{"id":3022,"date":"2020-07-08T15:39:44","date_gmt":"2020-07-08T13:39:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3022"},"modified":"2020-07-08T15:39:44","modified_gmt":"2020-07-08T13:39:44","slug":"auf-schwankendem-boden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/auf-schwankendem-boden\/","title":{"rendered":"Auf schwankendem Boden"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt f\u00fcr den 5. Sonntag nach Trinitatis, dem 12. Juli 2020 |\u00a0Predigttext: Lukas 5, 1 \u2013 11 |\u00a0von Domprobst Gert-Axel Reu\u00df |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Kirche!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sei nicht so \u00e4ngstlich! Du wirst gebraucht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Du wirst gebraucht mit Deinem Optimismus und Deinem Gottvertrauen.<\/p>\n<p>Du wirst gebraucht mit Deinem Mut und Deinem Eintreten f\u00fcr die Menschen.<\/p>\n<p>Du wirst gebraucht mit Deinem Glauben.<\/p>\n<p>Wann, wenn nicht jetzt?! Wann, wenn nicht heute?!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Kirche!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wage Dich nach drau\u00dfen, dorthin, wo die Not ist.<\/p>\n<p>Wage Dich dorthin, wo der Boden schwankend ist.<\/p>\n<p>Wage Dich zu den Menschen, die verunsichert sind. Die sich sorgen um das Morgen. Die nicht wissen, wie es weitergehen soll.<\/p>\n<p>Du wirst gebraucht! Gerade dort wirst Du gebraucht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Kirche!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erinnere Dich. Erinnere Dich an Simon und Andreas. An Jakobus und Johannes. Sie alle waren Fischer. Einfache Fischer, die nachts hinausfuhren mit ihren Booten und tags\u00fcber ihre Netze flickten. Menschen, die taten, was ihre V\u00e4ter und Gro\u00dfv\u00e4ter auch schon getan hatten. Die M\u00fctter und Gro\u00dfm\u00fctter nicht zu vergessen, die die Fische schuppten und ausnahmen. Was sie nicht essen und verkaufen konnten wurde in der Sonne getrocknet als Vorrat f\u00fcr den Winter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Kirche!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erinnere Dich, dass sie nichts gefangen hatten. Alle miteinander. Als Jesus vorbeikam und um ein Boot bat. Simon lie\u00df sich \u00fcberreden; er hatte ja eh nichts Besseres vor. Und so stakt er das Boot mit Jesus an Bord etwas ab vom Ufer, als dieser zu predigen anf\u00e4ngt. \u201eDas Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Davon hatten die Fischer noch nichts gemerkt. Nicht in dieser Nacht und davor auch nicht. Aber irgendetwas muss passiert sein in dieser Stunde. Irgendetwas, das Simon aufgeweckt hat aus seinem Tran. Irgendetwas, das ihn zuh\u00f6ren l\u00e4sst, was dieser Fremde sagt. Hoffnungsworte. Mutmacher: \u201eIch brauche Dich! Zusammen \u00e4ndern wir die Welt!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wann er anf\u00e4ngt zu tr\u00e4umen, wird nicht erz\u00e4hlt. Nur, dass er \u2013 als die Menschen, die Jesus zugeh\u00f6rt hatten, sich wieder zerstreuten \u2013 auf sein (Jesu) Gehei\u00df noch einmal hinausf\u00e4hrt auf den See. Gegen alle Fischer-Erfahrung. Eigentlich ein Wahnsinn, mitten am Tag die Netze auszuwerfen. Nach der durchwachten Nacht, in der sie den See vergeblich nach Fischen abgesucht hatten. Das kann doch gar nichts bringen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Simon tut es trotzdem, folgt diesem Impuls. Zusammen mit seinem Bruder Andreas, und sie fangen Fische. So viele, dass die Netze sie nicht fassen k\u00f6nnen. Fische im \u00dcberfluss, so dass sie ihre Gef\u00e4hrten rufen, ihnen zu helfen. Jakobus und Johannes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem sch\u00f6nen Essay in der Wochenzeitung DIE ZEIT berichtet Marcus Jauer (\u201aWird schon gutgehen, oder?\u2018 Nr. 23 vom 28. Mai 2020, S. 13 \u2013 15) von einer Hebamme. Wenn die werdenden M\u00fctter sie fragen, weil sie bei der dieses gelesen oder jenes geh\u00f6rt haben, dann fragt sie zur\u00fcck: \u201eWas w\u00fcrdest du tun? Was ist denn Dein Gef\u00fchl?\u201c Bei fast allem, was die Frauen antworten, sagt die Hebamme: \u201eJa, das ist gut. Das ist der richtige Weg.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eVertrauen\u201c, so schreibt Marcus Jauer, \u201eist eine uns innewohnende Kraft, die es uns erm\u00f6glicht, mit dem Ungewissen zurechtzukommen, sie zieht uns immer wieder zu ihm hin, weil wir uns letztlich nur dort entwickeln und erfahren k\u00f6nnen, im eigentlichen Sinn also lebendig sind. Das Ungewisse ist das Leben selbst, und es zu leben bedeutet, diese Ungewissheit anzunehmen.