{"id":3148,"date":"2020-08-12T13:57:38","date_gmt":"2020-08-12T11:57:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3148"},"modified":"2020-08-19T09:52:29","modified_gmt":"2020-08-19T07:52:29","slug":"sich-selbst-sehen-mit-anderen-augen-als-den-eigenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/sich-selbst-sehen-mit-anderen-augen-als-den-eigenen\/","title":{"rendered":"Sich selbst sehen \u2013 mit anderen Augen als den eigenen"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt \u00fcber Matth\u00e4us 11,16-24 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Margrethe Dahlerup Koch | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>Wissen Sie noch, wie das war vor nur wenigen Jahren, wenn man in Kopenhagen war, und da kamen Japaner und Amerikaner und baten darum, ein Foto von ihnen zu machen? Gro\u00dfe, teure Kameras wurden einem gerne anvertraut, w\u00e4hrend sie selbst und ihre Familie sich vor der kleinen Meerjungfrau, Amalienborg oder dem gro\u00dfen Platz im Tivoli aufstellten. Man stand manchmal mit einem kleinen Verm\u00f6gen in der Hand. Und die guten Leute kamen scheinbar nicht auf den Gedanken, dass man mitsamt dem Apparat einfach abhauen k\u00f6nnte. Auch nicht, dass man nicht fotografieren k\u00f6nnte. Vor der Zeit der digitalen Kameras konnte man ja die Bilder nicht sehen, ehe man nach Hause kam und sie entwickelte, und dann war es zu sp\u00e4t, in Tokio zu sitzen und zu entdecken, dass der dumme D\u00e4ne z.B. seinen eigenen Daumen vor die Linse gehalten hatte. Das war ein r\u00fchrendes Vertrauen, das die fremden Touristen einem entgegenbrachten.<\/p>\n<p>Das war damals. Denn nun ist das vorbei. Als ich letzten Sommer in Kopenhagen war, liefen die Touristen mit Selfie-Stangen herum \u2013 diese Stangen, an denen man sein Handy befestigen kann, so dass man ein Bild von sich selbst vor einer Sehensw\u00fcrdigkeit machen kann, ohne andere um Hilfe bitten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das ist ja smart. Und langweilig. Man bekommt keine Chance mehr, eine Spiegelreflex-Kamera der Roll Royce Klasse zu bedienen. Einem wird nicht mehr mit \u00fcberstr\u00f6mender Herzlichkeit gedankt, wie das nur die Amerikaner k\u00f6nnen. Und was sehen die Touristen eigentlich, wenn die da in einem sonnigen Kopenhagen mit einer Mobilkamera an einer Stange herumlaufen, die auf sie selbst gerichtet ist? Sie sehen sich selbst. Mit wechselndem Kopenhagener Hintergrund, aber eben vor allem sich selbst.<\/p>\n<p>Und ehe wir uns nun v\u00f6llig in Emp\u00f6rung ergehen \u00fcber die Torheit unserer Zeit und den Drang der Menschen zur Selbstinszenierung \u2013 da steht Jesus da im Evangelium heute und ruft, dass es so immer gewesen ist \u2013 nein besser, dass wir so schon immer gewesen sind: Selbstbezogen. Nun gibt uns die Technik nur die M\u00f6glichkeit, auch selbst-<em>beziehend<\/em> zu sein.<\/p>\n<p>Aber Selbstinszenierung ist also kein neues Ph\u00e4nomen. Sie existierte auch zur Zeit Jesu \u2013 oder jedenfalls zur Zeit des Evangelisten Matth\u00e4us. Die physischen Selfie-Stangen waren noch nicht erfunden, aber ihr Zweck \u2013 die Selbstbeobachtung und die Selbstbeweihr\u00e4ucherung, das kannten sie auch auf den Marktpl\u00e4tzen in Israel vor 2000 Jahren. Die jungen Leute sa\u00dfen nicht mit der Nase im Handy oder dem Ipad, das nicht, aber sie waren genauso in ihrer eigenen kleinen Welt gefangen. Die jungen Leute, denen wir gleichen, so der Vorwurf Jesu. Die Leute, die dasitzen und sich dar\u00fcber beklagen, dass die anderen da nicht mitspielen wollen: \u00a0\u201eWir haben euch aufgespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen und ihr habt nicht geweint\u201c, rufen sie mit den hoch erhobenen geistigen Selfie-Stangen. Die Selfie-Stangen, die uns daran hindern, im Vordergrund des Bildes etwas anderes zu sehen als uns selbst.