{"id":2958,"date":"2020-06-23T21:15:05","date_gmt":"2020-06-23T19:15:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2958"},"modified":"2020-06-23T21:17:36","modified_gmt":"2020-06-23T19:17:36","slug":"gott-ist-gross","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/gott-ist-gross\/","title":{"rendered":"Gott ist gro\u00df"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt \u00fcber Micha 7,18-20 | verfasst von Eberhard Busch |<\/h3>\n<p>Wir h\u00f6ren in der Predigt auf Worte des Propheten Micha. Er lebte im 8. Jh. vor Christi Geburt\u00a0 und er redet noch heute, zu den Juden, zu den Christen, zu uns. Der Anfang unseres Predigt-Textes erinnert im Hebr\u00e4ischen an den Namen des Propheten Micha, der \u00fcbersetzt bedeutet: &#8222;Wer ist wie Jahwe&#8220;, wer ist wie Gott! H\u00f6ren wir Micha Kapitel 7, die Verse 18-20:<\/p>\n<p><em>\u00a0<strong>Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die S\u00fcnde vergibt und erl\u00e4sst die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festh\u00e4lt, denn er hat Gefallen an Gnade!<\/strong><\/em><em>\u00a0<\/em><strong><em>Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die F\u00fc\u00dfe treten und alle unsere S\u00fcnden in die Tiefen des Meeres werfen.<\/em><\/strong> <em>Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern V\u00e4tern vorzeiten geschworen hast.<\/em><\/p>\n<p>Wir kennen wohl den Satz: Gott ist gro\u00df. Er kommt in den biblischen Psalmen vor. Wir h\u00f6ren ihn vom Muezzin rufen: Allahu Akbar, das hei\u00dft eben: Gott ist gro\u00df. Aber inwiefern ist er das? Hei\u00dft das: er ist gr\u00f6\u00dfer als unsereins? St\u00e4rker, kl\u00fcger, schneller? Einfach eine hoch gesteigerte Ausgabe von dem, was wir ebenso sind? Achten wir auf das, was uns jener Prophet Micha kundtut. Er sagt, Gott ist ganz anders, als wir denken. Gottes Gr\u00f6\u00dfe besteht darin, dass er das vollbringt und das ist: \u201eein Gott, <em>der die S\u00fcnde vergibt<\/em>.\u201c Er ist ein Meister in diesem Fach, ein Meister darin, hinter dem Schiefgelaufenen einen Schlussstrich zu ziehen, g\u00fcltig f\u00fcr gestern, f\u00fcr heute und morgen, g\u00fcltig f\u00fcr uns, f\u00fcr unsere Nachbarn. So hat er es schon \u201eunsren Vorfahren\u201c geschworen. Und dabei bleibt\u2019s.<\/p>\n<p>Ist vergeben denn f\u00fcr ihn nicht ein gar leichtes Gesch\u00e4ft? So nach dem Motto: Schwamm dr\u00fcber! So schnell gibt es keinen Neuanfang, nach dem unter den Menschen grassiereden Schaden. Wie sollte er \u00fcber Verkehrtes nicht zornig werden? Warum nicht die Menschen in das von ihnen selbst verbreitete Verderben laufen lassen! &#8211; das ist n\u00e4mlich sein Zorn. Vielmehr, in seinem Zorn schreit er uns gleichsam heftig entgegen: Nein, nein!, nicht so weiter auf dem Weg in den Abgrund. Sein Zorn ist seine heimliche G\u00fcte. Paul Gerhardt hat im 17. Jahrhundert davon gesungen: \u201eDu <em>strafst<\/em> uns S\u00fcnder \u2013 mit <em>Geduld. &#8230; <\/em>Ja, endlich nimmst du unsre Schuld und wirfst sie in das Meer.\u201c Wie wir schon von Micha h\u00f6ren: \u201eGott wird<strong> alle unsere S\u00fcnden in die Tiefen des Meeres werfen.\u201c<\/strong> Nichtwahr, was <em>wir<\/em> ins Meer werfen, das ist bekanntlich ganz und gar nicht verschwunden. Aber was unser Gott beiseite schafft, das bringt er zum Verschwinden.