{"id":3075,"date":"2020-07-22T19:06:07","date_gmt":"2020-07-22T17:06:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3075"},"modified":"2020-07-22T19:25:28","modified_gmt":"2020-07-22T17:25:28","slug":"der-verborgene-mut-des-sperlings","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/der-verborgene-mut-des-sperlings\/","title":{"rendered":"Der verborgene Mut des Sperlings&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Der verborgene Mut des Sperlings und der notwendige Trotz der Existenz |&nbsp;Matth\u00e4us 10,24-31 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst&nbsp;von Anne-Marie Nybo Mehlsen | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcrchtet euch nicht! Gott hat alles im Griff. Er hat unsere Haupthaare gez\u00e4hlt \u2013 und auch die, die wir verloren haben \u2013 und die grauen und wei\u00dfen. Er bewahrt die Milchz\u00e4hne auf und die Kinderzeichnungen, zeichnet unser L\u00e4cheln und die K\u00fcsse anderer Menschen als Hautfalten. Unsere Tr\u00e4nen bewahrt er auf in einem Ledersack, Gott kennt die Zahl und wei\u00df alles, was wir verlieren, er nimmt sich des Verlorenen an, des Verfallenen und Entfallenen.<\/p>\n<p>F\u00fcrchtet euch nicht vor dem, was passieren kann und was kommen kann \u2013 Verfolgungen, Leiden, Tod. Wir teilen Geschick und Schicksal mit Jesus, der uns voranging. Und ein J\u00fcnger steht nicht \u00fcber seinem Meister.<\/p>\n<p>F\u00fcrchtet euch nicht!<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir denn ohne Furcht sein? Wie sollen wir der Hungersnot trotzen, Kriegen, dem W\u00fcten der Krankheit, dem Klimachaos, Zerst\u00f6rungen und Angstdiagnosen? Der K\u00e4lte des Herzens und der Ablehnung von Menschen? Dem Zweifel? Dem Zweifler? Wie k\u00f6nnen wir ohne Furcht davor sein, dass wir zugrunde gehen und auf die Erde fallen wie ein Sperling?<\/p>\n<p>Seht auf den Sperling, den kleinen Vogel \u2013 ist der furchtlos? Naja \u2013 klar, der f\u00fcrchtet sich vor der Katze und dem Raubvogel \u2013 die k\u00f6nnen sein Leben im Handumdrehen beenden. Das muntere H\u00fcpfen des Sperlings im Staube und das laute Zwitschern im Chor mit anderen kleinen V\u00f6geln kann man als poetische sorglose Morgenstunde am See Genezareth sehen. Aber das ist auch ein Existenzkampf f\u00fcrs \u00dcberleben und ein st\u00e4ndiger Ruf nach dem Schutz durch die Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Wir verstehen den Sperling besser als wir wissen in diesen Zeiten, wo die Gefahr allgegenw\u00e4rtig ist. Die Gefahr der Ansteckung, die potenzielle und unsichtbare Gefahr mit all den Ver\u00e4nderungen und der Krise, die das mit sich bringt.<\/p>\n<p>Trotzdem leben wir einigerma\u00dfen sicher und geborgen, besser als die meisten. Wir f\u00fcrchten uns nicht besonders im Alltag, aber wir wappnen uns mit geduldigem Mut \u2013 mit Geduld und Vorsicht. Wir verlassen uns auf den Schutz der Gemeinschaft in der t\u00e4glichen Zusammenarbeit, dass wir aufeinander aufpassen, so wie bei den Verkehrsregeln im Stra\u00dfenverkehr. Wir gew\u00f6hnen uns an einen neuen Lebensstil, wir passen uns an.<\/p>\n<p>Aber es war nicht die allt\u00e4gliche Furcht, von der Jesus sprach \u2013 es waren die Verfolgungen, Versto\u00dfungen, die Lebensgefahr der J\u00fcngerschaft. Spricht uns das an?<\/p>\n<p>In diesem Teil Europas brauchen wir uns nicht zu f\u00fcrchten, wenn wir zum Gottesdienst gehen oder wenn wir sichtbare Zeichen unseres Glaubens wie z.B. ein Kreuz an der Halskette tragen oder einen Fisch an dem Auto angebracht haben. Das erweckt keinen Ansto\u00df.<\/p>\n<p>Mehr Aufsehen erregt es, wenn wir uns daran machen, von unserem Glauben zu reden. Das kann geradezu zu einer Diskussion f\u00fchren, einer hei\u00dfen Debatte in der Zeitung, einem kleinen Streit.