{"id":3139,"date":"2020-08-05T16:24:22","date_gmt":"2020-08-05T14:24:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3139"},"modified":"2020-08-05T16:24:22","modified_gmt":"2020-08-05T14:24:22","slug":"gottes-schmerzlich-schoene-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/gottes-schmerzlich-schoene-wahrheit\/","title":{"rendered":"Gottes schmerzlich sch\u00f6ne Wahrheit"},"content":{"rendered":"<h3>9. Sonntag nach Trinitatis &#8211; 09.08.2020 | Predigt zu Jeremia 1,4-10 | verfasst von Markus Kreis |<strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/h3>\n<p><strong><em>4<\/em><\/strong><em>\u00a0Und des\u00a0HERRN\u00a0Wort geschah zu mir: <strong>5<\/strong>\u00a0Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten f\u00fcr die V\u00f6lker. <strong>6<\/strong>\u00a0Ich aber sprach: Ach, Herr\u00a0HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. <strong>7<\/strong>\u00a0Der\u00a0HERR\u00a0sprach aber zu mir: Sage nicht: \u00bbIch bin zu jung\u00ab, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. <strong>8<\/strong>\u00a0F\u00fcrchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der\u00a0HERR. <strong>9<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Und der\u00a0HERR\u00a0streckte seine Hand aus und r\u00fchrte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. <strong>10<\/strong>\u00a0Siehe, ich setze dich heute \u00fcber V\u00f6lker und K\u00f6nigreiche, dass du ausrei\u00dfen und einrei\u00dfen, zerst\u00f6ren und verderben sollst und bauen und pflanzen.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Diagnose, eine Benotung, ein Offenbarungseid, ein Gerichtsurteil, ein Gutachten, ein Gest\u00e4ndnis unter vier Augen. Die Angst vor der Wahrheit, liebe Gemeinde. Jeder hat es schon mal kennengelernt, dieses Gef\u00fchl: die schmerzliche und seltsam sch\u00f6ne Angst vor der Wahrheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Sch\u00f6ne an der schmerzlichen Angst ist ihre N\u00e4he zur Wahrheit. Die Wahrheit ist immer sch\u00f6n und erhaben. Das liegt daran, dass Gott in Wahrheit Gott ist. Und Gott ist schlie\u00dflich der eine Sch\u00f6ne und Erhabene.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die erhaben sch\u00f6ne Wahrheit lautet: Gott spricht in diese schmerzliche Angst und macht sie sch\u00f6n. L\u00e4sst sie unversehens vergehen, bringt an ihrer Stelle etwas ohne Fehl, etwas nur Sch\u00f6nes, etwas ganz Neues. So zu sehen im Leben des Jeremia. So zu sehen im Leben der Gl\u00e4ubigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jeremia hatte doppelt mit der Wahrheit zu tun. Und nur in einem Fall machte sie ihm schmerzlich Angst. Dass sein Land bald untergehen w\u00fcrde, das war f\u00fcr ihn die Wahrheit. Die bittere politische Wahrheit damals. Nicht sch\u00f6n, aber erhaben. Also unausweichlich, wenn man ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr besa\u00df, wer sich in diesem Konflikt durchsetzen w\u00fcrde. Meine Welt nicht, wusste Jeremia. Das machte ihm aber keine schmerzliche Angst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den baldigen Untergang Land und Leuten mitzuteilen, das \u00e4ngstigte ihn dagegen schmerzlich. Denn denen kam die Wahrheit gar nicht recht. Im Gegensatz zu Jeremia hatten seine Landsleute schmerzlich Angst vor dieser Wahrheit. Konnten ihr deshalb nicht ins Auge schauen. Wurden dar\u00fcber blind f\u00fcr die