{"id":3068,"date":"2020-07-22T19:11:26","date_gmt":"2020-07-22T17:11:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3068"},"modified":"2020-07-22T19:24:19","modified_gmt":"2020-07-22T17:24:19","slug":"eine-art-sommerpredigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/eine-art-sommerpredigt\/","title":{"rendered":"Eine Art Sommerpredigt"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zum 26. Juli 2020 | Lukas 4, 1-13 |&nbsp;Dekan Uland Spahlinger |<\/h3>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Jesu Versuchung<\/strong><\/p>\n<p>Lukas 4<\/p>\n<p>1&nbsp;Jesus aber, voll Heiligen Geistes, kam zur\u00fcck vom Jordan und wurde vom Geist in die W\u00fcste gef\u00fchrt<\/p>\n<p>2&nbsp;und vierzig Tage lang von dem Teufel versucht. Und er a\u00df nichts in diesen Tagen, und als sie ein Ende hatten, hungerte ihn.<\/p>\n<p>3&nbsp;Der Teufel aber sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich zu diesem Stein, dass er Brot werde.<\/p>\n<p>4&nbsp;Und Jesus antwortete ihm: Es steht geschrieben (5.Mose 8,3): <strong>\u00bbDer Mensch lebt nicht allein vom Brot.\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>5&nbsp;Und der Teufel f\u00fchrte ihn hoch hinauf und zeigte ihm alle Reiche der Welt in einem Augenblick<\/p>\n<p>6&nbsp;und sprach zu ihm: Alle diese Macht will ich dir geben und ihre Herrlichkeit; denn sie ist mir \u00fcbergeben und ich gebe sie, wem ich will.<\/p>\n<p>7&nbsp;Wenn du mich nun anbetest, so soll sie ganz dein sein.<\/p>\n<p>8&nbsp;Jesus antwortete ihm und sprach: Es steht geschrieben (5.Mose 6,13): <strong>\u00bbDu sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen.\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>9&nbsp;Und er f\u00fchrte ihn nach Jerusalem und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich von hier hinunter;<\/p>\n<p>10&nbsp;denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): \u00bbEr wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, dass sie dich bewahren.<\/p>\n<p>11&nbsp;Und sie werden dich auf den H\u00e4nden tragen, damit du deinen Fu\u00df nicht an einen Stein st\u00f6\u00dft.\u00ab<\/p>\n<p>12&nbsp;Jesus antwortete und sprach zu ihm: Es ist gesagt (5.Mose 6,16): <strong>\u00bbDu sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>13&nbsp;Und als der Teufel alle Versuchungen vollendet hatte, wich er von ihm eine Zeit lang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDer Teufel hat den Schnaps gemacht<br \/>\nUm uns zu verderben.<br \/>\nIch h\u00f6r&#8216; schon<br \/>\nWie der Teufel lacht<br \/>\nWenn wir am Schnaps einmal sterben\u201c <a href=\"applewebdata:\/\/D4160506-766B-4922-9CCC-17B257B29DA6#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kennen Sie das noch? Das war der Kehrvers eines Schlagers von Udo J\u00fcrgens \u2013 70er Jahre, w\u00fcrde ich sagen. Udo J\u00fcrgens spielt hier mit der popul\u00e4ren Vorstellung: der Teufel ist ein Jemand, der irgendwo au\u00dferhalb unser selbst sein Unwesen treibt. Er macht etwas \u2013 hier den Schnaps. Und er hat ein Ziel \u2013 uns zu verderben, zu verf\u00fchren, wegzuziehen von einem Pfad der Tugend und der Moral. So \u00e4hnlich finden wir das manchmal in Comics, im M\u00e4rchen, im Schauspiel \u2013 der Mephisto in Goethes Faust, dort sogar als Gegner Gottes auf Augenh\u00f6he \u2013 oder in der Oper \u2013 der Samiel im \u201eFreisch\u00fctz\u201c. Und, und, und\u2026. H\u00f6rner, Schwanz