des Himmels. Das ist genug.<\/p>\n<p>Tragt euer Kreuz, sagt Jesus. Seid bereit, euer eigenes Leben hinzugeben. Und verstehen sie nicht, was das jetzt bedeutet, dann werden sie es jedenfalls nach Ostern verstehen.<\/p>\n<p>Gebt euch hin in eine unbekannte Welt zusammen mit mir. Da ist nicht Wasser zu Wein jeden Abend, nicht umsonst Fisch und Brot jeden Tag. Oder ein leichtes Leben. Da sind auch schwere Zeiten. Vielleicht Krankheit, so wie wir das in diesen Monaten erleben. Keine mirakul\u00f6sen Heilungen. Menschen sterben. Da sind Tage, wo man von ernsten Dingen reden muss. Tage, wo wir nichts verstehen.<\/p>\n<p>Ihr sollt Gott vertrauen. Auch an diesen Tagen, sagt Jesus. Ihr sollt einen offenen Blick haben und nicht nur auf euch selbst und das starren, was ihr habt. Denn sonst werdet ihr Gott nach eurem eigenen Bild schaffen und vergessen, dass ihr nach seinem Bilde geschaffen seid.<\/p>\n<p>Und heute geht er nun gerade dahin, wo es am meisten wehtut, in das Verh\u00e4ltnis zu denen, die uns am n\u00e4chsten sind. Da wo wir unsere gr\u00f6\u00dfte Geborgenheit herholen \u2013 und wo wir auch die gr\u00f6\u00dfte Trauer erfahren, wenn Ungl\u00fcck oder Streit und Bitterkeit in dieses Verh\u00e4ltnis einbricht. Und Jesus sagt: Da ist viel mehr. Viel mehr als ein gl\u00fcckliches Familienleben und das, was manche \u201echristliche Werte der Familie\u201c nennen. Ja, wenn deine Liebe nur denen gilt, die dir am n\u00e4chsten stehen, dann hat das nichts mit dem christlichen Glauben zu tun.<\/p>\n<p>Ein Kollege hat einmal gesagt: Wo kommen eigentlich die christlichen Familienwerte her, von denen die Leute immer reden? Wir wissen ja fast nichts von der Familie Jesu \u2013 also abgesehen davon, dass die Eltern auf einer Reise nach Jerusalem ihren Sohn verga\u00dfen und dies erst nach drei Tagen bemerkten. Und als sie ihn fanden, widersprach er ihnen und wollte eigentlich nicht mit nach Hause.<\/p>\n<p>Er geriet in schlechte Gesellschaft und ging weg von zuhause. \u2013 uns als seine Mitter ihn aufsuchte und zur Vernunft bringen wollte, sagte er, dass seine Familie all die sind, die man ihn glauben, und nicht speziell sie.<\/p>\n<p>Die einzige F\u00fcrsorge f\u00fcr seine Mutter, die wir von Jesus h\u00f6ren, ist die, als er am Kreuz Johannes und Maria bittet, sich einander anzunehmen als Mutter und Sohn \u2013 und das ist ja, muss man sagen \u2013 ziemlich sp\u00e4t!<\/p>\n<p>Als er das sagt, was wir heute geh\u00f6rt haben, ist er auf dem Wege nach Jerusalem, wo die Machthaber \u2013 die politischen wie die religi\u00f6sen \u2013 ihn stoppen und am liebsten beseitigen wollten. Das wei\u00df er sehr wohl. Nur wenig sp\u00e4ter hat er Todesangst \u2013 dort im Garten Gethsemane. Zugleich wissen wir, dass er die Kraft hatte, dem Weg der Liebe zu folgen und sogar sein eigenes Leben hinzugeben.<\/p>\n<p>Von den J\u00fcngern wissen wir, dass sie Angst bekamen, als es darauf ankam. Ihnen fehlte die Kraft der Liebe. Sie verrieten ihn, verleugneten ihn und versteckten sich. Genauso wie ich es auch getan h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Als Jesus auferstand, trat er direkt ein in ihr Leben \u2013 und sie verstanden, dass ihnen ihre Feigheit und ihr Versagen vergeben war. Dass ihnen ein neuer Anfang geschenkt war \u2013 so wie wir ihn erhalten, wann immer wir aus der Kirche mit dem Segen im R\u00fccken geschickt werden: \u201eDer Herr segne dich \u2026\u201c.