{"id":3095,"date":"2020-07-28T11:39:04","date_gmt":"2020-07-28T09:39:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3095"},"modified":"2020-07-28T11:39:04","modified_gmt":"2020-07-28T09:39:04","slug":"was-macht-mich-gesund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/was-macht-mich-gesund\/","title":{"rendered":"Was macht mich gesund?"},"content":{"rendered":"<h3>Gottesdienst f\u00fcr den 8.S.n.Tr. \u2013 II \u2013 2.8.2020 | Joh 9,1-12 | Suse G\u00fcnther |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen. AMEN<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Joh 9,1-12<\/strong><\/p>\n<p>Jesus ging vorr\u00fcber und sah einen Menschen, der blind geboren war. DA fragten ihn seine J\u00fcnger: Meister, wer hat ges\u00fcndigt, er oder seine Eltern?<\/p>\n<p>Jesus antwortete: Weder er noch\u00a0 seine Eltern haben ges\u00fcndigt, sondern es sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden. Wir m\u00fcssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.<\/p>\n<p>Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden. Und er sprach zu ihm: \u201eGeh zum Teich Siloah \u2013 das hei\u00dft \u00fcbersetzt \u201agesandt\u2018 und wasche Dich.<\/p>\n<p>DA ging er hin und wusch sich und kam wieder.<\/p>\n<p>Die Nachbarn und die, die ihn fr\u00fcher als Bettler gesehen hatten sprachen: Ist das nicht der Mann, der da sa\u00df und bettelte? Einige meinten: Ja, das ist er. Andere sagten, nein, der sieht ihm nur \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Er selbst aber sprach: Ich bin es. Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen aufgetan worden? ER antwortete: Der Mensch, der Jesus hei\u00dft, machte einen Brei und strich ihn auf meine Augen und sagte: Geh zum Teich Siloah und wasch Dich.<\/p>\n<p>DA ging ich hin und wusch ich und wurde sehend.<\/p>\n<p>Da fragten sie ihn: Wo ist er?<\/p>\n<p>Er antwortete: Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gott, gib uns ein Herz f\u00fcr Dein Wort und nun ein Wort f\u00fcr unser Herz. AMEN<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>In Israel zur Zeit Jesu geh\u00f6rten sie zum Alltag. Menschen, die durch seelische oder k\u00f6rperliche Krankheit keinem Beruf nachgehen konnten und sich ihren Lebensunterhalt also erbitten mussten.<\/p>\n<p>Auch in unserem Stra\u00dfenbild gibt es sie: Die Bettler und Bettlerinnen. Meist empfinden wir sie sie als st\u00f6rend.<\/p>\n<p>Es gibt die aus Osteuropa, bei denen wir zurecht vermuten, dass sie zum Betteln gezwungen wurden. Es gibt die, die wir als Br\u00fcder der Landstra\u00dfe bezeichnen \u2013 Menschen, die irgendwie nicht die Kurve bekommen haben. Es gibt die, die einmal ein ganz normales Leben hatten und durch irgendeine Sache den Boden unter den F\u00fc\u00dfen verloren haben.<\/p>\n<p>ES gibt die, die schlicht durch unser soziales Netz gefallen sind. K\u00f6rperlich und seelisch verletzte Menschen.<\/p>\n<p>K\u00fcnstler, die in diesem Jahr ganz ohne Einkommen auskommen m\u00fcssen, treten in unseren Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen auf, so dass ich mir Brahms ungarische T\u00e4nze mal eben vor dem DM Markt anh\u00f6ren kann.<\/p>\n<p>In Norddeutschland begegnete mir vor kurzem eine Seniorin, die mit ihrer Altfl\u00f6te vor einer Buchhandlung sehr h\u00f6renswert \u00a0spielte. Ich h\u00f6rte ihr eine Weile zu und fragte sie dann, f\u00fcr welchen Zweck sie spiele. Ihre Antwort: Ich bessere meine Rente auf, die hinten und vorne nicht ausreicht.