{"id":3099,"date":"2020-07-28T11:43:38","date_gmt":"2020-07-28T09:43:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3099"},"modified":"2020-07-28T11:43:38","modified_gmt":"2020-07-28T09:43:38","slug":"sehenswuerdigkeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/sehenswuerdigkeiten\/","title":{"rendered":"Sehensw\u00fcrdigkeiten"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Predigt \u00fcber Joh 9,1-7 zum 8. Sonntag nach Trinitatis am 2.8.2020 | verfasst von Wolfgang V\u00f6gele |<\/span><\/h3>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Segensgru\u00df<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Der Predigttext f\u00fcr den heutigen 8.Sonntag nach Trinitatis steht Joh 9,1-7:<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eUnd Jesus ging vor\u00fcber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine J\u00fcnger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat ges\u00fcndigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser ges\u00fcndigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir m\u00fcssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah \u2013 das hei\u00dft \u00fcbersetzt: gesandt \u2013 und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Liebe Schwestern und Br\u00fcder, <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">in diesen Ferientagen verwandeln sich die Masken tragenden Passanten, die den Gro\u00dfteil der Woche in ihre Wohnung eingeschlossen sind, in Touristen. Als solche wollen sie etwas Neues sehen, vor allem die Sehensw\u00fcrdigkeiten an ihren Urlaubszielen: Aussichtst\u00fcrme, Gebirgspanoramen, Rokokoschl\u00f6sser, dazu die Parks, Museen, Boulevards, die Wahrzeichen der Gro\u00dfst\u00e4dte. Ein Fernsehturm, die Freiheitsstatue und der Tower von London dienen als willkommene Kulisse f\u00fcr ein per SMS versandtes Foto an die Lieben daheim. Es zeigt die Familie in umarmender, lachender Einigkeit vor dem Zaun des Wei\u00dfen Hauses oder auf der oberen Besucherplattform des Eiffelturms oder an der Bergstation der Seilbahn in den Alpen. Wer nur sehen will, dem wird die Sehensw\u00fcrdigkeit zur Kulisse, um den Lieben daheim den gegenw\u00e4rtigen Zustand der eigenen Erholung zu pr\u00e4sentieren und vielleicht ein wenig Neid zu wecken. F\u00fcr ein tieferes Verst\u00e4ndnis reicht der blo\u00dfe, der oberfl\u00e4chliche Blick nicht aus. Zum Sehen mu\u00df die Information kommen, das Sehenswerte also durch das Wissenswerte erg\u00e4nzt werden, durch einen Reisef\u00fchrer, durch das Studium einer Informationstafel oder durch die Nachfrage bei einem einheimischen Passanten. Beide, der oberfl\u00e4chliche und der tiefere Blick auf die Sehensw\u00fcrdigkeit er\u00f6ffnen im g\u00fcnstigen Fall neue Eindr\u00fccke, Erfahrungen in zuvor nicht gekannten Kulturen. Nicht nur im Urlaub, auch zuhause richten sich die Augen stets auf Interessantes, Ungew\u00f6hnliches, Verborgenes, das sich im eigenen Blickfeld aufbaut. <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Wenn das Ungew\u00f6hnliche keine Gefahr verhei\u00dft, vor der man fliehen m\u00fc\u00dfte, k\u00f6nnen es die Blicke auch schnell wieder links liegen lassen. Das Sehen ist der menschliche Sinn f\u00fcr den oberfl\u00e4chlichen schnellen Kontakt. Wer nicht nur sehen, sondern auch durchschauen will, der braucht neben den Augen auch Ohren, Nase, Mund, H\u00e4nde, also H\u00f6ren, Riechen, Sprechen und Tasten, um sich einen umfassenden Eindruck von dem zu verschaffen, was man zuerst gesehen hat. <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Die als Predigttext geh\u00f6rte Geschichte von der Heilung des Blindgeborenen ist eine Geschichte \u00fcber Sehensw\u00fcrdigkeiten im Reich Gottes, eine Geschichte von