<\/p>\n<p>So m\u00fchsam es ist, Gott setzt sich dem Verqueren selber aus. Er gibt sich ganz und gar hin, um es zu beseitigen. Das zieht ihn zu uns Bedrohten hinab. Gott ist darin gro\u00df, dass er sich derart erniedrigen kann. Das tut er sich an, um bei uns zu sein, so nahe wie nur m\u00f6glich. Und war dem ermordeten George Floyd in Minneapolis nahe, als er sterbend st\u00f6hnte: \u201eI can\u2019t breathe\u201c, \u201eich kann nicht mehr atmen\u201c. Zu solcher Solidarit\u00e4t sagt Gott nicht Nein, sondern Ja. Und das tut er, um das Verkehrte und Falsche in unsrer Welt zu beseitigen, um <em>dem<\/em> die Luft zu nehmen, damit das B\u00f6se in unsrem Leben aufh\u00f6re und absterbe. Das tut Gott, damit es sich nicht weiter und weiter verbreite und seine Kinder infiziere, so wie die Pest oder ein gef\u00e4hrliches Virus. Und sind sie seine Kinder, so sind sie unsere Schwestern und Br\u00fcder, welcher Herkunft, welcher Hautfarbe, das spielt keine Rolle. So spricht es uns ja der Prophet Micha heute zu: \u201e<strong>Gott hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unsrer wieder erbarmen (und) unsre Schuld unter die F\u00fc\u00dfe treten.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Im Licht der Zuwendung Gottes wird erst recht sichtbar, wer wir sind und wie wir dran sind. Es braucht Licht im Dunklen, damit das Dunkel erkennbar wird. Angesichts der Gnade Gottes geht uns auf, dass wir ihrer im h\u00f6chsten Ma\u00df bed\u00fcrftig sind. Abgesehen davon mag es einem so gehen wie sogar dem einst m\u00e4chtigen Nazi-F\u00fchrer Hermann G\u00f6ring, mitverantwort-lich f\u00fcr die Ermordung unz\u00e4hliger Juden. Als er 1946 im N\u00fcrnberger Prozess vor Gericht stand, erkl\u00e4rte er sich als \u201enicht schuldig\u201c. Hingegen lag es wohl an jenem Licht der Gnade Gottes, dass Pfarrer Martin Niem\u00f6ller zur selben Zeit in einem Vortrag sagte, nachdem er seit 1938 in einem Konzentrationslager gefangen war: \u201eWenn immer ich einen Juden treffe, den ich als Christ kenne, dann kann ich nicht anders als zu sagen: \u201aLieber Freund, ich stehe vor dir, aber wir k\u00f6nnen nicht zusammen kommen, weil Schuld zwischen uns steht. <em>Ich<\/em> habe ges\u00fcndigt und mein Volk hat ges\u00fcndigt, gegen dein Volk und gegen dich.\u2018\u201c<\/p>\n<p>Es ist merkw\u00fcrdig, aber es ist typisch f\u00fcr die S\u00fcnde, dass ihre T\u00e4ter gemeinhin abstreiten, selbst dessen schuldig zu sein. Man vermeidet heute das Wort \u201eS\u00fcnde\u201c, zuweilen auch in der Kirche, nicht weil es S\u00fcnde nicht gibt, aber weil es nicht opportun ist, von ihr zu reden. Oder man macht sie niedlich und l\u00e4cherlich und sagt: \u201eSchokolade ist eine s\u00fc\u00dfe S\u00fcnde\u201c und lenkt damit h\u00fcbsch ab von den Elenden, die \u201ewir\u201c im Mittelmeer ruhig ertrinken lassen, etwa weil \u201ewir\u201c nicht mit ihnen zusammen sein wollen. Oder man zieht die Maske eines Detektivs an, der Schuld bei gewissen Anderen erschn\u00fcffelt und tats\u00e4chlich f\u00fcndig wird. Und wenn es dabei um eine noch so kleine Maus geht, was gilt\u2019s, es wird daraus ein Elefant gemacht. Es gibt sogar Zeitungen, die damit Geld machen. Und man selbst steht bei dem Wischen vor fremden T\u00fcren immer auf der Seite der Gerechten.<\/p>\n<p>Aber h\u00f6ren wir die Botschaft des Propheten Micha: \u201eGott<strong> wird sich unsrer wieder erbarmen.\u201c Wer das beherzigt, der ist frei, an seine <em>eigene<\/em> Brust zu schlagen und sein <em>eigenes<\/em> Versagen bekennen: \u201eIch, ich, und meine S\u00fcnden, die sich wie K\u00f6rnlein finden des Sandes an dem Meer\u201c, die haben Gott und meinem N\u00e4chsten das Leben schwer gemacht. Was bleibt mir anderes \u00fcbrig, als trotzdem auf den Einen zu hoffen, \u201eder die S\u00fcnde vergibt, der an seinem Zorn nicht ewig festh\u00e4lt&#8220;, gottlob hat er \u201eGefallen an Gnade!