<\/p>\n<p>In der Gegenwart sehen wir auch eine ganz neue und gro\u00dfe Gruppe von Menschen, die auf Almosen angewiesen sind, bisher nur im Fernsehen: In Amerika, dem Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten, leben inzwischen, durch Corona verarmt, ganze Familien auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Alle diese Menschen st\u00f6ren aus vielerlei Gr\u00fcnden. Aber besonders aus einem: Sie erinnern uns daran, wie zerbrechlich menschliches Leben ist. Wie schnell der Absturz kommen kann. Und dass es vielleicht auch uns treffen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Genau diese Angst bewegt die J\u00fcnger zu ihrer Frage an Jesus: \u201eWer ist schuld daran, er oder seine Eltern?\u201c Diese Frage nach der Schuld von Krankheit kommt uns so antiquiert vor, dass wir es ebenfalls gerne weit von uns weisen w\u00fcrden. Dabei stellen wir sie uns unbewusst doch selbst immer wieder, wenn wir Krankheit und Leid begegnen.<\/p>\n<p>Wie konnte das passieren? Was hat der oder die falsch gemacht? Wir stellen uns diese Frage deshalb, weil es und dann m\u00f6glich ist, das alles weit von uns zu weisen und unsere eigene Angst in Schach zu halten.<\/p>\n<p>\u201eWarum hat der Krebs? Der hatte ja mit Schadstoffen zu tun, das kann mir nicht passieren.\u201c<\/p>\n<p>Warum hatte die einen Herzinfarkt? Na, kein Wunder, sie hat sich ja auch nie bewegt.\u201c<\/p>\n<p>Warum haben die Streit in der Familie? Na, die haben sich ja auch nicht um ihre Kinder gek\u00fcmmert, klar, dass das schief geht.\u201c<\/p>\n<p>Die Reihe l\u00e4sst sich fortsetzen.<\/p>\n<p>Wir stellen uns diese Frage nicht, weil wir so hartherzig w\u00e4ren. Sondern weil wir Angst haben.<\/p>\n<p>Mit einfachen Antworten lassen sich \u00c4ngste manchmal bannen. Bis wir ihnen wieder begegnen.<\/p>\n<p>Die J\u00fcnger haben Angst. Auch sie leben von der Hand in den Mund und am Rand der Gesellschaft. Deshalb fragen sie.<\/p>\n<p>Auch die Fragen nach der Schuld der Eltern ist uns durchaus vertraut. Sp\u00e4testens seit Siegmund Freud, beim aufmerksamen Lesen des alten Testamentes aber schon sehr viel fr\u00fcher, wissen wir, dass sich schlimme und unverarbeitete Erfahrungen \u00fcber Generationen hin ihren Weg bahnen: Bis ins dritte und vierte Glied, so hei\u00dft es in der Bibel.<\/p>\n<p>Und in der Aufarbeitung des zweiten Weltkrieges gibt es ganze Regalbretter voll von Literatur, die sich mit den Kindern und den Enkeln der Kriegskinder befasst.<\/p>\n<p>Als Pfarrerin im Gemeindepfarramt klingelte fast t\u00e4glich bei mir jemand mit der Bitte um ein Almosen, einer kam regelm\u00e4\u00dfig und bestand darauf, mir seinen Ausweis zu zeigen, bevor er mit der Bitte um Geld kam. Er wollte damit wohl beweisen, dass er ein ordentlicher Mensch sei. Ich habe mir deshalb den Ausweis, den ich ja schon kannte, jedesmal angesehen und jedes Mal sein Geburtsdatum gelesen: Dresden, 13.2.1945.<\/p>\n<p>Wir wissen, dass Dresden in dieser Nacht in Schutt und Asche gelegt wurde. Und man kann sich seine Gedanken dar\u00fcber machen, was es bedeutete, dort zu diesem Zeitpunkt geboren worden zu sein.<\/p>\n<p>Ja, wer ist schuld?<\/p>\n<p>Wir fragen so. Wir d\u00fcrfen so fragen und unsre eigene Vergangenheit unter diesem Blickwinkel betrachten. Aber bringt es uns weiter?