herrschenden M\u00e4chte. Und in eins damit blind f\u00fcr Gottes wahre Macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Reaktion seiner Landsleute auf seine Rede hat Jeremia besch\u00e4ftigt. Vielleicht w\u00fcrde er gar nicht geh\u00f6rt oder \u00fcberh\u00f6rt werden? Lange genug, bis die Sache vergessen ist? Oder sie lachten ihn aus. Spott w\u00e4re noch der harmloseste Ausdruck von Trotz! Vielleicht bliebe es bei den Lachern? Oder doch Ausgrenzung? Ihm tat sich die ganze Palette von Widrigkeiten auf. Das alles k\u00f6nnte auf ihn zukommen. Bis hin zu k\u00f6rperlicher Gewalt. Ganz klar, er bekam schmerzlich Angst vor seiner Aufgabe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Angst macht blind f\u00fcr wahre Macht, das haben wir gerade geh\u00f6rt. Das kann auch einem Propheten passieren. Jeremia wird n\u00e4mlich blind f\u00fcr Gottes Macht. Sonst h\u00e4tte er Gott gegen\u00fcber nicht sein junges Alter genannt, um die ihm \u00fcbertragene Aufgabe loszuwerden. Und damit frei zu werden von seiner schmerzlichen Angst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an. Das kriegt Jeremia zu sp\u00fcren: <em>7\u00a0Der\u00a0HERR\u00a0sprach aber zu mir: Sage nicht: \u00bbIch bin zu jung\u00ab, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.<\/em> Zack! Ausrede erkannt und weggewischt. Ein Prophet muss tun, was ein Prophet tun muss. Auch wenn es ihm echt weh tut. Aber Gott stellt Jeremia im Zwiegespr\u00e4ch blo\u00df und macht ihn zugleich sch\u00f6n und erhaben. Erhaben, denn Gott nimmt ihm die Angst. <em>8<\/em><em>\u00a0F\u00fcrchte dich nicht vor ihnen; <\/em>und da Gott in Wahrheit Gott ist, wirkt sein Befehl sofort auf Jeremias Gef\u00fchle. Angst und Schmerz vergehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn Gott pflanzt Jeremia g\u00f6ttliche Gewissheit ein. Rei\u00dft so dessen weltliche Ungewissheit aus: <em>&#8230;denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der\u00a0HERR. <\/em>In Gefahr macht Gewissheit sch\u00f6n erhaben, wenn sie von Gott ist. Zack! Bedenken weggewischt. Angesichts der Gefahr konnte kein Mensch eine gute Option sehen. Doch jetzt schon. Jetzt geht es los. Zumindest mal bei einem Gott sei Dank.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie kommt diese Gewissheit gegen jede Wahrscheinlichkeit zustande? Gott packt sozusagen noch was obendrauf. Pflanzt mitsamt der Gewissheit dem Jeremia Neugier, Tatendrang und Redekunst ein. <em>9\u00a0Und der\u00a0HERR\u00a0streckte seine Hand aus und r\u00fchrte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10\u00a0Siehe, ich setze dich heute \u00fcber V\u00f6lker und K\u00f6nigreiche, dass du ausrei\u00dfen und einrei\u00dfen, zerst\u00f6ren und verderben sollst und bauen und pflanzen.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gott ist manchmal ganz sch\u00f6n raffiniert, nicht wahr? Das sieht man auch an Folgendem: Gott nimmt Jeremias Argument \u2013 ich bin zu jung \u2013 das gegen seinen Auftrag an ihn spricht. Er wendet es. Und zwar so, dass seine Jugend in Gottes Augen gerade f\u00fcr Jeremia spricht. Es geht doch ums S\u00e4en, Keimen und Gedeihen. Neues soll entstehen. Warum sollte das ein Alter besser k\u00f6nnen als ein Junger?