<\/p>\n<p>In der Debatte \u00fcber W\u00f6lfe, der Diskussion \u00fcber Fl\u00fcchtlinge, \u00fcber die Beschneidung ist der Selfie-Gesichtspunkt ein demokratisches Problem. Wenn die anderen als \u201efakta-resistente Ignoranten\u201c bezeichnet werden, oder wenn wir angeblich \u201edie Mehrheit hinter uns haben\u201c und das als Argument daf\u00fcr dient, dass wir auch Recht haben, dann befinden wir uns auf demokratischem Glatteis, wo man in das gef\u00e4hrliche, tiefe Loch der Mehrheitsdiktatur hineinrutscht.<\/p>\n<p>Aber das ist auch nach dem Evangelisten Matth\u00e4us der Fall, der gelebt hat, ehe man das d\u00e4nische Demokratiemodell erfunden hatte. Das ist auch ganz grundlegend eine Art und Weise, andere Menschen zu sehen, die uns daran hindert zu sehen und zu h\u00f6ren, was Gott von uns will. Denn das, so sagt er, begreifen die tyrannischen jung en Leute auf dem Marktplatz nicht. \u201eDieses Geschlecht\u201c, nennt er sie \u2013 und uns. Und im biblischen Sprachgebrauch ist \u201edieses Geschlecht\u201c der feste Ausdruck f\u00fcr diejenigen, die das Heil und die Befreiung Gottes sehen, aber darauf nicht reagieren. Es ist also nicht nur gew\u00f6hnliche Langeweile, die sich dort auf dem Marktplatz in der Mittagshitze breitmacht.\u00a0 Es ist viel schlimmer. \u201eDie Freude soll f\u00fcr das ganze Volk sein\u201c, sang der Engel zu Weihnachten. Nun sieht es so aus, als sei es dem ganzen Volk egal.<\/p>\n<p>Und dann f\u00e4ngt er an zu rufen. Jesus. Laut und gegen alle neuere p\u00e4dagogische Forschung schimpft er uns aus, weil wir sauer sind und widerwillig und unm\u00f6glich. Drohen, das tut er auch. Mit Strafe und Verdammnis. Jeder, der mit Menschen zu tun hat, wei\u00df, dass das nicht wirkt. Ja, man kann zwar Leute einsch\u00fcchtern und bedrohen, dass sie gehorchen. Man kann die Leute einsch\u00fcchtern und bedrohen, ihren Widerwillen und ihre Widerspenstigkeit und ihren Widerstand aufzugeben, aber man kann die Leute nicht dazu zwingen einzusehen, dass man Recht hat. Im Gegenteil.<\/p>\n<p>Und ehrlich gesagt, sollte unser Herr das nicht wissen? Wenn nun wir andere es wissen?<\/p>\n<p>Ja, das sollte er wissen. Und trotzdem unterl\u00e4sst er es nicht. So wie man nicht anders kann als rufen, laut und warnend, wenn man jemanden sieht, der in Gefahr ist. Dann geht es einem mit dem Rufen weder darum, seinen Willen zu bekommen oder den anderen seinen Willen aufzuzwingen. Es geht darum, den anderen zu retten. Und dann tut man alles, um die Aufmerksamkeit des anderen auf sich zu ziehen.<\/p>\n<p>Sollen wir so das Rufen und Schreien Jesu h\u00f6ren? Er will <em>unsere <\/em>Aufmerksamkeit. Er will uns mit an einen anderen Ort haben. Er will, dass wir uns bewegen, so dass all dies und alle hinter uns ans Licht kommen. Er <em>will<\/em>, dass wir sehen, die Selfie-Stangen wegwerfen und der ewigen Selbstbetrachtung Einhalt gebieten, die nach Erfolgen Ausschau h\u00e4lt, die aber auch alle Fehler, M\u00e4ngel, Versagen und Schw\u00e4chen aufdeckt und uns vor uns selbst blo\u00dfstellt und uns in dem verdammten Kreislauf der Selbstanklagen versklavt. H\u00f6rt doch damit auf, ruft er. Denn er <em>will<\/em>, dass wir uns selbst sehen mit anderen Augen als unseren eigenen. N\u00e4mlich mit seinen, den Augen Gottes.