\u201c\u00a0 (ebda, S. 15)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ist es nicht genau das, was der Fischer Simon tut. Auch er ist seiner Intuition gefolgt, einem Bauchgef\u00fchl, das ihm gesagt hat: \u201aMan k\u00f6nne es ja mal versuchen.\u2018\u00a0 Und er wurde nicht entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch dieses muss erz\u00e4hlt werden: Jesus gibt ihm den Namen Petrus. Fels. Einem Fischer! Der sich eher auf das Wasser versteht mit seinen Unw\u00e4gbarkeiten, seinem schwankenden Boden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den weiteren Schilderungen der Evangelien werden \u00fcber diesen J\u00fcnger keine Heldentaten berichtet. Es ist eher sein Wankelmut als seine Standfestigkeit, f\u00fcr die Petrus ber\u00fchmt werden wird. Aber gerade auf diesen \u201aFelsen\u2018 wird Jesus die Kirche bauen! Wird er <strong>uns<\/strong> als seine Kirche bauen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir? Die Kirche?<\/p>\n<p>In unserem (evangelischen) Sprachgebrauch z\u00e4hlen wir uns normalerweise zur \u201aGemeinde\u2018. Darin steckt \u2013 so nehme ich es wenigstens wahr \u2013 eine kleine Distanzierung.\u00a0 Die Kirche \u2013 die ist uns ein paar Nummern zu gro\u00df. Die Kirche \u2013 das sind die anderen. Die Pastoren vielleicht und die Bisch\u00f6finnen. Die Kirchenleitungen \u2013 aber wir, die Gl\u00e4ubigen, manchmal Klein-Gl\u00e4ubigen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch! Mit uns will Jesus seine Kirche bauen! Und er hat damit schon l\u00e4ngst angefangen. Fordert uns auf, unser \u201aBoot nur ein wenig vom Ufer abzusto\u00dfen\u2018. Unseren Eingebungen zu folgen und das Naheliegende zu tun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist nur ein kleines Wagnis. Nicht ohne einen Rest Zweifel. Nicht ohne die Erwartung von Entt\u00e4uschung und Vergeblichkeit. Aber k\u00f6nnte man es nicht wenigstens einmal versuchen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Kirche, liebe \u201aalle\u2018! Was kann schon schief gehen? Dietrich Bonhoeffer \u2013 jenes gro\u00dfe Vorbild des Vertrauens \u2013 dichtet: \u201eVon guten M\u00e4chten wunderbar geborgen erwarten wir getrost was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja. Es stimmt: Wer sich mit Bonhoeffers Biografie intensiver besch\u00e4ftigt, wird feststellen, dass dieses Vertrauen immer wieder erarbeitet werden muss. \u201eWer bin ich?\u201c fragt er in einem anderen Gedicht, um dann einzum\u00fcnden in dieses Bekenntnis: \u201eEinsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDein bin ich, o Gott!\u201c<\/p>\n<p>Mehr, liebe Gemeinde, ist nicht n\u00f6tig. Manchmal suchend, nach vorne tastend. Manchmal ganz erf\u00fcllt davon, dass \u201eGott mit uns ist am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kirche \u2013 wir \u2013 das sind keine Superheldinnen und Superhelden. Und m\u00fcssen es auch nicht sein. Petrus war es auch nicht, aber gerade ihn erw\u00e4hlte Jesus, \u201eMenschen zu fangen\u201c. \u2013 Ein durchaus zwiesp\u00e4ltiges Bild, aber wir wissen ja, was gemeint ist. Es geht darum, Menschen in die N\u00e4he Gottes zu rufen. Sie den F\u00e4ngen des B\u00f6sen zu entrei\u00dfen. Es geht darum, dass wir uns von Gott rufen lassen, statt im Verlorenen zu treiben! Ist es nicht das, wonach sich die Menschen sehen? Gerade in diesen unruhigen Zeiten? Sehnen wir uns nicht selbst danach?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir werden gebraucht!<\/p>\n<p>Mit unserem Optimismus und Gottvertrauen.<\/p>\n<p>Mit unserem Mut und unserer Liebe zu den Menschen.<\/p>\n<p>Mit unserem Glauben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch wenn die Not gro\u00df ist. Lasst uns die Augen davor nicht verschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Auch wenn der Boden schwankend ist. Gott h\u00e4lt uns. Das sollen alle wissen!<\/p>\n<p>Auch wenn Sorgen um das Morgen die Gedanken verd\u00fcstern. Lasst uns einander beistehen. Mit unseren Gebeten und Taten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gert-Axel Reu\u00df<\/p>\n<p>Domprobst<\/p>\n<p>Domhof 35<\/p>\n<p>23909 Ratzeburg<\/p>\n<p>Mail: <a href=\"mailto:reuss@ratzeburgerdom.de\">reuss@ratzeburgerdom.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gert-Axel Reu\u00df, geb. 1958, Pastor der Nordkirche, seit 2001 Domprobst zu Ratzeburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt f\u00fcr den 5. Sonntag nach Trinitatis, dem 12. Juli 2020 |\u00a0Predigttext: Lukas 5, 1 \u2013 11 |\u00a0von Domprobst Gert-Axel Reu\u00df | &nbsp; Liebe Kirche! &nbsp; Sei nicht so \u00e4ngstlich! Du wirst gebraucht! &nbsp; Du wirst gebraucht mit Deinem Optimismus und Deinem Gottvertrauen. Du wirst gebraucht mit Deinem Mut und Deinem Eintreten f\u00fcr die Menschen. 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