{"id":3135,"date":"2020-08-05T16:19:37","date_gmt":"2020-08-05T14:19:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3135"},"modified":"2020-08-05T16:19:37","modified_gmt":"2020-08-05T14:19:37","slug":"nicht-ausweichen-sondern-vertrauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/nicht-ausweichen-sondern-vertrauen\/","title":{"rendered":"Nicht ausweichen, sondern vertrauen\u2026"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Jer 1,4-10 | am 9. August 2020 (9. Sonntag nach Trinitatis) |\u00a0Christuskirche Oftersheim | verfasst von Sibylle Rolf |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den letzten Monaten und Wochen habe ich manchmal das Gef\u00fchl gehabt, meine Kr\u00e4fte werden \u00fcber Geb\u00fchr beansprucht. Corona. Der Lockdown und die Zeit danach. So viel Unsicherheit. So viel Sorge, Angst und Verzicht. Wir werden im Leben nicht immer gefragt, ob wir haben wollen, was uns zuf\u00e4llt. Und manches ist zu viel. Das hat nicht nur mit Corona zu tun. Es gibt solche Zeiten immer wieder im Leben, in denen ich denke: Manchmal w\u00fcrde ich lieber ausweichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch er w\u00e4re gerne ausgewichen. Ein Mann aus einer ganz anderen Zeit. Einer, der \u00fcber Geb\u00fchr beansprucht wurde. Ein Prophet wider Willen. Jeremia, ein Priestersohn im 7. Jahrhundert vor Christus. Gegen seinen Willen und \u00fcber seine Kraft hinaus wird er von Gott berufen. Das S\u00fcdreich Israels, Juda, in dem er lebt, ist eingekeilt zwischen den Gro\u00dfm\u00e4chten seiner Zeit: Assyrer, Babylonier, \u00c4gypter. Die Verantwortlichen verlieren den Kopf, schlie\u00dfen falsche B\u00fcndnisse und lassen ihr Vertrauen auf Gott fahren. Jeremia mahnt und wirbt: wendet euch zu Gott zur\u00fcck. Vertraut auf ihn, und er wird euch helfen. Die Menschen h\u00f6ren nicht auf ihn.<\/p>\n<p>So wird sein Leben selbst zum Zeichen. Jeremia bleibt unverheiratet und kinderlos, um auf den Niedergang des Volkes hinzuweisen. Er tr\u00e4gt ein Joch durch die Stra\u00dfen, um zu zeigen, wie sich das Volk unter die Herrschaft der Babylonier erniedrigt. Die Menschen glauben ihm nicht. Sie schieben ihre Angst auf ihn und werfen ihn in eine Zisterne. Der Schlamm h\u00e4lt seine F\u00fc\u00dfe fest, erst in letzter Minute wird er gerettet. Jeremia bleibt Gott treu. Er findet den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. Er weicht nicht aus. Daf\u00fcr wird ihm nicht gedankt, im Gegenteil. Menschen ertragen es in der Regel nicht, wenn einer die Wahrheit sagt. Als alles beginnt, ist er noch jung, 23 Jahre alt. Ob er den Weg noch einmal gehen w\u00fcrde? Niemand wei\u00df es. Es ist gut, wenn beim Losgehen manche Schritte noch im Verborgenen liegen. Jeremias Berufungsgeschichte ist unser heutiger Predigttext.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jeremia 1,4-10<\/p>\n<p>4\u00a0Und des HERRN Wort geschah zu mir: 5\u00a0Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten f\u00fcr die V\u00f6lker. 6\u00a0Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. 7\u00a0Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: \u00bbIch bin zu jung\u00ab, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8\u00a0F\u00fcrchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. 