und Pferdefu\u00df \u2013 die Lust am Untergang des harmlosen Guten. Seiner List kann man entweder mit einem reinen Gem\u00fct oder mit Gegenlist begegnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Pfiffige daran ist dies: der Teufel wird immer als eine Figur au\u00dferhalb von uns selbst dargestellt \u2013 wir sind also die Opfer. Die Gelockten und Verf\u00fchrten. Und damit eigentlich nicht selber schuld. Zumindest wird die Verstrickung des Menschen in die Schuld aufgeweicht; es war ja der Teufel. Auf dieses Weise l\u00e4sst sich dann Gut gegen B\u00f6se, Moral gegen Verkommenheit prima abgrenzen. Die Schuld liegt beim Teufel. Und du bist aus dem Schneider \u2013 denn es ist ja, um mit Udo J\u00fcrgens zu sprechen, der Teufel, der den Schnaps gemacht hat. Und weil du denkst, du seist aus dem Schneider \u2013 gewinnt er, der Teufel. Denn wer macht den Schnaps in Wirklichkeit? Und wer trinkt ihn? Es ist wirklich ein hinterlistiges Spiel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unsere biblische Geschichte scheint dieses einfache Denkmuster auf den ersten Blick zu best\u00e4tigen. Aber wirklich nur auf den ersten. Schauen wir also genauer hin.<\/p>\n<p>Jesus ist in der W\u00fcste, vom Heiligen Geist gef\u00fchrt, also vom Geist Gottes, der nach der Erz\u00e4hlung des Lukas bei der Taufe \u201eleibhaftig\u201c auf ihn gekommen war. Lukas legt als Meister der Erz\u00e4hlung viel Wert auf plastische Erz\u00e4hlelemente. Und so stellt er Jesus in der W\u00fcste den Teufel als eine Art Dauerbelagerer gegen\u00fcber \u2013 40 Tage habe er ihn versucht. Jesus h\u00e4lt dem stand und fastet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00fcste: der Ort der Entbehrung und des R\u00fcckzugs. Mehr als nur eine karge und bizarre Landschaft. In der W\u00fcste erlebst du unmittelbar, wie der Lebensfaden sehr schnell sehr d\u00fcnn werden kann, wenn Wasser und Nahrung fehlen, wenn tags\u00fcber gro\u00dfe Hitze und nachts schlimme K\u00e4lte dir zu Leibe r\u00fccken. In der W\u00fcste wirst du auf dich selbst zur\u00fcckgeworfen \u2013 weshalb immer und immer wieder Menschen zur Selbsterfahrung und zur Gottesbegegnung in die W\u00fcste gingen. So auch Jesus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die 40 Tage: Sie sind nat\u00fcrlich eine Anspielung auf die 40 Jahre, die das Volk Israel durch die W\u00fcste zog nach der Befreiung aus der \u00e4gyptischen Sklaverei, nach dem Hochmut des goldenen Kalbs und dem Fall in die Verz\u00f6gerung des versprochenen gelobten Landes \u2013 eben die 40 Jahre. Die Zeit in der W\u00fcste ist eine Zeit, in der du in Versuchung geraten kannst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und dann das Fasten: Jesus fastet, aber ganz gewiss nicht um abzunehmen. Es geht nicht darum, eine S\u00fcnde gegen die Kalorientabelle auszumerzen. Jesus fastet \u2013 er \u00fcbt Verzicht \u2013 um sich konzentrieren zu k\u00f6nnen auf die Situation und auf seine Verbindung zu Gott.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Evangelist \u00fcbergeht aber auch nicht die Folgen. Nach den 40 Tagen des Fastens und der Auseinandersetzung hat Jesus Hunger. Ganz elementar und nachvollziehbar. Und das ist der erste Ansatzpunkt f\u00fcr den Teufel.