den vielen Varianten des Sehens, die ich in einem tieferen Blick nun Glauben, Barmherzigkeit und Wahrnehmung zuordnen m\u00f6chte. <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">F\u00fcr den Blindgeborenen, der in dieser Geschichte aus dem Johannesevangelium geheilt wurde, ergibt sich zun\u00e4chst die interessante Frage, ob er nach seiner Spontanheilung im Gehirn wieder alles verarbeiten konnte, was er pl\u00f6tzlich an zuvor nicht Gesehenem wahrnahm. Genauso wie Jesus interessieren sich seit Jahrhunderten Augen\u00e4rzte f\u00fcr blind geborene Menschen. Wenn solche Menschen nach einer Operation, die etwa eine Linsentr\u00fcbung beseitigt, pl\u00f6tzlich zum ersten Mal sehen k\u00f6nnen, ben\u00f6tigt das Gehirn einige Zeit, um die entsprechenden visuellen Eindr\u00fccke auch in den Rahmen der Wahrnehmungen einordnen zu k\u00f6nnen. Das Gehirn mu\u00df erst lernen zu sehen. Das dauert einige Wochen, wenn nicht sogar Monate. Der Evangelist interessiert sich schon nicht mehr f\u00fcr diesen Lernproze\u00df. <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Ihn besch\u00e4ftigt auch nicht das moderne Mi\u00dftrauen gegen\u00fcber den Augen, wonach der menschliche Blick mehr vom zeitvertreibenden Fernsehen als vom genauen Hinsehen und Durchschauen bestimmt wird. Durch die kurze Geschichte des Evangelisten zieht sich statt dessen wie ein roter Faden die Unterscheidung zwischen der physiologischen Sehkraft, die jeder Brillentr\u00e4ger beim Augenarzt einmal im Jahr kontrollieren l\u00e4\u00dft, und dem geistlichen Sehen, das den Blick \u00fcber die Wirklichkeit hinaus auf das Dasein des treuen, barmherzigen Gottes lenkt. <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Das gesamte Johannesevangelium ist ganz zentral auf Sichtbarkeit angelegt: In jeder Geschichte, in jeder Rede ist Jesus damit besch\u00e4ftigt, den Blick der Anh\u00e4nger, der J\u00fcnger und der Interessierten zuerst auf sich und dann \u00fcber sich selbst hinaus auf Gott zu lenken. \u201eWer mich sieht, der sieht den Vater.\u201c (Joh 14,9) Daneben war Jesus von Nazareth ge\u00fcbt im genauen Beobachten. Seine Blicke gingen nicht ins Leere, er verlor sich nicht in Gedanken abseits der Menschen, sondern er nahm genau wahr, was um ihn herum geschah. Weil er glaubte, war er aufmerksam, dauernd bereit, ein nebens\u00e4chliches Detail in eine Hauptsache der Barmherzigkeit zu verwandeln. <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Er ging durch seine galil\u00e4ische Provinzwelt, um geistlich zu beobachten. Hat der Blindgeborene auf ihn gewartet? Ich glaube nicht. Der Erz\u00e4hler sagt nichts dar\u00fcber. Vielleicht hat er ihn kommen h\u00f6ren. Er hat wohl nichts getan, um die Aufmerksamkeit Jesu auf sich zu ziehen. Vielleicht bettelte er; vielleicht sa\u00df er einfach nur da und lie\u00df den Tag an sich vor\u00fcberziehen &#8211; so lange, bis Jesus auf ihn aufmerksam wurde. Der, der in besonderer Weise sehen und Durchblicke verschaffen konnte, traf zuf\u00e4llig auf den verarmten Blinden, der noch nichts etwas gesehen hatte \u2013 weder von Gott noch von der Welt.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Wir, die Zuh\u00f6rer, wissen zu Anfang noch nicht, was Jesus von ihm will. Zuerst dr\u00e4ngen sich andere vor: die J\u00fcnger. Und die Szene verwandelt sich von der zuf\u00e4lligen Begegnung in ein kalkuliertes theologisches Streitgespr\u00e4ch: Der Blindgeborene wird darin zum Gegenstand wie der Patient, an dessen Krankenbett die lernenden \u00c4rzte im Praktikum ihren bewunderten Chefarzt \u00fcber Symptome, Ursachen und Therapiem\u00f6glichkeiten einer seltenen Krankheit befragen. Die J\u00fcnger k\u00fcmmert die Blindheit des Blindgeborenen offensichtlich wenig. F\u00fcr sie, die theologischen Assistenz\u00e4rzte, ist der Blinde nur ein &#8218;Fall&#8216;, den sie mit ihrem Professor diskutieren wollen: \u201eMeister, wer hat ges\u00fcndigt, dieser oder seine Eltern, da\u00df er blind geboren ist?