{"id":3041,"date":"2020-07-14T22:54:45","date_gmt":"2020-07-14T20:54:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3041"},"modified":"2020-07-14T22:54:45","modified_gmt":"2020-07-14T20:54:45","slug":"noblesse-oblige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/noblesse-oblige\/","title":{"rendered":"Noblesse oblige"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt f\u00fcr den sechsten Sonntag nach Trinitatis \u2013 II \u2013 19.7.2020 |\u00a05.Mose 7,6-12 | verfasst von Suse G\u00fcnther |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen. AMEN<\/strong><\/p>\n<p>Denn Du bist ein heiliges Volk dem Herrn, Deinem Gott. Dich hat Gott erw\u00e4hlt zum Volk des Eigentums aus allen V\u00f6lkern, die auf Erden sind.<\/p>\n<p>Nicht hat Euch der Herr angenommen und erw\u00e4hlt, weil ihr gr\u00f6\u00dfer w\u00e4ret als alle V\u00f6lker, denn Du bist das kleinste unter allen V\u00f6lkern, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er Euren V\u00e4tern geschworen hat. Darum hat er euch herausgef\u00fchrt mit m\u00e4chtiger Hand und hat dich erl\u00f6st von der Knechtschaft aus der Hand des Pharaos, des K\u00f6nigs von \u00c4gypten.<\/p>\n<p>So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied denen h\u00e4lt, die ihn lieben und seine Gebote halten. Und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen und bringt sie um und s\u00e4umt nicht, zu vergelten denen die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich Dir heute gebiete, dass Du danach tust.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gott, gib uns ein Herz f\u00fcr Dein Wort und nun ein Wort f\u00fcr unser Herz. AMEN<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Einer meiner Lehrer im Gymnasium war 1924 geboren, also 1938 14 Jahre alt. Er erz\u00e4hlte uns, die wir damals in der achten Klasse waren, also ebenfalls 14 Jahre alt, folgende Begebenheit: Am Morgen des 10. November, also am Morgen nach der Reichspogromnacht, die Synagoge der Stadt rauchte noch, kam die Mutter einer Mitsch\u00fclerin in die Schulklasse, um ihre Tochter abzuholen. Es handelte sich um ein j\u00fcdisches M\u00e4dchen, das an diesem Tag auch ausgerechnet noch Geburtstag hatte, 14 Jahre alt wurde, die Bat Mizwa h\u00e4tte am darauffolgenden Wochenende angestanden.<\/p>\n<p>Der alte Lehrer, der gerade seinen Mathematik Unterricht abhielt, sagte zu der Frau: \u201eNehmen Sie ihre Tochter und gehen Sie, so weit Sie k\u00f6nnen\u201c<\/p>\n<p>Niemand konnte dem Mann aus diesem Satz einen Strick drehen, auch die nicht, deren Familien streng Nazi treu eingestellt waren. Die Botschaft war trotzdem deutlich f\u00fcr die, die sie h\u00f6ren wollten.<\/p>\n<p>Mein Lehrer, der aus einem christlichen Elternhaus stammte, war tief bewegt von der Erfahrung und hat davon seinem Vater, mit dem er am Nachmittag spazieren ging, berichtet. Der Vater sagte ihm: \u201eDie Juden sind Gottes Volk. Es wird nicht gutgehen, wenn jemand Gottes Volk etwas antut.