<\/p>\n<p>Lukas verwendet hier nicht das hebr\u00e4ische Wort Satan\u00e2s \u2013 das hie\u00dfe so viel wie Widersacher. Bei Lukas steht das griechische Wort Di\u00e1bolos. Und das ist der, der die gute Ordnung durcheinanderwirft, verwirrt und in Unordnung bringt. Und in unserer Geschichte setzt er zielgenau bei einem Grundbed\u00fcrfnis an: Jesus hat Hunger, der Di\u00e1bolos verspricht Brot. Aber ganz t\u00fcckisch verkn\u00fcpft er das mit einer Bedingung: Zeig die Macht, die du angeblich hast. Jesus durchschaut ihn und h\u00e4lt dagegen: es geht nicht nur ums Sattwerden \u2013 es geht um deine Gottesbeziehung. Zur Debatte steht die alte Weisung Gottes an sein Volk, n\u00e4mlich \u201edass der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN geht\u201c (5. Mose 8,3). Oberfl\u00e4chlich betrachtet bietet der Di\u00e1bolos eine schnelle L\u00f6sung des Problems \u201eHunger\u201c an, tiefergr\u00fcndig aber kratzt er die Gottesbeziehung Jesu an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Genau so beim zweiten Versuch: Weltherrschaft. Der Di\u00e1bolos tritt hier selbst mit einem schier grenzenlosen Machtbewusstsein auf: <u>Alles<\/u> will ich dir \u00fcbergeben, wenn du mich anbetest. Das Motiv, das immer und immer wieder durchdacht wird: kann der Mensch Allmacht gewinnen? Und wenn ja, zu welchem Preis? Jesus wehrt kategorisch ab: Nur Gott allein geb\u00fchrt Anbetung. Punktum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und der dritte Anlauf: Da geht es nicht mehr um Macht, sondern um einen Vertrauensbeweis. Zeig deinen Glauben. Zeig dein Vertrauen. Sie kennen das vielleicht: Vertrauensspiele in der Jugendgruppe \u2013 alle stehen im Kreis eine*r in der Mitte l\u00e4sst sich nach hinten fallen und wird aufgefangen und sanft weitergeschoben. Es ist gro\u00dfartig, wenn du dich so fallenlassen kannst. (Und \u2013 das sei dazugesagt \u2013 eine ziemliche Katastrophe, wenn dich dann doch einer nicht halten kann oder fallenl\u00e4sst\u2026). Sich in den Tod zu st\u00fcrzen, um <u>Gott<\/u> dazu zu bewegen, dass er dich auff\u00e4ngt \u2013 das, sagt Jesus, hei\u00dft aber Gott versuchen. Gott herausfordern. Gott dein eigenes Schicksal aufzwingen wollen. Und das geht nicht an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So erz\u00e4hlt Lukas und schlie\u00dft damit, dass nach diesem Versuch der Di\u00e1bolos \u201ef\u00fcr eine Weile\u201c aufgibt. Die Auseinandersetzung ist nicht beendet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der sehr sch\u00f6n erz\u00e4hlten Kinderbibel von Werner Laubi gibt es ein Bild der gro\u00dfartigen Illustratorin Annegert Fuchshuber<a href=\"applewebdata:\/\/D4160506-766B-4922-9CCC-17B257B29DA6#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a> zu unserer Geschichte. Dort ist Jesus in der W\u00fcste zu sehen \u2013 und hinter ihm steht quasi ein zweiter Jesus, die gleiche Gestalt, aber in bedrohlichen Grau- und Schwarzt\u00f6nen, und fl\u00fcstert dem anderen leise und verf\u00fchrerisch ins Ohr: Lass dir von mir helfen, der todbringenden Umgebung zu entfliehen. Nutze <u>deine<\/u> Macht: Verjage den Hunger. Nutze <u>meine<\/u> Macht: Hol dir die Weltherrschaft. Teste deine Gottesbeziehung: Lass dich vor dem Tod retten. Probier\u2019s aus!