\u201c Die Frage fordert den Professor aus Nazareth zur Ursachenforschung auf. Jede Krankheit, also auch Blindheit, mu\u00df ihre Gr\u00fcnde haben: Hat er sich falsch ern\u00e4hrt? Hat er sich irgendwo angesteckt? Haben ihm die Eltern eine Krankheit vererbt? Hat er Schuld auf sich geladen, f\u00fcr die ihn Gott mit Blindheit schlug? <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Dem Blindgeborenen stellen die J\u00fcnger die Frage nicht. Im Patienten sehen sie nur die interessante Krankheit, nicht den Menschen. Das ist nun ihrerseits eine Mediziner- und Theologenkrankheit, die sie am medizinischen und geistlichen Durchblick hindert. Denn f\u00fcr J\u00fcnger, die theologischen Ursachenforscher in den Berufsjahren steht fest: Da mu\u00df etwas gewesen sein. Darauf bestehen sie hartn\u00e4ckig. Darin erinnern die J\u00fcnger an andere theologische Assistenz\u00e4rzte, die Freunde Hiobs. Auch sie hatten darauf bestanden, da\u00df es f\u00fcr Leiden, Krankheiten und die Armut Hiobs einen Grund und eine Ursache geben mu\u00dfte. Hiob selbst hatte sich gegen diesen Verdacht immer gewehrt. Er war sich &#8211; zu Recht &#8211; keiner Schuld bewu\u00dft.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Die J\u00fcnger reproduzieren darin gelerntes theologisches Examenswissen. Sie sind von der Voraussetzung \u00fcberzeugt: Krankheit mu\u00df irgendwie erkl\u00e4rt werden. In ihrer herrschenden Meinung steht Krankheit als eine Folge von vorherigen S\u00fcnden. Ihre theologische Korrektheit gipfelt in dem Satz: Mit Blindheit bei den Nachgeborenen straft oder s\u00fchnt Gott begangenes Unrecht. Dieser Satz ist wiederum von zus\u00e4tzlichen Voraussetzungen abh\u00e4ngig: Der Sch\u00f6pfer der Welt hat Menschen und Dinge gut geschaffen. Eigentlich kann es Krankheit, Leid und Behinderung gar nicht geben. Wenn das alles trotz der guten Sch\u00f6pfung vorkommt, dann mu\u00df eine einfache Erkl\u00e4rung herhalten. Mit Leiden will Gott begangenes Unrecht bestrafen. Davon sind die J\u00fcnger fest \u00fcberzeugt. Ihnen ist nur fraglich, ob in dem Blindgeborenen seine Eltern bestraft werden oder der Blinde selbst. Damit die J\u00fcnger, Jesu Assistenz\u00e4rzte, nun nicht allzu schlecht wegkommen &#8211; sie sind nicht die einzigen, die die Frage nach dem Grund einer Krankheit oder einer Behinderung stellen. Bestimmt hat sich auch der Blindgeborene selbst diese Frage gestellt. Ein Freund, der nach einer Tumoroperation im Krankenhaus lag, erz\u00e4hlte mir beim Besuch vor einiger Zeit: \u201eSo lange ich hier liege, suche ich nach Erkl\u00e4rungen f\u00fcr meine Krankheit. Ich will das verstehen: \u2026 wieso es gerade mich getroffen hat. Wenn ich den Grund w\u00fc\u00dfte, egal welchen, k\u00f6nnte ich leichter damit fertigwerden. Aber zu wissen, da\u00df es f\u00fcr diese Krankheit vielleicht gar keinen Grund gibt, da\u00df sie mich aus blo\u00dfem Zufall getroffen hat &#8211; das ertrage ich kaum.\u201c <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Um auf den Blindgeborenen zur\u00fcckzukommen: Was w\u00e4re, wenn Jesus die Frage der J\u00fcnger positiv beantworten w\u00fcrde? Was w\u00e4re, wenn er sagte: \u201aJa, er ist blindgeboren, er wird bestraft, weil seine Eltern ges\u00fcndigt haben.\u2018 Die J\u00fcnger k\u00f6nnten sagen: \u201aDann ist ja alles klar. Dann gibt es einen Schuldigen, der verantwortlich gemacht werden kann. Gott bestraft eben niemand umsonst.