{"id":3024,"date":"2020-07-08T15:43:09","date_gmt":"2020-07-08T13:43:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3024"},"modified":"2020-07-08T15:59:28","modified_gmt":"2020-07-08T13:59:28","slug":"das-wichtigste-wird-uns-geschenkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/das-wichtigste-wird-uns-geschenkt\/","title":{"rendered":"Das Wichtigste wird&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Das Wichtigste wird uns geschenkt | Predigt am 5. Sonntag n. Tr. &#8211; 12. Juli 20 |\u00a0\u00fcber Lk 5,1-11 | von Bernd Giehl |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Eigentlich ist das ja eine unkomplizierte Geschichte. Jesus kommt zum See Genezareth, er trifft auf ein paar Fischer, die wom\u00f6glich schon von ihm geh\u00f6rt haben, was ja anzunehmen ist, weil schon gleich am Anfang erz\u00e4hlt wird, dass eine gro\u00dfe Menschenmenge ihn h\u00f6ren will. Damit er besser zu ihnen reden kann, bittet er die Fischer, ein St\u00fcck auf den See hinauszufahren. Das tun sie und danach sollen sie ihre Netze auswerfen. Die Fischer sagen, sie h\u00e4tten die ganze Nacht gefischt aber nichts gefangen. Anscheinend kann man mit einfachen Mitteln nur in der Nacht fangen. Sie tun es aber trotzdem und fangen eine gro\u00dfe Menge an Fischen. Nat\u00fcrlich kann man sich dar\u00fcber wundern, dass ihr vermutlich gr\u00f6\u00dfter Fang zugleich auch ihr letzter ist und dass sie nachher den Beruf an den Nagel h\u00e4ngen und Jesus nachfolgen, aber das ist wohl der \u00dcberw\u00e4ltigung geschuldet. Nicht nur Misserfolg kann ein Leben ver\u00e4ndern. Erfolg kann das offenbar auch.<\/p>\n<p>So weit, so einfach. Nur wenn man dann die Parallelstellen bei Matth\u00e4us und Lukas machschl\u00e4gt, merkt man, dass dort anders als bei Lukas nicht von einem Wunder erz\u00e4hlt wird, sondern dass Jesus den Fischern einfach sagt \u201eFolge mir nach\u201c und dann gehen sie tats\u00e4chlich mit ihm.<\/p>\n<p>Eigenartig, nicht wahr? Ob Lukas, anders als die anderen beiden, der Wirkung Jesu nicht v\u00f6llig traut? Ob er deshalb meint, noch ein Wunder hinzuf\u00fcgen zu m\u00fcssen? Nun kann ich nicht sagen, dass das Wunder mich gro\u00df st\u00f6ren w\u00fcrde; es ist nicht so spektakul\u00e4r wie die Speisung der F\u00fcnftausend oder der Gang auf dem See. Ja, man muss es vielleicht nicht einmal als Wunder auffassen.<\/p>\n<p>Aber wie auch immer. Wichtig ist eigentlich nicht so sehr, was Lukas gemeint haben k\u00f6nnte. Viel wichtiger ist, was diese Geschichte uns zu sagen hat. Um das herauszubekommen, m\u00f6chte ich sie mit einer anderen Geschichte konfrontieren, die aus unserer Zeit stammt und ebenfalls von einem Fischzug handelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">II<\/p>\n<p>\u201eEr war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen. In den ersten vierzig Tagen hatte er einen Jungen bei sich gehabt. Aber nach vierzig fischlosen Tagen hatten die Eltern des Jungen ihm gesagt, dass der alte Mann jetzt bestimmt f\u00fcr immer salao sei, was die schlimmste Form von Pechhaben ist, und der Junge war auf ihr Gehei\u00df in einem anderen Boot mitgefahren, das in der ersten Woche drei gute Fische gefangen hatte.\u201c Mit diesen Worten beginnt Ernest Hemingway letzte und wahrscheinlich auch ber\u00fchmteste Novelle \u201eDer alte Mann und das Meer\u201c. Santiago, der aber eigentlich immer nur \u201eder alte Mann\u201c genannt wird, ist schon mit diesen ersten S\u00e4tzen meisterhaft beschrieben: ein alter Mann, dessen gro\u00dfe Zeit vor\u00fcber ist, abgeschrieben von den anderen Fischern, ein Mann im Ungl\u00fcck, der aber nichtsdestoweniger dem Schicksal die Stirn bietet. Als er jung war, haben sie ihn den Champion genannt. Einen Tag und eine Nacht lang hatte er mit einem Schwarzen, dem st\u00e4rksten Mann aus dem Dorf, einen Wettkampf ausgefochten. Jeder hatte versucht, den Arm des anderen auf die Tischplatte zu dr\u00fccken. Nach zwanzig Stunden waren die Zuschauer m\u00fcde geworden und hatten ein Unentschieden verlangt, nicht zuletzt, weil sie schon bald wieder zur Arbeit mussten. Aber Santiago hatte schlie\u00dflich den st\u00e4rkeren Willen gehabt, und er hatte es geschafft, die Hand des Schwarzen auf die Tischplatte zu dr\u00fccken, noch bevor es Morgen wird.