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht hat diese Wendung Jeremia neugierig gemacht. So nach dem Motto: Hat Gott doch mehr drauf, als ich kleines Menschlein so ahne? Reden kann der jedenfalls. So wie er mich eben gekriegt hat. Er hat wohl einiges in Hinterkopf und Hinterhand. Mit ihm kann ich es wagen. Er hilft mir, wenn ich mit dem Reden dran bin. Schlie\u00dflich steht er von Anfang an zu mir: <strong><em>4<\/em><\/strong><em>\u00a0Und des\u00a0HERRN\u00a0Wort geschah zu mir: <strong>5<\/strong>\u00a0Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten f\u00fcr die V\u00f6lker<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie gesagt: Gott macht den Propheten zum Pflanzenz\u00fcchter. Soll hei\u00dfen: Die Saat, die Jeremia wirft und aufzieht, die gedeiht im N\u00e4hrboden von Menschenk\u00f6pfen und -k\u00f6rpern. In den Verzweigungen ihres Nervensystems. In allen Teilen ihres Leibes. \u00dcberall gewinnen seine Worte an Bedeutung, an Raum und an Zeit. So dass sich gewaltig etwas \u00e4ndert unter den Menschen. Das erste Gew\u00e4chs, das da so keimt und gedeiht, ist \u00fcbrigens der Prophet selbst, Jeremia.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch wer dessen Leben und Wirken kennt, der wird sagen: Ha, von wegen Pflanzenz\u00fcchter. Vielleicht so, wie es die b\u00f6se Fee im M\u00e4rchen von Dornr\u00f6schen betrieben hat mit ihren wuchernden Hecken. Wie sie hat Jeremia Stillstand und Tiefschlaf erzeugt. Statt Wachheit und Anpassung an die Lage \u2013 sprich gen\u00fcgsam den Siegern \u00a0entgegen zu sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, das mag stimmen. Jeremias Worte haben zugleich gepflanzt und ausgerissen, zugleich gebaut und eingerissen. Seine Worte haben in ihrer Wahrheit Trotz bei den Landsleuten erzeugt. Die Wahrheit wurde bek\u00e4mpft oder verdr\u00e4ngt. Einsicht erfolgte eher posthum, so viel man wei\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber es gibt es eine erhaben sch\u00f6ne Wahrheit. Sie lautet: Zu Lebzeiten unerh\u00f6rt, ausgelacht, gemobbt, misshandelt, kurzum \u2013 wie auch immer gescheitert. In Wahrheit, Ewigkeit und Sch\u00f6nheit der eine einsame Rufer in der W\u00fcste, der Recht hatte &#8211; gegen jede Chance, Recht zu bekommen. Eine der Quellen dessen, was in unserem Recht sp\u00e4ter als Unverletzlichkeit der Menschenw\u00fcrde steht und wirkt. Gott spricht in unsere schmerzliche Angst und macht sie erhaben sch\u00f6n. L\u00e4sst sie unversehens vergehen, bringt an ihrer Stelle etwas ohne Fehl, etwas nur Sch\u00f6nes, etwas ganz Neues. Das ist die Wahrheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Davon zeugt die Bibel. In ihren Geschichten wimmelt es vor lauter solchen Leuten. Die w\u00fcrde kaum einer anstellen. Risikopersonal. Und gewiss gilt das auch f\u00fcr die Kirche mit ihren Gl\u00e4ubigen und deren Biografien. Vor den Augen der Welt irgendwie Sonderlinge, die in ewiger Wahrheit aber typisch anders sind. David, Gro\u00dfkotz und kleiner Killer, Hanna, Schnulzens\u00e4ngerin mit Fruchtbarkeitsproblemen, Petrus, der L\u00fcgenbold, Paulus der Ja-aber-Langweiler, Maria Magdala, Heilige mit Vergangenheit. Getaufte Verr\u00e4ter und irrlichternde Getaufte, glaubensvergessene T\u00e4uflinge. Ein Mensch Gottes muss tun, was ein Mensch Gottes tun muss. Auch wenn es ihm echt weh tut. Gott stellt ihn blo\u00df und macht ihn doch zugleich erhaben. Das ist die schmerzlich sch\u00f6ne Wahrheit unseres Lebens. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>9. 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