\u201c Mein Lehrer, der unmittelbar nach dem Abitur seinen Gestellungsbefehl bekam, hat noch oft an diese Worte denken m\u00fcssen. Es ist nicht gut gegangen, das hat er als junger Mann miterleben m\u00fcssen. Er hat viele Konsequenzen aus dieser f\u00fcr ihn so unbegreiflichen und schlimmen Zeit gezogen. Eine davon die, dass er selbst Lehrer wurde. Um nachfolgenden Generationen das mitzugeben, was sein Lehrer ihm damals mitgegeben hatte: Sagt und tut rechtzeitig das N\u00f6tige und das Richtige<\/p>\n<p>Eine andere die: Haltet Euch an Gott<\/p>\n<p>Und eine dritte: Er hat nach dem Krieg alles daran gesetzt, den Kontakt zu seiner Klassenkameradin wieder herzustellen. Er hat sie ausfindig gemacht in Frankreich. Noch am 10.11.1938 ist die Familie nach Frankreich geflohen und von dort aus, als abzusehen war, dass es auch in Frankreich nicht mehr sicher sein w\u00fcrde, in die USA, nach dem Krieg aber wieder zur\u00fcck nach Paris. Der Kontakt der beiden Klassenkameraden blieb bestehen bis zu deren Tod.<\/p>\n<p>Die Juden sind Gottes Volk<\/p>\n<p>Durch H\u00f6hen und Tiefen hindurch, die dieses Volk in seiner wechselvollen Geschichte erleben musste, hat sich daran nichts ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Die Worte unseres heutigen Predigttextes stammen aus dem Buch Deuteronomium, dem f\u00fcnften Buch Mose, das als das \u00e4lteste zusammenh\u00e4ngende Buch der Bibel gilt. Auch dieses Buch ist in einer f\u00fcr das Volk Israel sehr schweren Zeit entstanden: Zur Zeit des K\u00f6nigs Josia, der von 647 bis 609 vor Christus herrschte, sollen gro\u00dfe Teile dessen \u201eaufgetaucht\u201c sein, was wir heute f\u00fcnftes Buch Mose nennen, eine Zusammenstellung von Verhaltensregeln, die es den Israeliten erm\u00f6glichen sollen, durchzuhalten, sich zu Gott zu halten und eine Zukunft zu haben.<\/p>\n<p>Kurz vor unserem heutigen Predigttext (5.Mose 6, 4f) finden sich die Worte, die die Juden als Glaubensbekenntnis verbinden und die sie in einem kleinen Glasr\u00f6hrchen, der Mesusa, an ihren T\u00fcrrahmen h\u00e4ngen:<\/p>\n<p>\u201eH\u00f6re Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und Du sollst den Herrn Deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all Deiner Kraft\u201c: Gott ist einer, halte Dich zu ihm.<\/p>\n<p>Diese Durchhaltes\u00e4tze und Ermutigungen hatte das Volk Israel zur Zeit des K\u00f6nigs Josia bitter n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Damals hatten die Assyrer den Tempel der Juden geschlossen, die Juden durften ihren Glauben nicht leben, stattdessen waren heidnische Kulte im Land verbreitet.<\/p>\n<p>Wieder einmal eine Zeit, in der es nicht gut angesehen war, dem j\u00fcdischen Glauben anzugeh\u00f6ren. Und wieder einmal eine Zeit, in der es gerade dann wichtig war, sich zu diesem Glauben zu bekennen. Denn er war das, was die Menschen zusammenhielt. Sich zum gemeinsamen Glauben zu bekennen, zur Gemeinschaft zu geh\u00f6ren, das lie\u00df die Menschen nicht nur durchhalten, sondern eben auch Juden sein.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns evangelische Christen heute steht viel mehr die ganz pers\u00f6nliche Entscheidung im Mittelpunkt unseres Glaubens. Unsere ganz pers\u00f6nliche Beziehung zu Gott. F\u00fcr die Juden ist es die Zugeh\u00f6rigkeit zur Gemeinschaft, die sich an Gott orientiert, die einen als Juden ausmacht.<\/p>\n<p>Das Blatt hat sich damals, zur Zeit des K\u00f6nigs Josia, f\u00fcr die Juden noch einmal gewendet. Die Assyrer verloren an Macht, die Juden konnten ihren Tempel wieder \u00f6ffnen und ihren Glauben wieder leben. Auch wenn oder gerade weil sie in dieser Zeit vor allem von den \u00c4gyptern bedroht waren, kam es damals zu einem starken Nationalismus im Land. Man wehrte sich mit aller Kraft gegen heidnischen Kulte, die j\u00fcdische Religion lebte ganz neu auf<\/p>\n<p>\u201eGott hat euch erw\u00e4hlt, er hat euch