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Annegert Fuchshuber weist mit ihrem Bild auf etwas hin: es ist nicht so einfach mit dem Di\u00e1bolos. Er ist eben nicht nur ein mythisches Gegen\u00fcber. Er steckt in uns drin \u2013 als eine Kraft, eine Phantasie, eine Sehnsucht, ein Hunger nach Leben aus eigener Kraft und um vielleicht jeden Preis. Er steckt in den Beziehungen, in denen wir leben: wenn wir unseren Vorteil suchen, und sei es auf Kosten anderer. Das geht bei so scheinbar belanglosen Dingen an wie dem Dr\u00e4ngeln auf der Autobahn \u2013 als sei meine Zeit wertvoller als die der anderen, nur weil ich ein st\u00e4rkeres Auto habe. Das geht weiter bei den kleinen Steuerhinterziehungen und endet bei der gro\u00dfen Wirtschaftskriminalit\u00e4t, Rauschgifthandel, ausbeuterischen Arbeitsverh\u00e4ltnissen, Zwangsprostitution oder dergleichen Verbrechen. Da muss mir keiner erz\u00e4hlen, das sei der Teufel au\u00dferhalb. Nein, nein: hier spielen Menschen und Systeme ineinander.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und nicht einmal der Glaube ist von solchen Einfl\u00fcsterungen und fehlgeleiteten Phantasien frei. Wie etwa sollen sich Christen im Angesicht der Corona-Pandemie verhalten, etwa in den Gottesdiensten? Die Diskussionen dar\u00fcber sind lebhaft \u2013 die Meinungen kontrovers. Abstand? Masken? Warum bei uns, wenn anderswo schon nicht mehr? Sie kennen die Fragen. Aber Sie erinnern sich sicher auch an die Meldungen gerade \u00fcber kirchliche und andere Religionsgemeinschaften an verschiedenen Orten der Republik. In einem Radiobeitrag \u00fcber die Evangeliumschristengemeinde Frankfurt kam der folgende Abschnitt vor:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDas sind Gemeinden, wo man sich st\u00e4rker umarmt, auch im \u00fcbertragenen Sinn, als in einer eher unterk\u00fchlten landeskirchlichen oder Di\u00f6zesangemeinde. Es ist sicher richtig, dass der Enthusiasmus, etwa jetzt laut loszusingen, da auch gr\u00f6\u00dfer ist \u2013 das sind ja auch die St\u00e4rken dieser Gemeinden.\u201c (So die Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg.) Die St\u00e4rken, die aber auch ein erh\u00f6htes Risiko in sich bergen. So r\u00e4umte die Gemeinde der Evangeliumschristen aus Frankfurt, in deren Umfeld sich 200 Menschen mit Covid 19 infizierten, sp\u00e4ter ein, man habe weder einen Nase-Mund-Schutz getragen noch auf das Singen verzichtet. Neben der zwischenmenschlichen N\u00e4he kann aber auch ein gewisses theologisches Verst\u00e4ndnis zum Risiko werden: das absolute Gottvertrauen, einem frommen Menschen k\u00f6nne nichts passieren. (Bernhard Lang): \u201eMan bezieht sich da gern auf eine Psalmstelle die hei\u00dft, die D\u00e4monen k\u00f6nnen dem Menschen immer Schaden zuf\u00fcgen, aber dir nicht; Zehntausende fallen zu deiner Rechten und zehntausende zu deiner Linken \u2013 an dich kommt\u2019s nicht heran.\u201c Dieses Gottvertrauen gebe es offenbar in einigen christlichen Gemeinden, meint Dorothea Wendebourg. Zum Beispiel beim Abendmahl werde gesagt: \u201eWir k\u00f6nnen den gemeinsamen Kelch auch trinken, da kann \u00fcberhaupt nichts entstehen. Also da w\u00fcrde ich schon sagen, das hei\u00dft Gott herausfordern\u201c <a href=\"applewebdata:\/\/D4160506-766B-4922-9CCC-17B257B29DA6#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und das ist der Punkt. Die Pandemie wird \u2013 neben vielen anderen Aspekten \u2013 zum Vergr\u00f6\u00dferungsglas auf tagtr\u00e4umende Allmachtsphantasien, die sich in Lebensentw\u00fcrfen und -forderungen widerspiegeln. Da r\u00fcckt die alte Geschichte von der Versuchung Jesu ganz dicht heran an uns. Und nicht nur im Blick auf die Gottesdienstfeier als solche. Sie l\u00e4sst sich vielmehr an fast jeden unserer Lebensbereiche anlegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jahr f\u00fcr Jahr feiert die kleine evangelische Kirchengemeinde in Veitsweiler in Westmittelfranken (unweit des Hesselbergs) am 24. Juni, am Johannistag, einen Erntebittgottesdienst. Die Landschaft ist b\u00e4uerlich gepr\u00e4gt, Felder, Wiesen, Waldst\u00fccke formen sie. Die Menschen leben zum Teil noch als Landwirte, viele von denen im Nebenerwerb.