\u201c, wie Micha uns zuspricht.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vielleicht verdr\u00e4ngen wir ja nicht, sondern leiden an dem, was wir verkehrt gemacht haben und nicht wieder gut machen k\u00f6nnen. Besonders wenn man \u00e4lter wird und wenn man nachts schlecht schl\u00e4ft, da geht es einem so, wie es in einem Lied hei\u00dft: \u201eHeut als die dunklen Schatten \/ mich ganz umgeben hatten, \/ hat Satan mein begehret &#8230;\u201c Ja, es ist wie von einer finsteren Welt, was in dunklen Schatten uns beschleichen und \u00fcberfallen kann.<\/strong>Da fl\u00fcstert es uns ins Ohr, so, dass man dem sich nicht entziehen kann: \u201eWas getan ist, ist getan. Das l\u00e4sst sich nie mehr ausradieren.\u201c Je \u00e4lter man wird, desto mehr geht\u2019s einem auf, und es verfolgt einen bis in die Tr\u00e4ume: Was f\u00fcr einen Fu\u00dfabdruck hinterlasse ich der n\u00e4chsten Generation!<\/p>\n<p>Das habe ich unterlassen, das habe ich falsch angepackt, das habe ich b\u00f6se gesagt, da habe ich mich falsch entschieden. Vielleicht hat es niemand sonst bemerkt. Gleichwohl bedr\u00e4ngt es mich. Vielleicht ist die Sache lange her. Aber ich begreife: Zeit heilt l\u00e4ngst nicht alle Wunden. Vielleicht scheinbar eine Nichtigkeit. Aber in Wahrheit eine Last, die mich bedr\u00fcckt, und bringt mich um den Schlaf. Ich h\u00f6rte einen sterbenden Greis wieder und wieder fl\u00fcstern \u201ees isch eifach eso\u201c, nicht nur dies \u201eist einfach so\u201c, dass das Ende des Lebens nicht mehr aufzuhalten ist, sondern auch das nicht, was in dem Leben alles verkehrt getan worden ist. Es gibt eine Hilflosigkeit gegen\u00fcber unsern eigenen Taten.<\/p>\n<p>Aber es gibt hier eine <em>Heilung<\/em>, die uns genesen l\u00e4sst \u2013 durch den, der uns sagt: er wird \u201e<strong>unsere Schuld unter die F\u00fc\u00dfe treten\u201c. Ein Fu\u00dfabtreter sondergleichen, rutschfest und wetter-best\u00e4ndig. Gott sei Dank!<\/strong> Erbarmen! \u2013 auch da, wo man ein Vergehen nicht vergisst und nicht einem durchgehen l\u00e4sst. Vergebung hei\u00dft nicht: das Vergehen vergessen, so wenig wie das hei\u00dft: es verdr\u00e4ngen oder auf Andere abschieben. Vergebung hei\u00dft, dass sich mir \u00fcber einen Abgrund hinweg die Hand der Vers\u00f6hnung entgegenstreckt. Vergebung hei\u00dft, dass ich sie mir mit nichts in der Welt kaufen, sondern nur schenken lassen kann, und kann nur um sie bitten mit leeren H\u00e4nden wie Bettler.<\/p>\n<p>Vergebung hei\u00dft, um noch einmal an den Satz von Martin Niem\u00f6ller zu erinnern: Ja, \u201eich habe ges\u00fcndigt und mein Volk hat ges\u00fcndigt, gegen dein Volk und gegen dich\u201c; und obwohl nun Schuld zwischen uns steht und obwohl wir daher nicht zusammen kommen k\u00f6nnen, d\u00fcrfen wir <em>gleichwohl<\/em>zusammen kommen, unverdienterma\u00dfen, und d\u00fcrfen es, weil du dazu Ja sagst, weil du die verschlossene T\u00fcre \u00f6ffnest. Unser Gott mache uns sehns\u00fcchtig danach. Und schenke uns Frieden. Amen.<\/p>\n<p>Eberhard Busch, Friedland<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt \u00fcber Micha 7,18-20 | verfasst von Eberhard Busch | Wir h\u00f6ren in der Predigt auf Worte des Propheten Micha. Er lebte im 8. Jh. vor Christi Geburt\u00a0 und er redet noch heute, zu den Juden, zu den Christen, zu uns. 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