<\/p>\n<p>W\u00fcrden wir Verfolgungen standhalten? W\u00fcrden wir schweigen und uns verstecken wie ein bedr\u00e4ngter Sperling? Denn ein gemurmeltes oder stummes Vaterunser ein paar Mal t\u00e4glich, das ver\u00e4ndert wohl nicht die Welt.<\/p>\n<p>Die Korona-Krise offenbart eine gr\u00f6\u00dfere unerwartete Furchtsamkeit. Wir feierten keine Gottesdienste mehr in den Kirchen. Und die Sperlinge h\u00fcpften umher im Staub der Erde, um ein Korn zu finden, etwas von dem man leben kann. Der Glaube fand seinen Ausdruck zu Hause und im Netz und im Freien, wo wir noch immer in die Kirche und zum Friedhof gehen konnten. Plakate lesen, Spuren der Verk\u00fcndigung entdecken. Ostern wurde zu einer Pr\u00fcfung in der Sichtbarmachung der Botschaft. Der Glaube der Kirche fand seinen Weg in die Gemeinschaft. Mit einem Mal waren wir zur\u00fcck in den Sperling-Spuren der ersten Christen, wenn auch unter ganz anderen und trotz allem an genehmeren Bedingungen. Der Glaube musste seinen Weg finden, musste herauskommen und deutlich gemacht werden und von T\u00fcrmen und D\u00e4chern ausgerufen werden.<\/p>\n<p>Die ersten J\u00fcnger bekamen zu sp\u00fcren, dass die Juden sie f\u00fcr ungl\u00e4ubig hielten \u2013 und falsche Lehre und falschen Glauben verbreiteten.&nbsp; Und dass die R\u00f6mer sie f\u00fcr staatsfeindliche Wirksamkeit hielten. Sp\u00e4ter wurde es schlimmer in Form von Verfolgung mit Folter und Todesstrafe. Staatsmacht. Aber die Kraft des Glaubens lie\u00df sich nicht verbergen oder verschweigen.&nbsp; \u2013 Hausgemeinden, geheime Versammlungen mit Gesang und Lesungen von Briefen, Erz\u00e4hlung von Geschichten dar\u00fcber, was Jesus gesagt und getan hatte, gemeinsame Mahlzeiten und Tischgemeinschaften und Menschen, die alles teilten, was sie hatten, und die halfen, wo sie nur konnten. Die Christen standen in dem Ruf, dass sie halfen, Gutes taten und nicht B\u00f6ses mit B\u00f6sem vergalten.<\/p>\n<p>Ohne das vergleichen zu wollen \u2013 aber es gibt doch Gemeinsamkeiten. In der nun \u00fcberstandenen Krise und dem Lockdown fanden wir Wege im Internetz und schufen Sperlingspuren im Alltag mit Telefonanrufen und Gartenbesuchen, Gespr\u00e4chen \u00fcber die Hecke und mit \u201ehomemade\u201c Andachten. Das blieb nicht unbemerkt, und wir erweckten Interesse in der Presse \u2013 und auch Kritik in den gro\u00dfen Tageszeitungen, die darauf aufmerksam machten, dass die Pastoren weniger zu tun hatten als sonst. Man kann sich ja dann selbst denken, was die Pastoren denn dann so gemacht haben.<\/p>\n<p>Ein kleiner Sperling, der irgendwo zwitschert, ein kurzes und kleines Leben, bis er scheinbar spurlos zur Erde f\u00e4llt. Er passt auf den Sperling auf? Und wer passt auf den kleinen Glauben auf, das gef\u00e4hrdete Vertrauen, die bebende Taube, die nicht richtig wei\u00df, ob es angehen kann. Sich den Mut zu nehmen und den Trost und laut zu zwitschern von Glauben, Sehnsucht und Vertrauen?<\/p>\n<p>F\u00fcrchtet euch nicht! Sagt Jesus und l\u00e4dt ein zu Trotz und Aufstand gegen jede Resignation im Leben. Und wir sind mehr wert als viele kleine V\u00f6gel. Und selbst wenn wir fallen, sind wir bei dem unsichtbaren aber stets gegenw\u00e4rtigen Vater.<\/p>\n<p>Das sollte uns eine gewisse Zuversicht und Unverzagtheit im Leben schenken. Wir sind Kinder der Freiheit mit vielen M\u00f6glichkeiten! Sollten wir irgendeinen Feind f\u00fcrchten? Oder gar einen Feind f\u00fcrchten, der Leib und Seele in den Flammen der H\u00f6lle vergehen lassen kann? Glauben wir wirklich daran? Rechnen wir damit? Oder was?