<\/p>\n<p>In dieser Region wissen wir noch sehr gut, wie sich die wechselseitige Beziehung zwischen Mensch und Natur beschreibt. Wir wissen, was zu viel Regen bedeutet \u2013 wir erfahren jetzt in den letzten Jahren, wie zu wenig Regen die Ernte und damit die Lebensgrundlagen bedroht. Wir wissen um die Zusammenh\u00e4nge und wir leben mit ihnen. Wir versuchen uns naturnah und regional zu orientieren. Aber Leben auf dem Land hei\u00dft nicht: wir sind nur bei uns und der Rest ist uns egal. Denn gleichzeitig leben wir unter dem Eindruck verst\u00f6render Berichte \u00fcber die Folgen der Massentierhaltung am Beispiel einer Gro\u00dfschlachterei in G\u00fctersloh \u2013 und wissen: das ist nicht der einzige Fall in unserem Land.<\/p>\n<p>Die Folgen dieses Wirtschaftens sind noch un\u00fcbersehbar. Es geht dabei eigentlich um alles, was uns \u2013 auch als Verm\u00e4chtnis Gottes \u2013 wertvoll sein sollte: die Achtung vor Menschen und Tieren, Gerechtigkeit, Ehrfurcht vor der Sch\u00f6pfung. Wir h\u00f6ren nicht gern, dass wir Anteil haben an dem System \u2013 etwa durch Konsumverhalten. Aber eben auch durch Produktionsmethoden, die wir anwenden \u2013 weil wir sonst vielleicht wirtschaftlich nicht standhalten k\u00f6nnten. Weil den Bauern als Produzenten Preise aufgezwungen werden, die zum Teil unter den Produktionskosten liegen. Weil so viele Leute gern Fleisch esse, aber es darf m\u00f6glichst nichts kosten. Und das geht an die Substanz \u2013 \u00fcberall: Es schafft ungesunde Lebensverh\u00e4ltnisse, es kostet Nerven und raubt die Ruhe. Es bringt Massenproduktion hervor \u2013 und wie problematisch die ganz schnell werden kann, davon sind die Nachrichten gerade eben voll. Und dabei spielt es keine Rolle, dass das nicht in unserer Region stattfindet, der Handel mit Agrarprodukten ist ein weltweiter Handel. Vor 25 Jahren konnte ich im Hochland von Neuguinea Konserven mit Schweineschinken aus D\u00e4nemark kaufen. Es g\u00e4be noch viele, viele andere Beispiele aus vielen, vielen anderen Lebensbereichen: da f\u00e4llt Ihnen allen bestimmt eine Menge ein. Und sie alle haben damit zu tun, dass Menschen planen und handeln, als h\u00e4tten sie die letztg\u00fcltige Entscheidung, und sich so letztlich selbst an Gottes Stelle r\u00fccken. Und so die gut gedachte und gut eingerichtete Ordnung Gottes durcheinanderbringen, verwirren und zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gott um gute Ernte bitten: das w\u00e4re dann eine Gegenbewegung. Ein Protest gegen den Di\u00e1bolos \u2013 um uns und in uns. Gott um gute Ernte bitten: um genug Regen, der nicht immer und nicht \u00fcberall so f\u00e4llt, wie die Natur das braucht. Wir sehen das an den W\u00e4ldern und zum Teil am Getreide. Im vergangenen Sommer in Mecklenburg-Vorpommern habe ich Getreidefelder gesehen, die waren buchst\u00e4blich verbrannt in der Sonne. Kein Regen. Keine Ertr\u00e4ge. Genug Regen \u2013 sanfter Regen \u2013 ist so n\u00f6tig! Sonne, Wind, alles zur rechten