<\/p>\n<p>Und was antwortet Jesus? NEIN<\/p>\n<p>Jesus macht hier einen Schnitt. Er stoppt das Fragenkarussell. Schluss. Es ist v\u00f6llig gleichg\u00fcltig, warum eine oder einer in diese Lage gekommen ist. Es bringt nichts, in der Vergangenheit zu w\u00fchlen.<\/p>\n<p>Die Frage, die Jesus stellt, ist eine andere: \u201eWas kann ich jetzt tun? Wie kann ich jetzt und an diesem Menschen Gottes Willen befolgen. Wie kann ich hilfreich sein.<\/p>\n<p>Jesus hilft. Er heilt. Er bringt Licht in die Welt. Nicht nur in die Welt dieses Blinden. Sondern in unser aller Welt. Jesus bringt Licht in die Welt, weil er selbst das Licht ist. Er richtet uns und unsere Fragen ganz neu aus.<\/p>\n<p>Nicht mehr die Frage: Was hat mich krank gemacht?<\/p>\n<p>Sondern die Frage: Was macht mich gesund, was h\u00e4lt mich gesund. Was brauche ich, was hilft mir, um gesund zu leben?<\/p>\n<p>Vieles mag uns da einfallen. Ein mit anderen f\u00fchlendes Herz geh\u00f6rt sicherlich dazu. Einem Bettler ein Geldst\u00fcck hinwerfen ist wohl ein erster Schritt. Ihn dabei ansehen ein zweiter. Einem Musiker auch zuh\u00f6ren und nicht gleich weiter rennen, ein dritter. Und wahrnehmen, dass wir hier ebenfalls beschenkt werden, ein vierter. Die Begegnung mit einem bittenden Menschen nicht als Hinabsehen auf jemanden empfinden, sondern auf Augenh\u00f6he.<\/p>\n<p>Nicht st\u00f6hnend, weil schon wieder jemand etwas von mir m\u00f6chte, sondern dankbar, dass meine Lebensumst\u00e4nde ein Geldst\u00fcck zulassen.<\/p>\n<p>Das ist der Unterschied, den Jesus macht. Er sieht nicht auf Menschen herab, er sieht Menschen an. Dann ist Heilung m\u00f6glich. Nicht nur der Blinde wird sehend. Auch die J\u00fcnger werden es. Sei begreifen neu, sie sehen. Wir sehen.<\/p>\n<p>Das ist das ganz Besondere an Jesus: Er lehrt uns, die Welt mit neuen Augen sehen.<\/p>\n<p>Was h\u00e4lt mich gesund? Eine wichtige Frage in diesen Tagen.<\/p>\n<p>Was brauche ich, \u00fcber Vorsicht und Abstand hinaus, um gesund zu bleiben?<\/p>\n<p>Ich brauche den neuen Blick auf meine Mitmenschen. Die F\u00fcrsorge f\u00fcreinander. Ein Anruf, ein Brief, vielleicht auch finanzielle Hilfe, Mitgef\u00fchl. Ich brauche die Dankbarkeit daf\u00fcr, wie gut\u00a0 mir das selbst tut.<\/p>\n<p>Und ich brauche es, mein Leben in Gottes Hand zu legen.<\/p>\n<p>Gott hilf mir, hilf uns allen auf dieser Welt, dass wir lernen zu sehen, worauf es ankommt. Gott, lass mich heil werden mit meinen berechtigten \u00c4ngsten. Mit meiner durch die Krankheit erzwungenen Lebeumstellung und vielleicht auch Einsamkeit.<\/p>\n<p>Wer ist schuld an Corona? Wer hat ges\u00fcndigt? Wir oder unsere Eltern? Bringt uns diese Frage weiter?<\/p>\n<p>Stellen wir die Frage anders: Wer oder was heilt uns. Wie k\u00f6nnen wir miteinander leben heute und in Zukunft.<\/p>\n<p>\u201eLebt die Werke Gottes, der mich gesandt hat\u201c so sagt Jesus. Mitten hinein in unsere zerrissene Welt, in unsere \u00c4ngste, in unsere Fragen \u00f6ffnet er uns\u00a0 die Augen. Wollten wir das, war es nicht einfacher, die Schuld bei anderen zu suchen, als uns selbst mit Jesus auf den Weg zu machen?<\/p>\n<p>AMEN<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gottesdienst f\u00fcr den 8.S.n.Tr. \u2013 II \u2013 2.8.2020 | Joh 9,1-12 | Suse G\u00fcnther | &nbsp; Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen. AMEN \u00a0 Joh 9,1-12 Jesus ging vorr\u00fcber und sah einen Menschen, der blind geboren war. 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