{"id":2952,"date":"2020-06-23T21:09:50","date_gmt":"2020-06-23T19:09:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2952"},"modified":"2020-06-23T21:18:40","modified_gmt":"2020-06-23T19:18:40","slug":"der-mutige-sohn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/der-mutige-sohn\/","title":{"rendered":"Der mutige Sohn"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt \u00fcber Lukas 15,11-32 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst\u00a0von Poul Joachim Stender | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>Der verlorene Sohn war kein verlorener Sohn. Er war ein mutiger Sohn. Leider hatte der verlorene Sohn nicht wie d\u00e4nische Jugendliche die M\u00f6glichkeit, Geld zusammenzusparen f\u00fcr einige Sabbatjahre, indem man einige Jobs annimmt. Er musste seinen Vater um einen Erbvorschuss bitten. Und als er den bekommen hatte, machte er sich auf den Weg. In der Erz\u00e4hlung \u00fcber ihn steht, dass er in ein Land weit weg ging und dort sein Erbteil \u201emit Prassen\u201c durchbrachte. Das war noch bevor wir Korona bekamen. Und sogleich hat man daran gedacht, dass er all sein Geld f\u00fcr Dirnen, Trinken und \u00fcberm\u00e4\u00dfiges Essen ausgab. Hoffentlich hat er das auch getan! Es ist ein wesentlicher Teil des Lebens, dass man nicht nein Danke sagt zu Erotik, spannenden Weinen und gutem Essen. Aber niemand au\u00dfer dem Bruder des verlorenen Sohnes behauptet, dass er das Erbe nur f\u00fcr solche Dinge ausgegeben habe. Der verlorene Sohn kann in der Fremde sein Geld auch daf\u00fcr ausgegeben haben, die Natur, Kultur und die Sehensw\u00fcrdigkeiten des fremden Landes kennenzulernen. Er kann sein Geld daf\u00fcr verwandt haben, die Einwohner kennenzulernen. Und zweifellos hat der verlorene Sohn, der zuhause bei seinem Vater ein hartes Leben gehabt hatte, auch Zeit und Geld f\u00fcr nichts verwendet. Er hat geglotzt, getr\u00e4umt, nachgedacht, gebetet, philosophiert und sich inspirieren lassen. Etwas, was wir anderen auch hin und wieder tun sollten, ohne damit verlorene S\u00f6hn und T\u00f6chter zu werden. Wenn die d\u00e4nische Bibel von einem \u201eausschweifenden\u201c Leben redet, ist dabei vielleicht nicht dasselbe gemeint, was wir darunter verstehen. Vielmehr ist daran gedacht, dass es ein ausschweifendes Leben ist, nicht ein flei\u00dfiger und eifriger Sohn zu sein, der zuhause bleibt und seine Pflichten wahrnimmt. In einem alten d\u00e4nischen Gedicht von Christian Wilster wird deutlich, wie man vielleicht einmal, und vielleicht immer noch, Leute betrachtet hat, die wie der verlorene Sohn ins Ausland gehen. Das Gedicht hat den Titel: \u201eDer Bauer und sein Sohn\u201c. In der ersten Strophe ist deutlich, wie kritisch man Leute sieht, die im Ausland gewesen sind. Sie l\u00fcgen grob und sind hochm\u00fctig geworden. In einer Hinsicht redet das Gedicht vom Bauernjungen. Aber in einer anderen Hinsicht sagt es viel mehr von dem Bauernjungen, der zuhause blieb: \u201eEin Bauernjunge, der Hans hie\u00df. Er war ein Jahr lang im Ausland mit dem Sohn des Gutsbesitzers. Kam nach Hause zum Hof des Vaters. Und in dem kleinen Bauerndorf erz\u00e4hlte er nun stolz und keck, zum Vergn\u00fcgen f\u00fcr Gro\u00df und Klein, was er alles im fremden Land gesehen hatte. Aber auch wenn vieles davon wahr war, war doch auch manches gelogen. Den zwei Dinge lernt man auf einer Reise: Grob zu l\u00fcgen und sich aufzuspielen. Und Hans verstand es so stark zu l\u00fcgen, wie ein Pferd rennen und ein Vogel fliegen kann\u201c.