<\/p>\n<p>Es n\u00fctzt nichts, dass wir sagen, Jesus hatte wohl keine gute Familie oder damals einen schlechten Tag, und deshalb besteht kein Grund, auf solche harten Worte zu h\u00f6ren, wie wir sie heute h\u00f6ren. Nein, wir k\u00f6nnen sicher davon ausgehen, dass Jesus gemeint hat, was er sagte. Und das bedeutet, dass ich gen\u00f6tigt bin, dem in die Augen zu sehen, was ich am liebsten \u00fcbersehe: Alle meine Liebe zu meiner Familie kann ein Familien-Egoismus werden, meine Freundschaften eine geschlossene Gesellschaft, so dass ich keinen Blick habe f\u00fcr andere und sie nicht einbeziehe.<\/p>\n<p>Das ist eine Forderung an uns heute: Deine Liebe soll nicht nur deinen n\u00e4chsten Angeh\u00f6rigen gelten, sondern auch denen, um die sich sonst keiner k\u00fcmmert. Du sollst deinen Feind lieben, sagt Jesus einmal ganz direkt.<\/p>\n<p>Das <em>ist<\/em> eine Forderung \u2013 und zugleich eine Verhei\u00dfung, ja <em>vor allem <\/em>eine Verhei\u00dfung: Die Verhei\u00dfung f\u00fcr die dunkelsten Tage, wo du dich \u00fcbereilst und die Worte in deinem Mund hart werden, die N\u00e4chte, wo du nicht schlafen kannst wegen all deinem Versagen und aus Bitterkeit \u2013 auch da geh\u00f6rst du zusammen mit Christus.<\/p>\n<p>Die Verhei\u00dfung dass du dann, wenn du wirklich versagt hast \u2013 wenn deine Welt zusammenbricht, wenn die Bande zu deinen Lieben, die du f\u00fcr unzerbrechlich hieltest und die dich aufrecht erhielten, durch einen Todesfall zerbrechen \u2013 oder eine Scheidung, Konflikte oder Elend \u2013 dass du da unsichtbar von einem unsichtbaren Band zwischen Gott und dir gehalten wirst.&nbsp; Das liegt in deiner Seele als ein Klang und eine Verhei\u00dfung.<\/p>\n<p>Bist du ganz allein \u2013 ja dann bist du das dennoch nicht. Das ist das Evangelium. Du geh\u00f6rst zusammen mit Gott. \u201eDu geh\u00f6rst dem gekreuzigten Herrn Jesus Christus\u201c, hie\u00df es, als du getauft wurdest.<\/p>\n<p>Darauf darfst du vertrauen. Damit darfst du leben und sterben. Das soll in deiner Seele klingen, wo du auch bist \u2013 bis an das Ende der Welt. Amen.<\/p>\n<p>Pastorin Tine Illum<\/p>\n<p>DK-6091 Bjert<\/p>\n<p>Email: ti(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Lukas 14,25-35 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst&nbsp;von Tine Illum | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | In der orientalischen Erz\u00e4hltradition, in die Jesus geh\u00f6rt, treibt man die Dinge oft auf die Spitze, um das Verst\u00e4ndnis zu erleichtern oder um zu provozieren. Da sieht man gerne eine Schockwirkung, so dass die Leute auch [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2908,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,409,1,185,157,114,413,349,3,109,414],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-2925","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-2-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-deut","category-kapitel-14-chapter-14-lukas","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-tine-illum"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2925","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2925"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2925\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2934,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2925\/revisions\/2934"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2908"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2925"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2925"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2925"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=2925"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=2925"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=2925"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=2925"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}