9\u00a0Und der HERR streckte seine Hand aus und r\u00fchrte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10\u00a0Siehe, ich setze dich heute \u00fcber V\u00f6lker und K\u00f6nigreiche, dass du ausrei\u00dfen und einrei\u00dfen, zerst\u00f6ren und verderben sollst und bauen und pflanzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Ehe ich dich im Mutterleib bereitete&#8230; schon vor der Geburt berufen<\/em>&#8230; ist das letzte Wort \u00fcber ein Leben schon gesprochen, bevor ein Mensch sein erstes Wort denkt oder spricht? Verfolgt Gott seinen Plan ziel- und detailgenau und hat alles vorher bestimmt? Jeremia legt zumindest nahe, dass im letzten nicht ich die Weichen meines Lebens stelle. Meine Eltern auch nicht. Gott legt in mein Leben Begabungen hinein, Charakterz\u00fcge und F\u00e4higkeiten. Er h\u00e4lt mein Werden und Vergehen in seiner Hand. In seiner Hand, die gr\u00f6\u00dfer ist als alles, was ich meinem Leben hinzuf\u00fcgen oder wegnehmen kann. <em>Herr, ich bin zu jung, ich kann das nicht<\/em>, antwortet Jeremia. Vielleicht eine Ausrede. \u2013 Aber was h\u00e4tte ich geantwortet? Wie leicht f\u00e4llen Menschen ein Urteil \u00fcber einen anderen: der kann das nicht. Dem fehlt die Kompetenz, die Geschicklichkeit, die Klugheit oder die Redebegabung. Oder: schau doch seine Eltern an. Aus dem kann nichts werden. \u2013 Und wie leicht machen Menschen sich ein solches Urteil zu eigen. Ich kann das nicht, bin nicht klug, nicht redegewandt, nicht geschickt genug, habe keine Erfahrung und nicht die n\u00f6tige Ausbildung. Und dann gehen wir ohne Zutrauen durchs Leben, scheitern schon vor dem Versuch.<\/p>\n<p>Gott hat das erste und das letzte Wort \u00fcber Jeremias Leben und \u00fcber jedes Leben. Besser Gott als irgendein anderer. Und Gott traut Jeremia etwas zu. Mehr als der sich selbst zugetraut h\u00e4tte. Und mehr als Jeremia meint tragen zu k\u00f6nnen. Am Anfang des Weges steht Gottes Zutrauen. <em>Sage nicht \u201eich bin zu jung\u201c, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen, was ich dir gebiete.<\/em><\/p>\n<p>Zutrauen ist gut, um einen Weg zu beginnen. Aber <em>du sollst<\/em>&#8230; Ich will lieber wollen als sollen&#8230; Auf der anderen Seite: Jeremia w\u00e4re seinen Weg wohl nie aus freien St\u00fccken gegangen, so wie wir manche Wege nur gehen, weil wir sie gehen m\u00fcssen, nicht weil wir sie uns ausgesucht haben. Jeremia wollte nicht. Um nichts in der Welt. Er hat Angst vor dem, was vor ihm liegt. Vor dem, was andere ihm antun k\u00f6nnten. Und seine Geschichte zeigt, dass seine Angst nicht unberechtigt ist. Wie w\u00e4re sein Leben verlaufen, wenn er Nein gesagt h\u00e4tte? Vermutlich w\u00e4ren ihm Schmerzen erspart geblieben. Es w\u00e4re weniger anstrengend gewesen, vielleicht auch weniger einsam. Er h\u00e4tte weniger Tr\u00e4nen weinen m\u00fcssen. Aber es w\u00e4re nicht <em>sein<\/em> Leben gewesen. Er w\u00e4re vor seinem Leben geflohen, h\u00e4tte an seinem Leben vorbei gelebt. Er h\u00e4tte die Tiefe seines eigenen Lebens verfehlt. H\u00e4tte manches Schwere nicht erleben m\u00fcssen, aber auch Gottes N\u00e4he