<\/p>\n<p>Reagieren wir auch so, wenn Leute zu uns kommen, die im Ausland gewesen sind und das Leben \u00e4ndern wollen, das wir leben? Die l\u00fcgen wie ein Pferd rennen und ein Vogel fliegen kann. Es war ein gro\u00dfes Ungl\u00fcck f\u00fcr den verlorenen Sohn, dass da in dem Land, in dem er sich aufhielt, einer Hungersnot ausbrach. Die Lage wurde so schlimm, dass er von seiner Auszeit heimkehren musste, so wie junge D\u00e4nen auch fr\u00fcher als geplant von ihrer Reise zur\u00fcckkehren mussten, weil ihnen das Geld ausging. Er aber wurde mit au\u00dferordentlich gro\u00dfer Freude und Begeisterung empfangen von seinem Vater, der ihm entgegenlief. Das Zentrum in der Geschichte ist nicht der verlorene Sohn, sondern der liebende Vater, ein Bild f\u00fcr den vergebenden, liebenden Jesus Christus. Und dennoch soll man das nicht untersch\u00e4tzen, was man von dem verlorenen Sohn lernen kann. So wie der Vater ein gro\u00dfz\u00fcgiger Mann war, weder zu geizig, um den Sohn sein Erbe zu geben, noch zu geizig, um ihm liebevoll zu empfangen, als er zur\u00fcckkehrte, ganz so war auch der verlorene Sohn durchaus gro\u00dfz\u00fcgig. Vater und Sohn \u00e4hnelten sich, und da der Vater in der Geschichte Gott ist und der Sohn der Mensch, sind wir also Gott in vieler Hinsicht gleich. Die Gro\u00dfz\u00fcgigkeit ist einer dieser \u00c4hnlichkeiten. Der verlorene Sohn hatte den Mut, sein Leben f\u00fcr etwas anderes einzusetzen als f\u00fcr die Vermehrung des v\u00e4terlichen Eigentums und die t\u00e4glichen Pflichten. Er hatte den Mut, einem Traum nachzugehen, einer Sehnsucht, und er ist sicher zu seiner Familie als ein anderer Mensch zur\u00fcckgekehrt mit vielen neuen Gedanken. Haben wir den Mut, dasselbe zu tun? K\u00f6nnen wir aufbrechen von unseren Gewohnheiten, von unseren Vorurteilen, unseren Alltag &#8211; und uns in unbekannte Bereiche des Lebens begeben? Haben wir den Mut, um einen Vorschuss f\u00fcr das Leben zu bitten, so wie der Sohn seinen Vater um einen Erbvorschuss bat? Wer sagt, dass der verlorene Sohn ein junger Mann war? Die Erz\u00e4hlung sagt nichts \u00fcber sein Alter. Sein Vater k\u00f6nnte sehr alt gewesen sein. Abraham war 100 Jahre alt, als er seinen Sohn Isaak bekam. Vielleicht war der verlorene Sohn \u00fcber 50 Jahre alt, seine Kinder waren erwachsen, und er zog mit seiner Frau los und hatte zusammen mit ihr einige phantastische, ergiebige, inspirierende Jahre, ehe die Hungersnot in dem Land ausbrach, wo sie sich aufhielten.<\/p>\n<p>Aber da ist eine Person in der Geschichte, die besonders sauer ist und sich benachteiligt f\u00fchlt. Er konnte einfach nicht verstehen, dass der Bruder, der all das getan hatte, was er sich selbst nicht getraut hatte, von dem Vater wie ein Held empfangen wurde. Und vielleicht lebt dieser Bruder weiter in uns, die wir dieses Gleichnis heute geh\u00f6rt haben. Der Sohn Gottes, Jesus Christus, ist uns gegen\u00fcber sehr freigiebig gewesen. Er hat uns das Leben gegeben. Unseren Lieben. Er vergibt uns unsere S\u00fcnden. Sollten wir nicht auch gro\u00dfz\u00fcgig sein und frei das Leben gebrauchen. Das wir bekommen haben. Lieber jetzt einen Vorschuss auf das Leben nehmen als es auf ein Konto zu setzen, bis wir einmal Zeit haben, es zu leben. Vielleicht sollten wir, wie der verlorene Sohn, fortgehen in ein fremdes Land, ein neues Denken, einen anderen Blick bekommen auf unser Leben. Und sollten wir uns nicht freuen \u00fcber Gelingen und Erfolge, die wir erleben \u2013 \u00fcber die, die etwas wagen, auch wenn es vielleicht in einem Fiasko endet. Wenn Gott gro\u00dfz\u00fcgig ist und vergibt, k\u00f6nnen auch wir gro\u00dfz\u00fcgig sein und vergeben. Wir sind nach seinem Bilde geschaffen. Amen.<\/p>\n<p>Pastor Poul Joachim Stender<br \/>\nDK 4060 Kirke S\u00e5by<br \/>\npjs(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt \u00fcber Lukas 15,11-32 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst\u00a0von Poul Joachim Stender | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | Der verlorene Sohn war kein verlorener Sohn. Er war ein mutiger Sohn. 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