<\/p>\n<p>Die Augen, die Gottes eigenes Bild wiedererkennen in den Menschen. In allen Menschen. Da ist kein einziger Mensch, min dem Gott sich nicht selbst wiedererkennen kann.<\/p>\n<p>&#8211; Wenn Jesus mit gro\u00dfem Appetit und ungeteilter Freude mit denen isst und trinkt, die wir nicht ausstehen k\u00f6nnen und mit denen wir nichts zu tun haben wollen.<\/p>\n<p>&#8211; Wenn Jesus Leute mit unappetitlichen Krankheiten anr\u00fchrt und sich von schamlosen Frauen mit und ohne Kopftuch und mit unpassend offenen Haaren anr\u00fchren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&#8211; Wenn er Lahme in Bewegung setzt und Stumme zum Singen bringt, wenn er Taube dazu bringt, die Ohren zu \u00f6ffnen:<\/p>\n<p>Dann ist es dies, der zugleich wiedererkennende und neuschaffende Blick Gottes, der wirkt, bewegt und ingang setzt.<\/p>\n<p>Es gibt keinen einzigen Menschen, in dem Gott sich nicht selbst wiedererkennen kann. Das ist es, was wir sehen, h\u00f6ren und glauben sollen. In diesem Geschlecht wie auch in alle den vorhergehenden Geschlechtern. Und wir k\u00f6nnen es sehen, h\u00f6ren und glauben. Da ist keine Entschuldigung, das nicht zu tun. Denn \u201edie Weisheit ist gerechtfertigt aus ihren Werken\u201c. Da spricht er von sich selbst.<\/p>\n<p>Die Weisheit \u2013 er spricht von sich selbst. Wenn Jesus sagt, dass die Weisheit durch ihre Werke gerechtfertigt ist. Das ist ein Urteil, das bereits gef\u00e4llt <em>ist<\/em>. \u00a0Das sind Werke, die nie ungeschehen gemacht werden oder ihren Wert verlieren k\u00f6nnen. Die Werke der Weisheit, die Taten Jesu, die Taten, die Menschen dazu brachten sich zu erheben und sich von Gott wiedererkannt zu wissen, diese Werke behalten immer Recht.<\/p>\n<p>Und deshalb gibt er offenbar niemals auf, unser Herr. Deshalb bleibt er dabei, diese Werke zu tun. Wenn wir die Kirchent\u00fcr durchschritten haben, liegen da die Marktpl\u00e4tze, die Orte, an denen wir uns begegnen \u2013 der Platz, die Tiefk\u00fchltruhe beim Kaufmann, die Bank im Park oder das Wartezimmer beim Arzt. Und da laufen wir stets mitten in unserem eigenen Tun und Lassen Gefahr, in unseren eigenen Gedanken, unserem eigenen Gl\u00fcck oder Ungl\u00fcck von ihm unterbrochen zu werden. Denn er spricht und ruft noch immer und widerspricht, tr\u00f6stet und ermuntert. Mit Stimmen, die wir kennen, und mit Stimmen, die wir noch nicht geh\u00f6rt haben. Aber wenn wir gut zuh\u00f6ren, k\u00f6nnen wir den Klang wiedererkennen. Der kommt von oben. Amen.<\/p>\n<p>Pastorin Margrethe Dahlerup Koch<\/p>\n<p>DK-6950 Ringk\u00f8bing<br \/>\nEmail: <a href=\"mailto:mdkoch%40mail.dk\">mdkoch(at)mail.dk<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt \u00fcber Matth\u00e4us 11,16-24 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Margrethe Dahlerup Koch | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | Wissen Sie noch, wie das war vor nur wenigen Jahren, wenn man in Kopenhagen war, und da kamen Japaner und Amerikaner und baten darum, ein Foto von ihnen zu machen? 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