<\/p>\n<p>Jetzt jedoch ist er alt und ein Mann im Ungl\u00fcck. \u201eSalao\u201c eben. Jeder andere, so steht zu vermuten, h\u00e4tte sich in sein Schicksal gef\u00fcgt. Der alte Mann jedoch steigt auch am 85. Tag in sein kleines Boot und f\u00e4hrt aufs Meer hinaus, in der Hoffnung, diesmal den Fisch seines Lebens zu fangen. An diesem Tag scheint er endlich Gl\u00fcck zu haben: tats\u00e4chlich zieht etwas an seiner Angel. An der Kraft, mit der die Leine ins Meer gezogen wird, merkt der alte Mann, dass dies tats\u00e4chlich ein gro\u00dfer Fisch sein muss: eine Beute, die seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit fordern wird. Fast spielerisch zieht er den alten Mann in seinem kleinen Boot ins Meer hinaus. Zwischen dem Fisch, der l\u00e4nger ist als Santiagos Boot und dem alten Mann beginnt ein Kampf auf Leben und Tod. Drei Tage und drei N\u00e4chte dauert dieser Kampf, doch der alte Mann gibt nicht auf. Er hat so gut wie nichts zu essen, nur eine Wasserflasche zu trinken, seine linke Hand verkrampft sich so sehr, da\u00df er sie f\u00fcr Stunden nicht mehr gebrauchen kann, aber am Ende schafft er es, den Fisch so nahe an sein Boot heranzuziehen, dass er ihn mit seiner Harpune t\u00f6ten kann. Sechs Meter lang ist er; der gr\u00f6\u00dfte Fisch, den der alte Mann in seinem Leben gefangen hat. Ein Jahr lang wird er vom Verkauf seiner Beute leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch dann kommen die Haie. Auf den ersten schie\u00dft er seine Harpune ab, die n\u00e4chsten bek\u00e4mpft er mit seinem Messer; als die Klinge abbricht, schl\u00e4gt er mit der Ruderpinne nach ihnen. Aber sie sind zu zahlreich, als da\u00df er \u2013 ein Einzelner \u2013 seine Beute gegen sie verteidigen kann. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck fressen sie den Fisch des alten Mannes, ohne da\u00df der sie daran hindern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Gegen Ende der Erz\u00e4hlung kommt Santiago wieder in seinem Heimathafen an: \u201eEr nahm den Mast heraus und schlug das Segel drum und band es fest. Dann schulterte er den Mast und begann hinaufzuklettern &#8230;\u00a0 Er blieb einen Augenblick stehen und blickte zur\u00fcck und sah in der Spiegelung der Stra\u00dfenlaterne den gro\u00dfen Schwanz des Fisches hoch \u00fcber das Heck des Bootes ragen. Er sah die nackte wei\u00dfe Linie seines R\u00fcckgrats und die dunkle Masse des Kopfes mit dem hervorstehenden Schnabel und all die Nacktheit dazwischen.\u201c Gleich wird er nach Hause gehen und sich schlafen legen. Was er tun konnte, hat er getan.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">III<\/p>\n<p>Eine wunderbare Geschichte, liebe Gemeinde. Wom\u00f6glich passt sie ja nicht mehr in unsere Zeit, die so sehr von der Oberfl\u00e4che der Dinge fasziniert ist. Passt nicht mehr in diese Zeit, die alles Schwere verdr\u00e4ngt und nur im hier und jetzt leben will. Passt nicht mit ihrem ganzen existentialistischen Pathos, mit ihrer Botschaft von der Vergeblichkeit und dass man dagegen ank\u00e4mpfen muss, egal wie viel es kostet. Diese Geschichte ist ebenso die Lebensgeschichte des alternden Ernest Hemingway, der erleben muss, wie seine Attraktivit\u00e4t bei den Frauen nachl\u00e4sst, wie seine Kr\u00e4fte schwinden, und wie die Worte sich ihm nicht mehr f\u00fcgen, wie es auch eine exemplarische Geschichte menschlichen Lebens ist. So <em>kann <\/em>man das Leben sehen. Als einen einzigen gro\u00dfen Kampf, und am Ende steht unausweichlich die letzte Niederlage: der Tod. Aber alles kommt darauf an, sich nicht unterkriegen zu lassen. Dem Schicksal die Stirn zu bieten. Nicht nur Hemingway hat es so gesehen; auch andere Schriftsteller aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts haben sich dieser Sichtweise angeschlossen: Albert Camus zum Beispiel oder William Faulkner. Und Camus hat von der Heiterkeit gesprochen, die daraus entsteht, dass man es so annimmt. Hat vom Gl\u00fcck des Augenblicks gesprochen, das es wahrzunehmen gilt. Wenn man das Leben so