\u2018 Dann ist die Welt f\u00fcr sie wieder in Ordnung. Und heimlich k\u00f6nnten die J\u00fcnger zu sich sagen: \u201aWenn das so ist, dann m\u00fcssen wir keine Angst haben, selbst mit Blindheit geschlagen zu werden. Denn Blindheit trifft die Menschen ja nur, wenn sie zuvor ges\u00fcndigt haben.\u2018 <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Im Argument der J\u00fcnger steckt ein duales System: Wer wissen will, ob einer bei Gott gut oder schlecht angesehen ist, der schaut darauf, wie er im Leben zurechtkommt. Die Villa, Freunde und bl\u00fchende Gesundheit noch im hohen Alter deuten Gottes Wohlgefallen und Segen an. Von Tumoren, fehlendem Bargeld f\u00fcr die Tasse Kaffee und Behinderungen w\u00e4re auf eine Bestrafung durch Gott zu schlie\u00dfen. So lange sich Gottes Gerechtigkeit auf diese Weise ausrechnen l\u00e4\u00dft, bleibt die Welt f\u00fcr S\u00fcnder und Glaubende in Ordnung.\u00a0 <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Aber wenn das die Ordnung der Welt ist, liebe Gemeinde, dann bringt sie Jesus mit seiner Antwort auf die Frage der J\u00fcnger kr\u00e4ftig durcheinander: \u201eEs hat weder dieser ges\u00fcndigt, noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.\u201c Jesu Antwort erledigt das System von Ursache und Wirkung. Wenn einer blindgeboren ist, dann ist das nicht ein Zeichen seiner eigenen S\u00fcnde oder der S\u00fcnde seiner Eltern. Und wenn ein sehr alter Mensch an COVID-19 erkrankt und k\u00fcnstlich beatmet werden mu\u00df, dann r\u00e4cht sich Gott nicht an diesem alten Menschen, auch wenn das einige unverbesserlich ewiggestrige Theologen glauben machen wollen. Wenn ein zw\u00f6lfj\u00e4hriges Kind an Leuk\u00e4mie stirbt, wer wollte nach dieser Aussage Jesu behaupten, dabei habe ein strafender Gott sein t\u00f6dliches Werk betrieben?<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Jesus bringt das Gerechtigkeitssystem durcheinander, indem er es vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe stellt. Die J\u00fcnger und alle anderen theologischen Assistenz\u00e4rzte, die nach den Ursachen und Gr\u00fcnden von Krankheiten suchen, fragen zur\u00fcck in die Vergangenheit. Was ist passiert, da\u00df es dazu kommen konnte? Wieso wurde der Blinde blind geboren? Wieso erkrankte der Zw\u00f6lfj\u00e4hrige an Leuk\u00e4mie? Wieso starb die Achtzigj\u00e4hrige an COVID-19? Jesus dagegen fragt nicht in die Vergangenheit hinein, sondern er bricht auf nach vorn in die Zukunft. Die Vergangenheit bleibt bei ihm links liegen: Er betreibt nicht r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Ursachenforschung, sondern vorw\u00e4rtsgewandete, in die Zukunft gerichtete Therapie. An dem Blindgeborenen \u201esollen die Werke Gottes offenbar werden\u201c. Jesus geht es um den Zweck der Krankheit, nicht um ihre Ursachen. Er sieht den leidenden und kranken Menschen nicht als Opfer am Ende einer langen Kette von S\u00fcnden, sondern als Anfang der Neusch\u00f6pfung, als Anfang des Heilwerdens. <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Und dieses Heilen setzt Jesus sofort in die Tat um. Spuckt auf die Erde und macht daraus einen heilkr\u00e4ftigen Brei. Es ist einzur\u00e4umen: In der Gegenwart werden hygienischere Methoden verwendet, um Salben anzur\u00fchren. Aber mit dieser Fachfrage sollen sich Apotheker besch\u00e4ftigen. Entscheidend ist Jesu Elan, seine Energie, sich mit dem Leiden des anderen nicht abzufinden. Er weigert sich, nur den kleinsten Gedanken an die S\u00fcnden der Vergangenheit zu verschwenden. Er besitzt den unbeugsamen Willen, Lebensf\u00f6rderndes zu bewirken, Leid zu wenden und so ein Werk Gottes zu tun. Jesus steht daf\u00fcr, da\u00df Gott das Leben der Menschen zum Heil erg\u00e4nzen will. Nicht in Gottes Absicht liegt es, kranke und gebrechliche