{"id":3072,"date":"2020-07-22T19:17:13","date_gmt":"2020-07-22T17:17:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3072"},"modified":"2020-07-22T19:26:00","modified_gmt":"2020-07-22T17:26:00","slug":"vertrauen-und-sorge-leichtsinn-und-vernunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/vertrauen-und-sorge-leichtsinn-und-vernunft\/","title":{"rendered":"Vertrauen und Sorge, Leichtsinn und Vernunft"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\">Predigt am 26. Juli 2020 &#8211; 7. Sonntag nach Trinitatis | <span lang=\"DE\">Johannes 6,1-15 und Hebr\u00e4er 13,1-2 | Sibylle Rolf |<\/span><\/h3>\n<p class=\"Text\">\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Liebe Gemeinde,<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">aus wenig viel machen, so wie es Johannes uns erz\u00e4hlt \u2013 das ist die Kunst der Gastfreundschaft. Nicht in Panik geraten, wenn auf einmal mehr Menschen da sind als erwartet. Schauen, was man hat \u2013 und teilen. Ich habe mir schon oft vorgestellt, wie die Gro\u00dfz\u00fcgigkeit, die Jesus in der Geschichte gezeigt hat, auch andere ansteckt. Und wie sich Taschen und Rucks\u00e4cke \u00f6ffnen. Einer steuert vielleicht ein paar \u00c4pfel bei, ein anderer ein St\u00fcck K\u00e4se, die dritte einige Oliven. Wer Gro\u00dfz\u00fcgigkeit erlebt, kann gro\u00dfz\u00fcgig sein. Auf einmal hat niemand mehr Angst, nicht satt zu werden, und die Menschen teilen nicht nur Essen und Trinken, sondern auch Zeit, Geschichten, Freude, Schmerz, Fragen und Antworten. <\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Aus wenig viel machen \u2013 meine Urgro\u00dfmutter hat das gekonnt. Mein Urgro\u00dfvater hatte einen Gutshof in Brandenburg gepachtet und sorgte f\u00fcr die Menschen, die in dem kleinen Ort zu Hause waren. Die beiden hatten neun Kinder, mein Gro\u00dfvater geh\u00f6rte zu den J\u00fcngeren im Reigen. Jedes Jahr in den Sommerferien durften die Kinder Freunde mit ins Haus bringen \u2013 und dann sp\u00e4ter, als die ersten Enkel kamen, gab es Ferien auf dem Gutshof in der Brandenburger Idylle. Neben Kindern, Enkeln und Freunden wurden Hausangestellte versorgt. Von meiner Urgro\u00dfmutter wird erz\u00e4hlt, dass sie h\u00e4ufig morgens nicht wusste, wie viele hungrige M\u00fcnder sie abends zu f\u00fcllen hatte. <\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Aus wenig viel machen, teilen, was ich habe, ohne \u00e4ngstlich darauf zu schielen, ob f\u00fcr mich genug \u00fcbrig bleibt. Vielleicht auch darauf vertrauen, dass auch die G\u00e4ste etwas zu teilen haben. Nicht unbedingt Essen und Trinken \u2013 aber Zeit, Geschichten und Ideen, Lachen und Weinen. Das Fest entsteht mit denen, die es feiern. F\u00fcr mich liegt darin das Geheimnis der Gastfreundschaft, zu der uns auch der Hebr\u00e4erbrief auffordert. <\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Hebr\u00e4er 13, 1 Bleibt fest in der br\u00fcderlichen Liebe. 2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. <\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Gastfrei sein, im griechischen: fremdenfreundlich \u2013 das ist ein hoher Wert. In meiner Familie, in meiner Kirche. Engel, Gottes Boten, das sind mir liebe G\u00e4ste. Ich erkenne sie nicht immer, aber ich kann mich doch an einige meiner G\u00e4ste erinnern, die mich eine wichtige Lektion \u00fcber Gott, die Welt und das Leben lehren. Alles sch\u00f6n, die Predigt k\u00f6nnte hier enden. <\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Doch halt, denke ich und falle mir selbst ins Wort. Das alles war vielleicht mal m\u00f6glich und richtig \u2013 aber jetzt? Ende Juli 2020? Mitten in einer Pandemie? In einer Zeit, in der es so viele Kirchenaustritte wie noch nie zuvor gab? Wenn ich jemanden an meinen Tisch bitte, m\u00fcssen wir Abstand halten. Wir m\u00fcssen vorsichtig sein, wenn wir Essen und Trinken teilen. Und bevor wir mit vollen H\u00e4nden geben, m\u00fcssen wir erstmal schauen, was wir haben. Wir haben Verpflichtungen und nur begrenzte Ressourcen. Wo wir jetzt \u00fcber unsere Grenzen hinaus leben, k\u00f6nnte es an anderen Stellen gef\u00e4hrlich werden. Zu wenig Abstand gef\u00e4hrdet die Gesundheit der Verletzlichen, zu viel Gro\u00dfz\u00fcgigkeit gef\u00e4hrdet die Lebensgrundlage derer, die nach uns kommen.