Zeit. Gesundheit und Arbeitskraft, Frieden im Land, damit die Arbeit getan werden kann: das sind alles Faktoren, die wir brauchen, damit Saat, Wachstum und Ernte zu gutem Ziel und guten Ertr\u00e4gen kommen. Dass alle ein Auskommen haben. Dass alle nicht nur \u00fcberleben k\u00f6nnen, sondern leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Di\u00e1bolos in der Jesusgeschichte nimmt auf all das keine R\u00fccksicht. Er setzt auf selbstbezogene Instinkte: Bed\u00fcrfnisbefriedigung, Macht, Herausforderung Gottes. Er spielt mit der Eigensucht. Er ist der Zerst\u00f6rer des Vertrauens, der Mitmenschlichkeit, der R\u00fccksicht aufeinander. Dieser b\u00f6se Geist im Menschen und unter den Menschen hat den Tod zum Paten. Und er ist wirksam. Er ist wirksam \u00fcberall da, wo wir nicht wachsam sind: wachsam wie Jesus. Wachsam f\u00fcr den Willen Gottes. Wachsam f\u00fcr die Menschen und die Sch\u00f6pfung, ganz besonders da, wo sie bedroht und gef\u00e4hrdet sind. Wachsam f\u00fcr unser eigenes Denken, Reden und Handeln: Sind wir bei denen, die Gottes Sch\u00f6pfung bebauen und bewahren? Sehen wir im anderen Menschen den Bruder und die Schwester, die Gott genauso liebt wie mich? Egal woher er kommt, egal was sie glaubt oder wie sie aussieht? Geben wir Gott so die Ehre und r\u00e4umen ihm den ersten Platz ein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An manchen Stellen im Neuen Testament kann man Aufforderungen zum wachsamen Leben lesen, zum Beispiel im 1. Petrusbrief: \u201e<strong>Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt f\u00fcr euch.<\/strong><\/p>\n<p>Seid n\u00fcchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein br\u00fcllender L\u00f6we und sucht, wen er verschlinge\u201c (1. Petr. 5, 7-8).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da finde ich die Geschichte von der Versuchung Jesu zusammengefasst in eine Mahnung an die Gemeinde: Der Di\u00e1bolos \u2013 auch dort \u201eDi\u00e1bolos\u201c \u2013 der Verwirrer und Durcheinanderbringer ist die gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr euer Leben im Frieden Gottes. Es ist in euch und um euch. Oft unsichtbar \u2013 und deshalb umso t\u00fcckischer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine eigenartige Kraft der Besch\u00e4digung des guten Lebens. Und doch soll sie nicht die \u00dcberhand gewinnen. Deshalb seid wachsam. Deshalb werft Eure Sorgen auf Gott, ladet sie bei Gott ab. Unterst\u00fctzt euch dabei gegenseitig im Sinn des Liebesgebotes. Lasst euch anregen und anleiten von Gott und seiner Weisung f\u00fcr das gute, das mitmenschliche, das barmherzige Leben. Lasst euch anregen und leiten von Gottes Gerechtigkeit und von seiner Gnade.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es tut nicht gut, wenn wir Gott herausfordern und uns an seine Stelle setzen wollen. Es ist aber auch nicht n\u00f6tig. Mit Dietrich Bonhoeffer vertraue ich darauf, dass Gott \u201eauf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet\u201c<a href=\"applewebdata:\/\/D4160506-766B-4922-9CCC-17B257B29DA6#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In diesem Vertrauen schlie\u00dfe ich mit einem alten Feldsegen \u2013 der heute so aktuell ist wie zu den Zeiten unserer weisen Altvorderen:<\/p>\n<p>\u201eHerr unser Gott, der du aus der Erde Gras wachsen l\u00e4sst f\u00fcr das Vieh und Saat zum Nutzen der Menschen: segne alle Arbeit auf den \u00c4ckern und Wiesen, in den Weinbergen und G\u00e4rten.