Menschen mit Tumoren, Wucherungen und Behinderungen zu qu\u00e4len. <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Krankheit ist keine Strafe Gottes. Die Vorstellung von einem Gott, der straft, geh\u00f6rt sowieso in die Mottenkiste des Christentums. Krankheit ist der Anfang des Heilwerdens. Aus diesem Satz entstanden und bestehen christliche Krankenh\u00e4user, Altersheime, Hospize und Diakoniestationen. Gott will nicht das Leiden der Menschen, sondern ihr Heil. Richtig ist: Nicht jede Krankheit ist heilbar. Doch auch der kranke Mensch ist nicht als angeblich Unreiner, als angeblich von Gott bestrafter von seinen Verhei\u00dfungen ausgeschlossen. <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">An dem Blindgeborenen sollen die gro\u00dfen Taten Gottes offenbar werden. Diese Geschichte will nicht nur unsere Sicht von Krankheiten \u00e4ndern, sie will Mut machen, auch im Angesicht der Epidemie, die wir mit Masken und Abstand bek\u00e4mpfen. Die Geschichte vom Blindgeborenen ist geschrieben gegen das Verzweifeln, gegen das Aufgeben und das Angsthaben. Und ich behaupte nach dieser Geschichte: Es gibt keinen Menschen auf der Erde, an dem nicht die Werke Gottes offenbar werden sollen. <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Wenn ich einen Menschen daraufhin anschaue, ob er mir Schlechtes tut oder Gutes, ob er mich ge\u00e4rgert hat oder ob er zu mir freundlich war, dann mache ich mich selbst zum Ma\u00dfstab der Einsch\u00e4tzung anderer. Wenn ich aber einen Menschen daraufhin anschaue, wie an ihm Gottes Werke offenbar werden, dann schaue ich ihn an unter dem Blickwinkel der gro\u00dfen Verhei\u00dfungen Gottes, seines Segens und seiner Barmherzigkeit an. Aus diesem Blickwinkel sehe ich ihn anders als zuvor. Er macht mich frei von den blinden Flecken meiner eigenen Interessen. <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Die Geschichte des Blindgeborenen erz\u00e4hlt von einer Heilung. Johannes, der Evangelist erz\u00e4hlt sie auch, weil sich an ihr das Sehen neu lernen l\u00e4\u00dft: Sie \u00f6ffnet den Blick auf die Liebe Gottes zu uns Menschen. Sie setzt ein sichtbares Zeichen, in einer Zeit, da vieles von dem, was wir sehen, von den Masken gegen das COVID-Virus \u00fcber die B\u00fcrgerkriege im Nahen Osten bis zum grassierenden Rassismus und Rechtsradikalismus in die Verzweiflung treibt. Die Hoffnung auf Gott hebt Verzweiflung und Fassungslosigkeit nicht auf, aber sie stellt beides in ein neues Licht, das Licht des Satzes: An ihm, an uns, an allen Menschen sollen die Werke Gottes offenbar werden. <\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Und der Friede Gottes, welcher h\u00f6her ist als alles, was wir uns vorstellen und sehen k\u00f6nnen, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">PD Dr. Wolfgang V\u00f6gele<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Karlsruhe<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\"><a href=\"mailto:wolfgangvoegele1@googlemail.com\">wolfgangvoegele1@googlemail.com<\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Wolfgang V\u00f6gele, geboren 1962. Privatdozent f\u00fcr Systematische Theologie und Ethik an der Universit\u00e4t Heidelberg. Er bloggt \u00fcber Theologie, Gemeinde und Predigt unter <a href=\"http:\/\/www.wolfgangvoegele.wordpress.com\/\">www.wolfgangvoegele.wordpress.com<\/a>.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt \u00fcber Joh 9,1-7 zum 8. Sonntag nach Trinitatis am 2.8.2020 | verfasst von Wolfgang V\u00f6gele | Segensgru\u00df Der Predigttext f\u00fcr den heutigen 8.Sonntag nach Trinitatis steht Joh 9,1-7: \u201eUnd Jesus ging vor\u00fcber und sah einen Menschen, der blind geboren war. 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