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Ich schaue zu Jesus auf dem Berg, zu meiner Urgro\u00dfmutter in ihrem Gutshof in Brandenburg und in den Hebr\u00e4erbrief. Reich waren sie alle nicht. Sie konnten nur weitergeben, was sie hatten. F\u00fcnf Brote, zwei Fische. Eine k\u00fcmmerliche Mahlzeit. Andreas, der Bruder von Simon Petrus, spricht es aus: was ist das f\u00fcr so viele? Es also lieber gleich sein lassen? Die Leute nach Hause schicken \u2013 damit es wenigstens f\u00fcr Jesus und die Freunde reicht? Sicherlich gab es Tage, an denen sich meine Urgro\u00dfmutter gefragt hat, wie das alles gehen soll, wenn sieben ihrer neun Kinder noch Freunde zum Essen mitgebracht haben. Die Kinder lieber nach Hause schicken? Damit es wenigstens f\u00fcr die eigene Familie reicht? In diesen klammen Zeiten es lieber gleich lassen, traurig der Kirche bei ihrer Selbstabschaffung zusehen?<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Ich kann die Bedenken nachvollziehen. Die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert, die Fragen bleiben. Gastfreundschaft und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit sind nicht immer vern\u00fcnftig. Und auch wenn mein Gast ein getarnter Engel ist \u2013 sollte ich nicht lieber Corona-Vorsicht und Abstand walten lassen, damit wir einander nicht gef\u00e4hrlich werden? Sorge steht gegen Vertrauen. Steht auch Leichtsinn gegen Vernunft? <\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Ich schaue noch einmal hin. Was bewegt Menschen dazu, nichts abzugeben? Was bewegt Andreas dazu, Jesus zweifelnd anzuschauen? Ist es die Vernunft? Oder ist es eine versteckte Sorge um sich selbst und den eigenen Bauch? \u2013 Ich sp\u00fcre: Vertrauen ist ein Wagnis. Zu geben, was ich habe, kann auch bedeuten, dass ich hungrig bleibe. Denn ich kann mich nicht darauf verlassen, dass Menschen teilen. Aber aus der Deckung kommen, etwas wagen, etwas verschenken \u2013 mich zeigen: in der Regel ermutigt das auch andere dazu, etwas abzugeben. So wie bei den vielen Menschen auf dem Berg. <\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Bei meiner Urgro\u00dfmutter kann es durchaus geschehen sein, dass manches Kind sich \u00fcber noch ein St\u00fcck Brot gefreut h\u00e4tte. Aber alle haben \u00fcberlebt, und viele dieser neun Kinder sind von ihren Nachkommen als ausgesprochen gro\u00dfz\u00fcgig beschrieben worden. \u2013 Hier steht Sorge gegen Vertrauen. Die Sorge ist h\u00e4ufig unbegr\u00fcndet. Auch wenn ich teile, was ich habe, bekomme ich etwas zur\u00fcck. Und auch wenn es ein Wagnis ist zu vertrauen, muss ich doch nicht f\u00fcrchten, dass ich ganz leer ausgehe. Das ermutigt mich. F\u00fcr mich selbst. F\u00fcr unsere Kirche, unsere Gesellschaft. Alles ist im Fluss, alles ver\u00e4ndert sich. Niemand wei\u00df, wie Kirche in 20 Jahren aussehen wird. Aber es hilft uns nicht, jetzt festzuhalten, was wir vermeintlich haben.<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Das zweite. Der Abstand. Steht bei den Bedenken gegen eine allzu unbek\u00fcmmerte Haltung Leichtsinn gegen Vernunft? Immer wieder h\u00f6re ich, dass Kirche allzu leicht eingeknickt sei und sich gegen die Corona-Bestimmungen auflehnen m\u00fcsste. An der Stelle denke ich: wir m\u00fcssen genau hinschauen. Unser Auftrag ist die Verk\u00fcndigung des Evangeliums und der Schutz der Verletzlichen. Niemand soll sich in unserer Verantwortung mit einem potentiell lebensbedrohlichen Virus infizieren. Darum singen wir im Moment nicht, tragen Masken und halten Abstand und sind auch mit unseren Veranstaltungen und Gruppen vorsichtig. Zum Beispiel, auch wenn mir das Herz blutet, mit unserem Frauenkreis. Hier h\u00e4tte eine Gastfreundschaft um jeden Preis mit Leichtsinn zu tun, nicht mit Vertrauen. Wir m\u00fcssen schauen, was in einer Situation angemessen ist und uns Gottes Schutz und Leitung anvertrauen. Er ist dabei. M\u00f6ge er uns immer wieder Engel schicken, die uns wichtiges \u00fcber Gott und die Welt lehren \u2013 in aller Gastfreundschaft mit Vertrauen und Augenma\u00df. Amen. <\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Pfrin. apl. Prof. Dr. Sibylle Rolf, Kirchengemeinde Oftersheim, <\/span><span lang=\"DE\"><a href=\"mailto:sibylle.rolf@kbz.ekiba.de\"><span class=\"Hyperlink0\">sibylle.rolf@kbz.ekiba.de<\/span><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Gemeindepfarrerin mit vollem Dienstauftrag in einem gro\u00dfen Dorf in der s\u00fcdlichen Kurpfalz, zugleich au\u00dferplanm\u00e4\u00dfige Professorin f\u00fcr systematische Theologie an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Heidelberg<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt am 26. Juli 2020 &#8211; 7. 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