und Schutz nicht f\u00fcr sich selbst gesp\u00fcrt. Jeremia ahnt vielleicht: du hast immer eine Wahl, so jung du auch sein magst. Mag auch noch so vieles von anderen vorab entschieden sein. Du hast immer die Wahl, dein eigenes Leben zu ergreifen und zu leben, dich zu zeigen, oder dich nach dem zu richten, was andere von dir erwarten. Es ist schwer, sich f\u00fcr sein eigenes Leben zu entscheiden. Es tut weh und macht mitunter einsam. Du f\u00e4llst auch immer wieder auf die Erwartungen der anderen zur\u00fcck. Aber es ist <em>dein<\/em> Leben \u2013 und Gott wird dieses Leben begleiten und beh\u00fcten. <em>F\u00fcrchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten. <\/em><\/p>\n<p>Welch eine Zusage. Ich bin bei dir, spricht dein Gott.<\/p>\n<p>Wenn Du Deinen Weg durchs Leben gehst \u2013 ich bin bei Dir.<\/p>\n<p>Wenn es Dir gut geht \u2013 ich bin bei Dir.<\/p>\n<p>Wenn Dir Tr\u00e4nen den Blick verschleiern und Du vor Trauer nicht mehr wei\u00dft, wie Du den Tag durchstehen sollst \u2013 ich bin bei Dir.<\/p>\n<p>Wenn Du gl\u00fccklich einen Menschen in die Arme schlie\u00dft, der Dir alles bedeutet \u2013 ich bin bei Dir.<\/p>\n<p>Wenn Du traurig Abschied nehmen musst von einem Menschen, der Dir alles bedeutet hat \u2013 ich bin bei Dir.<\/p>\n<p>Wenn Du vor dem Spiegel stehst und Dir selber nicht in die Augen schauen magst \u2013 ich bin bei Dir.<\/p>\n<p>Wenn Du das Gef\u00fchl hast, von der Welt und von Gott verlassen zu sein \u2013 ich bin bei Dir.<\/p>\n<p>Er ist dabei. Welch ein Geschenk. Und erst dann kommt sein Auftrag. <em>Und der HERR streckte seine Hand aus und r\u00fchrte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute \u00fcber V\u00f6lker und K\u00f6nigreiche, dass du ausrei\u00dfen und einrei\u00dfen, zerst\u00f6ren und verderben sollst und bauen und pflanzen.<\/em>Genauso h\u00e4tte er auch sagen k\u00f6nnen: ich bin bei dir bei allem, was das Leben dir gibt und nimmt. Bei allem, was du erlebst und erleidest. Jeremia hat Angst. Und im R\u00fcckblick hat ihm das Leben mehr genommen als gegeben. Auf vieles hat er verzichten m\u00fcssen. Und doch steht \u00fcber seinem Leben die Zusage: ich bin bei dir. Und er hat, als Prophet wider Willen, sein eigenes Leben gef\u00fchrt. In aller Widerst\u00e4ndigkeit. Der Auftrag war gro\u00df. Vielleicht zu gro\u00df. Aber er hat ihn f\u00fcr sich selbst angenommen und sich begleitet erfahren. Ich glaube, das ist gro\u00df und viel, was man \u00fcber ein Leben sagen kann. Und sein Buch, das Buch Jeremia in unserer Bibel, erz\u00e4hlt davon, wie er alles aus Gottes Hand genommen hat. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfrin. apl. Prof. Dr. Sibylle Rolf<\/p>\n<p>Kirchengemeinde Oftersheim<\/p>\n<p>sibylle.rolf@kbz.ekiba.de<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Jer 1,4-10 | am 9. August 2020 (9. Sonntag nach Trinitatis) |\u00a0Christuskirche Oftersheim | verfasst von Sibylle Rolf | Liebe Gemeinde, &nbsp; In den letzten Monaten und Wochen habe ich manchmal das Gef\u00fchl gehabt, meine Kr\u00e4fte werden \u00fcber Geb\u00fchr beansprucht. Corona. Der Lockdown und die Zeit danach. So viel Unsicherheit. 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