<\/p>\n<p>Verleihe milde und fruchtbare Witterung, Regen und Sonnenschein zur rechten Zeit, damit die Fr\u00fcchte reifen und am Ende die Ernte eingebracht werden kann.<\/p>\n<p>Beh\u00fcte und bewahre unsere Felder und G\u00e4rten, die Obstb\u00e4ume, Weinberge und W\u00e4lder vor b\u00f6sem, verderblichen Hagelschlag, vor Unwetter und Ungeziefer und sch\u00fctze unsere H\u00e4user und Geh\u00f6fte vor Feuer und Blitz\u201c <a href=\"applewebdata:\/\/D4160506-766B-4922-9CCC-17B257B29DA6#_edn5\" name=\"_ednref5\">[v]<\/a>.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dekan Uland Spahlinger, Dinkelsb\u00fchl<\/p>\n<p><a href=\"mailto:uland.spahlinger@elkb.de\">uland.spahlinger@elkb.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzende Erl\u00e4uterung: Den Erntebittgottesdienst in Veitsweiler am 24.6. nehme ich sehr ernst. Dort wird etwas von dem unmittelbar, was im Alltag der vermutlich meisten Menschen kaum mehr eine Rolle spielt: die Wechselseitigkeit des Lebens von Menschen und Natur. Als Sohn eines Forstbeamten wurde ich mit diesen Zusammenh\u00e4ngen von klein auf vertraut gemacht. In der Dienstzeit in Papua-Neuguinea (1989-1993) lernte ich von den Menschen in den D\u00f6rfern des Hochlandes noch einmal intensiver, was es hei\u00dft, in und mit der Natur zu leben und unerwarteten und unplanbaren Wechself\u00e4llen ausgesetzt zu sein.<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D4160506-766B-4922-9CCC-17B257B29DA6#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Zu finden zum Beispiel unter: <a href=\"https:\/\/www.udojuergens.de\/lied\/der-teufel-hat-den-schnaps-gemacht\">https:\/\/www.udojuergens.de\/lied\/der-teufel-hat-den-schnaps-gemacht<\/a><\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D4160506-766B-4922-9CCC-17B257B29DA6#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Das Bild findet sich in Laubi\/Fuchshuber, Kinderbibel, Ernst Kaufmann, Lahr 1993<sup>3<\/sup>, S. 194<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D4160506-766B-4922-9CCC-17B257B29DA6#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> Mitschrift aus: Deutschlandfunk, Tag f\u00fcr Tag, 15.6.2020; <a href=\"https:\/\/ondemand-mp3.dradio.de\/file\/dradio\/2020\/06\/15\/religionsgemeinschaften_als_corona_hotspots_dlf_20200615_0945_901127c5.mp3\">https:\/\/ondemand-mp3.dradio.de\/file\/dradio\/2020\/06\/15\/religionsgemeinschaften_als_corona_hotspots_dlf_20200615_0945_901127c5.mp3<\/a><\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D4160506-766B-4922-9CCC-17B257B29DA6#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> Zitiert nach <a href=\"https:\/\/www.dietrich-bonhoeffer.net\/zitat\/729-ich-glaube-dass-gott-aus-al\/\">https:\/\/www.dietrich-bonhoeffer.net\/zitat\/729-ich-glaube-dass-gott-aus-al\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/D4160506-766B-4922-9CCC-17B257B29DA6#_ednref5\" name=\"_edn5\">[v]<\/a> Die Formulierung des Feldsegens verdanke ich einem Kollegen aus der Region \u2013 Quelle unbekannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum 26. Juli 2020 | Lukas 4, 1-13 |&nbsp;Dekan Uland Spahlinger | &nbsp; Jesu Versuchung Lukas 4 1&nbsp;Jesus aber, voll Heiligen Geistes, kam zur\u00fcck vom Jordan und wurde vom Geist in die W\u00fcste gef\u00fchrt 2&nbsp;und vierzig Tage lang von dem Teufel versucht. 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