<\/p>\n<p>Sind das die Gedanken, die uns mitten in der Nacht wach werden lassen und uns rastlos besch\u00e4ftigen?<\/p>\n<p>Wohl kaum! Nicht im Alltag. Wir haben gr\u00fcndlich gelernt, dass wir uns nicht f\u00fcrchten sollen. Das man jeder Furchtsamkeit trotzen soll. Wir sind angespornt zum Widerstand gegen jede Kr\u00e4nkung unseres freien Rechts zu denken und auszusprechen, was wir auf dem herzen haben.<\/p>\n<p>Trotzdem f\u00fcrchtet die Gemeinschaft mehr als gut ist, dass jemand zu stark redet, es zu laut \u00fcber den D\u00e4chern ruft.<\/p>\n<p>Es wird auch leicht zu schrill und k\u00fcnstlich, wenn gerufen wird. Besonders wenn es als eine Androhung von Strafe klingt, wenn man nicht gehorcht. Diese Form von Mission hat nie \u2013 recht lange \u2013 Erfolg gehabt.<\/p>\n<p>Es gibt keine Verk\u00fcndigung, keine Mission, die wirkt, wenn sie nicht einzig und allein in Christus gr\u00fcndet und damit ein lebensschenkendes Engagement f\u00fcr den anderen Menschen und ein aufrichtiger Wille zum Guten ist, ohne Hintergedanken an Gewinn und Eigenlob.<\/p>\n<p>Deshalb ist es auch nur m\u00f6glich zu \u00fcberzeugen, indem man nat\u00fcrlich ist, ungek\u00fcnstelt, unverstellt \u2013 wenn nur einfach der ist, der man ist mit dem Glauben, der das Herz f\u00fcllt und deshalb auch das Tun bestimmt. Es ist das Werk des Heiligen Geistes, die Sache zu \u00fcbernehmen, und das erfordert, dass wir selbst zur\u00fccktreten und nur uns selbst erf\u00fcllen und mit uns handeln lassen. Der Glaube kommt aus dem H\u00f6ren; und aus den Konsequenzen \u2013 oder mit anderen Worten den Werken \u2013 aus dem, was geh\u00f6rt wird.<\/p>\n<p>Was haben wir zu f\u00fcrchten? Letztlich kann die Furcht nur in einer Vorstellung beruhen, dass Gott ein strafender, zorniger und eifriger Richter ist, der sein eigenes Werk der Verdammnis preisgibt. Diese Furcht ist ganz und gar S\u00fcnde! Furcht ist Misstrauen zu Gott, und die Furcht ruft laut von all dem, was der L\u00fcgner, der F\u00e4lscher, Beelzebul oder Satan (der Teufel hat viele Namen) uns am liebsten glauben machen will.<\/p>\n<p>Christus zeigt uns ein anderes Gottesbild, einen anderen Zusammenhang zwischen Herz, Tun und Konsequenz. Er zeigt uns einen Vater, der das bebende Herz eines Sperlings in der Hand h\u00e4lt und f\u00fcr Menschen sorgt mitten in einer Welt von Grauen und Schrecken und Fall. Er ist der Retter der Verlorenen, er gibt sein Leben f\u00fcr Sperlinge, Schafe und f\u00fcr uns. Es besteht Grund f\u00fcr Zuversicht und Mut. Grund zu Vertrauen \u2013 und f\u00fcr den rinnende Bach der Dankbarkeit und der Liebe, die das in uns bewirkt. Dann finden wir n\u00e4mlich einen Weg, auch wenn es nicht m\u00f6glich ist, sich zu einem Gottesdienst zu versammeln, und es schwer wird. All die Diakonie und Kreativit\u00e4t, die w\u00e4hrend der Krise mit ihren Restriktionen zum Vorschein kam, war nicht eine Erfindung des Pfarrers, es war der Glaube und das Vertrauen der Kirche auf das, was Jesus mit seinem ganzen Leben als Einsatz in die Welt hineingerufen hat. Eh e er wie ein Sperling sein Leben getrost in die Vaterhand gab, die ihn auferweckte \u2013 und auch uns zum Leben erweckt \u2013 zur Tat. Zur Ewigkeit. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastorin Anne-Marie Nybo Mehlsen<\/p>\n<p>DK-4100 Ringsted<\/p>\n<p>Email: amnm(a)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der verborgene Mut des Sperlings und der notwendige Trotz der Existenz |&nbsp;Matth\u00e4us 10,24-31 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst&nbsp;von Anne-Marie Nybo Mehlsen | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | &nbsp; F\u00fcrchtet euch nicht! Gott hat alles im Griff. 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