ausgesucht, auch wenn ihr ein kleines Volk seid\u201c \u2013 so lesen wir im heutigen Predigttext. Daran \u00e4ndert auch eine wechselvolle Geschichte nichts, daran \u00e4ndern auch Menschen nichts, die es besser zu wissen glauben. Gott w\u00e4hlt aus, er beruft Menschen. Dass es oft kein Zuckerschlecken ist, ausgew\u00e4hlt zu sein, davon erz\u00e4hlen die Menschen in der Bibel. Eine Aufgabe, eine Herausforderung ist oft damit verbunden, f\u00fcr die Juden wie sp\u00e4ter auch f\u00fcr die Christen, die durch Jesus ebenfalls diese Aufgabe bekamen, zu Gottes Volk zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Wir feiern heute den Sonntag, in dessen Mittelpunkt f\u00fcr die Christen die Erinnerung an die Taufe steht.<\/p>\n<p>Auch hier ist es wichtig, sich daran zu erinnern, es ist Gott, der ausw\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Es wurde viel diskutiert in den vergangenen Jahren, ob es sinnvoll ist, schon kleine Kinder zu taufen, die dazu ja noch gar nichts sagen k\u00f6nnen. Viele Eltern entscheiden inzwischen dagegen mit der Begr\u00fcndung: Das Kind soll sp\u00e4ter mal selbst entscheiden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Taufe schon als Baby aber spricht unser Glaube daran, dass Gott es ist, der uns in seine N\u00e4he ruft.<\/p>\n<p>Ob wir ihm dann sp\u00e4ter immer noch angeh\u00f6ren m\u00f6chten, ob wir uns in unserer Glaubensgemeinschaft engagieren m\u00f6chten, ob wir glauben, das ist dann immer noch unsere Entscheidung. Gottes Entscheidung aber steht. Er macht den ersten Schritt und sagt jedem von uns bei der Taufe das ganz pers\u00f6nlich zu: \u201eDu bist geliebt. Du bist gewollt. Du geh\u00f6rst zu meinem Volk.\u201c Gott h\u00e4lt seinen Bund. Sein Versprechen gilt.<\/p>\n<p>Deshalb ist es Unsinn, sich, etwa beim Eintritt in eine fromme Glaubensgemeinschaft oder beim Wiedereintritt in die Kirche ein zweites Mal taufen zu lassen.<\/p>\n<p>Gott f\u00fchrt in die Freiheit \u2013 die zentrale j\u00fcdische Glaubenserfahrung, aus der Sklaverei in \u00c4gypten befreit worden zu sein, gilt auch f\u00fcr uns Christen: Gott befreit zum Leben.<\/p>\n<p>Aber, auch da ist unser Predigttext eindeutig:<\/p>\n<p>Mit dieser Befreiung ist eine Aufgabe verbunden: Sich anderen gegen\u00fcber an Gottes Gebot zu halten. Oder um es mit den Worten aus dem Jahr 1938 zu sagen: \u201eEs wird nicht gutgehen, wenn jemand Gottes Volk etwas antut.\u201c<\/p>\n<p>Gott erw\u00e4hlt, er nimmt uns auf in seinen Bund. Wir sind sein Volk. In dieser Welt, in unserer Gegenwart sind wir in seinem Namen unterwegs. Wir sind besch\u00fctzt, befreit und beauftragt. In dieser Spannung leben wir bis heute: Es ist gut, Gottes Volk zu sein. Es ist schwer Gottes Volk zu sein.<\/p>\n<p>Deshalb bin ich froh, dass am Anfang meines Weges mit Gott seine eindeutige Entscheidung f\u00fcr mich steht. Ich bin getauft in seinem Namen. Ich geh\u00f6re dazu. Und f\u00fcr das, was dann kommt, wende ich mich immer wieder aufs Neue an ihn. Er hat von allem Anfang an gewusst, was er mit mir vorhat. Er wird es weiter wissen. AMEN<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt f\u00fcr den sechsten Sonntag nach Trinitatis \u2013 II \u2013 19.7.2020 |\u00a05.Mose 7,6-12 | verfasst von Suse G\u00fcnther | &nbsp; Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen. AMEN Denn Du bist ein heiliges Volk dem Herrn, Deinem Gott. 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