sieht, kann man Niederlagen leichter einstecken und w\u00e4chst doch zugleich an ihnen. Man lernt wom\u00f6glich, dass das gro\u00dfe Gl\u00fcck eine Illusion ist, der nachzujagen sich nicht lohnt, weil sie immer schon um die Ecke verschwunden ist, wenn man kommt. Man begreift, dass es nur das kleine Gl\u00fcck des Augenblicks ist, vielleicht die Freude an einem Sonnenstrahl, der durchs Zimmer tanzt, und man lernt, diese Freude zu genie\u00dfen, weil der Wechsel auf die Zukunft ja doch nie eingel\u00f6st wird. Sogar die Heiterkeit kann man dann lernen; die Heiterkeit, die allm\u00e4hlich aus dem Verzicht und der Weisheit entsteht.<\/p>\n<p>Ich denke, es steckt viel Lebensklugheit hinter dieser Haltung. Und auch Tapferkeit. Aber die Frage ist doch, ob es nicht auch noch eine andere M\u00f6glichkeit gibt, das Leben zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">IV<\/p>\n<p>Womit ich also nun wieder bei der Geschichte w\u00e4re, von der ich meinen Ausgang genommen habe. Als erstes sieht man wohl, dass diese beiden Geschichten v\u00f6llig unterschiedlich ausgehen. Der alte Mann erleidet die schlimmste Niederlage seines Lebens; die Fischer vom See Genezareth machen einen unerwartet gro\u00dfen Fang. Nun k\u00f6nnte man, wenn man den Schluss nicht kennen w\u00fcrde, denken, dass sie diesen gro\u00dfen Fang m\u00f6glichst bald zu Geld machen und sich wom\u00f6glich gr\u00f6\u00dfere Boote kaufen. Boote, mit denen sie mehr fangen k\u00f6nnen. So w\u00fcrden wir diese Geschichte wohl fortsetzen, aber die Geschichte selbst verl\u00e4uft anders. Die Fischer verlassen alles, was sie haben und folgen Jesus auf seinem Weg ins Ungewisse. Und daran merkt man nun, dass es in dieser Geschichte nicht um materielle Reicht\u00fcmer geht. Sondern es geht um die F\u00fclle des Lebens in der Begegnung mit Jesus.<\/p>\n<p>Und dann macht man noch eine weitere Entdeckung. N\u00e4mlich, dass es sich hier zwar um eine Wundergeschichte handelt, aber dass das Wunder eigentlich woanders liegt als im Materiellen. Die Fische, die sie fangen sind eigentlich nur ein Symbol. Und alleine w\u00fcrden sie es wohl tats\u00e4chlich nicht schaffen. Sie brauchen einen, der ihnen dabei hilft.<\/p>\n<p>Und das ist dann wohl der entscheidende Unterschied zu Hemingways Novelle vom alten Mann und dem Meer. In Hemingways Novelle ist der alte Mann allein. Er hat niemanden, der ihm hilft. Die Geschichte bewundert seine Einsamkeit und seine Gr\u00f6\u00dfe. \u201eEin Mann kann besiegt werden, aber er gibt nicht auf\u201c, das ist die Botschaft, die ganz explizit in dieser Geschichte vorkommt.<\/p>\n<p>Genau hier liegt nun auch der Unterschied. In der Geschichte vom Fischzug sind die J\u00fcnger die Empfangenden. Sie selbst k\u00f6nnen nicht tun. Nichts au\u00dfer Jesus zu gehorchen. Und dann machen sie den Fang ihres Lebens.<\/p>\n<p>Und nun glaube ich, dass diese Geschichte genauso exemplarisch ist wie die vom alten Mann und dem Meer. Beide versuchen auf ihre jeweils eigene Weise ihrem Leser oder H\u00f6rer eine Botschaft zu \u00fcbermitteln. Hemingways Novelle sagt, dass das Leben ein Kampf mit der Natur und dem eigenen Schicksal ist und dass einem nichts geschenkt wird. Die Geschichte vom wunderbaren Fischfang sagt genau das Gegenteil: Alles, was wichtig ist im Leben wird dir von Gott geschenkt.<\/p>\n<p>Vielleicht erleben wir es nicht ganz so exemplarisch wie in der Geschichte vom wunderbaren Fischfang. Aber wir k\u00f6nnen es in unserem Leben erfahren. Alles, was wichtig ist, k\u00f6nnen wir uns nicht erarbeiten. Es wird uns geschenkt. Die Liebe eines anderen Menschen, die Tatsache, dass wir uns selbst annehmen k\u00f6nnen. All das ist wichtig, aber wir k\u00f6nnen es uns nicht verdienen. Ich denke, das ist ein zentrales Element der Botschaft Jesu. Gott ist unser Sch\u00f6pfer; er schenkt uns alles, was zu unserem Leben wichtig ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wichtigste wird uns geschenkt | Predigt am 5. Sonntag n. Tr. &#8211; 12. Juli 20 |\u00a0\u00fcber Lk 5,1-11 | von Bernd Giehl | Liebe Gemeinde! Eigentlich ist das ja eine unkomplizierte Geschichte. 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